30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

22.5.2002 | Von:
Uwe Halbach

Islam und islamistische Bewegungen in Zentralasien

Vor zehn Jahren feierten Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan ihre Unabhängigkeit. In letzter Zeit wurde ihnen internationale Aufmerksamkeit zuteil - vor allem im Zusammenhang mit regionalen Ausstrahlungen des afghanischen Konfliktherds.

Einleitung

Die Maßnahmen zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus rücken derzeit nicht nur Afghanistan und Pakistan, sondern auch die vor zehn Jahren unabhängig gewordenen Staaten des ehemals sowjetischen Zentralasien in den Mittelpunkt weltweiter Aufmerksamkeit. Dabei waren Ausstrahlungen des afghanischen Konfliktherds auf seine nördliche Umgebung für die betroffenen Staaten schon lange zuvor zum beherrschenden Thema regionaler Sicherheitspolitik geworden. Undichte Grenzen, Drogenhandel und länderübergreifender Terrorismus wurden spätestens seit 1999 als Bedrohungsfaktoren für die Region hervorgehoben. Auch das Thema "Islamismus im GUS-Raum" fand von diesem Zeitpunkt an stärkere internationale Beachtung. Die Hauptgründe dafür waren der erneute Krieg in Tschetschenien, der von Russland zunehmend als ein Abwehrkampf gegen "internationalen Islamismus" dargestellt wurde, Terrorakte in Usbekistan und die ersten Einfälle bewaffneter Einheiten einer "Islamischen Bewegung Usbekistans" (IBU) aus Afghanistan in Grenzgebiete zentralasiatischer Staaten im Ferganatal. Diese Vorgänge machten die IBU, die in der Region propagandistisch tätige "Hizb ut Tahrir al Islami" (Islamische Befreiungspartei) oder als "Wahhabiten" [1] bezeichnete religiöse Aktivisten in Muslimregionen Russlands über die GUS hinaus bekannt.

  • PDF-Icon PDF-Version: 64 KB




  • Angesichts der Entwicklung Afghanistans zur Drehscheibe international agierender Dschihad-Bewegungen wurde in russischen und zentralasiatischen Quellen mitunter der Eindruck einer von außen in den eurasischen Raum zielenden islamistischen Großoffensive erzeugt. Die Wahrnehmung eines "Mongolensturms" religiöser Extremisten, einer "Talibanisierung" Zentralasiens und Eurasiens wurde nach dem 11. September noch verstärkt. So antwortete zum Beispiel Gleb Pawlowskij, ein Berater des russischen Präsidenten, auf die Frage, wie Moskau die Stationierung amerikanischer Streitkräfte in Usbekistan bewerte: "Besser Amerikaner in Usbekistan als Taliban in Tatarstan."

    Fußnoten

    1.
    In historischer Hinsicht bezeichnet der Begriff einen prominenten, weil politikmächtigen Fall islamischer Reformbewegung auf der arabischen Halbinsel: die puritanische Lehre des Muhammad Ibn Abd al Wahhab (1703 - 1792), die zur ideologischen Grundlage saudischer Machtbildung wurde. Sie steht für eine äußerst rigide Ausrichtung auf den "reinen" Islam, wie er zur Zeit der frühesten Glaubensgemeinde praktiziert wurde, und für die strikte Ablehnung nachkoranischer Neuerungen.