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Jugendgenerationen im Vergleich: Konjunkturen des (Non-)Konformismus


22.5.2002
Erfahrungsräume und Erwartungshorizonte haben sich in den unterschiedlichen Jugendgenerationen unserer Geschichte dramatisch verändert. Vom Konformismus der Kriegs- und Täterkinder bis zur Generationsbildung der Konsum- und Wendekinder in den neunziger Jahren.

I. Vorbemerkungen



"Das Problem der Generationen" - so der Titel eines berühmten Aufsatzes des Wissenssoziologen Karl Mannheim aus dem Jahre 1928 - ist auch heute noch schwer auf den Begriff zu bringen. "Das Problem" äußert sich schon darin, dass man sich ihm methodisch auf ganz unterschiedliche Weise nähern kann: etwa quantitativ - über eine arithmetische Jahrgangsgruppenbildung [1] ; oder qualitativ - über die Rekonstruktion des Sinngehalts von Biografien ausgewählter Akteure oder eine Tiefenhermeneutik von Generationserfahrungen, z. B. der schicksalhaften kollektiven Traumatisierung. [2]

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  • Und "das Problem" lässt sich einerseits als Verhältnis jüngerer zu älteren Kohorten beschreiben und dementsprechend untersuchen: als intergenerationelle, diachrone Konfliktlage z. B. eines Struktur- und Wertewandels. Oder andererseits als intragenerationelles, synchrones Verhältniss der Jüngeren untereinander: Dann wird von einer Konstellation von Generationsfraktionen ausgegangen, bestehend aus unterschiedlichen Klassenlagen und Subkulturen mit je eigenen Erfahrungen und Erwartungen, Interessen und Lebensstilen. Die mit diesen vier Varianten - quantitativ, qualitativ, inter- und intragenerationell [3] - möglichen Kombinationen können nach weiteren Kriterien unterschieden werden. Auffällig ist bspw. der Unterschied zwischen positivistisch beherzten, ja naiv simplifizierenden Präsentationen von Befunden und den die Herstellung kategorialer Geschlossenheit stärker problematisierenden, manchmal dekonstruktivistischen Haltungen: Während auf der einen Seite der Begriff der Generation als unproblematisch bestimmbare Untersuchungseinheit verwendet wird, [4] werden auf der anderen Seite bis zu 600 unterschiedliche Subkulturen bzw. Stilrichtungen innerhalb einer Generation verwendet. [5]

    Im Folgenden sollen Jugendgenerationen durch eine kultursoziologische Rekonstruktion unterschiedlicher Wahrnehmungszusammenhänge von einander abgesetzt werden. Diese Rekonstruktion soll von nur wenigen, aber wichtigen Kategorien strukturiert sein: Im Zentrum stehen Veränderungen von "Erwartungsräumen" und "Erwartungshorizonten" Jugendlicher. Der Erfahrungsraum birgt, Reinhart Koselleck zuvolge, "gegenwärtige Vergangenheit, deren Ereignisse einverleibt worden sind". Der Erwartungshorizont hingegen "zielt auf das Noch-Nicht, auf das nicht Erfahrbare, auf das nur Erschließbare". [6] Erfahrungsräume, so wollen wir zeigen, können weit und kulturell reichhaltig sein - oder eng, verödet, "verderbt". [7] Erwartungshorizonte können zugezogen sein, verdüstert; oder aufgehellt, offen, sogar von beängstigend diffuser Grenzenlosigkeit gekennzeichnet sein. Diese beiden Kategorien sollen einen Zeitkern der Wahrnehmungsweisen aufschließen, sind selbst als Resultat einer spezifisch modernen Situation der Wahrnehmungskonstitution anzusehen: Dass Erfahrungsraum und Erwartungshorizont auseinandertreten, ist ein Phänomen der Kultur der Moderne. Thesen darüber, welche spezifische Form dieses Auseinandertreten annimmt, können zu aufschlussreichen Aussagen über signifikante Unterschiede von Generationen führen.

    Ein zweites Begriffspaar wird für die nähere Bestimmung dieser Historizität wichtig sein: Arbeit und Adoleszenz. Bekanntlich konnte das, was heute unter Jugend meist noch verstanden wird - jene nach der Kindheit beginnende, mit der Adoleszenz, dem letzten Abschnitt des Jugendalters abzuschließende Phase des Heranwachsens zum "vollwertigen" Mitglied einer um Erwerbsarbeit und familiare Reproduktion zentrierten Lebensgemeinschaft -, erst in Gesellschaften entstehen, die jungen Menschen tatsächlich immer mehr Zwischenzeit in einem relativ autonomen System der Bildung einräumt. Schon der Schulbesuch bis zur achten Klasse konstituiert Jugend als sozialen Tatbestand. Im Vergleich zum Bildungsgang bis über das dritte Lebensjahrzehnt hinaus oder gar zum lebenslangen Lernen handelt es sich dabei um eine Jugend, die noch ohne das hohe reflexive Niveau auskommen muss, welches mit so genannten "psychosozialen Moratorien" oder einer kontinuierlich verlaufenden "Identitätskonstruktionsarbeit" erreicht werden kann. [8] Mit den im Jenseits der Erwerbsarbeit sich verlängernden Jugendphasen (vgl. zu dieser Tendenz die Tabelle) weiten sich auch die Konzeptionen von Adoleszenz derart aus, dass sie nicht mehr nur für Jugendliche, sondern für das Leben in der reflexiven Moderne insgesamt Geltung beanspruchen: Krisen der Selbstkonstruktion entstehen den "flexiblen Menschen im neuen Kapitalismus" (Richard Sennett) in potenziell allen Lebensphasen. Die Individuen müssen Risiken eingehen, wenn sie in ihre Identität investieren, sich zu ihr wie zu einem Kapital verhalten, sie werden zu Unternehmern ihrer eigenen Arbeitskraft. Das Ziel dieser "Arbeitskraftunternehmer" [9] , nämlich eine Erwerbsarbeit als Beruf ausüben zu dürfen, scheint für eine gelingende Identitätsbildung umso wichtiger zu werden, als Arbeit und Beruf nach dem Ende der trentes glorieuses, den dreißig glorreichen Jahren, [10] mit ihrer waffenstarrenden, aber ordnenden Bipolarität (bzw. bei Berücksichtigung einer Dritten Welt: Tripolarität), der OECD-Prosperität und einer berufsbiografischen Sekurität immer schwerer zu haben und zu halten sind. Was bedeutet das für die immer größere Zahl der Jugendlichen, die sich jenseits der Erwerbsarbeit und auch jenseits des Bildungssystems in Zwischen- und Freizeiten aufhalten, sowie für die Jugendlichen, die dieser Exklusion, dieser Entkoppelung von der identitätsbildenden Ressource Erwerbsarbeit mit mehr oder weniger großer Distanz zusehen? - Dass und wie Arbeit und Adoleszenz einen subjektkonstituierenden Zusammenhang bilden, ist demnach wiederum zu historisieren. Wie haben sich also Erfahrungsräume und Erwartungshorizonte der Jugendlichen, die eine Adoleszenzphase durchlaufen, wie hat sich diese Phase selbst seit den fünziger Jahren gewandelt?


    Fußnoten

    1.
    Vgl. exemplarisch Peter A. Berger, Individualisierung. Statusunsicherheit und Erfahrungsvielfalt, Opladen 1996, wo im Rahmen einer Theorie der "verzeitlichten Sozialstrukturanalyse" Veränderungen berufsbiografischer Verlaufsformen analysiert werden.
    2.
    Ersteres unternimmt Heinz Bude, Deutsche Karrieren. Lebenskonstruktionen sozialer Aufsteiger aus der Flakhelfer-Generation, Frankfurt/M. 1987; ders., Das Altern einer Generation. Die Jahrgänge 1938-1948, Frankfurt/M. 1995; letzteres Christian Schneider/Cordelia Stillke/Bernd Leineweber, Trauma und Kritik. Zur Generationengeschichte der Kritischen Theorie, Münster 2000.
    3.
    Intelligente Arrangements finden sich bspw. in den Shell-Jugendstudien von 1981, 1985 und 2000.
    4.
    Exemplarisch dafür sind Einstellungsbefragungen wie die des Allensbach-Instituts (vgl. unten).
    5.
    Damit steht der Begriff "Generation" im Grunde nur noch als Ausdruck für eine in der Vergangenheit liegende Unterkomplexität. Vgl. Klaus Farin, Generation-kick.de. Jugendsubkulturen heute, München 2001.
    6.
    Reinhart Koselleck, 'Erfahrungsraum' und 'Erwartungshorizont' - zwei historische Kategorien, in: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt/M. 1989, S. 349-375, dort S. 354 f.
    7.
    Vgl. Michael Rutschky, Erfahrungshunger. Ein Essay über die siebziger Jahre, Köln 1980.
    8.
    Eine gehaltvolle Diskussion dieser Begriffe findet sich bei Heiner Keupp/Thomas Ahbe/Wolfgang Gmür/Renate Höfer/Beate Mitzscherlich/Wolfgang Kraus/Florian Strauss, Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne, Reinbeck bei Hamburg 1999. Diese Studie berücksichtigt kaum mehr, dass Jugendphasen eine klassenspezifische Ausprägungen annehmen. Nach Marina Fischer-Kowalski: Halbstarke 1958, Studenten 1968. Eine Generation und zwei Rebellionen, in: Ulf Preuss-Lausitz u. a. (Hrsg.), Kriegskinder, Konsumkinder, Krisenkinder. Zur Sozialisationsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg, Weinheim-Basel 1983, S. 53-70, liegen sie in den unteren Klassen im Alter zwischen 12 bis 18, in den oberen zwischen 17 und 27 Jahren.
    9.
    Diese Kategorie wird entwickelt von G. Günter Voß/Hans J. Pongratz, Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft?, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, (1998) 1, S. 131-158.
    10.
    Vgl. Ralf Dahrendorf, Der moderne soziale Konflikt. Ein Essay zur Politik der Freiheit, München 1994.