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22.5.2002 | Von:
Peter Schlobinski

Jugendsprache und Jugendkultur

IV. Von der Jugendsprache zum Jugendton

Helmut Henne geht in seiner Untersuchung davon aus, dass Jugendsprache nicht eine homogene Varietät des Deutschen sei, sondern ein "spielerisches Sekundärgefüge", das folgende strukturelle Merkmale "favorisiert": [24]

- Grüße, Anreden und Partnerbezeichnungen (Tussi);

- griffige Namen und Sprüche (Mach 'n Abgang);

- flotte Redensarten und stereotype Floskeln (Ganz cool bleiben);

- metaphorische, zumeist hyperbolische Sprechweisen (Obermacker = Direktor);

- Repliken mit Entzückungs- und Verdammungswörtern (saugeil);

- prosodische Sprachspielereien, Lautverkürzungen und Lautschwächungen sowie graphostilistische Mittel (wAhnsinnig);

- Lautwörterkombinationen (bäh, würg);

- Worterweiterungen wie z. B. abfahren, Schleimi

Die Gesamtheit dieser "Sprechformen" ergibt einen Sprachstil, dn Henne sprachlich "Jugendton" [25] Wie kommt nun Henne zu solch einer "die jugendlichen Gruppenstile übergreifende[n] Spielart des Sprechens (und, weniger, des Schreibens)" [26] ? Im Zentrum der Untersuchung von Henne steht - neben der Auswertung einzelner Gruppeninterviews - die Auswertung einer schriftlichen Befragung von 536 Schülern und Jugendlichen in Braunschweig, Neuss, Mannheim und Melsungen. Die Methodik ist nicht unproblematisch. Klaus Brandmeier und Kerstin Wüller [27] zeigen im Einzelnen die Schwachpunkte der "Fragebogenjugendsprache" auf. [28]


- Die Sprechsprache "wird mit einem Fragebogen nicht oder nur indirekt erfasst [...] Letztlich untersucht Henne nur Sprachwissensstrukturen" [29];

- aufgrund der Tatsache, dass der Kontext nicht bekannt ist, ist ein Teil der sprachlichen Formen nicht interpretierbar oder wird falsch interpretiert; [30]

- aufrgrund der gewählten Herangehensweise fehlen Belege und deshalb weitgehend Analysen zu Gesprächspartikeln wie z. B. ey;

Der zentrale Kritikpunkt aus linguistischer Perspektive ist der, dass Sprachwissen und nicht der Sprachgebrauch, "Fragebogenjugendsprache" mit Fokussierung auf die Lexik und nicht die tatsächlich gesprochene Sprache im sozialen und situativen Kontext Gegenstand der Untersuchung ist.

Fußnoten

24.
K. Brandmeier/K. Wüller (Anm. 27), S. 149.
25.
Vgl. auch Eva Neuland, Spiegelungen und Gegenspiegelungen. Anregungen für eine zukünftige Jugendsprachforschung, in: Zeitschrift für Germanistische Linguis"tik, 1 (1987), S. 58 - 82, hier: S. 60.
26.
Vgl ebd.
27.
Vgl. Franz Januschek/Peter Schlobinski (Hrsg.), Thema Jugendsprache', Osnabücker Beiträge zur Sprachtheorie; 41 (1989).
28.
Vgl. Johannes Schwitalla, Die vielen Sprachen der Jugendlichen, in: Helmut Geissner/Norbert Gutenberg (Hrsg.), Kann man Kommunikation lehren?, Frankfurt/M. 1988.
29.
Vgl. Dell Hymes, Über Sprechweisen, in: Florian Coulmas (Hrsg.), Soziolinguistik, Frankfurt/M. 1979, S. 166 - 192.
30.
Vgl. John Clarke, Jugendkultur als Widerstand, Frankfurt/M. 1979.