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22.5.2002 | Von:
Dieter Rink

Beunruhigende Normalisierung: Zum Wandel von Jugendkulturen in der Bundesrepublik Deutschland

Jugendkulturen durchleben einen breiten Wandel. Sie sind zu funktionalen Äquivalenten im Hinblick auf fehlende institutionalisierte Übergänge von der Welt der Jugendlichen in die Welt der Erwachsenen geworden.

Einleitung

Die letzten drei Jahrzehnte haben uns - jeweils an ihrer Wende zum nächsten Jahrzehnt - neue Jugendkulturen beschert: Breiteten sich Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre Hippies und rebellische Studenten lautstark in der bundesdeutschen Gesellschaft aus, so erregten zehn Jahre später Punks und Hausbesetzer die Gemüter. Beide Jugendkulturen zeichneten sich durch ihr Auftreten mit politischem Impetus aus und inszenierten zudem den Generationskonflikt. An der Wende von den achtziger zu den neunziger Jahren entstand - nun erstmals gesamtdeutsch - die Techno-Szene. Ihre Großveranstaltung - die Berliner Love Parade - wurde in den neunziger Jahren zum größten deutschen Massenereignis mit dem Anspruch "keine Gewalt". Der Leitspruch "Love, Peace and Unity" ist allerdings sehr bald als politisches Feigenblatt einer unpolitischen, konsumorientierten Spaßkultur geoutet worden. Spätestens seitdem ist die Love Parade auf dem Weg, als Volksfest vom Mainstream vereinnahmt zu werden. Die Wende zum neuen Jahrtausend ist ohne die Herausbildung einer neuen spektakulären, gar politischen Jugendkultur erfolgt. Allenfalls die rechtsextreme Subkultur kann für sich zurzeit verbuchen, ob ihrer Gefährlichkeit und Dynamik die öffentliche Aufmerksamkeit zu absorbieren. Aber sie ist nicht neu, ihre Wurzeln reichen bis in die achtziger Jahre zurück.

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  • Der jahrzehntelange "jugendliche Innovationsschub" scheint - zumindest vorerst - erlahmt zu sein. Dazu hat sicher beigetragen, dass bislang jede neue Jugendkultur irgendwann vom Kommerz vereinnahmt wurde und im Mainstream strandete. Nach diversen Retros, Crossovers und Neos insbesondere in den neunziger Jahren scheinen alle Musikrichtungen und Stile soweit "durchgesampelt", dass authentisch Neues selten geworden und zudem nicht so ohne weiteres erkennbar ist. Vielleicht aber haben sich ja auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so verändert, dass Jugendkulturen zunehmend obsolet werden? Einem gängigen Argumentationsmuster zufolge hat sich durch die Individualisierung und Pluralisierung von Lebensstilen der ehemals monolithe kulturelle Block der "kompakten Majorität" (Rolf Schwendter) bzw. der hegemonialen Kultur aufgelöst. (Neue) Jugendkulturen, insbesondere Subkulturen, finden infolgedessen keine Abgrenzungsfolie. Dagegen spricht freilich, dass eine Reihe von Jugendkulturen mittlerweile selbst auf eine Geschichte von 20 bis 30 Jahren zurückgehen, wie etwa Skinheads und Punks, Hacker und HipHoper, Heavy Metals und Hooligans oder auch die schon genannten jugendlichen Rechtsextremisten. Sie stehen teilweise in einer ungebrochenen Tradition - wie etwa Heavy Metals und Hooligans - oder haben eine Renaissance erfahren - wie seit einigen Jahren die Punks, deren einst rebellische Attitüden und symbolisch aufgeladene Outfits zwischenzeitlich zu populären modischen Accessoires mutiert waren. So werden zwar neue, spektakuläre und rebellische Subkulturen vermisst, die existierenden Jugendkulturen sind jedoch zu inzwischen ebenso allgegenwärtigen wie unspektakulären Erscheinungen geworden - nicht nur in den Großstädten. Ja, mehr noch, sie haben teilweise Massencharakter erlangt: Waren früher kleine Minderheiten, einige wenige Prozent eines Altersjahrganges ihre Träger, so strahlen sie in ihrer Gesamtheit mittlerweile auf mehr als die Hälfte der Jugendlichen aus.

    In den fünfziger und sechziger Jahren wurden für Jugendkulturen noch die Theorien und Begriffe abweichenden Verhaltens gebraucht; das Verhalten der betreffenden Jugendlichen wurde in die Nähe der Kriminalität gerückt. Heute sind sie demgegenüber Bestandteil von Theorien kultureller Modernisierung. Wurde die Zugehörigkeit zu Jugendkulturen früher zur Ausnahme- bzw. gesellschaftlichen Randerscheinung erklärt und nach spezifischen Sozialisationsursachen gesucht, so wird diese heute - bis auf die wenigen Ausnahmen etwa der politisch extremen Jugendkulturen - als normal angesehen. Auch im Alltag herrscht inzwischen beinahe die Erwartungshaltung, dass junge Menschen Jugendkulturen durchlaufen.

    Erklärungsbedürftig bleibt dabei, wie es zu dieser "Normalisierung" wie Stabilisierung von Jugendkulturen kommen konnte. Waren früher Jugendkulturen die Ausnahme, so scheinen heute die Normalo-Jugendlichen die Randerscheinung zu sein, sie bilden den Gegenpart des "Mainstreams der Minderheiten" (Diedrich Diederichsen). Schien in den sechziger bis achtziger Jahren jeweils eine als dominant wahrgenommene Jugendkultur einen Zyklus zu durchlaufen, um anschließend von einer anderen abgelöst zu werden, so absolvieren Jugendkulturen heute immer neue Zyklen und reproduzieren im Wesentlichen das gleiche Grundmuster - wie die Skinheads und Punks zeigen. Neben der Ausdifferenzierung eines Spektrums an jugendkulturellen Grundmustern hat sich eine Vielzahl von Varianten und Mischungen ausgebildet - vor allem in den neunziger Jahren, dem Jahrzehnt des Crossover. Wofür werden aber gerade diese Muster - in Abwandlungen und Variationen - immer wieder gebraucht?

    Das allgemeine Wachstum der Jugendkulturen ist leicht erklärbar. Da wäre erst mal die Ausdehnung und Entgrenzung der Jugendphase von ca. 13 bis 14 Jahren bis Ende 20 bzw. Anfang dreißig, dann das enorme Anwachsen der Bildungspopulationen in den letzten drei Jahrzehnten und schließlich die Funktionsverluste der Familie und von gesellschaftlichen Institutionen, die das Potenzial an Jugendlichen und nicht mehr ganz so jungen Jungen für die Jugendkulturen enorm ausgeweitet haben. Allein diese Entwicklungen können aber wohl kaum als hinreichend für die Ausbreitung der Jugendkulturen angesehen werden.

    In der Vergangenheit hat man die Entstehung von Jugendkulturen immer wieder auf spezifische gesellschaftliche Konstellationen zurückzuführen versucht. So wurde etwa für die Hippies, Beats und Achtundsechziger eine Verschränkung von politischen Legitimitätsproblemen und Generationenkonflikten als zentrale Ursachen angesehen. Die Herausbildung der Skinhead-Subkultur in England wurde demgegenüber mit der durch die Modernisierung vorangetriebenen Auflösung proletarischer Milieus erklärt. Eine Gemengelage aus Partizipations- und Integrationsproblemen - der Rezession Ende der siebziger/Anfang der achtziger Jahre, der Spaltung der Gesellschaft - wurde als Nährboden für die Punks, Hausbesetzer und Autonomen ausgemacht. Und die Ausbreitung der Techno-Szene wird auf den Wertewandel und dabei insbesondere auf die Ausbreitung hedonistischer Neigungen zurückgeführt. Können diese Argumentationen für die jeweiligen Entstehungskontexte einzelner Jugendkulturen durchaus Plausibilität für sich beanspruchen, so bleibt ihre dauerhafte Existenz und die Ausbildung eines eigenständigen Sektors von Jugendkulturen erklärungsbedürftig. Daraus könnte man gleichermaßen schließen, dass alle gesellschaftlichen Ursachen zusammengenommen fortbestehen bzw. dass die in Reaktion darauf entstandenen Jugendkulturen jeweils nur unvollkommene Antworten auf die gesellschaftlichen Defizite darstellen.

    Möglicherweise lässt sich diese Entwicklung aber auch auf eine zentrale Ursache zurückführen, die jeweils in spezifischen gesellschaftlichen Konstellationen in Erscheinung tritt. Moderne westliche Gesellschaften stellen keine institutionalisierten, formalisierten bzw. ritualisierten Übergänge von der Welt der Jugendlichen in die Welt der Erwachsenen mehr bereit. In diese Lücke stoßen die Jugendkulturen mit ihren vielfältigen und differenzierten Angeboten und stellen insofern ein funktionales Moment der modernen Kultur dar. Die Institutionalisierung einer Reihe bedeutender Jugendkulturen könnte dann ihre Ursache zuallererst darin haben, dass in diesen einzelnen Jugendkulturen jeweils unterschiedliche Übergangsrituale zelebriert werden. Dies schließt weitere Ursachen für ihre Entstehung - wie die oben genannten - nicht aus, weist ihnen aber eine untergeordnete Rolle zu.

    Die gleichzeitige Existenz und Ausdifferenzierung von Jugendkulturen hat bei ihnen selbst einen Funktionswandel bewirkt, der in den siebziger Jahren begann und gegenwärtig zumindest in seinen Grundstrukturen zum Abschluss gekommen ist. Dieser besteht zunächst in der zeitlichen Entgrenzung. Früher hatten Jugendkulturen eine relativ begrenzte Dauer, ihre Entwicklung stellte einen kurzen Zyklus dar, der in etwa auch mit der Zeit, die Jugendliche darin verbrachten, korrespondierte. Heute hat man es im Prinzip mit dauerhaften Jugendkulturen zu tun, die unter anderem dadurch ihren subkulturellen Impetus verloren haben. Sie lösen einander auch nicht mehr als jeweils dominante ab, sondern existieren nebeneinander und beeinflussen sich mehr oder weniger bzw. reagieren aufeinander. Allenfalls die auf den Jugendkulturen fußenden kommerziellen Modewellen suggerieren die Existenz von jugendlichen Leitkulturen.

    Gravierend ist auch die Entgrenzung und der Funktionswandel auf der individuellen Ebene. Für die wenigen Jugendlichen, die sich früher einer Jugendkultur anschlossen, stellte sie eine Passage dar, die im individuellen Leben relativ folgenlos blieb. Sie bot einen zeitlich und gesellschaftlich eng begrenzten Freiraum, in dem man sich austoben konnte, bevor man in den unausweichlichen Alltag eintreten musste - insbesondere in den Arbeitermilieus.

    Die Übergänge ins Erwachsenenalter sind nunmehr für viele Jugendliche nicht nur bedeutend länger und unstrukturierter, sondern auch unsicherer geworden. Zugleich ist das, was in den Jugendkulturen passiert, folgenreicher - für die Jugendlichen selbst wie für die Gesellschaft. Jugend-kulturen sind zu Orten der Individualisierung und Pluralisierung geworden. Sie haben einen ganz eigenen Raum aus symbolischen Abgrenzungen entworfen und nach und nach neue Selbstkategorisierungen im sozialen Raum und im Raum der Lebensstile geschaffen. Diese dienen der Selbstdefinition und Selbstvergewisserung wie auch der Abgrenzung und Distinktion. Sie gestatten damit die Auslösung aus traditionellen Milieus, Klassen- und Schichtkulturen und bauen zugleich eine Spannung zu den jeweils dominierenden Strömungen des Mainstreams wie auch gegenüber vorangegangenen Jugendkulturen auf. In nahezu klassischer Weise lässt sich das an der Herausbildung des alternativen Milieus in den 1980er Jahren beobachten, die ihren Hintergrund in den Subkulturen und sozialen Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre hatte. Bereits wenige Jahre später grenzte sich davon das subkulturelle Milieu ab, in dessen Kern Punks, Hausbesetzer, Autonome und Waver auszumachen waren. Inzwischen ist diese Dynamik zwar nicht zum Stillstand gekommen, es lässt sich aber nur noch ein scheinbar undifferenziertes hedonistisches Milieu ausmachen. Es wird zunehmend schwieriger, in diesem Bereich des Wertewandels neue Milieubildungen zu identifizieren. Die Individualisierung löst möglicherweise auch Milieus zunehmend auf und setzt an ihre Stelle noch fluidere Gebilde, die sich dem sozialwissenschaftlichen Zugriff zu entziehen drohen.

    Ein Behelf stellen da kulturelle Zeitdiagnosen und Generationen-Labels dar, die seit den späten 1980er Jahren eine Konjunktur erfahren haben. Speziell mit Blick auf die neuen (Jugend-)Generationen wurden Gesellschaftsbegriffe wie die der Erlebnisgesellschaft, der Eventgesellschaft oder der Spaßgesellschaft entworfen sowie Generationen-Labels wie Generation X, Y, Golf, Kick, die 89er oder Generation @ kreiert. Teilweise wird gar eine charakteristische Gesellung der Jugendkulturen, die "Szene", zum Grundmuster gesellschaftlicher Beziehung und Paradigma der soziologischen Theoriebildung erhoben - wie etwa von Gerhard Schulze und Ronald Hitzler.

    Dieser Prozess erfährt durch die Ausbreitung der neuen Formen elektronischer Kommunikation einschneidende Veränderungen. Verfügten Jugendkulturen früher über einen zeitlichen Entfaltungsraum, der es ihnen erlaubte, sich mehr oder weniger ungestört zu entwickeln, so fließen die Informationen heutzutage dank Internet sozusagen in Echtzeit überall hin. Die Folge ist, dass es keine ungeschützten Räume mehr gibt. Warteten die Jugendkulturen früher darauf, entdeckt zu werden, so warten heute die Medien darauf, sie zu entdecken. Beide sind heute von vornherein aufeinander bezogen: Jugendkulturen richten sich über die Medien an ihr Publikum, für die Medien sind sie zum reizvollen Dauerthema geworden. Zudem hat die medial vermittelte Gleichzeitigkeit und räumliche Entgrenzung alles komplexer und schnelllebiger gemacht. Früher gab es noch Zentren, in denen Neues kreiert wurde, was sich dann konzentrisch ausbreitete, heute kann alles überall geschehen, mehr oder weniger zur selben Zeit. Das hat nicht nur die Konsequenz der schnelleren Vermarktung, sondern auch der zunehmenden Beliebigkeit und Belanglosigkeit. Rascher Wechsel erhöht die Wahrnehmungsschwelle, lässt alles zum immer kürzeren Hype werden. Ausnahmen sind die wenigen "wirklichen Subkulturen" bzw. Jugendbewegungen, die sich vor dieser Folie zwar als besonders gefährlich abheben, zugleich aber ein wenig wie Relikte aus einer vergangenen Epoche erscheinen. Der von der Hamburger Band Die Sterne besungene Wunsch "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" gewinnt daraus seine Nahrung: Die Sehnsucht geht ins Authentische, Gemeinschaftliche und ideell Transzendente, deren Erfüllung angesichts medialer Vereinnahmung jedoch immer mehr (selbst) infrage gestellt wird.

    Eine wesentliche Veränderung der Jugendkulturen ist in ihrer Feminisierung zu sehen. Waren sie früher in der Regel für männliche Jugendliche reserviert, so haben Mädchen und junge Frauen dort inzwischen einen eigenen Platz. Mittlerweile existieren Jugendkulturen, in denen sie - zumindest quantitativ - dominant sind, denkt man etwa an die Gotik- oder die Techno-Szene. Jugendkulturen haben in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend zur Liberalisierung sexueller Verhältnisse gerade für Mädchen beigetragen und dafür Freiräume sowie individuelle Muster geschaffen. Zweifellos haben Jugendkulturen zur Auflösung binärer Geschlechtsrollen beigetragen, zumal der Protest dagegen mehr oder weniger zum Repertoire der meisten Jugendkulturen gehört, explizit etwa bei den Hippies. Ihr eigentlicher Beitrag zur Veränderung gesellschaftlicher Geschlechterverhältnisse scheint aber vor allem in der Konstruktion neuer Weiblichkeiten und Männlichkeiten zu bestehen. Hierfür stehen Experimente mit androgynen Outfits, der Gebrauch weiblicher Accessoires und Haltungen durch männliche Jugendliche etwa in der Gotik-Szene oder die Rezeption typisch männlicher Rebellenposen, wie etwa durch die Riot Girls Anfang der neunziger Jahre. Geschlechtsspezifische Macht- und Dominanzverhältnisse sind jedoch - entgegen dem Anschein und optimistischen Prognosen - auch in Jugendkulturen eingelassen. Selbst in Jugendkulturen, die mit dem Anspruch der Gleichheit der Geschlechter auftreten, wie etwa Punks oder Linksautonome, findet man subtile männliche Dominanzverhältnisse - ganz zu schweigen von offen chauvinistischen Jugendkulturen wie etwa den Skins, Neonazis und Hooligans.

    Folgt man dem Argument, dass das Auf und Ab der Jugendkulturen in den letzten Jahrzehnten zur Ausbildung eines eigenen sozialen Raums geführt hat, so wird man kaum annehmen, dass dieses gesellschaftliche Segment schrumpfen oder verschwinden wird. Im Gegenteil, es ist von weiterem Wachstum und zunehmender Ausdifferenzierung auszugehen. Dies schließt die Ausbildung neuer, wiederum rebellisch und provokativ auftretender Jugend(sub)kulturen als Option zwar ein, aber nur als Ausnahmefall. Der Normalfall dürften demgegenüber neue Mischungen bzw. Varianten - also die "Bricolage" (Dick Hebdige) bekannter Jugendkulturen sein. Denn es wird nicht nur immer schwieriger, neue Jugend(sub)kulturen zu "gründen", sondern vor allem ihnen auch (mediale) Sichtbarkeit und Relevanz zu verschaffen.

    Dem klassischen Ablaufschema ist insofern ein neues Element hinzuzufügen: Auf die Vereinnahmung im Mainstream, die "Vermodung", Kommerzialisierung und gegebenenfalls Entpolitisierung folgt - meist nach einer Ruhepause bzw. Regenerationsphase - ein "back to the roots". Allen Mischungen, Abwandlungen und Vereinnahmungen zum Trotz unternehmen neue Generationen häufig Versuche, sich der Quelle, des ursprünglichen "Kults" zu bemächtigen. Instruktive Beispiele dafür aus den neunziger Jahren sind das Woodstock-Festival 1994 oder die Wiederbelebung der Chaos-Tage in Hannover. Insofern spricht nichts dagegen, dass in den nächsten Jahren etwa die Techno-Szene den Ursprung der Love Parade neu entdeckt oder sich politische Hausbesetzungen wieder steigender Beliebtheit erfreuen. Mag auch die weitere Entwicklung der existierenden Jugendkulturen schwer vorhersagbar und die Prognose von neuen fast unmöglich sein, so dürfte die Existenz dieses gesellschaftlichen Bereichs zu den Gewissheiten gehören.

    Jugendkulturen haben eine westliche Gesellschaft wie die der Bundesrepublik immer wieder herausgefordert und dadurch letztlich - wider Willen - toleranter gemacht. Es ist als Zeichen für ihre Stärke zu werten, wenn eine Gesellschaft Jugendkulturen aushält und integriert, statt sie zu kriminalisieren, auszugrenzen und zu zerstören. Die dauerhafte Existenz von Jugend- und Subkulturen ist insofern nicht als Krisensymptom einer Gesellschaft, sondern als Zeichen von Stabilität und Integrationskraft zu werten. Jugendkulturen sind so-mit Kraftspender wider Willen, die Gesellschaft gewinnt durch sie an Vielfalt und Anziehungskraft, auch sie sind ein Zeichen für ihre Kreativität. Insofern ist der eingangs benannte Befund des Ausbleibens neuer Jugendkulturen kein Anzeichen für die endliche, normale Beruhigung, sondern für eine beunruhigende Normalisierung.