Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Nils B. Heyen

Von der Krankheitsbekämpfung zur Gesundheitsoptimierung. Aktuelle Technikvisionen für Medizin und Gesundheit

Akute Krankheiten zu behandeln ist gut. Zu verhindern, dass Krankheiten überhaupt auftreten, erscheint allerdings noch besser. Diese Einsicht ist nicht neu, sondern bestimmte bereits den Kampf gegen Infektionskrankheiten im 19. und 20. Jahrhundert, der in den Industrieländern sehr erfolgreich verlaufen ist. Krankheiten werden also schon seit längerer Zeit sowohl mit behandelnden als auch mit präventiven Maßnahmen bekämpft. Für den Fortschritt auf beiden Gebieten haben technische Innovationen in der Vergangenheit eine zentrale Rolle gespielt, seien es nun Antibiotika oder Impfstoffe, um nur zwei Beispiele aus der Pharmazie zu nennen. Das hat sich bis heute nicht geändert, medizinischer Fortschritt meint in der Regel (medizin)technischen Fortschritt.

Mit dem Erfolg im Kampf gegen Infektionskrankheiten rückten im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer mehr die sogenannten Volks- oder Zivilisationskrankheiten ins Zentrum der medizinischen und gesundheitspolitischen Aufmerksamkeit. Zu ihnen zählen insbesondere chronische Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes sowie Krebs, degenerative und zunehmend auch psychische Erkrankungen. Diese Krankheiten mit (medizin)technischen Innovationen in den Griff zu kriegen, erwies sich trotz durchaus vorhandener Fortschritte als deutlich schwieriger, sodass sie bis heute das Krankheitsgeschehen in Industrieländern wie Deutschland bestimmen. Durch ihre multifaktoriellen Ursachen scheinen sie schlicht zu komplex für einfache technische Lösungen. Da sie zudem sozial sehr ungleich verteilt sind, wurde früh deutlich, dass die Lebensumstände und Verhaltensweisen eine zentrale Rolle bei Entstehung und Verlauf der Krankheiten spielen.

Im Kontext dieser Herausforderungen und Einsichten kam es schon bald zu einer bedeutsamen Innovation, allerdings keiner technischen, sondern einer sozialen: die Entwicklung und Anwendung des Konzepts der Gesundheitsförderung. Im Jahr 1986 programmatisch von der Weltgesundheitsorganisation in der Ottawa-Charta formuliert,[1] hat es seitdem eine bemerkenswerte Karriere hingelegt und zusammen mit Ansätzen der Krankheitsprävention auch in Deutschland einen regelrechten Boom erfahren. Es steht in engem Zusammenhang mit der sogenannten salutogenetischen Wende, nach der nicht mehr (nur) Krankheit und die pathogenetische Frage nach körper-, verhaltens- und umweltbedingten Risikofaktoren ("Was macht krank?") im Fokus des Interesses steht, sondern Gesundheit und die salutogenetische Frage nach Gesundheitsressourcen ("Was hält gesund?").[2] Zu diesen Gesundheitsressourcen – auch Schutzfaktoren genannt – gehören einerseits personale Faktoren wie die Widerstandsfähigkeit, Gesundheitskompetenzen oder Möglichkeiten zur Selbstbestimmung, andererseits Kontext- oder Setting-Faktoren wie die sozioökonomische Lage, soziale Unterstützung oder Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe. Das Konzept der Salutogenese setzt also eindeutig einen psychosozialen Schwerpunkt. Auch das der Gesundheitsförderung ist ganzheitlich aufgestellt und will erreichen, "allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen".[3]

Mit diesen Konzepten und der daran anknüpfenden jahrzehntelangen gesundheitswissenschaftlichen Forschung und Praxis verfestigt sich eine Entwicklung weg von einer kurativen, zunehmend als reaktiv wahrgenommenen "Reparatur"-Medizin hin zu einem ganzheitlicheren, Krankheit vermeidenden und Gesundheit stärkenden Versorgungsansatz. 2015 wurde vom Deutschen Bundestag – nach einigen vergeblichen Anläufen – sogar ein Präventionsgesetz verabschiedet, das diese Entwicklung bestätigt und verstärkt.[4] Gleichwohl wäre der Eindruck falsch, die Behandlung akuter Krankheiten würde gegenüber präventiven Ansätzen nun in den Hintergrund treten. Zumindest in der medizinischen Versorgung wird nach wie vor mehr behandelt als vorgesorgt, mit entsprechend ungleicher Verteilung der Kosten. Und trotzdem ist auffällig und interessant zu sehen, dass auch die aktuell verbreiteten, durch medizin- oder gesundheitstechnologische Innovationen realisierbar erscheinenden Visionen eher auf Prävention und Gesundheit setzen als auf Heilung von Krankheiten.[5] Drei solcher Technikvisionen sollen im Folgenden skizziert und mit Blick auf ausgewählte gesellschaftliche Implikationen diskutiert werden: P4-Medizin, digitale Gesundheit sowie Enhancement.

Fußnoten

1.
Vgl. Weltgesundheitsorganisation (WHO), Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, in: Ilona Kickbusch, Die Gesundheitsgesellschaft, Gamburg 2006, S. 167–172.
2.
Vgl. Aaron Antonovsky, Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit, Tübingen 1997.
3.
WHO (Anm. 1), S. 167.
4.
Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention (Präventionsgesetz – PrävG), in: Bundesgesetzblatt Jg. 2015 Teil I Nr. 31, S. 1368–1379.
5.
Einschränkend sei angemerkt, dass auch im klassischen kurativen Bereich nach wie vor im großen Stil geforscht wird und das Innovationstempo hoch bleibt.
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Autor: Nils B. Heyen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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