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Der lange Abschied von der Fremdheit

Kulturelle Globalisierung und Migration


2.7.2002
In Deutschland ist weiterhin selbstverständlich von "Fremdheit" die Rede und prägen idealistische Vorstellungen den Kulturbegriff. In der globalen Massenkultur dagegen erhält man zunehmend atemberaubende Einblicke in die Kulissenhaftigkeit von Fremdheit.

Einleitung



Wenn in der Bundesrepublik Deutschland über Einwanderung und Globalisierung debattiert wird, dann geht es stets um Fremdheit. Tatsächlich haben sich durch Migration, aber auch durch Massenmedien, Popkultur und Tourismus die Eindrücke und Bilder vom so genannten Fremden geradezu inflationär verbreitet. Freilich besitzt der Ausdruck Fremdheit hierzulande eine erstaunliche Selbstverständlichkeit. Trotz aller Veränderungen erscheint das Eigene immer noch intakt - als fremd gilt weiterhin, wer nicht "hierher", wer nicht zu "uns" gehört. Dabei wird Fremdheit vor allen Dingen als kulturelle Unterschiedlichkeit verstanden. Im Gegensatz zu den Lippenbekenntnissen und der allgegenwärtigen Rhetorik der Postmoderne lassen sich die Ideen von Johann Gottfried Herder implizit in allen Debatten heraushören: Kulturen gelten in Deutschland immer noch als voneinander unabhängige, kugelförmige Gebilde, wobei die äußerlich sichtbaren Merkmale von Personen (Aussehen, Kleidung, Gebräuche etc.) als Verkörperungen einer unsichtbaren substanziellen kulturellen Gemeinsamkeit - einer Identität - erscheinen.

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  • In diesem Text soll nun zunächst gezeigt werden, wie sehr der Herder'sche Kulturbegriff weiter die öffentliche Auseinandersetzung - auch in der Wissenschaft - beherrscht, wobei sich jedoch auch erste Brüche zeigen. Dann soll an einigen konkreten Beispielen aus der Massenkultur unserer Tage gezeigt werden, wie unbrauchbar diese Vorstellung derweil geworden sind, um aktuelle Phänomene zu verstehen. Indessen erhält man in der Medienöffentlichkeit geradezu atemberaubende Einblicke in die Kulissenhaftigkeit von Fremdheit. Im Prozess der Globalisierung - so die These - wird Fremdheit in erster Linie mehr oder minder bewusst strategisch in gesellschaftlichen Konflikten eingesetzt. In der englischsprachigen Welt existiert unter der Bezeichnung "Postkolonialismus" seit geraumer Zeit eine Diskussion, in der die Beteiligten den Versuch unternehmen, solchen Erscheinungen theoretisch beizukommen. Bei allen Problemen der Übertragbarkeit kann etwa die Theorie des Literaturwissenschaftlers Homi Bhabha helfen, kulturelle Artikulationen von Migranten in Deutschland zu analysieren - so etwa das Tragen des viel diskutierten Kopftuchs. Tatsächlich müssen sich die hiesigen Sehgewohnheiten in Bezug auf kulturelle Differenz radikal verändern - denn die Differenz zeigt sich nicht dort, wo der Blick der Mehrheit sie zu sehen glaubt. Um den Prozess der Globalisierung auf dem Feld der Kultur zu verstehen, ist es notwendig, "die unheimliche Differenz desselben oder die Alterität der Identität" wahrzunehmen [1] - zweifelsohne eine komplizierte Formulierung Bhabhas, die hier aber bewusst gegen die gängigen Selbstverständlichkeiten in Stellung gebracht werden soll. Um jene "Verdopplung" zu verstehen, muss stets der institutionelle und soziale Kontext von kulturellen Artikulationen rekonstruiert werden. Das bedeutet auch - die Analyse von Machtbeziehungen. Denn ein weiterer Irrtum des hiesigen Kulturdiskurses besteht darin, einer idealisierten Kultur gewaltige Autonomie zuzugestehen - dabei geht es um materielle Ausdrucksformen innerhalb eines zutiefst materiellen Kontextes.


    Fußnoten

    1.
    Homi Bhabha, Die Frage der Identität, in: Elisabeth Bronfen/Benjamin Marius/Therese Steffen (Hrsg.), Hybride Kulturen, Tübingen 1997, S. 110.