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22.5.2002 | Von:
Renate Kreile

Die Taliban und die Frauenfrage

Eine historisch strukturelle Perspektive

III. Die Geschlechterpolitik der Taliban

Motiviert durch die Hoffnung auf Teilhabe am sich herausbildenden zentralasiatischen Rentensystem und legitimiert durch den angeblich "wahren Islam" unternahmen seit 1996 die Taliban einen weiteren Versuch, die staatliche Hegemonie über die segmentäre Gesellschaft Afghanistans zu erringen. In diesem neuen Anlauf zu Staatsbildung und Zentralisierung wurde die Geschlechterpolitik nicht nur zum Schlüsselelement der Herrschaftskonzeption der neuen Machthaber, sondern zumindest zunächst auch zum Ersatz für jegliche Entwicklungsstrategie.

Das vorrangige erklärte Ziel der Taliban bei ihrer Machtübernahme bestand darin, Laster und Verderbtheit zu bekämpfen und eine moralische Ordnung in einem reinen islamischen Staatswesen auf der Grundlage der Scharia herbeizuführen. [22] Als Herzstück und Symbol einer derartigen Ordnung gilt die Ehre und Tugendhaftigkeit der Frauen, die durch entsprechende Reglementierungen von außen geschützt werden muss. Die desaströse Sicherheitslage um Kandahar [23] soll ein wichtiger Impuls für die Gründungsväter der Taliban gewesen sein, nach dem Kampf gegen die Sowjetunion erneut zu den Waffen zu greifen, diesmal gegen die nun regierenden und rivalisierenden Mujahiddin, die das Land in neues Chaos stürzten und in Kabul und anderswo Mädchen und Frauen zur "Kriegsbeute" für Kommandeure und Milizionäre gemacht hatten. [24] "Wir kämpften gegen Muslime, die den falschen Weg gegangen waren. Wie konnten wir ruhig bleiben, wenn wir sahen, wie Verbrechen gegen Frauen und die Armen begangen wurden?", erklärte Mullah Omar, das Oberhaupt der Taliban, später. [25]

Die ersten Erlasse der Taliban bei ihrem Siegeszug durch Afghanistan galten ihren "moralischen" und damit geschlechterpolitischen Zielsetzungen. Die Bewegungsspielräume der Frauen wurden extrem eingeschränkt, ihr Zugang zu Bildung und Beruf wurde weithin versperrt; in Herat und Kabul wurden die Frauen-Hammams (Badehäuser) geschlossen, eine sehr empfindliche Einschränkung insbesondere auch für ärmere Frauen. Die rigorose Durchsetzung der Geschlechtertrennung führte zu dramatischen Einschränkungen der medizinischen Versorgung für Frauen. Durch kontinuierliche Bemühungen verschiedener Organisationen, die auf die verzweifelte Lage der Frauen hinwiesen, wurde eine Erlaubnis für Frauen erwirkt, im Gesundheitssektor zu arbeiten, sofern sie die Regeln der Segregation einhielten, verschleiert und in getrennten Räumen arbeiteten und in Begleitung eines mahram, eines männlichen Verwandten, reisten. [26]

Nancy Hatch Dupree weist auf die beträchtlichen Unterschiede in Auswirkung, Art der Durchsetzung, Reichweite und Akzeptanz der geschlechterpolitischen Reglementierungen der Taliban hin, die stark von sozialen, regionalen, lokalen und personalen Gegebenheiten abhängig seien und entsprechende Inkonsistenzen aufwiesen.

Die große Mehrheit der Frauen lebt in ländlichen Gebieten, ihre Interessen gelten überwiegend den Kindern und der Familie. Ihre Bedürfnisse liegen im Bereich medizinischer Grundversorgung und der Ausbildung von Fertigkeiten, die dem Wohlergehen der Familie dienen. Sie waren relativ wenig von den geschlechterpolitischen Erlassen der Taliban betroffen, ihr Alltagsleben veränderte sich dadurch kaum. Wo die traditionelle tribale Autoritätsstruktur intakt geblieben war, konnten die Taliban ihre rigoristischen Konzepte weitaus weniger durchsetzen als in den Städten, in denen es weniger Gegenkräfte gab und die "Abteilung zur Förderung der Tugend und zur Verhinderung des Lasters" weitgehend freie Hand hatte. So blieb in einigen ländlichen Gebieten auch die Schulbildung für Mädchen unangetastet. [27]

An der Spitze der Gesellschaftspyramide gab es eine kleine Anzahl westlich orientierter Frauen aus den oberen städtischen Schichten, die eine führende Rolle im Emanzipationsprozess seit 1959 gespielt hatten, oftmals in internationalen Organisationen tätig waren und eine gleichberechtigte Partizipation auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen beanspruchen. Für diese hoch gebildeten, professionalisierten Frauen wurde das Leben unter dem Taliban-Regime unerträglich. Die meisten von ihnen flohen. Ähnliches gilt für die Frauen im Zentrum der Pyramide, den Angehörigen der modernen urbanen Mittelschichten, die als Lehrerinnen, Ärztinnen, Ingenieurinnen, Richterinnen gearbeitet hatten und ihr Engagement im öffentlichen Raum mit ihren islamischen Wertvorstellungen im Einklang sehen. [28]

Seitens der Taliban-Führung wurde die drastische Einschränkung der Bewegungsspielräume der Frauen und die Zwangsverschleierung immer wieder mit der prekären Sicherheitslage im kriegsverwüsteten Land gerechtfertigt. Tatsächlich waren während der Herrschaft der Mujahiddin-Gruppen von 1992 bis 1996 Übergriffe auf Frauen, Entführungen und Vergewaltigungen an der Tagesordnung. Hochrangige Taliban-Funktionäre befürchteten, dass öffentlich sichtbare Frauen von den jungen Milizionären sexuell belästigt und damit entehrt werden könnten. Diese Befürchtungen waren sicherlich nicht unbegründet, hatten doch die jungen Taliban-Kämpfer in den pakistanischen Flüchtlingslagern und Koranschulen von ultrakonservativen Mullahs ein Frauenbild vermittelt bekommen, wonach "gute Frauen" zuhause blieben und Frauen, die sich unverschleiert in der Öffentlichkeit zeigten, als moralisch verderbt und gleichsam als "Freiwild" einzustufen seien. Das Bekanntwerden einschlägiger Übergriffe hätte die neue Bewegung und ihr Grundanliegen, eine moralische, wahrhaft islamische Ordnung zu schaffen, nachhaltig diskreditiert und delegitimiert. [29]

Wie der Anbruch der neuen "moralischen Ordnung" von Frauen aus den modernen Mittelschichten als den Hauptleidtragenden der talibanischen Geschlechterpolitik erlebt wurde, beschreibt Rahila, eine Mathematiklehrerin: "Alle Frauen sind gedrückter Stimmung. Wer Lehrerin oder Wissenschaftlerin war, kann sich nicht damit abfinden, zu Hause zu sitzen und Kartoffeln zu schälen. Wenn die Frauen heute keine Übergriffe zu fürchten haben, dann nur, weil sie in einem Gefängnis sitzen." [30]

Indem die Taliban das Verhalten der Frauen, in dem sich die männliche Ehre symbolisiert, direkter staatlicher Reglementierung unterwarfen, signalisierten sie zugleich ihren Anspruch, ihre Kontrolle und Hegemonie über die gesamte Gesellschaft rigoros durchzusetzen. Während die grundlegenden patriarchalischen Wertvorstellungen der Taliban von weiten Teilen der afghanischen Bevölkerung geteilt werden, stieß deren Radikalisierung und aggressive Durchsetzung "von oben" vielfach auf Missfallen und Ablehnung. "Die eingesetzten Zwangsmittel ... untergraben die Toleranz, die in der afghanischen Gesellschaft einen hohen Wert darstellt, und dies wird allgemein bedauert." [31]

Dies wirft die Frage nach den Bestimmungsfaktoren für die Extremposition der Taliban, ihre spezifische Radikalisierung konservativ-patriarchalischer Geschlechterkonzepte, auf. Erhellend in diesem Zusammenhang mag eine Analyse des sozialen Hintergrundes und der ideologischen Ausstattung von Taliban-Führung und "Fußvolk" sein.

Die Taliban-Bewegung ist zuallererst als Produkt eines jahrzehntelangen, auf allen Seiten mit brutaler Härte geführten Krieges und Bürgerkrieges zu verstehen, der das Land verwüstet, die traditionellen Lebenswelten zersprengt, die sozialen Gemeinschaften und Netzwerke zerrissen, Millionen von Menschen entwurzelt und zu Flüchtlingen und Almosenempfängern internationaler Hilfsorganisationen gemacht hat.

Die Gründungsväter der Taliban um Mullah Omar gehören zum religiösen Segment der traditionellen ländlichen Eliten im pashtunischen Süden Afghanistans, die durch die kriegsbedingte Desintegration der traditionellen Autoritätsstrukturen und die Entmachtung eines Teils der tribalen Notabeln an Einfluss gewonnen hatten und einer konservativen Ausprägung des Islam verpflichtet waren, den sie im Lichte der Wertvorstellungen des Pashtunwali, des spezifisch patriarchalischen Stammesrechtes der Pashtunen, interpretierten. [32] Sie stammten "alle aus den ärmsten, konservativsten und am wenigsten alphabetisierten ... Provinzen Afghanistans" [33] .

Ihre Anhänger rekrutierten die Taliban zum einen vor allem aus den höheren religiösen Lehranstalten in den ländlichen pashtunischen Siedlungsgebieten im Süden Afghanistans, die in die Strukturen der ländlichen Gemeinschaften eingebunden und wesentlich durch die dort vorherrschenden Wertvorstellungen geprägt sind. Da die religiösen Schulen der Taliban gleichzeitig Filialen eines weit gespannten Netzes von Koranschulen mit Zentrum in Pakistan sind, die von der Deobandi-Bewegung betrieben werden, unterliegen sie darüber hinaus dem ideologischen Einfluss dieser konservativ-islamischen Schule, durch die ein großer Teil der afghanischen Geistlichen in den letzten Jahrzehnten geprägt worden ist. [34]

Zudem erhielten die Taliban Zulauf aus den Koranschulen der Flüchtlingslager in Pakistan. Die entwurzelten jungen Männer, die dort erzogen wurden, wurden zum einen vor allem Adressaten des aus Saudi-Arabien importierten wahhabitischen Bekehrungseifers, gerieten aber teilweise auch unter den ideologischen Einfluss der Deobandi. Sie gehören einer "verlorenen" Generation an, die niemals Frieden erlebt hat. Viele von ihnen sind Waisen, die ohne die Gesellschaft von Frauen - Müttern, Schwestern oder Kusinen - aufgewachsen sind, in den ausschließlich männlichen "Bruderschaften" der Koranschulen, in denen Mullahs, die selbst teilweise nur über eine rudimentäre Bildung verfügten, ihnen beibrachten, dass Frauen eine Versuchung darstellten, die Männer unnötigerweise vom Dienst für Gott abhielten. Das "Handwerk des Krieges" war neben ideologischer Indoktrinierung die einzige Ausbildung, die sie erhielten. [35] Die im traditionellen Afghanistan undenkbare Brutalität, mit der die Taliban ihre Geschlechterpolitik durchsetzten, etwa indem Frauen auf der Straße geschlagen wurden, lässt sich vor diesem Hintergrund als Ausdruck der spezifischen "Mischung von sozialer Entfremdung und Ideologisierung" [36] , interpretieren, die die Taliban-Bewegung insgesamt kennzeichnete.

In ihrem Staatsbildungsprojekt übernahmen die Taliban die Kontrolle über die Frauen in einer Art und Weise, die normativ mit den Kontrollansprüchen und konservativen Grundwerten der Patriarchen der Familienverbände und der tribalen und religiösen Gemeinschaften weitgehend kompatibel war, diese aber in der praktischen Umsetzung radikalisierte und mit staatlichen Machtmitteln verstärkte. Die burqa, der Ganzkörperschleier, konnte dabei zum Symbol der Allianz zwischen verschiedenen innergesellschaftlichen politischen und sozialen Kräften werden, den traditional-religiösen und tribalen Eliten, modernen islamistischen Elementen und dem großen Teil der Männer aus allen gesellschaftlichen Schichten, für die angesichts der kriegsbedingten Erosion traditionaler Zusammenhänge und damit verbundener existenzieller Unsicherheiten die Frauen in ihrer alten Rolle zu psychosozial stabilisierenden Repräsentantinnen des "Traditions-Reservats" werden.

Die Verwüstungen und Verwerfungen, die durch den neuerlichen Krieg hervorgerufen werden, mögen eine derartige Dynamik strukturell noch vertiefen. Im Zuge der seit Jahrzehnten fortdauernden kriegerischen Auseinandersetzungen haben zahllose Männer ihren Besitz und ihre Arbeit verloren und sind mehr denn je abhängig von den Rationen der ausländischen Hilfsorganisationen geworden. Die Unmöglichkeit, für sich und ihre Familien sorgen zu können, hat viele in ihrem Stolz tief verletzt. Umso wichtiger mag es vor diesem Hintergrund vielen Männer erscheinen, ihre Selbstachtung soweit wie möglich aufrechtzuerhalten, indem sie die immateriellen kulturellen Werte bewahren und "bewachen", die durch die Frauen verkörpert werden. [37]

Allerdings deutet der rasche Verfall der Macht der Taliban insbesondere in ihren pashtunischen Kerngebieten einmal mehr darauf hin, dass die lokalen und tribalen Gemeinschaften repressive Eingriffe von "außen" nicht dauerhaft hinzunehmen bereit sind. Dementsprechend haben sich auch zentralstaatliche Reglementierungen der Geschlechterverhältnisse, sei es als "staatsfeministische Modernisierung von oben", wie unter Amanullah und Amin/Taraki, sei es als verzerrte "Re-Traditionalisierung" [38] , wie bei dem gescheiterten Staatsbildungsprojekt der Taliban, bislang in ihrer historischen und gesellschaftlich-strukturellen Reich- weite als sehr begrenzt erwiesen. Dies mag nicht zuletzt an der fortdauernden starken Segmentierung der afghanischen Gesellschaft liegen, an ausgeprägten regionalen, lokalen und sozialen Ungleichheiten und Ungleichzeitigkeiten. "Von oben" initiierte Reformen dürften langfristig nur dann tief greifend wirksam werden, sofern die Adressatinnen und Adressaten in ihren je unterschiedlichen Lebenswelten einen "sozialen Sinn" [39] in ihnen zu erkennen vermögen.

Fußnoten

22.
Vgl. Andreas Rieck, Afghanistan"s Taliban: An Islamic Revolution of the Pashtuns, in: ORIENT, 38 (1997) 1, S. 131 f.
23.
Ahmed Rashid schreibt über die dortigen Zustände vor dem ,Eingreifen" der Taliban: "Die Kommandeure missbrauchten die Bevölkerung nach Belieben, kidnappten junge Mädchen und Jungen für ihr sexuelles Vergnügen, beraubten Kaufleute in den Bazaren und bekämpften ... sich in den Straßen." Vgl. Ahmed Rashid, Taliban. Militant Islam, Oil and Fundamentalism in Central Asia, New Haven-London 2000, S. 21.
24.
Vgl. William Maley, The Foreign Policy of the Taliban. Council on Foreign Relations, New York 1999, S. 19 und 41.
25.
Zit. in: A. Rashid (Anm. 23), S. 25.
26.
Vgl. N. H. Dupree (Anm. 5), S. 145 ff.
27.
Vgl. W. Maley (Anm. 24), S. 18.
28.
Vgl. N. H. Dupree (Anm. 5), S. 165 f.
29.
Vgl. ebd., S. 147 ff.
30.
Zit. in: Chantal Aubry, Tausche Frauenrechte gegen Hilfsprogramme. Konflikt zwischen Geberländern und Afghanistan, in: Le Monde diplomatique. Beilage zur tageszeitung vom 12. Februar 1999, S. 17.
31.
N. H. Dupree (Anm. 5), S. 163.
32.
Vgl. R. Kreile (Anm. 20), S. 408 ff.
33.
A. Rashid (Anm. 23), S. 110.
34.
Die Deobandi-Schule wendet sich gegen religöse Erneuerung und sieht sich strikt der Orthodoxie verpflichtet, lehnt aber im Unterschied zum saudischen Wahhabismus den in Afghanistan verbreiteten Sufismus nicht ab. Vgl. Olivier Roy, Islam and Resistance in Afghanistan, Cambridge 1990², S. 57.
35.
Vgl. A. Rashid (Anm. 23) S. 32 f.
36.
W. Maley (Anm. 24), S. 10.
37.
Vgl. Erika Knabe-Pausch, in: WUFA (Writers Union of Free Afghanistan), Journal of Afghan Affairs Special Issue, International Seminar on Social and Cultural Prospects for Afghanistan, 5 (1990) 4, S. 105 f.
38.
Damit ist nicht einfach die Wiederherstellung der Tradition gemeint, sondern der Rückgriff und die Bezugnahme auf traditionelle Codes und Symbole, um ,moderne" politische Interessen durchzusetzen. Vgl. Olivier Roy, Patronage and Solidarity Groups: survival or reformation?, in: Ghassan Salamé (Hrsg.), Democracy without Democrats? The Renewal of Politics in the Muslim World, London-New York 1994, S. 274.
39.
Vgl. Pierre Bourdieu, Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt/M. 1993.