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Die Theatralität der Politik in der Mediendemokratie

5.1.2004

Inszenierungspolitik heute



Peter Burke, britischer Historiker und brillanter Chronist der klassischen Politikinszenierung vormoderner Prägung, hat auf zwei Faktoren hingewiesen, die trotz der ehrwürdigen Tradition derGeschichte politischer Inszenierungen in der gegenwärtigen Konstellation dennoch zu einer neuen Qualität mit neuen Voraussetzungen und Wirkungen geführt haben:[8]

Erstens: In der Demokratie stellt sich die Legitimationsfrage für die Inhaber und Anwärter politischer Mandate und Ämter auf neue Weise und sehr viel dringlicher als in den vordemokratischen politischen Systemen. Heute stehen politische Konkurrenten vor der Aufgabe, beinahe täglich um die ungewisse Zustimmung des Publikums zu ringen. Die Inszenierungen politischen Handelns müssen für die politischen Akteure zu einer jederzeit bedachten Kommunikationsstrategie werden, mit der sich ein Massenpublikum erreichen lässt.

Zweitens: Da in der Demokratie in einem prinzipiell offenen Wettbewerb eine Vielzahl politischer Inhaber und Aspiranten öffentlicher Spitzenämter um die Gunst des Publikums ringen, entsteht ein erhöhter Druck reflexiver Selbstpräsentation der Politikerinnen und Politiker sowohl im Verhältnis zu allen anderen Mitbewerbern wie auch zum Publikum.

Drittens: Entscheidender für die neue Qualität und die neuen Wirkungsdimensionen politischer Inszenierung sind allerdings die technischen Veränderungen im Bereich der Massenmedien. Mit dem Fernsehen steht nämlich erstmals in der Geschichte ein Massenmedium zur Verfügung, das einerseits alle Grenzen von Raum und Zeit überwindet, in spezifischer Weise die Gesamtheit der handelnden Personen wahrnehmen und diese Wahrnehmungen an ein breites Publikum vermitteln kann und das darüber hinaus durch seine medialen Qualitäten und seine Allgegenwart in den häuslichen Lebenswelten der Menschen fortwährend dichteste Realitätsillusionen erzeugt.[9] Da das Fernsehen als kulturelles Leitmedium auf sein Publikum, jedenfalls den größten Teil, entscheidenden Einfluss hat und darüber hinaus wegen seiner unübertroffenen Reichweite für alle anderen Massenmedien eine gewisse Vorbild- und Schrittmacherfunktion ausübt, nimmt es im System der medialen Politikvermittlung eine Schlüsselstellung ein. Es rückt - im Gegensatz zu allen anderen Massenmedien - die Gesamtheit aller Zeichensysteme, die von menschlichem Handeln ausgehen können: Mimik, Gestik, Proxemik, Paralinguistik, Kulissen und Requisitenkontext in den Focus seiner Vermittlungen. Damit wird für die handelnden Politiker, welche die Bühne der elektronischen Medien betreten, die Gesamtheit ihrer körperlichen Performance zum zentralen Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit. Um auf dieser Bühne erfolgreich sein zu können - in den Augen fast aller Gegenwartspolitiker eine Vorbedingung -, ist gezielte Arbeit an sich selbst notwendig. Zumeist erfolgt diese mit Hilfe professioneller Beratung oder durch praktisches Training. Diese Lernprozesse werden professionell organisiert, indem die politischen Inszenierungsstrategien zu einem substantiellen Handlungsfeld innerhalb des politischen Systems selbst gemacht und von einem rasch wachsenden Stab von Beratern und Planern aller Art wissenschaftlich und ästhetisch vorbereitet und umgesetzt werden. Die Inszenierung der eigenen Politik oder oft auch nur ihrer Ansprüche wird unter dem Inszenierungsdruck, der von den modernen Massenmedien ausgeht, zu einem zentralen Handlungsfeld der Politik selbst.

Auch wenn der intentionale und performative Kern politischer Inszenierung so alt ist wie die Politik selbst, entsteht durch die Inszenierung der Politik für die Bühnen der Massenmedien eine qualitativ neue Situation: Sie besteht in der realistischen Erwartung, auch unabhängig von den tatsächlichen Handlungserfolgen bei der Lösung sachlicher Probleme, beim Massenpublikum die Illusion einer wirklichen Realitätserfahrung auszulösen.



Fußnoten

8.
Vgl. Peter Burke, Ludwig XIV. Die Inszenierung des Sonnenkönigs, Berlin 1993.
9.
Vgl. Thomas Meyer/Martina Kampmann, Politik als Theater, Berlin 1998.