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5.1.2004 | Von:
Marcus Hoinle

Ernst ist das Leben, heiter die Politik

Lachen und Karneval als Wesensmerkmale des Politischen

Politik ist eine ernste Angelegenheit. Im politischen Alltagsgeschäft spielt aber auch der Humor eine nicht unerhebliche Rolle. Ein Karnevalisierungsprozess, der den Kern der so genannten Spaßgesellschaft bildet, hat das öffentliche Leben in weiten Teilen erfasst.

Lachen in Zeiten des Krieges

Politik macht Spaß. Dies galt zumindest zu Beginn der rot-grünen Koalition unter der Ägide des in den Medien mitunter als "Spaßkanzler" titulierten Bundeskanzlers Gerhard Schröder. "Regieren macht Spaß" lautete folgerichtig das Motto des Fraktionsfestes der SPD im Dezember 1998. "Rot macht Spaß" behauptete ein SPD-Wahlkampfslogan anlässlich der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz im März 2001. Und während die FDP vor der Bundestagswahl 2002 ihr Image als "Spaß- und Eventpartei"[1], "Medienspaßpartei"[2] und "forsche, aber konturlose Frohsinnspartei"[3] pflegte, errang die seit ihrem Gründungsparteitag am 2. Februar 2002 in Magdeburg real existierende "Spaßpartei" bei den letzten Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern jeweils 0,7 Prozent der Stimmen.






"Politik ist keine Spaßgesellschaft", stellte der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber am Tag nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im April 2002 vor Pressevertretern fest.[4] Politiker unterschiedlicher Couleur ziehen zum einen gegen die Entsolidarisierung und Entpolitisierung einer ichbezogenen, konsumorientierten Spaßgesellschaft zu Felde und entwerfen gemeinschaftsfördernde Gesellschaftskonzepte, etwa die "Wir-Gesellschaft" (Angela Merkel/CDU), die "Verantwortungsgesellschaft" (Ute Vogt und Kerstin Griese/SPD) oder die "Mitmachgesellschaft" (Cem Özdemir/Bündnis 90/Die Grünen), die der Politik verlorenes Terrain zurückgewinnen und politisches Engagement stärken sollen. Zum anderen ist Politik eine ernste Angelegenheit und spielt sich nicht selten in einem existenzbedrohenden Kontext ab. Renten- und Gesundheitsreform, Arbeitslosigkeit und Wirtschaftsflaute, Finanznot bei Bund, Ländern und Gemeinden, Umweltverschmutzung, Krankheiten und Seuchen bei Mensch (SARS, AIDS) und Tier (BSE, MKS, Geflügelpest), Kriminalität, Terrorismus und Krieg geben augenscheinlich kaum Anlass zu Heiterkeit oder gar schallendem Gelächter.

Gleichwohl wird seit jeher und nicht erst im Kontext der Spaßgesellschaft über Politiker und politische Ereignisse gelacht - man denke nur an die Komödien des Aristophanes, die zahllosen kursierenden politischen Witze, das politische Kabarett oder die Karikaturen in der politischen Presse. Politiker selbst machen sich in der politischen Auseinandersetzung über ihresgleichen lustig, überziehen ihren politischen Gegner mit Spott und Häme und geben ihn bisweilen der Lächerlichkeit preis. Entgegen der landläufigen Meinung sind Politiker durchaus zu Humor und Selbstironie fähig und bei Gelegenheit zu ausgelassenen Scherzen aufgelegt.[5] Obgleich der Politik Ernsthaftigkeit als genuines Wesensmerkmal inhärent scheint, schätzen auch Volksvertreter Humor und Lachen als politikrelevante Faktoren ein: Carlo Schmid etwa hielt "den Humor für das Salz der Politik"[6], und Richard Stücklen merkte wohl nicht zu Unrecht an: "Bei Politikern, die selbst nicht lachen können, hat das Volk auch nichts zu lachen."[7]

Lachen in Zeiten des Krieges, der Wirtschaftskrise und der sozialen Konflikte? Dieser vermeintliche Widerspruch wirft die Frage nach den Funktionen auf, die Humor und Lachen auf der Ebene politischen Denkens und Handelns erfüllen. Dabei zeigt sich, dass Lachen und Politik elementare Gemeinsamkeiten aufweisen, die es für den Einzelnen, für Gruppen und die Gesellschaft möglich machen, selbst in schwierigen Zeiten lachen zu können. Vor dem Hintergrund der Wesensgleichheit von Lachen und Politik findet darüber hinaus seit einigen Jahren gewissermaßen eine Karnevalisierung des öffentlichen Lebens statt, die den Kern der so genannten Spaßgesellschaft bildet und dem politischen Treiben hier und da karnevaleske Züge verleiht. Diese "Karnevalisierung der Politik" lässt auch altbekannte und aktuelle Theoreme der Politikwissenschaft in einem neuen Licht erscheinen.


Fußnoten

1.
Zit. nach: Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 11./12.5. 2002, S. 4.
2.
Zit. nach: Die Zeit vom 3.5. 2002, S. 5.
3.
Zit. nach: Der Spiegel, Nr. 18 vom 29.4. 2002, S. 28.
4.
Zit. nach: SZ vom 23.4. 2002, S. 3.
5.
Dem Frohsinn deutscher Politiker auf der Spur ist etwa die Sammlung humorvoller Zitate aus den ersten sechs Legislaturperioden des Deutschen Bundestages: Lachen links, Heiterkeit rechts. Vergnügliches aus dem Bundestag, hrsg. von Peter Wienand und Manfred Wirbelauer, Düsseldorf 1974; zum Lachen im Deutschen Bundestag vgl. auch Marcus Hoinle, "Heiterkeit im ganzen Hause" - Über parlamentarisches Lachen, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 32 (2001) 2, S. 441 - 453.
6.
So in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Ordens "Wider den tierischen Ernst" in Aachen im Jahre 1958. Zit. nach: Anton M. Keim, 11 Mal politischer Karneval. Weltgeschichte aus der Bütt. Geschichte der demokratischen Narrentradition vom Rhein, Mainz 19812, S. 222.
7.
Zit. nach: SZ vom 10.5. 2002, S. 3.