APUZ Dossier Bild

22.5.2002 | Von:
Renate Kreile

Die Taliban und die Frauenfrage

Eine historisch strukturelle Perspektive

II. Staatsbildung und Gender in Afghanistan: eine historisch- strukturelle Perspektive

1. Staatsfeministische Modernisierung unter Amanullah



Seit der Entstehung eines modernen afghanischen Staates Ende des 19. Jahrhunderts ist die politische Dynamik Afghanistans wesentlich von zwei Prozessen bestimmt: von staatlichen Zentralisierungsbemühungen auf der einen und der Resistenz einer sozial und politisch stark segmentierten, am Erhalt ihrer relativen Autonomie interessierten ländlichen Gesellschaft auf der anderen Seite. Der politische Arm der Zentrale reichte nie allzu weit. Außerhalb Kabuls und einiger städtischer Verwaltungszentren existierte fortdauernd ein eigenes gesellschaftliches Milieu, das allerdings 90 Prozent der afghanischen Bevölkerung umfasste. "Kabul repräsentierte den ,Staat" - das ländliche Afghanistan die ,Gesellschaft"." [6]

In der traditionalen Gesellschaft waren Status und Bewegungsspielräume der Frauen je nach regionaler, tribaler und sozialer Zugehörigkeit durchaus unterschiedlich, ungeachtet ihrer deutlich untergeordneten Rechtsposition. [7] Nomadenfrauen gingen häufig unverschleiert, während insbesondere Frauen der oberen Schichten in strikter purdah [8] lebten. Insgesamt stellen die Geschlechtertrennung und der weitgehende Ausschluss der Frauen aus dem öffentlichen Raum allerdings bis in die jüngste Zeit ein zentrales Strukturprinzip der afghanischen Gesellschaft dar. Noch in den siebziger Jahren gingen in Kabul ca. 70 Prozent der Frauen in der Öffentlichkeit verschleiert. [9] Die Ethnologin Iren von Moos hat bei ihren Feldforschungen im ländlichen Afghanistan in den achtziger Jahren die Erfahrung gemacht, wie höchst unterschiedlich im Vergleich zu westlichen Vorstellungen afghanische Frauen ihre Einbindung in das System der Geschlechtertrennung bewerten: "Schließlich erzählten sie mir, was ihr Leben eigentlich ausmacht. Dazu gehört die Familie, das Leben mit den Frauen ihrer Familie, mit den Frauen der Nachbarn und den verwandten Frauen. Für sie war es unerklärlich, dass ich allein bei ihnen war und mich dabei nicht schlecht fühlte. ... Als ich erklärte, dass ich mit meinem Mann gekommen war, fanden sie das zwar in Ordnung, aber auch komisch, denn die Reise zwang mich, mit Männern zusammenzusein, mit ihnen zu wandern, zu essen und zu sprechen. Das würden sie nie machen." [10] Frauen, die in die traditionellen Strukturen eingebunden sind und das System der Geschlechtertrennung auch aktiv mitgestalten und mittragen, sehen sich durch die räumliche Trennung von den Männern im Alltagsleben und ihren Ausschluss aus dem öffentlichen Raum nicht zwangsläufig benachteiligt: "Männer in deinem Kopf schwächen deinen Verstand. ... Männer müssen den ganzen Tag außer Haus verbringen, was findest du dabei an ihrem Gerede? Bei den wichtigsten Ereignissen sind sie nicht anwesend, auch bei der Geburt eines Kindes nicht. ... Selbst ihre Ehre liegt in unseren Händen, verletzbar werden Männer über uns." [11]

Jenseits ihres Ausschlusses aus dem öffentlichen Leben erfreuen sich die Frauen in den familialen, clan-, stammes- oder auch dorfgebundenen Binnenbeziehungen beachtlicher Entscheidungsbefugnisse. Zwar sind die Frauen den Männern untergeordnet, aber im Rahmen von Subsistenzwirtschaft und komplementärer Arbeitsteilung sind Frauen und Männer aufeinander angewiesen, und Intelligenz und Stärke bei einer Frau gelten als wünschenswerte Eigenschaften, die für die Familie von Nutzen sind. Auch wenn Frauen in der Öffentlichkeit keine Stimme haben, vertreten sie dennoch einen eigenen Standpunkt und ihre Sichtweisen werden respektiert. Die Unversehrtheit der Frauen gilt als höchstes Gut. In einer durch Fehden und kriegerische Auseinandersetzungen geprägten Gesellschaft müssen die Frauen besonders geschützt werden, denn "der Verlust einer Frau setzt den kinderlosen Mann der Schutzlosigkeit aus: Ohne eigene Söhne wird er Übergriffen anderer Männer kaum standhalten können" [12] . Als Repräsentantinnen der Ehre der Männer und Symbol für die Identität, Integrität und Kontinuität der Gemeinschaften genießen Frauen, sofern sie ihre eigene Ehre zu wahren wissen, sprich die Regeln von purdah und sexueller "Tugendhaftigkeit" befolgen und sich rollenkonform verhalten, insbesondere als Mütter hohe Wertschätzung. [13]

Eine grundlegende Umgestaltung und Modernisierung von Staat und Gesellschaft versuchte erstmalig König Amanullah seit 1919 in die Wege zu leiten. Beeinflusst von reformislamischen Ideen wie auch von den Entwicklungen in der Türkei und Iran, nahm Amanullah gesetzliche Reformen in Angriff, die die Geschlechterverhältnisse transformieren und die ungünstige Rechtsposition der Frau verbessern sollten. Gleichzeitig zielten die "staatsfeministischen" Eingriffe in die Geschlechterverhältnisse darauf ab, den strukturellen Zusammenhalt und die Autonomie der partikularen Gemeinschaften aufzubrechen. Der modernisierende Staat machte sich im Interesse des nation-building daran, den familiären, tribalen und religiösen Patriarchen die Kontrolle über "ihre" Frauen streitig zu machen, was deren erbitterten Widerstand hervorrief.

Das 1921 erlassene Ehe- und Heiratsgesetz spricht den Frauen "gemäß den ehrwürdigen Gesetzen der Religion und entsprechend der Hanafitischen Schule rechtliche Gleichheit" [14] zu. Frau und Mann sollen der Eheschließung zustimmen. Strukturfunktional betrachtet, heißt dies, die Eheschließung aus ihrem traditionalen Bedeutungskontext zu lösen, in dem die Heirat eine Allianz zwischen Familienverbänden konstituiert. Ein komplexer sozialer Prozess, der für den Zusammenhalt der primären Solidargemeinschaften zentral ist, wird gleichsam zur Privatsache, zur Angelegenheit zweier Individuen, der Braut und des Bräutigams, erklärt. Der Versuch, eine Ehe zu propagieren, die auf dem Konsens beider Partner beruht und somit individuelle Interessen gegenüber den Belangen der primären Solidareinheiten favorisiert, war jedoch in einer Gesellschaft, in der vor allem die Zugehörigkeit zum Kollektiv Schutz und Existenzsicherung ermöglichte, zum Scheitern verurteilt.

Auch die Bestrebungen Amanullahs, landesweit Schulen für Mädchen zu etablieren und die burqa abzuschaffen, stießen weithin auf entschlossene Ablehnung. 1929 wurde Amanullah gestürzt; im Namen der Heiligkeit des Islam wurde die Pflicht der Frauen zur Verschleierung aufs Neue bekräftigt, die Mädchenschulen wurden geschlossen. [15]

Die folgenden Jahrzehnte brachten eine allmähliche schrittweise Verbesserung der Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten, insbesondere für eine Minderheit der Frauen aus den sich verbreiternden modernen städtischen Mittelschichten. 1959 wurde den Frauen das Recht zugesprochen, sich unverschleiert in der Öffentlichkeit zu zeigen. 1964 erhielten die Frauen das Wahlrecht. In der Praxis blieb die Reichweite der staatlichen Bestimmungen eng begrenzt, die ländliche Gesellschaft und damit mindestens 90 Prozent der Bevölkerung entzogen sich der diesbezüglichen staatlichen Interventionsstrategie, die für die Realitäten und Bedürfnisse ihrer Lebenswelt äußerlich und disfunktional waren. Solange der Staat es wesentlich bei Proklamationen beließ, blieb es bei einer Art labiler friedlicher Koexistenz zwischen modernem staatlichem Recht und den traditionalen Rechtssystemen der Gemeinschaften.

2. Revolutionäre "Emanzipation von oben" unter Amin/Taraki



Erst die Regierung Amin/Taraki machte sich daran, diese Machtbalance zwischen Zentralstaat und segmentären Kräften in "brutaler Naivität" [16] durch den Versuch einer "Revolution von oben" zu zerbrechen. [17] Die neuen, mit einer sowjetkommunistischen Ideologie ausgestatteten urbanen Modernisierungseliten, die 1978 an die Macht gelangt waren, versuchten einmal mehr, durch Eingriffe in die Geschlechter- und Familienverhältnisse die resistenten primären Solidareinheiten aufzubrechen und die staatliche Hegemonie durchzusetzen. Die Frauen wurden mangels einer "starken Arbeiterklasse" gleichsam zum "Surrogat-Proletariat" [18] und Motor des sozialen Wandels erkoren. Dementsprechend versprach die Regierung "Männern und Frauen im Zivilrecht gleiche Rechte zu sichern und die ungerechten patriarchalen feudalistischen Beziehungen zwischen Mann und Frau abzuschaffen" [19] . Wie schon unter Amanullah sollte die Heirat von einer gemeinschaftlichen zu einer privaten Angelegenheit von Braut und Bräutigam werden. Nutznießerinnen einer solchen Individualisierungsstrategie konnten nur kleine Minderheiten von städtischen Frauen werden, die durch Bildung und Beruf nicht existenziell auf Schutz und Unterstützung durch den Familienverband angewiesen waren; diese konnten sich im Konfliktfall auf staatliche Rückendeckung berufen. Für die große Masse der Frauen, die ohne Alternativen auf die herkömmlichen Solidareinheiten angewiesen waren, blieben derartige Regelungen bedeutungslos.

Während die früheren Regierungen die relative Irrelevanz ihrer Reformgesetze für die sozialen Verhältnisse weitgehend hinnehmen mussten, hatte das neue Regime, unterstützt durch die Demokratische Volkspartei, umfassendere Möglichkeiten zur Hand, die Autorität der Zentralmacht durchzusetzen. Die Parteimitglieder und staatlichen Organe in den Provinzen verfügten über genügend Mittel, die Umsetzung der verkündeten Erlasse sicherzustellen, bisweilen auch gewaltsam.

Der autoritäre Versuch, die Frauen "von oben" aus der Kontrolle der primären Gemeinschaften zu befreien und ihre Loyalitäten auf den Staat umzulenken, konnte kaum dazu geeignet sein, die Stellung der überwiegenden Anzahl der Frauen zu verbessern, die in die traditionalen ländlichen Sozialsysteme eingebunden und dort zwar den Männern untergeordnet und patriarchalischer Kontrolle unterworfen waren, gleichzeitig aber auch Schutz, Anerkennung und materiellen Rückhalt erfuhren. Innerhalb weniger Monate hatte das neue Regime mit seiner Transformationspolitik sehr große Teile der afghanischen Bevölkerung in Aufruhr versetzt. Sicherlich mag die gesetzliche Festschreibung erweiterter Rechte für die Frauen auch etliche Frauen bestärkt, zur Erweiterung ihrer Handlungsspielräume beigetragen und ihnen neue Perspektiven eröffnet haben. Viele Frauen der modernen städtischen Mittelschichten erhielten Stellen im Staatsapparat, wurden öffentlich präsent und in den Massenorganisationen des Regimes aktiv. Für die Sache der Frauen insgesamt mag die Geschlechterpolitik des Regimes, welche die Gegebenheiten der afghanischen Gesellschaft wenig berücksichtigte und die Frauen für den Staatsbildungsprozess instrumentalisieren wollte, perspektivisch mehr Schaden als Nutzen gebracht haben. [20]

In Antithese zu den Kabuler Modernisierungseliten operierte der Widerstand der Mujahiddin im Rahmen traditioneller Wertemuster: "Die Achtung vor haram und purda (die Frauen auf den privaten Raum beschränken) war ein Teil dessen, was die Afghanen gegen die Sowjets verteidigten. ... Der Einfluss des Krieges auf die Modernisierung der Gesellschaft erreichte hier seine Grenze: die Frauen sind Teil der privaten Sphäre." [21] Die patriarchalen Repräsentanten der antistaatlichen Kräfte hielten fest an der Kontrolle über ihre Frauen und ließen die Tür zum öffentlichen Raum für diese weiterhin versperrt.

Fußnoten

6.
Jan-Heeren Grevemeyer, Afghanistan. Sozialer Wandel und Staat im 20. Jahrhundert, Berlin 1987, S. 58.
7.
Vgl. Valentine M. Moghadam, Modernizing Women. Gender and Social Change in the Middle East, Boulder-London 1993, S. 211 ff.
8.
Das Wort purdah heißt Vorhang, Schleier; purdah als Institution umfasst das ganze System der Geschlechtertrennung. Purdah ist der Vorhang, der die weibliche Sphäre von der öffentlichen männlichen Sphäre trennt, der Schleier, der die Geschlechtertrennung in der Öffentlichkeit wahrt; purdah prägt die Architektur der Häuser und prägt Verhaltensweisen in Mimik und Gestik. Vgl. Erika Knabe, Frauenemanzipation in Afghanistan, Meisenheim am Glan 1977, S. 136.
9.
Vgl. ebd., S. 208.
10.
Zit. in: Iren von Moos, Nun hausen Schlangen in den Aprikosengärten, Wuppertal 1996, S. 134.
11.
Vgl. ebd., S. 18.
12.
Christian Sigrist, Pashtunwali - Das Stammesrecht der Pashtunen, in: Revolution in Iran und Afghanistan, hrsg. vom Berliner Institut für Vergleichende Sozialforschung, Berlin 1980, S. 273.
13.
Vgl. I. v. Moos (Anm. 10), S. 40 f.
14.
Zit. in: E. Knabe (Anm. 8), S. 380.
15.
Vgl. Nancy Hatch Dupree, Revolutionary Rhetoric and Afghan Women, in: M. Nazif Shahrani/Robert L. Canfield (Hrsg.), Revolutions and Rebellions in Afghanistan. Anthropological Perspectives, Berkeley 1984, S. 308.
16.
J.-H. Grevemeyer (Anm. 6), S. 214.
17.
Vgl. Conrad Schetter, Afghanistan zwischen Machtpolitik und Chaos, in: Internationale Politik und Gesellschaft, (1998) 2, S. 176.
18.
Gregory Massell, The surrogate proletariat: Moslem women and revolutionary strategies in Soviet Central Asia 1919 - 1929, Princeton 1974.
19.
Zit. in: N. H. Dupree (Anm. 15), S. 322.
20.
Zur Geschlechterpolitik unter Amin/Taraki vgl. ausführlich Renate Kreile, Zan, zar, zamin - Frauen, Gold und Land: Geschlechterpolitik und Staatsbildung in Afghanistan, in: Leviathan, 25 (1997) 3, S. 404 ff.
21.
Olivier Roy, The Failure of Political Islam, London 1994, S. 158.