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Von Feinden und Helden

Inszenierte Politik im realen Sozialismus


5.1.2004
Die bipolare Wahrnehmung der Welt durch die SED-Führung äußerte sich in ebenso bipolaren Inszenierungen: "Feinde" und "Saboteure" repräsentierten die dunkle Seite des Kapitalismus, "Freunde" und "Helden" die lichte Sphäre der sozialistischen Zukunft.

Einleitung



"Liebe Eltern! - Alljährlich begegnen wir in den ersten Septembertagen in unseren Straßen den kleinen Lernanfängern. An ihren erwartungsfrohen, festlich gestimmten Gesichtern kann man erkennen, dass dies ein großer Tag für sie ist. Vor unseren Kindern liegt eine glückliche Schulzeit in unserer sozialistischen Schule, und wohl keiner, der sie an ihrem ersten Schultag sieht, geht ohne Anteilnahme vorüber. In diesem Jahr wird Ihr Kind, liebe Eltern, auch dabeisein. Es ist vielleicht das erste Kind, das Sie in unsere Schule bringen, und Sie werden viele Fragen auf dem Herzen haben. Was wird das Kind lernen? Wie wird es erzogen werden? Was können wir Eltern tun?"





In der Broschüre für Eltern von Schulanfängern aus dem Jahr 1973, aus der hier zitiert wird, herausgegeben vom Ministerium für Volksbildung der DDR, bekamen die verunsicherten Väter und Mütter selbstverständlich auch die Antworten seitens der staatlichen Erziehungsbevollmächtigten mitgeliefert: "Helfen Sie Ihrem Kind, zwischen Gut und Böse, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden!"



Das Kind höre die Erwachsenen von Krieg und Frieden reden und frage, was das bedeute. Es würde die Soldaten der Volksarmee sehen und wolle doch wissen, warum sie Soldaten seien. "Antworten Sie richtig - die Soldaten bewachen unsere Grenze vor Feinden, damit du in Ruhe spielen kannst, damit Vati und Mutti arbeiten können und niemand unsere Wohnung zerstört? Oder geben Sie keine Antwort und meinen, dass das Mädchen oder der Junge dazu noch zu klein seien? Lassen Sie nicht zu, dass die Feinde des Sozialismus, die Feinde der Deutschen Demokratischen Republik, mit Hilfe von Fernseh- und Rundfunkstationen durch Lüge und Hetze versuchen, auf Sie und auf Ihr Kind Einfluss zu gewinnen! Ihr Kind soll nicht diesem Gift ausgesetzt werden! Sie würden es in große Konflikte bringen, ihm und seiner Entwicklung schaden.

Es gibt so unendlich viele Fragen, und die müssen wir Erwachsenen ihnen in einer verständlichen Form, die beim Kinde ganz bestimmte Vorstellungen hervorruft, beantworten. Wir müssen sie so beantworten, dass wir schon bei den kleinen Kindern beginnen, die Liebe zu ihrem Arbeiter-und-Bauern-Staat anzuerziehen. Wenn sie in der Schule sind, merken sie sehr bald, ob Mutti, Vati und Lehrer sich einig sind. Gerade das ist so wichtig, weil es ihnen hilft, sich zurechtzufinden. Das ist dann der Keim zu einem sich neu entwickelnden Menschen, der den Sozialismus und den Frieden über alles liebt und den Krieg und die Kriegstreiber hassen wird."[1]

Dieser Elternratgeber ließ keinerlei Zweifel daran aufkommen, wie das Bild der Kinder vom politischen Feind auszusehen hatte, wo die Feinde des Sozialismus standen und wer die Freunde eines friedlichen Alltags der Kinder waren. Und er ließ auch keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass die Antworten in der Schule und zu Hause nicht unterschiedlich auszufallen hatten! Unmissverständliche Freund- und Feindbilder[2] sollten nach Auffassung der Parteioberen gerade in den siebziger Jahren verstärkt propagiert werden, denn eine ideologische Entspannung durfte es nicht geben. Die "neue Ostpolitik" der Bundesrepublik und die "neue Westpolitik" der Sowjetunion sollten weder einem neuen Welt- noch einem neuen Selbstbild des Sozialismus Vorschub leisten. Die Grenzen mussten aus der Sicht der Partei gewahrt bleiben - gerade in Zeiten, in welchen sie in Bewegung zu geraten schienen.



Fußnoten

1.
Unser Kind kommt in die Schule, hrsg. vom Ministerium für Volksbildung der DDR, Berlin (Ost) 1973, S. 2f.
2.
Dieser Beitrag basiert auf der Tagung "Sozialistische Feindbilder. Zur Konstruktion des 'Anderen' in osteuropäischen Ländern und in der DDR", die von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, der Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung, Weimar, der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin, dem Goethe-Institut Inter-Nationes, Weimar, und den Autoren im September 2003 veranstaltet wurde. Die Ergebnisse der Konferenz sollen in einem Sammelband dokumentiert werden, der 2004 im Leipziger Universitätsverlag erscheinen wird.