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Die Theatralität der Politik in der Mediendemokratie


5.1.2004
In der Mediengesellschaft bedient sich Politik zu ihrer Selbstdarstellung in immer stärkerem Maße theatraler Inszenierungsformen. Theatralität ist sowohl auf der Seite der Mediendiskurse über die Politik wie auf der Seite der politischen Selbstdarstellung ein Grundprinzip politischer Kommunikation geworden.

Die Universalität von Inszenierung



Seit der Mitte der neunziger Jahre wird in der Bundesrepublik Deutschland in immer neuen Anläufen die These vertreten, dass das Modell der Inszenierung in Gesellschaft und Politik an Bedeutung gewinnt. Es ist die Diagnose gestellt worden, die Gesellschaft mutiere in kräftigen Zügen zur "Inszenierungsgesellschaft"[1]. In diese Richtung weisen auch politik- und medienwissenschaftliche Analysen für die Republik als politisches Gemeinwesen. Der Bericht zur Lage des Fernsehens von 1995 für den Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland kommt mit der Pointe, die Bundesrepublik bewege sich unter dem Einfluss des Fernsehens in Richtung einer "höfischen Öffentlichkeit", in die Nähe einer solchen Diagnose:[2]




"In der Konkurrenz um die Öffentlichkeit haben Politiker Professionalität in der Plazierung und Inszenierung von Ereignissen wie auch in der Sachinformation entwickelt. Im Verlauf dieser Metamorphose wandelt sich sachbezogene, auf verbindliche Entscheidungen bezogene Politik zunehmend in symbolische Politik (...) Diese vom Fernsehen provozierte Politik entspricht einer Rückkehr zur höfischen Öffentlichkeit (...) Von den Politikern verlangt der Fernsehauftritt zudem vor allem darstellerische Qualitäten, die in keinem notwendigen Zusammenhang zu politischen Leistungen stehen, aber über den politischen Erfolg entscheiden. Denn als erfolgreich gilt der Politiker mit den darstellerischen Fähigkeiten auch dann, wenn seine politischen Leistungen deutlich dahinter zurückbleiben. Umgekehrt verblassen politische Leistungen, sobald das Talent zur Media Performance fehlt."[3]

Diese Zuordnung ist von weitreichender Bedeutung, da sie letztlich den Übergang der politischen Verfassung der Republik in eine Formation neuen Typs behauptet - mit vielfältigen Folgen nicht nur für die Qualität der Öffentlichkeit, sondern von Politik überhaupt. Die Inszenierung der Politik für die Medienbühne - nicht allein seitens der politikvermittelnden Medienakteure, sondern seitens der Politik selbst - wird zu einer Schlüsselstruktur, von der her die ganze Politik eine neue Prägung erfährt, und zwar in all ihren Dimensionen: von der Personalauswahl bis zur Rolle der Handlungsprogramme und ihrer Bedeutung für die Legitimation politischen Handelns, ja sogar mit Bezug auf die Rolle zentraler politischer Institutionen, wie Parteien und Parlamente im politischen Prozess.

Diese Bewertung schließt ein, dass staatsbürgerliche Entscheidungen unter diesen veränderten Umständen kaum noch autonom und rational, sondern vielmehr - indirekt - durch irrationale Inszenierungen gesteuert werden. Eine in diesem Sinne als "Inszenierungsstaat" zu kennzeichnende Republik wäre in der Tat von fragwürdiger demokratischer Substanz.

Ist dieser Befund gerechtfertigt, und - vor allem - ist er neu? Sind politische Inszenierungen als strukturbildender Vorgang eine Errungenschaft des Fernsehzeitalters? Und: Ist mediale Politikinszenierung gleichbedeutend mit Irrationalität und Täuschung in der politischen Kommunikation? Diese Fragen müssen sich angesichts der Radikalität des Befunds des oben genannten Berichtes unmittelbar aufdrängen.

Dass Politik inszeniert wird, ist für sich genommen historisch zweifellos nichts Neues.[4] Dass Politiker und in politischen Rollen agierende Personen, soweit wir die Zeugnisse kennen, zu allen Zeiten versucht haben, ihre Absichten oder Leistungen, ihre Person oder die Gruppe, für die sie standen, durch vorbedachte Inszenierungen für ein Publikum ins rechte Licht zu rücken, kann als eine triviale Einsicht gelten. Als Pontius Pilatus sich nach dem Urteilsspruch über Jesus ostentativ in der Öffentlichkeit die Hände wusch, um seine Unschuld symbolisch sinnfällig zu zelebrieren, erbrachte er eine wohl kalkulierte, in ihren Wirkungen nicht nur das anwesende Publikum, sondern das Publikum der Jahrtausende beeindruckende politische Inszenierungsleistung ersten Ranges, der nichts fehlte, was zu einer Glanzleistung dieser Gattung gehört. Die aus der Geschichte bekannten Beispiele sind dazu angetan, die Allgegenwart von Inszenierungen als Element politischer Kommunikation zu belegen. Gegen eine naive Sicht von Inszenierung überhaupt, als vermeidbares Täuschungsmanöver in der politischen Kommunikation - sei es der politischen Akteure selbst oder derer, die über sie berichten -, müssen zur grundsätzlichen Klärung freilich zunächst drei Sachverhalte in Erinnerung gerufen werden:

Erstens: Wie die Soziologen Erving Goffman und Hans-Georg Söffner gezeigt haben und wie die Theaterwissenschaft herausgearbeitet hat, sind theatrale Inszenierungen eine anthropologische Konstante. Der von Natur aus künstliche Mensch hat immer Spielräume reflektierter Selbstdarstellung, die durch aktuelles Handeln gefüllt werden. Es fließen dann stets auch Reaktionen auf andere und die Art und Weise, wie diese hervorgerufen werden, ein.[5] Daher spielt der Mensch bei der Wahrnehmung seiner verschiedenen Sozialrollen und selbst bei seinen vertrauten sozialen Interaktionen immer auch ein Stück weit Theater. Kommunikation ist folglich unvermeidlich auch eine Inszenierungsleistung. Die Kluft zwischen Kommunikationsabsichten und Kommunikation wird stets in gewissem Maße durch mitlaufende Reflexionen über die beabsichtigten Wirkungen und als deren Folge mit Inszenierungsleistungen gefüllt. Natürlich erscheint der Mensch, wie es Hans-Georg Soeffner formuliert hat, darum paradoxerweise immer erst als Ergebnis einer durchaus künstlichen Anstrengung. Inszenierung gehört mithin zum universalen Grundbestand menschlicher Kommunikation.

Zweitens: Auch das Authentische bedarf, wie die Theaterwissenschaft zeigt, einer je spezifischen Inszenierungsleistung, um als Authentisches erscheinen zu können.[6] Erst in der Inszenierung tritt das ihr Vorausliegende für alle sichtbar in Erscheinung und ist auf diese Weise immer schon durch Darstellungsaktivitäten transformiert. Die Spielräume der Inszenierung und die Art und Weise, wie das Vorausliegende in Erscheinung tritt, sogar die Frage, ob es überhaupt ein Vorausliegendes gibt, sind freilich anhand empirischer Prüfungen zu beurteilen. Die Inszenierungsleistung kann eine nahezu unbegrenzte Bandbreite von Realitätsbezügen ausfüllen, von der Darstellung von Authentizität bis hin zur Erzeugung dichter Illusionen über Ereignisse, die allein in der Inszenierung bestehen.

Drittens: Wie alle anderen öffentlichen Rollenträger auch, so sind sich politische Amtsinhaber und Aspiranten vermutlich zu allen Zeiten durch Tradition, Erfahrung und Beobachtung der Tatsache gründlich bewusst gewesen, dass die Wirkung ihres Auftritts, die Zustimmung zu den von ihnen erhobenen politischen Ansprüchen und ihre Wirkung als Person in entscheidendem Maße davon abhängen, ob es ihnen gelingt, sich für das anwesende Publikum wirkungsvoll darzustellen.[7] Selbstdarstellung, also Inszenierung, und öffentliches Handeln waren vermutlich zu allen Zeiten zwei Seiten derselben Medaille. In diesem Sinne ist an der Inszenierung der Politik, die nun auch in der Bundesrepublik seit dem Ende der neunziger Jahre in den Mittelpunkt des Interesses der Sozialwissenschaften und der Massenmedien getreten ist, scheinbar nichts Neues. Und dennoch ist die Situation heute, wie wir sie in den Mediendemokratien der Gegenwart beobachten, in entscheidender Hinsicht ganz anders. Die Veränderungen erweisen sich bei genauer Betrachtung als so folgenreich, dass sie das Urteil rechtfertigen, die Republik bewege sich in Richtung auf eine neue politische Formation: die Mediendemokratie.



Fußnoten

1.
Herbert Willems/Martin Jurga (Hrsg.), Inszenierungsgesellschaft. Ein einführendes Handbuch, Opladen 1998.
2.
Vgl. Jo Groebel u.a., Bericht zur Lage des Fernsehens, Gütersloh 1995, S. 147.
3.
Ebd., S. 146 f.
4.
Vgl. Thomas Meyer/Rüdiger Ontrup/Christian Schicha, Die Inszenierung des Politischen. Zur Theatralität von Mediendiskursen, Wiesbaden 2000.
5.
Vgl. Erving Goffman, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, Frankfurt/M. 1969; Hans- Georg Soeffner, Rituale des Anti-Ritualismus, in: Hans-Ulrich Gumbrecht u.a. (Hrsg.), Materialität der Kommunikation, Frankfurt/M. 1988.
6.
Vgl. Erika Fischer-Lichte/Isabel Pflug (Hrsg.), Inszenierung von Authentizität, Tübingen-Basel 2000.
7.
Vgl. Thomas Meyer, Mediokratie. Die Kolonisierung der Politik durch das Mediensystem, Frankfurt/M. 2001, und ders., Media Democracy, Oxford 2002.