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Empirische Befunde zum bürgerschaftlichen Engagement


11.6.2002
In den letzten Jahren konzentrierte sich die Debatte um die "Krise des Ehrenamtes" auf den Struktur- und Motivationswandel des Engagements. Bislang fehlte dazu eine breite Datenbasis.

Einleitung



Bürgerschaftliches Engagement ist in den letzten Jahren zu einem öffentlichen Thema geworden. Weil den großen Wohlfahrtsverbänden die Ehrenamtlichen fehlten, wurde eine "Krise des Ehrenamtes" befürchtet. Es schien, als seien immer weniger Menschen bereit, sich auf ein Ehrenamt einzulassen. In den folgenden wissenschaftlichen Debatten ging es zunächst darum, die Zahl der Engagierten und die Engagementbereitschaft in der Bevölkerung im Vergleich mit anderen Ländern zu ermitteln. Das Ergebnis war niederschmetternd: Deutschland fand sich in internationalen Vergleichen auf den letzten Rängen (z. B. Eurovol-Studie [1] ) wieder. Um dieses überraschende Ergebnis zu erklären, wurden eine Reihe quantitativer und qualitativer Studien gestartet. Deutschland sah sich als ein Land mit der höchsten Zahl an Vereinen, einem ausgeprägten Verbandswesen und prinzipiell sehr hilfs- und engagementbereiten Menschen. In einer Vielzahl von Veröffentlichungen wurde ein "Wandel des Ehrenamtes" vermutet, und die Diagnose gestellt, dass gesamtgesellschaftliche Individualisierungstendenzen die treibende Kraft sein könnten: Die "Krise des Ehrenamtes" wurde mit abnehmender Hilfs- und Verantwortungsbereitschaft assoziiert und in ein Bild von Individualisierung eingefügt, das mit den Begriffen: Ich-Gesellschaft und Egotrip korrespondierte.

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  • In den wissenschaftlichen Diskussionen kristallisierten sich zwei Themenbereiche heraus, die den Blickwinkel vom pessimistischen Beklagen abnehmender Mitmenschlichkeit hin zu Veränderungen und neuen Entwicklungen im Bereich des Ehrenamtes lenkten: Es wurden erstens ein Strukturwandel des Ehrenamtes [2] und zweitens ein Motivwandel [3] deutlich, der mit dem gesellschaftlichen Wertewandel einher geht. Beides hängt mit Individualisierungsprozessen zusammen, aber in einer anderen Weise, als dies in den öffentlichen Klagen zum Ausdruck gekommen ist. In sehr viel differenzierter Weise handelt es sich um Pluralisierungs- und Entgrenzungstendenzen, die wir in übrigen Tätigkeitsbereichen der Gesellschaft auch feststellen können. Am Horizont erscheint keine wie auch immer formierte Erlebnisgesellschaft, sondern es zeigt sich eine sich weiter entwickelnde Vielfalt in den Strukturen und Motiven; Menschen verweigern sich nicht der Verantwortung und dem Engagement, sie suchen nach anderen Formen und Möglichkeiten. Diese differenzierte Sicht machte den Weg frei für unvoreingenommene Forschungen.

    Gleichzeitig gab es Hinweise darauf, dass die Höhe der Ehrenamtsquote durchaus nicht eindeutig ist. Auch in der Großen Anfrage an die Bundesregierung 1996 [4] wurde darauf hingewiesen, dass eine solide und breite Datenbasis zur Konkretisierung weiterer Fragen fehlt. Diese Lücke sollte der so genannte Freiwilligensurvey schließen, der 1998 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegeben wurde. [5] "Untersuchungsziel ist ein Gesamtblick zu freiwilligem Engagement in Deutschland, unter Einbeziehung verschiedener Formen wie ehrenamtlicher Tätigkeit, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement in Initiativen und Projektgruppen und Selbsthilfe. Dabei sollen Umfang, Art, Strukturbedingungen und Motivation freiwilligen Engagements dargestellt werden" [6] . Mit dem Datenmaterial aus fast 15 000 telefonischen Interviews liegt die bisher umfassendste Untersuchung freiwilliger Tätigkeiten vor - dem entsprechend hoch waren die Erwartungen, die in diese Studie gesetzt wurden. Die Ergebnisse waren insbesondere im Hinblick auf die Höhe der errechneten Freiwilligenquote überraschend. Dies löste eine rege Diskussionen über die Qualität der Studie, die Gültigkeit der Daten und deren Interpretationen und Konsequenzen aus. [7]


    Fußnoten

    1.
    Vgl. Katharina Gaskin/Justin Smith/Irmtraud Paulwitz, Ein neues bürgerschaftliches Europa. Eine Untersuchung zur Verbreitung und Rolle von Volunteering in zehn europäischen Staaten, hrsg. von der Robert von Bosch Stiftung, Freiburg 1996.
    2.
    Vgl. Karin Beher/Reinhard Liebig/Thomas Rauschenbach, Struktur"wan"del des Ehrenamtes. Gemeinwohlorientierung im Modernisierungsprozess, Weinheim-München 2000.
    3.
    Vgl. Irene Kühnlein, Gibt es einen Motivationswandel des Bürgerengagements? Interner Bericht der Münchner Projektgruppe für Sozialforschung (MPS) an den Sonderforschungsbereich 536 "Reflexive Modernisierung" der DFG, München 2001; Fritz Böhle, Struktur- und Motivationswandel Bürgerschaftlichen Engagements bei Erwerbstätigen und Arbeitslosen unter besonderer Berücksichtigung der Gender-Perspektive. Gutachten für die Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" des Deutschen Bundestages, KDrs. Nr. 14/146, Teil A, Berlin 2001
    4.
    Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hrsg.), Bedeutung ehrenamtlicher Tätigkeit für unsere Gesellschaft. Antwort auf die Große Anfrage der Fraktionen der CDU/CSU und der F.D.P., Bonn 1996; Kritik von Karin Beher/Reinhard Liebig/Thomas "Rauschenbach, Das Ehrenamt in empirischen Studien. Ein sekundäranalytischer Vergleich, BMFSFJ (Hrsg.), Bd. 163, Stuttgart 1998.
    5.
    Dem Projektverbund gehörten vier Institute an: Infratest Burke Sozialforschung, München; Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung (FÖV) bei der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer; Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung (IES) sowie dem Institut für Sozialwissenschaftliche Analysen und Beratung (ISAB).
    6.
    Bernhard v. Rosenbladt, Der Freiwilligensurvey 1999: Konzeption der Untersuchung, in: BMFSFJ (Hrsg.), Berlin 2000; Freiwilliges Engagement in Deutschland. Ergebnisse der Repräsentativerhebung 1999 zu Ehrenamt, Freiwilli"genarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Bd. 1: "Freiwilliges Engagement in Deutschland: Gesamtbericht (Schriftenreihe des BMFSFJ 194.1), Stuttgart u. a. 1999, S. 212.
    7.
    Die Veröffentlichung der Ergebnisse im "Internationalen Jahr der Freiwilligen (IJF)" verlieh der Diskussion sicher zusätzliche Aufmerksamkeit. Auch die Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" des Deutschen Bundestages befasst sich mit dieser Studie. Die Verfasser haben gemeinsam mit dem BMFSFJ im Dezember 2001 einen Workshop durchgeführt und sich mit kritischen Einwänden der Fachöffentlichkeit auseinandergesetzt. Eine Tagungsdokumentation wird in Kürze fertig gestellt.