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22.5.2002 | Von:
Peter Schlobinski

Jugendsprache und Jugendkultur

III. Jugendsprache - Sprach- und Kulturverfall?

Die Ansicht, dass Jugendliche den Sprach- und Sittenverfall befördern, hat Tradition: Jugendsprachlicher Sprachgebrauch ist unter Umständen akzeptabel, aber "nur solange er sauber bleibt", was "ich an der Jugendsprache hasse, das ist, wenn sie abgleitet in die Fäkaliensprache" (aus einem Lehrerinterview). Die Negativbilder werden noch verstärkt, wenn Wörterbücher erscheinen wie das von Eike Schönfeld [16] , in dem "Jugend- und Knastsprache" in Zusammenhang gebracht wird, was "damit zu tun [hat], daß beide Gruppen am Rande der 'normalen' Gesellschaft [stehen] ... und ihre Randstellung auch in Worten, in einem anderen Sprachgebrauch, zum Ausdruck [bringen]" [17] . Wen wundert es dann, wenn Jugendliche und ihre Kulturen stigmatisiert und in die Sperrbezirke der "normalen" Gesellschaft verbannt werden?

Wenn Jugendliche als am Rande der Gesellschaft stehend betrachtet werden, so ist es nur konsequent, ihre sprachlichen Ausdrucksformen als Sondersprache zu klassifizieren und die entsprechenden sondersprachlichen Merkmale zu suchen. Dies war die Forschungsstrategie über Jahrzehnte und hat sich im Sammeln von Wörtern niedergeschlagen. Zu welchen Stigmatisierungen eine ideologisch voreingestellte Lexikographie führen kann, zeigt sich beispielhaft bei Joachim Stave zu Synonymen für Mädchen: [18] "Unter den Synonymen für Mädchen (20 außer Zahn) gibt es einige fremdartig klingende Wörter, die etwas lümmelhaft Dumpfes an sich haben: Ische, Brieze, Irze, Mosse, Schramma, Kante, Brumme. Sollten diese Wörter tatsächlich in Umlauf sein (was wir bisher nicht mit Sicherheit feststellen konnten), so sind es treffend Metaphern für eine grobschlächtige Einstellung zum anderen Geschlecht, wie man sie den Halbstarken zutraut." [19]

Kein Hinweis darauf, dass Ische, Brieze und Brumme berlinische Wörter sind, dass Schramma möglicherweise eine maskuline Form von Schramme ist; keine Einbeziehung des Kontextes in die Bedeutungsanalyse, keine Berücksichtigung regionaler und sozialer Faktoren. Stattdessen: pauschalierte Stigmatisierung der Jugendlichen, deren "Halbstarkensprache ... ruppig und pöbelhaft" [20] klinge. Obwohl bereits Sabine Pape [21] darauf hingewiesen hat, dass solch positivistisch orientierte Lexikographierungen "nicht als geeignetes Mittel zur Feststellung und Abgrenzung von Gruppensprachen angesehen werden [können], da sie die Pragmatik auslammern [22], hat sich die Forschung bis in die achtziger Jahre weiterhin auf die Lexik konzentriert, wenn auch die Jugend und ihre Sprache [23] - so der Titel einer der promminentesten und empirisch fundierten Untersuchung zum Thema - differenzierter gesehen wurde.

Fußnoten

16.
Vgl. Eike Schönfeld, Abgefahren - eingefahren. Ein Wörterbuch der Jugend- und Knastsprache, Straelen 1986.
17.
Ebd., S. 5.
18.
Vgl. Joachim Stave, Wie die Leute reden. Betrachtungen über 15 Jahre Deutsch in der Bundesrepublik, Lüneburg 1964.
19.
Ebd., S. 195.
20.
Ebd., S. 196.
21.
Vgl. Sabine Pape, Bemerkungen zur sogenannten Teenager- und Twensprache, in: Muttersprache, 93 (1970), S. 290 - 292.
22.
Klaus Brandmeier/Kerstin Wüller, Anmerkungen zu Helmut Henne: Jugend und ihre Sprache. 1986. Berlin-New York, in: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, 41 (1989), S. 147 - 155, hier: S. 149.
23.
Vgl. Susanne Wachau, Empirische Untersuchung zur Sprache Jugendlicher: Über Sprechstile, Schreibstile und Sprachbewusstheit. 3 Bände, Magisterarbeit im FB Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Osnabrück 1990, S. 10.