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5.1.2004 | Von:
Thomas Meyer

Die Theatralität der Politik in der Mediendemokratie

Theatralisierung und politische Urteilskraft

Es wäre dennoch verfehlt, die Theatralisierung der Politik unter dem medialen Inszenierungsdruck umstandslos mit deren Entpolitisierung gleichzusetzen. Vielmehr bewirken drei gewichtige Faktoren, dass Politik - selbst im Falle ihrer weitgehenden Theatralisierung - immer mehr ist als bloßes politisches Theater. Diese Faktoren bergen ein offenes Entfaltungspotenzial in sich, das die Rückgewinnung des Terrains politischer Rationalität in erheblichem Umfang zu einer Angelegenheit macht, die von der Politik selbst mit beeinflusst werden kann.

Erstens: Politische Kommunikation erschöpft sich nicht in ihrem öffentlich sichtbaren Teil. In Beratergremien und Parlamentsausschüssen, Kommissionen und Parteidiskussionen, Beratungsgesprächen und Bürgerinitiativen, die nicht direkt dem Inszenierungsdruck der Medienbühne unterliegen, spielt sich auch in der Mediendemokratie immer noch ein beträchtlicher Teil der handlungsrelevanten politischen Kommunikation ab. Sie können sich vielmehr, wenn auch in unterschiedlichem Maße, davon immer wieder distanzieren und diese selbstreflexiv zum Gegenstand kritischer Erneuerung machen.

Zweitens: Auch wenn theatralisierte Politik eine hervorragende Voraussetzung für die Zunahme symbolischer "Placebo-Politik" ist, bei welcher Teile der Politik nur noch vorgespielt und nicht mehr real vollzogen werden, kann Politik auch in der Mediendemokratie nicht umhin, ihrem eigentlichen gesellschaftlichen Funktionszweck gerecht zu werden: der Vorbereitung verbindlicher Entscheidungen. Hieran wird sie im Falle großer Dissonanzen zwischen ihrer Herstellung und Darstellung am Maßstab der Erfahrungen der Bürgerinnen und Bürger in ihren Lebenswelten weiterhin gemessen.

Drittens: Empirische Studien haben gezeigt, dass die Theatralisierung des politischen Diskurses nicht automatisch seine Entpolitisierung bedeutet, da in allen Formen der politischen Inszenierung angemessene Synthesen mit dem politischen Informationsgehalt von Ereignissen hergestellt werden können, die es möglich machen, dass hochgradig inszenierte politische Ereignisse oder Berichte in durchaus angemessenem Maße eine authentische und informative Darstellung ihres Bezugsereignisses enthalten.[12]

Unter dem Druck insbesondere der privaten Fernsehanstalten nimmt auch in der Bundesrepublik gleichwohl der theatrale Inszenierungsaspekt nicht nur im Fernsehen, sondern auch in einem Teil der Printmedien einen wachsenden Raum ein und beherrscht einen sehr großen Teil der tatsächlichen Politikvermittlung. Die angemessene Berücksichtigung der politischen Informationen und Argumentationen, die zur Urteilsbildung über ein Thema oder eine Person notwendig wären, wird dabei in der Regel vernachlässigt. Die Massenmedien und ihr Inszenierungsdruck, unter dem diese selber stehen und unter den sie die Politik setzen, bilden letztlich nur eine kommunikative Gelegenheitsstruktur. Dabei kommt es nicht zu jenen Synthesen zwischen Inszenierungsregeln und den Sachverhalten der politischen Welt, die erforderlich wären, um die Inszenierung und Informativität in angemessenem Maße in Einklang miteinander zu bringen. Zu beobachten ist auch, dass die Medienschaffenden in beträchtlichem Maße dazu neigen, die Inszenierungspotenziale ihrer Themen und Personen voll auszuschöpfen, aber in weit selteneren Fällen die Inszenierung als mediales Vehikel verstehen, um die Informations- und Argumentationspotenziale ihrer Bezugsereignisse in gleicher Weise zur Geltung zu bringen. Diese Asymmetrie führt zur gegenwärtig zu beobachtenden Grundtendenz, dass angemessene politische Inszenierungen - sei es in der Politik selbst, sei es in den Massenmedien, in denen das Referenzereignis auf demokratiepolitisch haltbare Weise repräsentiert ist - eher die Ausnahme bilden, während die Inszenierung selbst allgegenwärtig ist.

Es wäre eine wichtige Aufgabe sowohl für verantwortlichen Journalismus als auch für eine gesellschaftliche Selbststeuerung des medialen Vermittlungssystems der Politik, dafür zu sorgen, dass die Bedingungen inszenierter Politikvermittlung angemessen erfüllt werden.

In dieser Hinsicht spielen offenbar vor allem zwei subjektive und zwei objektive Faktoren die ausschlaggebende Rolle:

Erstens. Eine wichtige subjektive Voraussetzung besteht in der sachlichen Kompetenz der zuständigen Medienschaffenden, selbst über genügend Wissen und Urteilskraft auf den politischen Gebieten zu verfügen, über die sie berichten, so dass sie nicht auf oberflächliche Inszenierungen allein angewiesen sind oder auf diese, sofern sie von Seiten der Politik angeliefert werden, "hereinfallen". Die andere subjektive Voraussetzung besteht in der Verantwortungsbereitschaft der Medienschaffenden, im Rahmen der Produktionsverhältnisse, in dem sie jeweils stehen, für eine angemessene Synthese zwischen der medialen Inszenierung und dem berichteten Sachverhalt sorgen zu wollen.

Zweitens: Als wahrscheinlich wichtigste objektive Voraussetzung erweist sich die Medienökonomie. Journalisten, die unter einem enormen Zeitdruck stehen und für Recherche und gründliche Aufbereitung ihrer Produkte keine Kapazität haben, weil sie um die jeweils alleraktuellste Information mit anderen Medien konkurrieren müssen, werden nur in seltenen Fällen in der Lage sein, eine angemessene Synthese von Sachgehalt und Medienästhetik zu liefern. Wenn der sozialkulturelle Druck innerhalb der Medien selbst und in der Gesellschaft nicht vorhanden ist, wenn nicht auf Angemessenheit der Inszenierungen gedrängt und Verantwortung eingefordert wird, wird sich aus Gründen der Bequemlichkeit und der Ressourcenschonung eher die leichte und schnelle Inszenierung einbürgern als die verantwortliche und angemessene Synthese.

Die Medienschaffenden haben gegenüber der Politik eine wichtige Verantwortung. Solange von ihnen - durch die einseitige Anwendung der medialen Produktionsregeln - ein undifferenzierter Inszenierungsdruck ausgeht, dem die Politik entsprechen muss, wenn sie nicht die Kontrolle über deren Vermittlung gänzlich verlieren will, begünstigen sie die zunehmende Selbsttheatralisierung der Politik. Häufig geschieht das auch hier um den Preis der Entkoppelung von Darstellung und Herstellung. Soweit sie aber selbst die Angemessenheit der politischen Selbstinszenierung und deren Verhältnis zum Herstellungshandeln der Politik zum regelmäßigen Gegenstand ihrer Berichterstattung machen und auf Seiten der Politik auf Angemessenheit drängen, indem sie diese selbst in den Mittelpunkt ihrer journalistischen Betrachtung rücken, wird einerseits der pauschale Inszenierungsdruck, der gegenwärtig auf der Politik lastet, verringert und andererseits Angemessenheit medial honoriert.

Die Mediendemokratie besitzt tendenziell die Macht zur Verschiebung der Gewichte, Akteursrollen und Einflussströme, und dies nicht nur auf der Ebene der politischen Kommunikation, sondern im politischen System selbst. Sie ist jedoch kein hermetisch abgeschlossenes System. Reflexives Handeln der zentralen Akteure im Mediensystem und in der Politik können die laufenden Trends stoppen und, zumindest teilweise, auch wieder umkehren. Die schwerere Last ist jedoch die Neubestimmung der Balance von Medien und Politik.


Fußnoten

12.
Vgl. die Ergebnisse des interdisziplinären Dortmunder Forschungsprojekts in: T. Meyer/R. Ontrup/Chr. Schicha (Anm. 10), Kapitel 6.