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22.5.2002 | Von:
Roland Roth

Globalisierungsprozesse und Jugendkulturen

Jugendkulturen werden meist als bunte lokale und regionale Angelegenheit, als Vielfalt von mehr oder weniger frei gewählten Lebensstilen wahrgenommen. Diese Sichtweise scheint heute nicht mehr angemessen.

I. Zwei Thesen

Der Titel dieses Beitrags ist nicht als Verbeugung vor einem Modethema zu verstehen. Tatsächlich muss Globalisierung heute für vieles herhalten, wird sie mit allem Möglichen zu kombinieren versucht. Die Überschrift dieses Beitrags enthält vielmehr zwei zugespitzte Thesen, die nachfolgend illustriert und ausgeführt werden:

1. Jugendkulturen, die meist als bunte, lokale und regionale Lebensformen und in ihrer Vielfalt frei gewählter Lebensstile wahrgenommen werden, sind durch Globalisierungsprozesse einem massiven Veränderungsdruck ausgesetzt. Globale Entwicklungen wirken stärker denn je strukturierend auf Jugendkulturen, ihre Themen und Ausdrucksformen.

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  • Dieser Blick auf Jugendkulturen ist keineswegs selbstverständlich, werden diese doch gemeinhin unter anderen Gesichtspunkten betrachtet. Als eigensinnige Gesellungsformen für einen spezifischen Lebensabschnitt (Adoleszenz und Postadoleszenz) gestalten Jugendkulturen einen historisch und milieuübergreifend länger und bedeutsamer gewordenen Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenstatus - einen Übergang, der von massiven Distanzierungen von der und mit Provokationen der Erwachsenenwelt begleitet sein kann. Die Rebellion der Jungen gegen die Autorität und Macht der Alten gilt als Dauerthema der Jugendkulturen des zurückliegenden Jahrhunderts. [1] Den beteiligten Jugendlichen bieten sie Erfahrungsräume mit Gleichaltrigen, die vor ähnlichen Aufgaben stehen. Sich von den Jugendkulturen der Eltern abzusetzen gehört jedenfalls dazu und erlaubt generationstypische Erfahrungswelten. In den verschiedenen Jugendkulturen sind zugleich klassen- und milieuspezifische Prägungen wirksam, die wesentlich zur Reproduktion der Herkunftsmilieus beitragen, gelegentlich aber auch zu Neuorientierungen verhelfen. Schließlich bilden Jugendkulturen und konkurrierende Jugendcliquen hierarchische Muster untereinander aus, die von Sub- und Gegenkulturen herausgefordert und bestätigt werden.

    All diese Funktionen sollen nicht bestritten werden. Themen und Stile von Jugendkulturen sind jedoch weniger denn je ausschließlich lokal und regional geprägt oder im Gefüge nationaler Klassen-, Schichtungs- und Milieuverhältnisse verstehbar. Die Kraft von Jugendkulturen, die dominanten Lebensweisen einer Gesellschaft herauszufordern und kreativ zu verändern ("lieber lebendig als normal"), wurde bislang vorwiegend im nationalen Zusammenhang gesehen. Unschwer lassen sich jedoch über das gesamte 20. Jahrhundert jugendkulturelle Strömungen und Musikstile identifizieren, die internationalen Charakter haben: Diese reichen von der Boheme und der Jugendbewegung nach 1900 sowie der Jazz- und Swingbegeisterung, die in den 1920er Jahren einsetzte, über die "Halbstarken"- und Teenagerbewegung bis zu den Beat-, Rock- und Hippiegenerationen nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit den sechziger Jahren hat die dichte Welle von jugendspezifischen Musikrichtungen, von Konsum- und Lebensstilen ohnehin weitgehend internationalen Charakter. Zumindest gelten die Jugendszenen in den USA und in Großbritannien weltweit als Quelle der Dauerinspiration. Dieser transnationale Kontext stand jedoch bislang nicht im Vordergrund entsprechender Untersuchungen. Auch in der Debatte über die weltweiten Proteste, die mit "1968" in Verbindung gebracht werden, sowie über die Themen der nachfolgenden Neuen Sozialen Bewegungen (Feminismus, Ökologie, Pazifismus usw.) wird diese Themendiffusion anerkannt, aber es sind die besonderen Gelegenheitsstrukturen der nationalen politischen Kultur, die als entscheidend für das Schicksal der Themen, Proteste und Mobilisierungen angesehen werden. Die Dichte und Wirksamkeit globaler wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Prozesse machen es jedoch heute sinnvoll, deren Eigengewicht für die Herausbildung und Transformation von lokalen und regionalen Jugendkulturen zu betonen. Gleichzeitig gibt es Ansätze zu transnationalen Jugendkulturen.

    2. Jugendkulturen - bzw. deren Träger - versuchen zunehmend selbst Einfluss auf diese Globalisierungsprozesse zu nehmen, sie eigensinnig zu nutzen, zu gestalten oder zurückzudrängen. Das ist die andere Seite dieser Entwicklung.

    Seit den Mobilisierungen gegen die Sitzungen der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle Ende 1999 begleitet eine Protestkarawane internationale ökonomische und politische Gipfeltreffen. Dabei handelt es sich um alles andere als eine einheitliche Bewegung. Unter anderem Gewerkschaftsgruppen, postkommunistische Linke und katholische Gemeinden, Umweltgruppen, Tierschützer, Feministinnen befinden sich unter den größtenteils jugendlichen Protestierenden. Aber nicht nur das Alter der bei solchen Gelegenheiten Festgenommenen verweist auf den hohen Anteil von Jugendlichen an den globalisierungskritischen Protesten. Nicht selten bilden sie - nicht zuletzt wegen ihrer Netzkompetenzen - die organisatorischen Knoten der transnationalen Mobilisierungsnetzwerke. Ereignisse und Themen der transnationalen Politik dominieren, auch wenn jeweils nationale Subthemen eingespeist werden. Aber nicht nur für die spektakulären Gipfelproteste gilt, dass der Versuch unternommen wird, auf die Agenda globaler Transformationen Einfluss zu nehmen. Solche Orientierungen finden sich auch in anderen Jugendkulturen. Worum geht es dabei?

    Fußnoten

    1.
    Einen eindrucksvollen Überblick bietet der Ausstellungskatalog Deutscher Werkbund e. V./Württembergischer Kunstverein Stuttgart (Hrsg.), Schock und Schöpfung. Jugendästhetik im 20. Jahrhundert, Darmstadt - Neuwied 1986.