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10.6.2002 | Von:
Rainer Freitag-Wirminghaus

Zentralasien und der Kaukasus nach dem 11. September: Geopolitische Interessen und der Kampf gegen den Terrorismus

III. Interessen der Türkei und Irans

Ein unabhängiges Georgien ist ein wichtiges Element der türkischen Kaukasuspolitik. Ohne Georgiens Beteiligung können die amerikanisch/türkischen Pläne für eine Pipeline von Baku nach Ceyhan an die türkische Mittelmeerküste nicht verwirklicht werden. Die ethnische Verbundenheit mit den Turkvölkern bestimmt schon lange nicht mehr Ankaras Außenpolitik. Georgien wurde genauso wichtig für die Türkei wie das "Bruderland" Aserbaidschan. Die Initiative Ankaras zur Unterzeichnung eines Militärabkommens zwischen der Türkei, Georgien und Aserbaidschan steht vor der Verwirklichung.

Nach dem 11. September ergibt sich für die Türkei die Perspektive, wieder verstärkt in Zentralasien Einfluss zu nehmen. Die Türkei soll eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau Afghanistans übernehmen, besonders im Bereich des Erziehungs- und Gesundheitswesens. Türkische Hilfe für Afghanistan besitzt eine lange Tradition. Seit den zwanziger und dreißiger Jahren unter Atatürk bis zur Abschaffung der Monarchie in Afghanistan 1973 hatte die Türkei dem Land beim Aufbau des Militärs und der Bürokratie geholfen, um das säkulare System auch in Afghanistan zu stärken. In den vergangenen Jahren hat Ankara die usbekische Gruppe der Nordallianz unterstützt. Die intensiven Kontakte zum Usbeken-General Dostum kommen der Türkei jetzt zugute. Als dieser 1998 mit Hilfe von Rivalen aus den eigenen Reihen von den Taliban aus Mazar-i Scharif vertrieben wurde, fand er sein Exil in der Türkei, ehe er 2001 wieder nach Afghanistan zurückkehrte.

Als erstes Land eröffnete die Türkei jetzt wieder eine Botschaft in Kabul. 90 Mitglieder einer Spezialtruppe wurden nach Afghanistan geschickt, als Teil einer diplomatischen Offensive, um auf Afghanistans politische Zukunft Einfluss zu nehmen. Das türkische Engagement wurde auch von Pakistan begrüßt. Für die Führung der International Security Assistence Force (ISAF), an der 1000 türkische Soldaten teilnehmen sollen, ist die Türkei als Nachfolger Großbritanniens im Gespräch.

Auch Iran, das schon vor dem Angriff auf die Taliban zwei Millionen afghanische Flüchtlinge beherbergt hat, hat die Nordallianz unterstützt. Die Feindschaft zu den Taliban entwickelte sich nicht wegen deren Beihilfe zum Terrorismus, sondern wegen der Unterdrückung der schiitischen Minderheit in Afghanistan und des von Afghanistan ausgehenden Drogenhandels über Iran. Besonders gespannt waren die Beziehungen zu den Taliban, als diese 1998 elf iranische Diplomaten in Mazar-i Scharif töteten. Iran lehnt jedoch die amerikanischen Luftangriffe ab und hat seinen Luftraum nicht zur Verfügung gestellt. Nur eine UN-Aktion gegen den Terrorismus würde man unterstützen. Selbstverständlich begrüßt Teheran den Sturz der Taliban, doch die damit verbundene Verschiebung der geopolitischen Kräfteverhältnisse stellt es vor neue außenpolitische Herausforderungen: Man sieht sich jetzt ringsum von Amerika-freundlichen Staaten umgeben, gleichzeitig ist die so genannte strategische Partnerschaft mit Russland, deren gemeinsames Ziel die Fernhaltung der USA aus der Region um das Kaspische Meer gewesen ist, fragwürdig geworden. Die Beziehungen waren zuletzt durch die Unstimmigkeiten über die sektorale Aufteilung des Kaspischen Meeres ohnehin gespannt. Positiv gesehen bietet das Ende der Taliban-Herrschaft Iran die Gelegenheit, seine Beziehungen zu Pakistan zu verbessern und die wirtschaftliche Kooperation zu intensivieren.