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22.5.2002 | Von:
Peter Schlobinski

Jugendsprache und Jugendkultur

II. Jugendsprache und Jugendkultur im Spiegel der Forschung

Dass dieses 'Spielzeug der Medien' nicht Jugendsprache, sondern eine medial gespiegelte Stilisierung von Jugendsprache ist, ist offensichtlich. Aber auch die Forschungen zur Jugendsprache waren und sind ein Spiegelbild der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse, der Meinungen und Haltungen gegenüber der Jugend' im jeweiligen historischen Kontext.

In seinem Literaturbericht zur Jugendsprache[12] unterscheidet Edgar Lapp[13] fünf Phasen der Jugendsprachforschung:

- die Vorläufer: historische Studenten- und Schülersprache;

- die fünfziger Jahre: "Halbstarken-Chinesisch";

- die sechziger Jahre: "Teenagerdeutsch";

- die siebziger Jahre: "APO-Sprache", "Szene-Sprache" und "Schülerdeutsch";

- die achtziger Jahre: "Die große Vielfalt".

Über zehn Jahre nach Erscheinen von Lapps Beitrag können wir die Chronologie fortsetzen mit:

- den neunziger Jahren: "der Mythos von der Jugendsprache", "jugendliche Sprachregister und Sprachstile".

Es ist kein Zufall, dass die eigentliche Jugendsprachforschung erst nach 1945 ansetzt, denn durch die anglophonen Einflüsse boomte in den fünfziger Jahren eine eigenständige Jugendkultur, die sich gegen die Werte und Normen etablierter Erwachsenenkulturen stellte und weite Teile der Gesellschaft erfasste. Schon damals wurden das "Gezappel" und die "Niggermusik" ebenso kritisiert wie die immer stärker zunehmenden Amerikanismen. Kein Film drückt das Lebensgefühl der jugendlichen Subkultur der fünfziger und beginnenden sechziger Jahre besser aus als Die Halbstarken (1956) mit Horst Buchholz in der Hauptrolle. Seit dem Rock' 'n' Roll haben sich Jugendkulturen ihren Markt erobert und sind als Markt erkannt worden - seit dieser Zeit kann auch erst von einer Jugendsprachforschung gesprochen werden, die immer in sprach- und ideologiekritische Argumentationszusammenhänge eingebunden war. Zentraler Aspekt hierbei war und ist der immer wieder postulierte Sprachverfall durch die Jugend. Jugendsprache sei ein "Jargon einer bestimmten Sondergruppe", der den "größeren und wertvolleren Teil der Jugend erniedrigt und beleidigt", schreibt Heinz Küpper[14] , der in seinem bekannten Wörterbuch der deutschen Umgangssprache[15] Lexikoneinträge eben dieses "Jargons" als "halbwüchsigensprachlich" markiert.

Fußnoten

12.
Zum Forschungsstand vgl. auch die Studienbibliographie von Eva Neuland, Jugendsprache (= Studienbibliographien Sprachwissenschaft 29), Heidelberg 1999.
13.
Vgl. Edgar Lapp, Jugendsprache: Sprechart und Sprachgeschichte seit 1945. Ein Literaturbericht, in: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht, 63 (1989), S. 53 - 75.
14.
Vgl. Heinz Küpper, Zur Sprache der Jugend, in: Sprachwart, 10 (1961), S. 186 - 188, hier: S. 188.
15.
Heinz Küpper, Wörterbuch der deutschen Umgangssprache, Stuttgart 1990.