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22.5.2002 | Von:
Daniel Piazolo

Entwicklungsunterschiede innerhalb einer erweiterten EU

Herausforderungen und Chancen

I. Wirtschaftliche Entwicklungsunterschiede

Entwicklungsunterschiede werden oft anhand der Wirtschaftsleistung festgemacht. Schaubild 1 gibt einen graphischen Vergleich des Bruttoinlandsproduktes (BIP) pro Einwohner der Beitrittsländer in Prozent des BIP der EU umgerechnet mit den Marktwechselkursen wieder. Ein derartiger Vergleich wird häufig in der öffentlichen Diskussion über das niedrige Entwicklungsniveau in den MOEs aufgeführt. In Schaubild 1 ist der Vergleichswert für den Durchschnitt der jetzigen 15 EU-Mitgliedsländer als dunkle Säule mit der Bezeichnung "EU 15" herausgehoben. Hier sind alle 10 mittel- und osteuropäischen Beitrittsländer dargestellt.

Darüber hinaus führt die EU auch mit Malta und Zypern Beitrittsverhandlungen und hat der Türkei einen offiziellen Kandidatenstatus für eine EU-Mitgliedschaft zugestanden. Jedoch wurden noch keine Beitrittsverhandlungen zwischen der EU und der Türkei aufgenommen. Die drei Länder Malta, Zypern und Türkei werden in den folgenden graphischen Vergleichen nicht berücksichtigt, da sich ihre Ausgangslage stark von der Situation der Transformationsländer unterscheidet.

Das BIP gibt den Wert der in einem Land produzierten Güter und erbrachten Dienstleistungen wieder. Im Durchschnitt betrug dieses BIP pro Einwohner z. B. in Polen im Jahr 1998 EURO 3 600. Dies entspricht 18 Prozent des BIP pro Einwohner der EU 15, das EURO 20 200 betrug. Die Werte für die 10 Beitrittsländer liegen zwischen 7 Prozent des BIP pro EU-Einwohner für Bulgarien und 44 Prozent für Slowenien.

Die in diesen Daten zum Ausdruck kommende wirtschaftliche Diskrepanz ist zwar in der Tat erheblich, aber gleichzeitig irreführend. Viele erbrachte Dienstleistungen, die in der Berechnung des BIP enthalten sind, kosten in den mittel- und osteuropäischen Beitrittsländern weniger als in der EU. Die Volkswirte verweisen zur Illustration dabei gerne auf die Frisöre. Für den Haarschnitt, der in Kiel EURO 15 kostet, verlangt ein Frisör in Posen umgerechnet nur EURO 2,5. Es wäre jedoch nicht korrekt zu argumentieren, dass der Haarschnitt in Polen nur ein Sechstel des Haarschnittes in Deutschland wert ist. Diese nicht handelbaren Dienstleistungen (z. B. auch Wohnungsmieten) machen einen erheblichen Teil der Ausgaben für den Lebensunterhalt aus.

Deswegen korrigieren die Volkswirte bei dem Vergleich des BIP unterschiedlicher Länder die zur Umrechnung verwendeten Wechselkurse um Unterschiede in der Kaufkraft. Dabei stellt man einen fiktiven Waren- und Dienstleistungskorb zusammen und ermittelt, wie viel dieser Korb in jedem der zu vergleichenden Länder kostet. Als Kaufkraftwechselkurs verwendet man das Verhältnis dieser Kosten. Schaubild 2 stellt das BIP pro Einwohner der Beitrittsländer in Prozent des BIP der EU 15 umgerechnet mit der Kaufkraft dar.

In Schaubild 2 ist der Abstand zwischen der EU 15 und den osteuropäischen Beitrittsländern nicht mehr ganz so gravierend. Polen z. B. hat ein BIP pro Einwohner, das 39 Prozent des BIP pro Einwohner der EU entspricht. Das Spektrum der Prozentzahlen reicht nun von 23 Prozent für Bulgarien bis zu 68 Prozent für Slowenien. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass auch innerhalb der jetzigen EU beträchtliche Einkommensunterschiede vorhanden sind. Griechenland, das ärmste EU-Mitglied, das schon seit mehr als 20 Jahren zur Europäischen Gemeinschaft gehört, hat mit seinem BIP pro Einwohner in Höhe von 68 Prozent des durchschnittlichen BIP pro EU-Einwohner das gleiche Einkommensniveau wie der Beitrittskandidat Slowenien. [2]

Seit dem Beginn der Transformation hat sich aber der Abstand bezüglich des BIP zwischen der EU und den MOEs vergrößert. Schaubild 3 stellt die relative Veränderung des BIP zum Stand im Jahr 1989 dar. Dieses Schaubild zeigt, dass bis zum Jahr 1998 nur wenige der Beitrittsländer ihre BIP-Höhe von 1989 wieder erreicht haben.

Das Jahr vor dem Beginn der Transformation wird meistens mit der Situation von 1989 gleichgesetzt, was für einzelne Transformationsländer nicht zutreffen mag. Besonders die baltischen Staaten konnten erst mit der staatlichen Unabhängigkeit im Sommer 1991 ihre nationale Wirtschaftsstruktur umstellen und aufbauen. Durch die nötigen Umstellungen von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft brachen die alten Wirtschaftsbeziehungen zusammen. Damit gingen die erbrachten Wirtschaftsleistungen bis um die Hälfte zurück. Dieser "Transformationsschock" war besonders ausgeprägt bei den baltischen Staaten, die nach der verordneten Arbeitsteilung innerhalb der Sowjetunion als unabhängige Staaten noch viel stärker ihre Wirtschaftsstruktur verändern mussten als mitteleuropäische Transformationsländer wie Polen und Ungarn. [3]

Die baltischen Staaten hatten daher 1998 ein BIP, das nur zwischen 59 Prozent (Lettland) und 76 Prozent (Estland) ihres BIP von 1989 entsprach. Von den 10 MOEs hatten nur drei Länder ihr altes Niveau wieder erreicht. Die Slowakei war 1998 auf dem gleichen Stand wie 1989, Slowenien hatte ein BIP, das 4 Prozent und Polen ein BIP, das 17 Prozent größer war. Die 15 EU-Mitgliedsländer hatten dagegen ein BIP, das 20 Prozent höher lag. Somit ist die Diskrepanz zwischen den Beitrittsländern und der EU 15 - bezogen auf das BIP - sogar größer geworden im Vergleich zu 1989.

Mit dem Transformationsschock sind aber nun die wichtigsten Rahmenbedingungen für das Funktionieren einer Marktwirtschaft in den ehemaligen Planwirtschaften und für eine Angleichung der Marktstruktur an die der fortgeschrittenen westeuropäischen Länder gelegt worden. Die Einkommenslücke schließt sich in den letzten Jahren, da das Wirtschaftswachstum in den meisten Beitrittsländern größer ist als in der EU.

Es sollte jedoch auch angemerkt werden, dass ein bedeutender Anteil des internationalen Handels auf den unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Länder beruht. Ärmere Länder mit relativ niedrigem Lohnniveau bieten auf dem Weltmarkt tendenziell eher Produkte an, die arbeitsintensiv sind. Reichere Länder mit relativ hohem Lohnniveau und einer guten Kapitalausstattung bieten dagegen Produkte an, die kapitalintensiv sind. So werden arbeitsintensive Produkte wie Schuhe in Portugal und in der Slowakei produziert, während kapitalintensive Produkte wie z. B. Druckmaschinen in Deutschland hergestellt werden. Durch den Austausch dieser Güter können die Länder die Produkte billiger erwerben, als wenn diese Produkte im eigenen Land hergestellt werden müssten. [4]

Die Unterschiede in den Entwicklungsstufen sind aber bemerkenswert, da sie den noch zu bewältigenden Weg bei einer wirtschaftlichen Konvergenz, also der Angleichung der Lebensbedingungen, verdeutlichen. Treibende Kraft dieser Konvergenz ist der Strukturwandel der Wirtschaft, der zum Teil mit bedeutenden Anpassungsproblemen und -kosten verbunden ist.

Fußnoten

2.
Die Einkommensunterschiede zwischen den verschiedenen Regionen der jetzigen EU-Mitgliedsländer werden z. B. im Bericht der Europäischen Kommission über den wirtschaftlichen Zusammenhalt der Mitgliedsstaaten angegeben. Vgl. Europäische Kommission, Einheit Europas - Solidarität der Völker - Vielfalt der Regionen: Zweiter Bericht über den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt, Band'2 (Statistischer Anhang). Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften, Luxemburg 2001.
3.
Für eine Diskussion sowohl der Bedeutung der ökonomischen und politischen Ausgangslage als auch der verschiedenen Teilaspekte einer erfolgreichen Transformation einer Volkswirtschaft siehe Internationaler Währungsfonds, Transition: Experience and Policy Issues, World Economic Outlook, S. 127-256, Washington, D.C. 2000 und Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE), Transition Report, London 2000.
4.
Ein zunehmend bedeutender Anteil im Handel zwischen Ländern mit ähnlich hohem Pro-Kopf-Einkommen kommt dem so genannten intrasektoralen Handel zu, bei dem Produkte des gleichen Sektors ausgetauscht werden. So importieren Deutsche französische Autos und Franzosen importieren deutsche Autos. Dieser intrasektorale Handel beruht auf steigenden skalaren Erträgen (sinkende Durchschnittskosten) und Produktpräferenz (das Verlangen nach Vielfalt führt zum Import eines Gutes, obwohl ein ähnliches Produkt im Land verfügbar wäre). Vgl. Horst Siebert, Weltwirtschaft, Stuttgart 1997.