Familie auf der Straße (Symbolbild)

15.6.2018 | Von:
Jürgen Hasse

Was bedeutet es, zu wohnen? - Essay

Im Alltag spielt die im engeren Sinne philosophische Frage, was es eigentlich bedeutet, zu wohnen, keine Rolle. Sie wird von drängenden praktischen Geboten der Organisation des Wohnens ebenso verdrängt wie von den immer größer werdenden Herausforderungen der Finanzierung einer Wohnung, insbesondere in trendigen Boomtowns und zahlreichen Universitätsstädten. Auch von den Wissenschaften wird im engeren Sinne nicht das Wohnen selbst thematisiert; im Fokus stehen vielmehr abgeleitete Fragestellungen, in der Soziologie die gesellschaftliche Vermitteltheit des Wohnens, in der Ökonomie die Wohnung als Ware (als Anlage-, Rentabilitäts- und Spekulationsobjekt) und in Architektur und Ingenieurswissenschaften das gestalterische und technische Bauen von Wohn-Häusern. Im folgenden Beitrag gehe ich auf der Grenze zwischen Geistes- und Sozialwissenschaft der Frage nach, wie und als was sich Orte und Praktiken des Wohnens darstellen. Darin folge ich der Aufforderung Martin Heideggers, das Wohnen denkwürdig zu machen, weil alle Bauten, die dem Wohnen (direkt und indirekt) dienen sollen, erst dann bedacht errichtet werden können, wenn wir unser Verständnis des Wohnens geklärt haben.

Wohnen – eine Annäherung

Wohnen geht über "anwohnen" hinaus und bedeutet vor allem "einwohnen". Es verlangt von jedem Einzelnen das nachspürende, mitfühlende wie verantwortliche Denken, das umsichtige Planen und bauende Gestalten von Räumen durch Orte. Wohnen ist nichts Passives. Als Sein-mit-anderen verändert es die Welt – nicht nur faktisch, sondern auch atmosphärisch.

Wie die Menschen wohnen, ist Ausdruck von Tradition und Gewohnheit, Spiegel der Zeit wie technischer Standards. Die ältesten (eiszeitlichen) Wohnungen waren Erdlöcher und natürliche Höhlen, steinzeitlich dann Halbhöhlen und Hütten aus Reisig und Laub. In der Jungsteinzeit gab es in Nordeuropa Pfahlbauten, in der Bronzezeit Rundbauten mit einfachen Kegeldächern. Nach der Entwicklung differenzierterer Zimmermannstechniken folgten einfache Blockbauten.[1] Alle Wohnstätten sollen Schutz vor Wind und Wetter, den Jahreszeiten, Feinden und wilden Tieren bieten.[2] In der Praxis des Gebrauchs der dafür erforderlichen Isolationsmedien bildeten sich bis in die Gegenwart mannigfaltige Wohn-Kulturen.

Im 21. Jahrhundert verbinden sich mit dem Wohnen die folgenden Schlüsselfragen:[3] Was tut man, wenn man wohnt? Wer wohnt mit wem zusammen? Wie wird Wohnen erlebt? Wie kommt man zur Wohnung? Die Bedeutung des Wohnens konzentriert sich hier auf die räumliche Welt der Wohnung. Umso mehr wirft der Blick auf das Leben Obdachloser die Frage auf, wie und ob auch wohnt, wer gar keine Wohnung hat.[4] Damit fragt sich zugleich: Kann man nur in persönlich oder gemeinschaftlich genutzten Innenräumen wohnen, die wir üblicherweise eine "Wohn-ung" nennen, oder auch in einer Stadt? Zur Wohnung gehört der über die Terrasse begehbare (noch so kleine) Garten, in der Stadtwohnung der Balkon. Folglich beschränkt sich das Wohnen nicht ganz auf Innenräume. "Draußen" sind aber auch Straßen, Geschäfte, der Markt und der Bahnhof. Nicht jeder Ort im öffentlichen Raum wird jedoch dem Wohnen zugerechnet werden dürfen. Für den Philosophen Hermann Schmitz zeichnet sich der Bewohner einer Stadt (im Unterschied zum "Benutzer") dadurch aus, dass er in einem Gefühl des Heimisch-Seins mit Orten verwachsen ist, die nicht nur Stätten der Erledigung sind.[5] Die Schwelle zwischen ge-wohn-ter Verwurzelung in einer Gegend und der rein zweckmäßigen Nutzung verorteter Stätten hat für ihn atmosphärischen Charakter. Die Grenze zwischen dem Eigenen der heimischen Welt des Wohnens und dem Fremden einer (mindestens psychologisch) fernen Welt ist aber fließend und bildet sich mit dem Wandel der Lebenssituationen aus und um.

In den 1950er Jahren führte eine Zunahme der Mobilität langsam zu einer Veränderung der Wohnformen. Das sesshafte Leben verlor mehr und mehr seine Selbstverständlichkeit.[6] In hochmobilen und globalisierten Gesellschaften hat sich der Lebensalltag der Menschen seit dem immens beschleunigt, mal mehr (etwa bei Geschäftsleuten), mal weniger (wie bei Büroangestellten) und auf ganz unterschiedliche Weise (von der Vielfliegerei bis zur intensivierten Benutzung des Fahrrades in der Innenstadt). Zwar haftet die Bedeutung von "wohnen" am Bleiben und Ausharren, Sich-Behagen und zufriedenen Wohlbefinden an einem Ort;[7] sie läuft aber nicht auf eine Art "Festsitzen" im Raum hinaus. Der spätmoderne Mensch lebt zwischen Unterwegs-Sein und Ruhen: "im-Übergang". [8] Er wohnt (mal) hier und (mal) dort sowie auf seinen Wegen – in einem Dazwischen. Im "Wandern" werden Räume des Wohnens erschlossen.[9] Die allokativen Bewegungen des eigenen Körpers von Ort zu Ort und die existenziellen Bewegungen des Lebens schreiben sich in Biografien ebenso ein wie in die Geschichte(n) kleinerer und größerer Sozialgebilde. In der Spätmoderne wohnen die meisten Menschen nicht für alle Zeiten nur an einem Ort. So üben sie sich im gleitenden Einwohnen in fließende Umgebungen.

Die Masse der Menschen lebt in den Städten und dort in seriellen Großwohnanlagen. Solchen "Wohnfabriken" liegt das Leitbild der Charta von Athen[10] zugrunde. Sie zerlegte den Menschen in Funktionssegmente und implantierte ihn in eine maschinistische Systemwelt. Diese modernistisch-antiindividualistische Fiktion hält die räumliche Organisation des Wohnens in den Städten noch in der Gegenwart in Schach. Die unter der Macht des Industrialisierungsmythos entstandenen Bauten setzten stets kryptische Programme heimlicher Menschenbildung ins Werk. In ihrer Verortung in Großwohnsiedlungen sollte den Menschen ein sozialer Ort in der Gesellschaft zugewiesen und damit eine Identität zugeschrieben werden (in der DDR durch den "sozialistischen" und in der Bundesrepublik durch den "sozialen" Wohnungsbau).

Fußnoten

1.
Vgl. Günther Wasmuth (Hrsg.), Wasmuths Lexikon der Baukunst, Bd. 4, Berlin 1929, S. 718f.
2.
Vgl. Hartmut Häußermann/Walter Siebel, Soziologie des Wohnens. Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens, Weinheim–München 2000, S. 12.
3.
Vgl. ebd., S. 15.
4.
Vgl. Jürgen Hasse, Unbedachtes Wohnen. Lebensformen an verdeckten Rändern der Gesellschaft, Bielefeld 2009, Kapitel 4.2.
5.
Vgl. Hermann Schmitz, Heimisch sein, in: Jürgen Hasse (Hrsg.), Die Stadt als Wohnraum, Freiburg/Br.–München 2008, S. 25–39, insb. S. 38.
6.
Vgl. Edmund Meier-Oberist, Kulturgeschichte des Wohnens im abendländischen Raum, Hamburg 1956, S. 12.
7.
Jacob Grimm/Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. 30, München 1991, Sp. 1206.
8.
Vgl. Karen Joisten, Philosophie der Heimat – Heimat der Philosophie, Berlin 2003, S. 131.
9.
Vgl. Ute Guzzoni, Wohnen und Wandern, Düsseldorf 1999.
10.
Die Charta von Athen wurde auf dem Internationalen Kongress für neues Bauen 1933 in Athen verabschiedet. Sie galt als Manifest der funktionalen Stadt. Einer der maßgeblich beteiligten Urheber war Le Corbusier. Seinen Ausdruck fand das neue Denken in der "autogerechten Stadt" sowie den Großwohnsiedlungen der 1960er und 1970er Jahre. Vgl. auch "CIAM" (1933): Charta von Athen – Lehrsätze, in: Ulrich Conrads (Hrsg.), Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts, Basel–Boston–Berlin 1975, S. 129–138.
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Autor: Jürgen Hasse für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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