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22.5.2002 | Von:
Peter Schlobinski

Jugendsprache und Jugendkultur

V. Neue Ansätze zur Jugendsprachforschung

Eine Neuorientierung der Jugendsprachforschung auf sozio- und pragmalinguistische Aspekte hin fand Ende der achtziger Jahre statt durch den programmatischen Artikel von Eva Neuland [26] , die Arbeiten in dem Band von Franz Januschek/Peter Schlobinski [27] sowie den Beitrag von Johannes Schwitalla. [28] Dies führte zu einem Paradigmenwechsel von der Lexikographie hin zur so genannten Ethnographie des Sprechens. [29] Das Interesse dieses Ansatzes gilt dem Sprechen in spezifischen Verhaltenskontexten. Gegenstand der Analyse sind konkrete Sprechereignisse und somit sprachliche Formen in Gebrauchskontexten. Dies bedeutet, dass man (mit anderen Methoden) erforschen muss, welche Sprachmuster in welchen gesellschaftlichen Kontexten wann, wo und wie kommuniziert werden. Gegenstand der Analyse sind nicht mehr per Fragebogen erhobene Wörter, sondern spezifische Sprachvarianten als Bausteine eines Sprachstils, welche die funktionalen Sprachregister von einzelnen Jugendlichen und jugendlichen Gruppen konstituieren. Bei der Ausbildung jugendlicher Sprachstile, die Ausdruck des in den jugendlichen Gruppen, Szenen Geltenden sind, ist ein wichtiges Prinzip das der Bricolage. [30] Hierunter ist zu verstehen, dass mit sprachlichen Versatzstücken aus unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen etwas Eigenes, Neues "zusammengebastelt" wird, dass durch den Prozess der De- und Rekontextualisierung eines (sprachlichen) Objektes ein neuer Diskurs entsteht und so jugendkulturelle Stile formiert werden. Der Autor dieses Beitrages zeigt an einer Gruppe von Punks, wie diese durch unterschiedliche Techniken der Einblendungen kultureller Ressourcen in das Gruppengespräch einen Gruppenstil konstituieren, der ein erhebliches gemeinsam geteiltes Wissen voraussetzt und dessen sprachliche Stilmuster nach innen Anerkennung der Gruppenzugehörigkeit (Solidarität) markieren, nach außen indes Abgrenzung gegenüber anderen sozialen Gruppen (Distinktion). [31] Hier spiegeln sich die gesellschaftlichen Veränderungen in den neunziger Jahren insofern wider, als Sprachstile weniger Ausdruck subkultureller Gegenentwürfe, sondern vielmehr "gesammelter" Teilkulturen sind: "Die jugendkulturellen Stile nehmen vielmehr schnelllebige, diffuse eklektizistische und sehr flexible Formen an. Zudem verlieren sie manchmal ihre deutliche wechselseitige Abgrenzung." [32]

Die Entstehung spezifischer jugendkultureller Stile und somit auch von Sprachstilen beruht auf dem Zusammenwirken zweier Momente: dem Rückgriff auf spezifische kulturelle Ressourcen, die über einen nicht unwesentlichen Teil über die Medien vermittelt werden, einerseits und der Schaffung neuer Zusammenhänge andererseits. Das Spiel mit den Versatzstücken der modernen Kommunikationsgesellschaft und der daraus resultierende Collagestil findet sich in der Sprache von Jugendlichen [33] ebenso wie in der Musik, den Musikvideos, in Filmen oder auch in der Mode. Auf der Textebene hat Jannis K. Androutsopoulos [34] anhand von Sprachmaterial aus Fanzines nachgewiesen, dass das intertextuelle Spielfeld der Jugendkultur "einerseits aus massenmedialen Ressourcen (Werbung und Konsumprodukte), andererseits aus jugendkulturspezifischen Ressourcen (Musik) [besteht]" [35] .

In Beispielen wie "Die schwarz-weißeste Versuchung seit es Ska mit lärmenden Gitarren und rauhem Gesang gibt" [36] wird deutlich, wie Medienwissen (Milka-Schokolade-Werbung) als Prätext syntaktisch übernommen und durch lexikalische Substitution und Extension modifiziert wird. Dieser sprachspielerische Umgang mit dem Medienwissen auf der Textebene hat seine Entsprechung in der gesprochenen Sprache, in der blitzartig Zitate und Fragmente aus verschiedenen Medienbereichen in die Kommunikation eingeblendet und modifiziert werden können, wie folgender Ausschnitt aus einem Gespräch zweier 16-Jähriger zeigt [37] :

Elisa: jetzt müssen wir aber

Mimie: die ganzen überraschungseier - ne

Elisa: die russland für fürsorge machen fürbitte mein ich

Mimie: lass die menschen in russland nich so hungern -

und dass die auch mal zwischendurch

eine schöne kleine kleinigkeit (Kichern)

Elisa: und Schokolade - und was zum Spieln - und 'ne Überraschung - eine kleinigkeit die -

Mimie: das nein

Elisa: kinderschokolade

Mimie: außerdem heißt es kinderüberraschung und nicht kinderschokolade

Elisa: aber da is kinderschokolade dran

Mimie: jaa

Elisa: da drum

Mimie: aber trotzdem 's is kinderüberraschung

Elisa: weißt de was und das gibt's trotz ostern - das ganze jahr über

Mimie: ja nich?

Elisa: poo

Mimie: ich hab das sogar zu weihnachten verschenkt (Lachen)

Elisa: frohe ostern und weihnachten und neues jahr und

(...)

Mimie: oh herr - nein

Elisa: nein herr - oh herr

Mimie: oh herr

Elisa: befreie uns von dieser schuld oder von dieser last - oh scheiße

Mimie: von welcher last

Elisa: von den fürbitten ey

Das Medienwissen ist bei Jugendlichen so präsent, dass sie es jederzeit abrufen und in die Kommunikation (kreativ) einbringen können. Andererseits haben die Medien das jugendliche Käuferpotenzial erkannt und stellen ihrerseits ihre Werbung und Kommunikation auf das Zielpublikum ab. "Wir sind mehr als nur ein Fernsehsender, denn wir sind euer Sprachrohr. Wir sind euer Fernsehen, eure Sprache, eure Farben und vor allem eure Musik", so stellt sich der Musikkanal VIVA [38] in einer Pressemappe vor. Bei Stefan Raab, Moderator und Berufsjugendlicher der Sendung VIVAsion, nach eigenem Bekunden die "Inkarnation der Selbstüberschätzung", hört sich dies so an:

"ja (...) schönen guten abend herzlichen glückwunsch guten morgen gute nacht und auf wiedersehen bei viva

wir haben eine (äh) die sagen wir mal erste vom deutschen tierschutzbund lizenzierte kakerlakenseifenoper (...) unsere kleine kakifamily (...) heute wieder mit einer kleinen geschichte am unteren ende der humorskala

hier schreibt jemand (...) ganz groß hier zu lesen (...) mir wächst ein bart (ja) da würd ich sagen ist auf den ersten Blick kein großes problem (...) ja äh (...) das kommt aber dann, wenn man ein bisschen höher guckt (...) ja (...) der junge heißt christine und ist dreizehn jahre alt (...) was haben wir noch"

Bricolage, Ironie und Selbstironisierung, verbale Duelle sind zentrale Praktiken, mit denen Jugendliche angesprochen und durch die medienspezifische Diskurse etabliert werden, die eine gemeinsame Schnittmenge mit Alltagsdiskursen von Jugendlichen herstellen (sollen).

Halten wir fest: Weniger konstitutiv für jugendliche Sprachstile sind einzelne "exotische" Lexeme wie das viel zitierte oberaffengeil [39] als vielmehr die De- und Rekontextualisierung sprachlicher Einheiten, deren Variation auf der Folie kommunikativ-funktionaler Faktoren. Die kulturellen Ressourcen, aus denen Jugendliche schöpfen, entstammen in zunehmendem Maße den Medien, welche die kommerzialisierten und lebensstilorientierten jugendlichen Gruppenstile bedienen. Jugendliches Spiel mit Sprache und Kommunikation hat gegenwärtig in der Regel weniger die Funktion, Protest auszudrücken, sondern ist vielmehr Teil einer durch Medien geprägten Kultur des Spaßes und der Zerstreuung, der Anregung in der Gruppe, in der es um Vergnügen und gelegentlich um "den "Kick" geht. Die Gesprächskultur von Jugendlichen erscheint aus der Erwachsenenperspektive als defizitär, aus der Binnenperspektive jugendlicher Peer-Groups stellt sich dies anders dar: Jugendliche Kommunikationsformen erscheinen "als systematische Resultate einer Orientierung an Unterhaltung und Wettbewerb" [40] . Dabei gelten eigene, von der Erwachsenenwelt abweichende soziale und auch sprachliche Normen. Die Orientierung an Spaß und Identitätsprofilierung ist jedoch janusköpfig, denn sie schafft einerseits "Freiräume für Ungezwungenheit, Tabubruch und das Austesten von Identitäten und sie befreit andererseits von lästigen Zwängen zivilisatorischer Etikette. Erkauft wird dies aber durch den Verlust von Schutz und Schonung, die diese Etikette gewährt, und so entstehen neue Zwänge: Das Individuum muss jederzeit auf der Hut sein [...] und die Orientierung an Spaß und Wettbewerb kann schnell zum Spaßzwang werden" [41] . Und wenn dieser "Spaßzwang" immer mehr unter das Diktat der Mediengesellschaft gerät, dann allerdings stellt sich die Frage, inwieweit jugendliche Gesprächskulturen noch kreativ oder teilweise nicht vielmehr Schablonen, Abziehfolien medial vorgefertigter Stilmuster sind.

Fußnoten

26.
Vgl ebd.
27.
Vgl. Franz Januschek/Peter Schlobinski (Hrsg.), Thema Jugendsprache', Osnabücker Beiträge zur Sprachtheorie; 41 (1989).
28.
Vgl. Johannes Schwitalla, Die vielen Sprachen der Jugendlichen, in: Helmut Geissner/Norbert Gutenberg (Hrsg.), Kann man Kommunikation lehren?, Frankfurt/M. 1988.
29.
Vgl. Dell Hymes, Über Sprechweisen, in: Florian Coulmas (Hrsg.), Soziolinguistik, Frankfurt/M. 1979, S. 166 - 192.
30.
Vgl. John Clarke, Jugendkultur als Widerstand, Frankfurt/M. 1979.
31.
Vgl. Peter Schlobinski, "Frau Meier hat Aids, Herr Tropfmann hat Herpes, was wollen Sie einsetzen?" Exemplarische Analyse eines Sprechstils, in: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, 41 (1989), S. 1 - 34.
32.
Jugend '97: Zukunftsperspektiven, Gesellschaftliches Engagement, Politische Orientierung, Hrsg. Vom Jugendwerk der deutschen Shell, Opladen 1997, S. 21.
33.
Vgl. Peter Schlobinski/Gaby Kohl/Irmgard Ludewigt, Jugendsprache - Fiktion und Wirklichkeit. Opladen 1993; Joan Pujolar, Gender, Heteroglossia and Power. A Sociolinguistic Study of Youth Culture, Berlin-New York 2001.
34.
Vgl. Jannis K. Androutsopoulos, Intertextualität in jugendkulturellen Textsorten, in: Josef Klein/Ulla Fix (Hrsg.), Textbeziehungen. Linguistische und literaturwissenschaftliche Beiträge zur Intertextualität, Tübingen 1997, S. 339 - 372; ders., Deutsche Jugendsprache, Frankfurt/M. 1998.
35.
Vgl. J. K. Androutsopoulos, Intertextualität, ebd., S. 362.
36.
Ebd., S. 343.
37.
Vgl. P. Schlobinski et al. (Anm. 38), S. 114.
38.
Vgl. VIVA-Pressemappe seitens des VIVA-Regionalbüros Hannover, Hannover 1997.
39.
Vgl. Hermann Ehmann, oberaffengeil. Neues Lexikon der Jugendsprache, München 1996.
40.
Vgl. Arnulf Deppermann/Axel Schmidt, Hauptsache Spaß - Zur Eigenart der Unterhaltungskultur Jugendlicher, in: Der Deutschunterricht, 6 (2001), S. 27 - 37, hier: S. 36.
41.
Ebd., S. 36.