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Die medienorientierte Inszenierung von Protest

Das Beispiel 1. Mai in Berlin


5.1.2004
Kollektive öffentliche Proteste - wie die Demonstrationen zum Berliner 1. Mai - werden mit Blick auf ihre Wirkung in den Massenmedien inszeniert. Zugleich geht es darum, sich der eigenen kollektiven Identität zu vergewissern und Grenzziehungen zwischen einzelnen Protestgruppen vorzunehmen.

Einleitung



Kollektive Proteste in westlichen Demokratien sind nur selten spontane Äußerungen von Unzufriedenheit und Kritik. Zumeist wird ihr Zeitpunkt und Ablauf detailliert geplant. Viele Proteste, sowohl die spektakuläre Aktion einer kleinen Gruppe als auch der Massenprotest von Hunderttausenden, erfordern eine mehr oder weniger aufwändige logistische Vorbereitung, die der breiten Öffentlichkeit verborgen bleibt. Was jedoch sichtbar werden kann und soll, ist das Protestereignis selbst. Es dient nicht allein dazu, einen politischen Gegner zu beeindrucken. Vielmehr suchen die Protestierenden die Aufmerksamkeit - und möglichst auch Zustimmung - des breiten Publikums. Erst über die Berichterstattung der Massenmedien, insbesondere von Tageszeitungen, Radio und Fernsehen, wird ein Protest für große Teile der Bevölkerung überhaupt wahrnehmbar und in diesem Sinne "existent". Die Massenmedien übernehmen hierbei keineswegs die Funktion eines Spiegels. Sie sind vielmehr Instanzen, die, sofern sie überhaupt berichten, bestimmte Aspekte des Protestes hervorheben und andere ausblenden, die loben oder tadeln, die Gegner des Protests, aber auch Reaktionen des Publikums, beachten oder aber ignorieren. Medien weisen - in der Terminologie der Kommunikationswissenschaft - zwangsläufig einen description bias auf.




Die Protestakteure wissen um die Schlüsselrolle der Massenmedien und stellen diese bei ihrem Tun in Rechnung. Entsprechend kalkulieren sie ihre Forderungen, Parolen, Zeichen und Handlungen. Dabei ist im Verlauf der letzten Jahrzehnte immer deutlicher die Tendenz erkennbar, Auftritte mit Blick auf die Medienresonanz regelrecht zu inszenieren.[1] Dieses "In-Szene-Setzen" von Protesten gleicht in mancher Hinsicht einer Theatervorstellung, gibt es doch auch für Proteste immer deutlicher - im wörtlichen oder übertragenen Sinne - Bühnen, Skripte, Rollen und nicht zuletzt ein Publikum, das die Ereignisse direkt vor Ort oder indirekt in den Massenmedien verfolgen kann. Freilich sollte die Metapher eines Protesttheaters nicht überstrapaziert werden. Zwischen der Kunstform des Theaters und dem politischen Protest bestehen wesentliche Unterschiede. Die Protestakteure werden von keinem Arbeitgeber engagiert; selten hält ein einzelner Regisseur die Fäden in der Hand; die Zusammensetzung des "Ensembles" steht nicht vorab fest; auch nimmt das geplante Stück zuweilen eine für alle Beteiligten überraschende Wende. Anders als bei den meisten Theaterstücken wollen die Protestakteure zudem das Publikum zum Mitmachen bewegen. Vor allem aber handelt es sich nicht nur um ein fiktionales Spiel, sondern um ein Stück "reales Leben", in welchem die Akteure sich selbst darstellen. Es geht ihnen nicht oder nicht primär um Unterhaltung, sondern um die Veränderung gesellschaftlicher bzw. politischer Zustände. Sieht man von ausdrücklich theatralischen Einlagen im Rahmen von Protestaktionen einmal ab, so bemühen sich die Akteure, das zu sagen, was sie meinen, und als das zu erscheinen, was sie sind. Gleichwohl bleibt der öffentliche Protest eine Handlungsform, dem ein Moment der Inszenierung anhaftet. Doch Gleiches gilt auch für viele unserer Rollen im Alltag und Beruf sowie für zahlreiche komplexere soziale und politische Vorgänge, seien es Trauungen, Pressekonferenzen oder Staatsfeierlichkeiten.

Allerdings handelt es sich bei Protestereignissen nicht um Inszenierungen, die lediglich auf Außenwirkung, also die Beeinflussung von Passanten, Medien, Medienpublikum und politischen Entscheidungsträgern bedacht sind. Es sind auch Inszenierungen, die Wirkung bei den Protestteilnehmern selbst erzielen sollen. Diese wollen sich im Akt des Protests ihrer Entschlossenheit, Opferbereitschaft, Einheit, Besonderheit, Massenhaftigkeit usw. vergewissern. Sie bekunden sich wechselseitig die Tatsache und Gestalt ihres Protests, stellen sich als ein identitäres Kollektiv oder auch als distinkte Gruppen innerhalb eines solchen dar, suchen ein Gemeinschaftserlebnis. Die Selbstvergewisserung als kollektiver Akteur erfolgt zuweilen wiederum medial verstärkt, indem sich die Teilnehmer nach der Protesthandlung nochmals in der Berichterstattung der Medien oder in selbst produzierten Dokumentationen, Broschüren oder Videofilmen betrachten.

Die nach zwei Seiten gerichtete Inszenierung von Protesten, die auf Außen- wie auf Binnenwirkung zielt, steht im Mittelpunkt dieses Beitrags. Als Anschauungsmaterial dienen die Demonstrationen zum Berliner 1. Mai 2002. Dieser Handlungskontext wird erstens gewählt, da es sich um ein kalendarisch fixiertes Ereignis mit einer weit zurückreichenden Geschichte handelt, das routinemäßig geplant und inszeniert wird. Im Unterschied zu Protesten aus aktuellem Anlass spielt bei solchen Erinnerungs- und Wiederholungsprotesten die Inszenierung eine besonders wichtige Rolle. Zweitens versammelt sich zum 1. Mai speziell in Berlin eine Vielzahl höchst verschiedenartiger, ja sogar politisch völlig konträrer Gruppierungen; sie alle stellen sich in diesen größeren Ereignisrahmen und sehen sich in der Traditionslinie der Mai-Proteste. Damit gelangen auch die Abgrenzungen zwischen diesen Gruppen und die damit verbundenen Inszenierungen in den Blick. Drittens findet dieses Ereignis nicht nur seinen Niederschlag in einer Vielzahl von Medienberichten. Es wurde auch im Rahmen eines Forschungsprojektes - einer Analyse des 1. Mai 2002 - in Form eines Buches ausführlich dokumentiert.[2] Dabei wurde eine "sinnverstehende" und rekonstruktive Perspektive gelegt, welche die Beteiligten ernst nimmt und klischeehafte Schilderungen zu durchbrechen sucht. Eine solche hermeneutische Perspektive, die gleichermaßen Nähe und Distanz voraussetzt, hat auch auf vermeintliche Details und "bloß" symbolische Ausdrucksformen zu achten.



Fußnoten

1.
Dies gilt selbstredend nicht nur für Protestakteure. Vgl. allgemein dazu Hans Mathias Kepplinger, Ereignismanagement. Wirklichkeit und Massenmedien, Zürich 1992.
2.
Vgl. Dieter Rucht (Hrsg.), Berlin, 1. Mai 2002. Zur Inszenierung politischer Rituale, Opladen 2003. Vorausgegangen waren dem eine Beschäftigung mit der Geschichte der Proteste zum 1. Mai im Deutschland des 20. Jahrhunderts (vgl. ders., "Heraus zum 1. Mai!" Ein Ritual im Wandel, 1950 - 1999, in: ders. [Hrsg.], Protest in der Bundesrepublik. Strukturen und Entwicklungen, Frankfurt/M. 2001, S. 143 - 172), eine Analyse der Medienreaktionen auf die Londoner Mai-Proteste im Jahr 2000 (ders., Antikapitalistischer und ökologischer Protest als Medienereignis: Zur Resonanz der Proteste am 1. Mai 2000 in London, in: Achim Brunnengräber/Ansgar Klein/Heike Walk [Hrsg.], Legitimationsressource NGOs. Zivilgesellschaftliche Partizipationsformen im Globalisierungsprozeß, Opladen 2001, S. 259 - 283) sowie eine begleitende Beobachtung der Berliner Proteste am 1.Mai im Jahr 2001.