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22.5.2002 | Von:
Peter Schlobinski

Jugendsprache und Jugendkultur

I. Jugendsprache als Objekt der Medien

So oder ähnlich sind die Texte, die, mit dem Etikett 'Jugendsprache' oder 'Jugendslang' versehen, nicht nur den Lesestoff von Jugendlichen bilden, sondern auch und gern von Erwachsenen gelesen werden. Für die Beliebtheit solcher Texte und entsprechender Lexika zeugen die zahlreichen Publikationen zum Thema seit den achtziger Jahren. Das wohl bekannteste Beispiel ist der Renner von Claus-Peter Müller-Thurau "Laß uns mal 'ne Schnecke angraben"[4], der in kürzester Zeit in die Bestsellerlisten vorstieß und dem Spiegel einen Artikel wert war. Der stilisierte Slogan auf dem Buchumschlag - "Ein affengeiles Buch, das echt anfetzt, wer es sich reinzieht, wird mehr Durchblick haben" - gibt das Motto vor: Lerne die Jugendsprache und du wirst die Jugend besser verstehen: ein gutes Rezept, wenn es funktionieren würde. Nicht anders das zum neuen Renner avancierte Lexikon "affengeil. Ein Lexikon der Jugendsprache" von Hermann Ehmann[5]. Dort heißt es auf dem Buchrücken: "Die Jugendsprache der neunziger Jahre ist um einiges abgepfiffener als diejenige vergangener Jahrzehnte - und gleichzeitig auch um einiges geiler, heißer und cooler. Wer da bislang öfter mal tierisch ohne Durchblick da stand, der kann nun nach Lektüre dieses Lexikons die Provo-kids radikalinski abfahren lassen und kräftig mitsülzen." Die Buchdeckel der Bücher von Müller-Thurau[6][6] und Ehmann[7] spiegeln den Zeitgeist wider: Ziert ein zart gesprayter Graffity den Einband des ersteren, springt bei dem Buch von Ehmann eine zähnefletschende Comic-Bulldogge aus einem Berliner Mauerbild auf den Betrachter zu. Eine Begründung wird in der Vorbemerkung mitgeliefert: Schließlich gibt es "Entwicklungstendenzen" in der Jugendsprache - "so vor allem die ständig zunehmende Quantität an aggressiven Brutalismen, Grobianismen und vulgären Fäkalismen"[8]. Liegt dem Wörterbuch zumindest eine sprachwissenschaftliche Untersuchung zugrunde[9] - die allerdings auf einer äußerst fragwürdigen Fragebogenerhebung basiert und zu grob pauschalierenden Urteilen kommt -, ordnet Müller-Thurau Wörter und Wendungen hinsichtlich bestimmter Themenkomplexe an, z. B. nach dem Thema Zweierkiste oder Betroffenheit, ohne jedoch irgendeine Basis für diese Zuordnungen zu haben, mit der Konsequenz, "dass er einen entsprechenden Wesenszug von Jugendsprache eher sucht als findet[10]". Der Stoff, aus dem Bücher wie dieses und ähnliche fabriziert sind, stammt aus 'erhörten' Beispielen - wann, wo, unter welchen Bedingungen gehört? - und fiktiven Texten.

In Wörterbüchern populistischer Machart sind " ...Teile des jugendsprachlichen Lexikons ... Versatzstücke der Medien. Jugendsprache wird medial funktionalisiert, das soll heißen: Sie wird zu einem Spielzeug der Medien"[11].

Fußnoten

4.
Claus-Peter Müller-Thurau, Laß uns mal ‘ne Schnecke angraben. Sprache und Sprüche der Jugendszene, Düsseldorf-Wien 1983.
5.
Hermann Ehmann, affengeil. Ein Lexikon der Jugendsprache, München 1982.
6.
Vgl. C.-P. Müller-Thurau (Anm. 4).
6.
Vgl. C.-P. Müller-Thurau (Anm. 4).
7.
Vgl. H. Ehmann (Anm. 5).
8.
Ebd., S. 10
9.
Vgl. Hermann Ehmann, Jugendsprache und Dialekt, Opladen 1982.
10.
Franz Januschek, Die Erfindung der Jugendsprache, in: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, 41 (1989), S. 125 - 146, hier: S. 137.
11.
Helmut Henne, Jugend und ihre Sprache. Darstellung, Materialien, Kritik, Berlin-New York 1986, S. 198.