Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Vera Regitz-Zagrosek

Gesundheit, Krankheit und Geschlecht

Forschungspraxis der Gendermedizin

Wir untersuchen in unserem Labor männliche und weibliche Herz-, Gefäß- oder Immunzellen und prüfen, wie sie mit Stress, Hitze, Kälte, Sauerstoffmangel fertigwerden.[12] In der Regel überleben die weiblichen Zellen besser. Wir untersuchen, welche Mechanismen die weiblichen Zellen schützen. Stickstoffmonoxid zum Beispiel gehört dazu – ein wichtiger Schutzfaktor, der bei Frauen mehr genutzt wird als bei Männern, und der durch Rauchen zerstört wird. Daher ist Rauchen für Frauen noch ungünstiger als für Männer.

Dann analysieren wir, wie weibliche und männliche Tiere auf Herzschwäche oder Bluthochdruck oder Herzrhythmusstörungen reagieren. Auch hier untersuchen wir, ob die Weibchen eingebaute Schutzmechanismen haben und welche Medikamente sie besser schützen. Bestimmte Formen von Arrhythmien und plötzlichem Herztod kommen vor allem bei männlichen Tieren und Männern vor. Weibliche Tiere bilden unter Östrogeneinfluss eine schützende Substanz – und die bietet jetzt die Grundlage für die Entwicklung eines Antiarrhythmikums für alle.

Schließlich führen wir Studien an Menschen durch. Wir verfolgen unter anderem, wie Frauen und Männer Bypassoperationen oder Herzklappenoperationen überstehen, welche Parameter bei ihnen das Überleben bestimmen und ob man bei weiblichen und männlichen Patienten auf unterschiedliche Dinge achten muss.[13] Dies schließt biologische Variablen – Herz- und Gefäßgröße, Nieren- und Lungenfunktion – ebenso ein wie psychosoziale Variablen wie Stress und Depression. So konnten wir zeigen, dass psychosoziale Variablen einen großen Einfluss auf den Verlauf haben, und dies bei Männern und Frauen unterschiedlich ist.[14]

Und wir untersuchen die Bevölkerung. So befragten wir zum Beispiel 1.000 gesunde Frauen, wie sie ihr Risiko, an Herz-Kreislauf-Problemen zu erkranken, selbst einschätzen, und berechnen, wie dies mit dem objektiv messbaren Risiko korreliert.[15] Wir fanden heraus, dass vor allem alte Frauen, Frauen mit einem hohen biologischen Risiko, und Frauen aus bildungsfernen Schichten ihr Herzinfarktrisiko stark unterschätzen. Gerade diejenigen, die Vorsorge am nötigsten brauchen, nehmen sie am seltensten wahr.

Fazit

Geschlechtsspezifische Ansätze in der Medizin werden gebraucht, um die speziellen Risikofaktoren von Frauen und Männern zu identifizieren und eine optimale Prävention und Behandlung zu ermöglichen. Die Rolle soziokultureller Faktoren wird für beide Geschlechter noch unterschätzt. Obwohl die Literatur zu Geschlechterunterschieden relativ umfangreich ist, ist sie häufig nicht ausreichend bekannt und zugänglich. Darüber hinaus ist die Qualität der Studien oft nicht sehr gut; es handelt sich häufig um retrospektive, nicht randomisierte, nicht verblindete Studien mit kleinen Teilnehmerzahlen. Im Herzkreislaufbereich reicht die Zahl der eingeschlossenen Frauen häufig nicht aus, um für sie eigene Schlussfolgerungen zu ziehen. Arzneimittel wirken bei Männern und Frauen unterschiedlich und werden häufig nur an Tieren eines Geschlechts entwickelt. Daher muss das Bewusstsein für die Bedeutung geschlechtssensitiver Studien und ihre finanzielle Förderung dringend unterstützt werden, zugleich aber auch das Wissen um ihre Bedeutung.

Universitäten sollten dafür sorgen, dass geschlechtsspezifische Aspekte in die medizinischen Curricula aufgenommen werden. Ein Curriculum für Gendermedizin wurde an der Charité entwickelt und in den vergangenen Jahren erfolgreich getestet. Es könnte leicht auch an anderen Fakultäten umgesetzt werden. Wichtig ist es auch, Gendermedizin so zu organisieren, dass sie Hypothesen, Methoden und Nachwuchs für andere Fächer entwickeln kann, das heißt, als eigenständige Disziplin.

Ärzteverbände sollten ihre Mitglieder systematisch anhalten, sich über Geschlechterunterschiede zu informieren und entsprechende Fort- und Weiterbildungen anbieten. Und schließlich sollten die deutschen Gesundheits- und forschungsorientierten Ministerien, ihre Planungseinheiten sowie die Forschungsförderer darauf achten, dass Sex und Gender in Forschungsaufrufe und Planungen von Gesundheitsdatenbanken eingeschlossen werden.

Die Forschungsarbeit wurde mit Unterstüzung des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung, Standort Berlin, durchgeführt.

Fußnoten

12.
Vgl. Renée Ventura-Clapier et al., Sex in Basic Research: Concepts in the Cardiovascular Field, in: Cardiovascular Research 7/2017, S. 711–724.
13.
Vgl. Vera Regitz-Zagrosek et al., Gender as a Risk Factor in Young, Not in Old, Women Undergoing Coronary Artery Bypass Grafting, in: Journal of the American College of Cardiology 12/2004, S. 2413f.
14.
Vgl. dies. et al., Sex and Sex Hormone-Dependent Cardiovascular Stress Responses, in: Hypertension 2/2013, S. 270–277.
15.
Vgl. Sabine Oertelt-Prigione et al., Cardiovascular Risk Factor Distribution and Subjective Risk Estimation in Urban Women – The BEFRI Study: a Randomized Cross-Sectional Study, in: BMC Medicine 1/2015, S. 1–9.
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