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22.5.2002 | Von:
Peter Schlobinski

Jugendsprache und Jugendkultur

Die Auseinandersetzung mit dem Thema 'Jugendsprache' erfolgt traditionell im Bereich 'populärwissenschaftlicher' und/oder journalistischer Zusammenhänge. In der Regel mit dem Ziel, das Thema gut verpackt zu vermarkten.

Einleitung

"Die Düsternis missfällt dem GROSSEN BOSS. Man sieht ja nicht die Hand vor Augen! räsoniert er. Licht! Aber ein bißchen dalli! Prompt wird es hell." [1] So lautet Genesis 1,3 "Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht" in jugendsprachlicher Version. Kriemhilds Traum aus den Nibelungen liest sich im jugendsprachlichen Duktus wie folgt: "Eines Nachts kann Hildchen nicht ordentlich pennen, weil Vollmond ist. Vielleicht hat sie sich aber auch nur zu viel Wildschweinbraten reingepfiffen. Jedenfalls hat sie einen Alptraum, der glatt bei Freudi geklaut sein könnte: sie hat einen Falken hochgepäppelt, auf den sie total spitz ist, lässt ihn eines Tages in Richtung Himmel starten und sieht, wie zwei Adler auf ihn losdüsen und ihn allemachen." [2]

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  • Und das Märchen "Schneewittchen" beginnt auf "Kanakisch" wie folgt: "Es war ma ein krasse geile alte Tuss, dem hatte Stiefkind. Dem alte Tuss hat immern in seim Spiegeln geguckt un den angelabert: ,Spiegeln, Spiegeln an scheissndreck Wand, wem is dem geilste Tuss in Land?

    I. Jugendsprache als Objekt der Medien

    So oder ähnlich sind die Texte, die, mit dem Etikett 'Jugendsprache' oder 'Jugendslang' versehen, nicht nur den Lesestoff von Jugendlichen bilden, sondern auch und gern von Erwachsenen gelesen werden. Für die Beliebtheit solcher Texte und entsprechender Lexika zeugen die zahlreichen Publikationen zum Thema seit den achtziger Jahren. Das wohl bekannteste Beispiel ist der Renner von Claus-Peter Müller-Thurau "Laß uns mal 'ne Schnecke angraben"[4], der in kürzester Zeit in die Bestsellerlisten vorstieß und dem Spiegel einen Artikel wert war. Der stilisierte Slogan auf dem Buchumschlag - "Ein affengeiles Buch, das echt anfetzt, wer es sich reinzieht, wird mehr Durchblick haben" - gibt das Motto vor: Lerne die Jugendsprache und du wirst die Jugend besser verstehen: ein gutes Rezept, wenn es funktionieren würde. Nicht anders das zum neuen Renner avancierte Lexikon "affengeil. Ein Lexikon der Jugendsprache" von Hermann Ehmann[5]. Dort heißt es auf dem Buchrücken: "Die Jugendsprache der neunziger Jahre ist um einiges abgepfiffener als diejenige vergangener Jahrzehnte - und gleichzeitig auch um einiges geiler, heißer und cooler. Wer da bislang öfter mal tierisch ohne Durchblick da stand, der kann nun nach Lektüre dieses Lexikons die Provo-kids radikalinski abfahren lassen und kräftig mitsülzen." Die Buchdeckel der Bücher von Müller-Thurau[6][6] und Ehmann[7] spiegeln den Zeitgeist wider: Ziert ein zart gesprayter Graffity den Einband des ersteren, springt bei dem Buch von Ehmann eine zähnefletschende Comic-Bulldogge aus einem Berliner Mauerbild auf den Betrachter zu. Eine Begründung wird in der Vorbemerkung mitgeliefert: Schließlich gibt es "Entwicklungstendenzen" in der Jugendsprache - "so vor allem die ständig zunehmende Quantität an aggressiven Brutalismen, Grobianismen und vulgären Fäkalismen"[8]. Liegt dem Wörterbuch zumindest eine sprachwissenschaftliche Untersuchung zugrunde[9] - die allerdings auf einer äußerst fragwürdigen Fragebogenerhebung basiert und zu grob pauschalierenden Urteilen kommt -, ordnet Müller-Thurau Wörter und Wendungen hinsichtlich bestimmter Themenkomplexe an, z. B. nach dem Thema Zweierkiste oder Betroffenheit, ohne jedoch irgendeine Basis für diese Zuordnungen zu haben, mit der Konsequenz, "dass er einen entsprechenden Wesenszug von Jugendsprache eher sucht als findet[10]". Der Stoff, aus dem Bücher wie dieses und ähnliche fabriziert sind, stammt aus 'erhörten' Beispielen - wann, wo, unter welchen Bedingungen gehört? - und fiktiven Texten.

    In Wörterbüchern populistischer Machart sind " ...Teile des jugendsprachlichen Lexikons ... Versatzstücke der Medien. Jugendsprache wird medial funktionalisiert, das soll heißen: Sie wird zu einem Spielzeug der Medien"[11].

    II. Jugendsprache und Jugendkultur im Spiegel der Forschung

    Dass dieses 'Spielzeug der Medien' nicht Jugendsprache, sondern eine medial gespiegelte Stilisierung von Jugendsprache ist, ist offensichtlich. Aber auch die Forschungen zur Jugendsprache waren und sind ein Spiegelbild der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse, der Meinungen und Haltungen gegenüber der Jugend' im jeweiligen historischen Kontext.

    In seinem Literaturbericht zur Jugendsprache[12] unterscheidet Edgar Lapp[13] fünf Phasen der Jugendsprachforschung:

    - die Vorläufer: historische Studenten- und Schülersprache;

    - die fünfziger Jahre: "Halbstarken-Chinesisch";

    - die sechziger Jahre: "Teenagerdeutsch";

    - die siebziger Jahre: "APO-Sprache", "Szene-Sprache" und "Schülerdeutsch";

    - die achtziger Jahre: "Die große Vielfalt".

    Über zehn Jahre nach Erscheinen von Lapps Beitrag können wir die Chronologie fortsetzen mit:

    - den neunziger Jahren: "der Mythos von der Jugendsprache", "jugendliche Sprachregister und Sprachstile".

    Es ist kein Zufall, dass die eigentliche Jugendsprachforschung erst nach 1945 ansetzt, denn durch die anglophonen Einflüsse boomte in den fünfziger Jahren eine eigenständige Jugendkultur, die sich gegen die Werte und Normen etablierter Erwachsenenkulturen stellte und weite Teile der Gesellschaft erfasste. Schon damals wurden das "Gezappel" und die "Niggermusik" ebenso kritisiert wie die immer stärker zunehmenden Amerikanismen. Kein Film drückt das Lebensgefühl der jugendlichen Subkultur der fünfziger und beginnenden sechziger Jahre besser aus als Die Halbstarken (1956) mit Horst Buchholz in der Hauptrolle. Seit dem Rock' 'n' Roll haben sich Jugendkulturen ihren Markt erobert und sind als Markt erkannt worden - seit dieser Zeit kann auch erst von einer Jugendsprachforschung gesprochen werden, die immer in sprach- und ideologiekritische Argumentationszusammenhänge eingebunden war. Zentraler Aspekt hierbei war und ist der immer wieder postulierte Sprachverfall durch die Jugend. Jugendsprache sei ein "Jargon einer bestimmten Sondergruppe", der den "größeren und wertvolleren Teil der Jugend erniedrigt und beleidigt", schreibt Heinz Küpper[14] , der in seinem bekannten Wörterbuch der deutschen Umgangssprache[15] Lexikoneinträge eben dieses "Jargons" als "halbwüchsigensprachlich" markiert.

    III. Jugendsprache - Sprach- und Kulturverfall?

    Die Ansicht, dass Jugendliche den Sprach- und Sittenverfall befördern, hat Tradition: Jugendsprachlicher Sprachgebrauch ist unter Umständen akzeptabel, aber "nur solange er sauber bleibt", was "ich an der Jugendsprache hasse, das ist, wenn sie abgleitet in die Fäkaliensprache" (aus einem Lehrerinterview). Die Negativbilder werden noch verstärkt, wenn Wörterbücher erscheinen wie das von Eike Schönfeld [16] , in dem "Jugend- und Knastsprache" in Zusammenhang gebracht wird, was "damit zu tun [hat], daß beide Gruppen am Rande der 'normalen' Gesellschaft [stehen] ... und ihre Randstellung auch in Worten, in einem anderen Sprachgebrauch, zum Ausdruck [bringen]" [17] . Wen wundert es dann, wenn Jugendliche und ihre Kulturen stigmatisiert und in die Sperrbezirke der "normalen" Gesellschaft verbannt werden?

    Wenn Jugendliche als am Rande der Gesellschaft stehend betrachtet werden, so ist es nur konsequent, ihre sprachlichen Ausdrucksformen als Sondersprache zu klassifizieren und die entsprechenden sondersprachlichen Merkmale zu suchen. Dies war die Forschungsstrategie über Jahrzehnte und hat sich im Sammeln von Wörtern niedergeschlagen. Zu welchen Stigmatisierungen eine ideologisch voreingestellte Lexikographie führen kann, zeigt sich beispielhaft bei Joachim Stave zu Synonymen für Mädchen: [18] "Unter den Synonymen für Mädchen (20 außer Zahn) gibt es einige fremdartig klingende Wörter, die etwas lümmelhaft Dumpfes an sich haben: Ische, Brieze, Irze, Mosse, Schramma, Kante, Brumme. Sollten diese Wörter tatsächlich in Umlauf sein (was wir bisher nicht mit Sicherheit feststellen konnten), so sind es treffend Metaphern für eine grobschlächtige Einstellung zum anderen Geschlecht, wie man sie den Halbstarken zutraut." [19]

    Kein Hinweis darauf, dass Ische, Brieze und Brumme berlinische Wörter sind, dass Schramma möglicherweise eine maskuline Form von Schramme ist; keine Einbeziehung des Kontextes in die Bedeutungsanalyse, keine Berücksichtigung regionaler und sozialer Faktoren. Stattdessen: pauschalierte Stigmatisierung der Jugendlichen, deren "Halbstarkensprache ... ruppig und pöbelhaft" [20] klinge. Obwohl bereits Sabine Pape [21] darauf hingewiesen hat, dass solch positivistisch orientierte Lexikographierungen "nicht als geeignetes Mittel zur Feststellung und Abgrenzung von Gruppensprachen angesehen werden [können], da sie die Pragmatik auslammern [22], hat sich die Forschung bis in die achtziger Jahre weiterhin auf die Lexik konzentriert, wenn auch die Jugend und ihre Sprache [23] - so der Titel einer der promminentesten und empirisch fundierten Untersuchung zum Thema - differenzierter gesehen wurde.

    IV. Von der Jugendsprache zum Jugendton

    Helmut Henne geht in seiner Untersuchung davon aus, dass Jugendsprache nicht eine homogene Varietät des Deutschen sei, sondern ein "spielerisches Sekundärgefüge", das folgende strukturelle Merkmale "favorisiert": [24]

    - Grüße, Anreden und Partnerbezeichnungen (Tussi);

    - griffige Namen und Sprüche (Mach 'n Abgang);

    - flotte Redensarten und stereotype Floskeln (Ganz cool bleiben);

    - metaphorische, zumeist hyperbolische Sprechweisen (Obermacker = Direktor);

    - Repliken mit Entzückungs- und Verdammungswörtern (saugeil);

    - prosodische Sprachspielereien, Lautverkürzungen und Lautschwächungen sowie graphostilistische Mittel (wAhnsinnig);

    - Lautwörterkombinationen (bäh, würg);

    - Worterweiterungen wie z. B. abfahren, Schleimi

    Die Gesamtheit dieser "Sprechformen" ergibt einen Sprachstil, dn Henne sprachlich "Jugendton" [25] Wie kommt nun Henne zu solch einer "die jugendlichen Gruppenstile übergreifende[n] Spielart des Sprechens (und, weniger, des Schreibens)" [26] ? Im Zentrum der Untersuchung von Henne steht - neben der Auswertung einzelner Gruppeninterviews - die Auswertung einer schriftlichen Befragung von 536 Schülern und Jugendlichen in Braunschweig, Neuss, Mannheim und Melsungen. Die Methodik ist nicht unproblematisch. Klaus Brandmeier und Kerstin Wüller [27] zeigen im Einzelnen die Schwachpunkte der "Fragebogenjugendsprache" auf. [28]


    - Die Sprechsprache "wird mit einem Fragebogen nicht oder nur indirekt erfasst [...] Letztlich untersucht Henne nur Sprachwissensstrukturen" [29];

    - aufgrund der Tatsache, dass der Kontext nicht bekannt ist, ist ein Teil der sprachlichen Formen nicht interpretierbar oder wird falsch interpretiert; [30]

    - aufrgrund der gewählten Herangehensweise fehlen Belege und deshalb weitgehend Analysen zu Gesprächspartikeln wie z. B. ey;

    Der zentrale Kritikpunkt aus linguistischer Perspektive ist der, dass Sprachwissen und nicht der Sprachgebrauch, "Fragebogenjugendsprache" mit Fokussierung auf die Lexik und nicht die tatsächlich gesprochene Sprache im sozialen und situativen Kontext Gegenstand der Untersuchung ist.

    V. Neue Ansätze zur Jugendsprachforschung

    Eine Neuorientierung der Jugendsprachforschung auf sozio- und pragmalinguistische Aspekte hin fand Ende der achtziger Jahre statt durch den programmatischen Artikel von Eva Neuland [26] , die Arbeiten in dem Band von Franz Januschek/Peter Schlobinski [27] sowie den Beitrag von Johannes Schwitalla. [28] Dies führte zu einem Paradigmenwechsel von der Lexikographie hin zur so genannten Ethnographie des Sprechens. [29] Das Interesse dieses Ansatzes gilt dem Sprechen in spezifischen Verhaltenskontexten. Gegenstand der Analyse sind konkrete Sprechereignisse und somit sprachliche Formen in Gebrauchskontexten. Dies bedeutet, dass man (mit anderen Methoden) erforschen muss, welche Sprachmuster in welchen gesellschaftlichen Kontexten wann, wo und wie kommuniziert werden. Gegenstand der Analyse sind nicht mehr per Fragebogen erhobene Wörter, sondern spezifische Sprachvarianten als Bausteine eines Sprachstils, welche die funktionalen Sprachregister von einzelnen Jugendlichen und jugendlichen Gruppen konstituieren. Bei der Ausbildung jugendlicher Sprachstile, die Ausdruck des in den jugendlichen Gruppen, Szenen Geltenden sind, ist ein wichtiges Prinzip das der Bricolage. [30] Hierunter ist zu verstehen, dass mit sprachlichen Versatzstücken aus unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen etwas Eigenes, Neues "zusammengebastelt" wird, dass durch den Prozess der De- und Rekontextualisierung eines (sprachlichen) Objektes ein neuer Diskurs entsteht und so jugendkulturelle Stile formiert werden. Der Autor dieses Beitrages zeigt an einer Gruppe von Punks, wie diese durch unterschiedliche Techniken der Einblendungen kultureller Ressourcen in das Gruppengespräch einen Gruppenstil konstituieren, der ein erhebliches gemeinsam geteiltes Wissen voraussetzt und dessen sprachliche Stilmuster nach innen Anerkennung der Gruppenzugehörigkeit (Solidarität) markieren, nach außen indes Abgrenzung gegenüber anderen sozialen Gruppen (Distinktion). [31] Hier spiegeln sich die gesellschaftlichen Veränderungen in den neunziger Jahren insofern wider, als Sprachstile weniger Ausdruck subkultureller Gegenentwürfe, sondern vielmehr "gesammelter" Teilkulturen sind: "Die jugendkulturellen Stile nehmen vielmehr schnelllebige, diffuse eklektizistische und sehr flexible Formen an. Zudem verlieren sie manchmal ihre deutliche wechselseitige Abgrenzung." [32]

    Die Entstehung spezifischer jugendkultureller Stile und somit auch von Sprachstilen beruht auf dem Zusammenwirken zweier Momente: dem Rückgriff auf spezifische kulturelle Ressourcen, die über einen nicht unwesentlichen Teil über die Medien vermittelt werden, einerseits und der Schaffung neuer Zusammenhänge andererseits. Das Spiel mit den Versatzstücken der modernen Kommunikationsgesellschaft und der daraus resultierende Collagestil findet sich in der Sprache von Jugendlichen [33] ebenso wie in der Musik, den Musikvideos, in Filmen oder auch in der Mode. Auf der Textebene hat Jannis K. Androutsopoulos [34] anhand von Sprachmaterial aus Fanzines nachgewiesen, dass das intertextuelle Spielfeld der Jugendkultur "einerseits aus massenmedialen Ressourcen (Werbung und Konsumprodukte), andererseits aus jugendkulturspezifischen Ressourcen (Musik) [besteht]" [35] .

    In Beispielen wie "Die schwarz-weißeste Versuchung seit es Ska mit lärmenden Gitarren und rauhem Gesang gibt" [36] wird deutlich, wie Medienwissen (Milka-Schokolade-Werbung) als Prätext syntaktisch übernommen und durch lexikalische Substitution und Extension modifiziert wird. Dieser sprachspielerische Umgang mit dem Medienwissen auf der Textebene hat seine Entsprechung in der gesprochenen Sprache, in der blitzartig Zitate und Fragmente aus verschiedenen Medienbereichen in die Kommunikation eingeblendet und modifiziert werden können, wie folgender Ausschnitt aus einem Gespräch zweier 16-Jähriger zeigt [37] :

    Elisa: jetzt müssen wir aber

    Mimie: die ganzen überraschungseier - ne

    Elisa: die russland für fürsorge machen fürbitte mein ich

    Mimie: lass die menschen in russland nich so hungern -

    und dass die auch mal zwischendurch

    eine schöne kleine kleinigkeit (Kichern)

    Elisa: und Schokolade - und was zum Spieln - und 'ne Überraschung - eine kleinigkeit die -

    Mimie: das nein

    Elisa: kinderschokolade

    Mimie: außerdem heißt es kinderüberraschung und nicht kinderschokolade

    Elisa: aber da is kinderschokolade dran

    Mimie: jaa

    Elisa: da drum

    Mimie: aber trotzdem 's is kinderüberraschung

    Elisa: weißt de was und das gibt's trotz ostern - das ganze jahr über

    Mimie: ja nich?

    Elisa: poo

    Mimie: ich hab das sogar zu weihnachten verschenkt (Lachen)

    Elisa: frohe ostern und weihnachten und neues jahr und

    (...)

    Mimie: oh herr - nein

    Elisa: nein herr - oh herr

    Mimie: oh herr

    Elisa: befreie uns von dieser schuld oder von dieser last - oh scheiße

    Mimie: von welcher last

    Elisa: von den fürbitten ey

    Das Medienwissen ist bei Jugendlichen so präsent, dass sie es jederzeit abrufen und in die Kommunikation (kreativ) einbringen können. Andererseits haben die Medien das jugendliche Käuferpotenzial erkannt und stellen ihrerseits ihre Werbung und Kommunikation auf das Zielpublikum ab. "Wir sind mehr als nur ein Fernsehsender, denn wir sind euer Sprachrohr. Wir sind euer Fernsehen, eure Sprache, eure Farben und vor allem eure Musik", so stellt sich der Musikkanal VIVA [38] in einer Pressemappe vor. Bei Stefan Raab, Moderator und Berufsjugendlicher der Sendung VIVAsion, nach eigenem Bekunden die "Inkarnation der Selbstüberschätzung", hört sich dies so an:

    "ja (...) schönen guten abend herzlichen glückwunsch guten morgen gute nacht und auf wiedersehen bei viva

    wir haben eine (äh) die sagen wir mal erste vom deutschen tierschutzbund lizenzierte kakerlakenseifenoper (...) unsere kleine kakifamily (...) heute wieder mit einer kleinen geschichte am unteren ende der humorskala

    hier schreibt jemand (...) ganz groß hier zu lesen (...) mir wächst ein bart (ja) da würd ich sagen ist auf den ersten Blick kein großes problem (...) ja äh (...) das kommt aber dann, wenn man ein bisschen höher guckt (...) ja (...) der junge heißt christine und ist dreizehn jahre alt (...) was haben wir noch"

    Bricolage, Ironie und Selbstironisierung, verbale Duelle sind zentrale Praktiken, mit denen Jugendliche angesprochen und durch die medienspezifische Diskurse etabliert werden, die eine gemeinsame Schnittmenge mit Alltagsdiskursen von Jugendlichen herstellen (sollen).

    Halten wir fest: Weniger konstitutiv für jugendliche Sprachstile sind einzelne "exotische" Lexeme wie das viel zitierte oberaffengeil [39] als vielmehr die De- und Rekontextualisierung sprachlicher Einheiten, deren Variation auf der Folie kommunikativ-funktionaler Faktoren. Die kulturellen Ressourcen, aus denen Jugendliche schöpfen, entstammen in zunehmendem Maße den Medien, welche die kommerzialisierten und lebensstilorientierten jugendlichen Gruppenstile bedienen. Jugendliches Spiel mit Sprache und Kommunikation hat gegenwärtig in der Regel weniger die Funktion, Protest auszudrücken, sondern ist vielmehr Teil einer durch Medien geprägten Kultur des Spaßes und der Zerstreuung, der Anregung in der Gruppe, in der es um Vergnügen und gelegentlich um "den "Kick" geht. Die Gesprächskultur von Jugendlichen erscheint aus der Erwachsenenperspektive als defizitär, aus der Binnenperspektive jugendlicher Peer-Groups stellt sich dies anders dar: Jugendliche Kommunikationsformen erscheinen "als systematische Resultate einer Orientierung an Unterhaltung und Wettbewerb" [40] . Dabei gelten eigene, von der Erwachsenenwelt abweichende soziale und auch sprachliche Normen. Die Orientierung an Spaß und Identitätsprofilierung ist jedoch janusköpfig, denn sie schafft einerseits "Freiräume für Ungezwungenheit, Tabubruch und das Austesten von Identitäten und sie befreit andererseits von lästigen Zwängen zivilisatorischer Etikette. Erkauft wird dies aber durch den Verlust von Schutz und Schonung, die diese Etikette gewährt, und so entstehen neue Zwänge: Das Individuum muss jederzeit auf der Hut sein [...] und die Orientierung an Spaß und Wettbewerb kann schnell zum Spaßzwang werden" [41] . Und wenn dieser "Spaßzwang" immer mehr unter das Diktat der Mediengesellschaft gerät, dann allerdings stellt sich die Frage, inwieweit jugendliche Gesprächskulturen noch kreativ oder teilweise nicht vielmehr Schablonen, Abziehfolien medial vorgefertigter Stilmuster sind.
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    Fußnoten

    1.
    Fred Denger, Der grosse Boss: d. Altes Testament unverschämt fromm neu erzählt, Frankfurt/M. 1984, S. 17.
    2.
    Uta Claus/Rolf Kutschera Rolf, Total krasse Helden. Die bockstarke Story von den Nibelungen, Frankfurt/M. 1986, S. 23 - 24.
    4.
    Claus-Peter Müller-Thurau, Laß uns mal ‘ne Schnecke angraben. Sprache und Sprüche der Jugendszene, Düsseldorf-Wien 1983.
    5.
    Hermann Ehmann, affengeil. Ein Lexikon der Jugendsprache, München 1982.
    6.
    Vgl. C.-P. Müller-Thurau (Anm. 4).
    6.
    Vgl. C.-P. Müller-Thurau (Anm. 4).
    7.
    Vgl. H. Ehmann (Anm. 5).
    8.
    Ebd., S. 10
    9.
    Vgl. Hermann Ehmann, Jugendsprache und Dialekt, Opladen 1982.
    10.
    Franz Januschek, Die Erfindung der Jugendsprache, in: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, 41 (1989), S. 125 - 146, hier: S. 137.
    11.
    Helmut Henne, Jugend und ihre Sprache. Darstellung, Materialien, Kritik, Berlin-New York 1986, S. 198.
    12.
    Zum Forschungsstand vgl. auch die Studienbibliographie von Eva Neuland, Jugendsprache (= Studienbibliographien Sprachwissenschaft 29), Heidelberg 1999.
    13.
    Vgl. Edgar Lapp, Jugendsprache: Sprechart und Sprachgeschichte seit 1945. Ein Literaturbericht, in: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht, 63 (1989), S. 53 - 75.
    14.
    Vgl. Heinz Küpper, Zur Sprache der Jugend, in: Sprachwart, 10 (1961), S. 186 - 188, hier: S. 188.
    15.
    Heinz Küpper, Wörterbuch der deutschen Umgangssprache, Stuttgart 1990.
    16.
    Vgl. Eike Schönfeld, Abgefahren - eingefahren. Ein Wörterbuch der Jugend- und Knastsprache, Straelen 1986.
    17.
    Ebd., S. 5.
    18.
    Vgl. Joachim Stave, Wie die Leute reden. Betrachtungen über 15 Jahre Deutsch in der Bundesrepublik, Lüneburg 1964.
    19.
    Ebd., S. 195.
    20.
    Ebd., S. 196.
    21.
    Vgl. Sabine Pape, Bemerkungen zur sogenannten Teenager- und Twensprache, in: Muttersprache, 93 (1970), S. 290 - 292.
    22.
    Klaus Brandmeier/Kerstin Wüller, Anmerkungen zu Helmut Henne: Jugend und ihre Sprache. 1986. Berlin-New York, in: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, 41 (1989), S. 147 - 155, hier: S. 149.
    23.
    Vgl. Susanne Wachau, Empirische Untersuchung zur Sprache Jugendlicher: Über Sprechstile, Schreibstile und Sprachbewusstheit. 3 Bände, Magisterarbeit im FB Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Osnabrück 1990, S. 10.
    24.
    K. Brandmeier/K. Wüller (Anm. 27), S. 149.
    25.
    Vgl. auch Eva Neuland, Spiegelungen und Gegenspiegelungen. Anregungen für eine zukünftige Jugendsprachforschung, in: Zeitschrift für Germanistische Linguis"tik, 1 (1987), S. 58 - 82, hier: S. 60.
    26.
    Vgl ebd.
    27.
    Vgl. Franz Januschek/Peter Schlobinski (Hrsg.), Thema Jugendsprache', Osnabücker Beiträge zur Sprachtheorie; 41 (1989).
    28.
    Vgl. Johannes Schwitalla, Die vielen Sprachen der Jugendlichen, in: Helmut Geissner/Norbert Gutenberg (Hrsg.), Kann man Kommunikation lehren?, Frankfurt/M. 1988.
    29.
    Vgl. Dell Hymes, Über Sprechweisen, in: Florian Coulmas (Hrsg.), Soziolinguistik, Frankfurt/M. 1979, S. 166 - 192.
    30.
    Vgl. John Clarke, Jugendkultur als Widerstand, Frankfurt/M. 1979.
    26.
    Vgl ebd.
    27.
    Vgl. Franz Januschek/Peter Schlobinski (Hrsg.), Thema Jugendsprache', Osnabücker Beiträge zur Sprachtheorie; 41 (1989).
    28.
    Vgl. Johannes Schwitalla, Die vielen Sprachen der Jugendlichen, in: Helmut Geissner/Norbert Gutenberg (Hrsg.), Kann man Kommunikation lehren?, Frankfurt/M. 1988.
    29.
    Vgl. Dell Hymes, Über Sprechweisen, in: Florian Coulmas (Hrsg.), Soziolinguistik, Frankfurt/M. 1979, S. 166 - 192.
    30.
    Vgl. John Clarke, Jugendkultur als Widerstand, Frankfurt/M. 1979.
    31.
    Vgl. Peter Schlobinski, "Frau Meier hat Aids, Herr Tropfmann hat Herpes, was wollen Sie einsetzen?" Exemplarische Analyse eines Sprechstils, in: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, 41 (1989), S. 1 - 34.
    32.
    Jugend '97: Zukunftsperspektiven, Gesellschaftliches Engagement, Politische Orientierung, Hrsg. Vom Jugendwerk der deutschen Shell, Opladen 1997, S. 21.
    33.
    Vgl. Peter Schlobinski/Gaby Kohl/Irmgard Ludewigt, Jugendsprache - Fiktion und Wirklichkeit. Opladen 1993; Joan Pujolar, Gender, Heteroglossia and Power. A Sociolinguistic Study of Youth Culture, Berlin-New York 2001.
    34.
    Vgl. Jannis K. Androutsopoulos, Intertextualität in jugendkulturellen Textsorten, in: Josef Klein/Ulla Fix (Hrsg.), Textbeziehungen. Linguistische und literaturwissenschaftliche Beiträge zur Intertextualität, Tübingen 1997, S. 339 - 372; ders., Deutsche Jugendsprache, Frankfurt/M. 1998.
    35.
    Vgl. J. K. Androutsopoulos, Intertextualität, ebd., S. 362.
    36.
    Ebd., S. 343.
    37.
    Vgl. P. Schlobinski et al. (Anm. 38), S. 114.
    38.
    Vgl. VIVA-Pressemappe seitens des VIVA-Regionalbüros Hannover, Hannover 1997.
    39.
    Vgl. Hermann Ehmann, oberaffengeil. Neues Lexikon der Jugendsprache, München 1996.
    40.
    Vgl. Arnulf Deppermann/Axel Schmidt, Hauptsache Spaß - Zur Eigenart der Unterhaltungskultur Jugendlicher, in: Der Deutschunterricht, 6 (2001), S. 27 - 37, hier: S. 36.
    41.
    Ebd., S. 36.