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5.1.2004 | Von:
Dieter Rucht

Die medienorientierte Inszenierung von Protest

Das Beispiel 1. Mai in Berlin

Die Formen der Inszenierung

Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet zu einem Anlass wie dem 1. Mai, an dem die grenzüberschreitende Solidarität aller Werktätigen zum Ausdruck gebracht werden soll, immer wieder eine Zersplitterung in verschiedene ideologische Fraktionen offenkundig wird. Dies zeigte sich bereits im Gegeneinander von Sozialdemokraten und Kommunisten in der Weimarer Zeit, dann in der Hochphase der Studentenrevolte, als die Protestmärsche der außerparlamentarischen Opposition den gewerkschaftlichen Veranstaltungen in Westberlin den Rang abliefen, und schließlich erneut mit den "revolutionären" Mai-Demonstrationen in Berlin. Am 1. Mai 2002 hatte diese Fraktionierung der Demonstranten in Berlin mit den bereits genannten Mai-Veranstaltungen ihren Höhepunkt erlangt. Wohl an keinem Ort der Welt, so ist zu vermuten, entfaltet sich am 1. Mai ein derart facettenreiches und in sich widersprüchliches Geschehen wie in Berlin. Hier versammeln sich konkurrierende, teilweise sogar antagonistische Protestgruppen aus (vermeintlich) gleichem Anlass. Die dabei vorgenommenen Abgrenzungen sind zum Teil offenkundig - etwa im Falle von Anhängern der NPD und den Gegendemonstranten. Sie sind jedoch teilweise auch sehr subtiler Natur, so dass sie nur für Insider deutlich werden. Dies gilt für die Differenzierungen innerhalb des linksradikalen Lagers, aber auch für Teilnehmer an der NPD-Veranstaltung, die sich in verschiedene Subgruppen aufteilen.

Die Präsentation nach außen

Mit Ausnahme der Teilnehmer an den beiden Mai-Festen wollen alle sich als politisch verstehenden Protestakteure am 1. Mai eine bestimmte Außenwirkung erzielen. Sie tun dies jedoch mit unterschiedlichen Erwartungen und Darstellungsformen. Manche Akteure begnügen sich damit, Aufmerksamkeit zu erregen, während andere, darüber hinausgehend, aktiv um Zustimmung werben. Fast durchgängig streben die Protestgruppen jedoch danach, durch geeignete Aktions- und Präsentationsformen in den Medien Beachtung zu finden. Das schließt allerdings nicht aus, dass einzelne Gruppen auch darum bemüht sind, das Straßenpublikum anzusprechen und in das Geschehen einzubeziehen.

Die Medienaufmerksamkeit folgt bestimmten Regeln, insbesondere den so genannten Nachrichtenwerten bzw. Nachrichtenfaktoren,[4] welche die Protestgruppen mehr oder weniger gezielt und kompetent in Rechnung stellen. Zur Erzeugung massenmedialer Aufmerksamkeit stehen Protestakteuren vier grundlegende Möglichkeiten zu Verfügung, nämlich erstens die Mobilisierung einer großen Zahl von Protestteilnehmern, zweitens ein hoher Konflikt- bzw. Radikalitätsgrad der Aktion, drittens die Unterstützung durch prominente Personen bzw. Organisationen und schließlich viertens die Originalität bzw. Außergewöhnlichkeit der Handlungsform.[5] Auf eine Formel gebracht: Je massenhafter, radikaler, kreativer die Aktion und/oder je prominenter die Unterstützer, desto wahrscheinlicher ist die Berichterstattung in den Medien und desto größeren Raum wird sie einnehmen.[6] Andere Faktoren erhöhen ebenfalls die Wahrscheinlichkeit der Berichterstattung. Dazu zählen etwa die Symbolträchtigkeit des gewählten Zeitpunktes und/oder Ortes des Protests, dessen räumliche Nähe zur Redaktion und zum Publikum sowie die von den Protestierenden in Kauf genommenen Opfer bzw. Risiken (zum Beispiel im Falle eines Hungerstreiks oder einer Repressionsdrohung). Allerdings können bzw. wollen nicht alle Protestakteure gleichermaßen diese Nachrichtenfaktoren maximieren. Sektiererische, ihren Anhängern hohe Opfer abverlangende Protestgruppen vermögen kaum eine Massenbasis zu erlangen; Massenproteste beschränken sich in der Regel auf ein eher seltenes, kurzzeitiges und wenig aufwändiges Engagement; gewaltförmige Proteste verbieten sich vielen Menschen aus Respekt vor moralischen und rechtlichen Regeln; Prominente lassen sich zumeist nur von als "seriös" geltenden Protestakteuren "einspannen". Oft haben somit die Protestgruppen konkurrierende Gesichtspunkte gegeneinander abzuwägen. Schließlich gibt es auch den eher seltenen Fall, dass Protestgruppen - oft aufgrund schlechter Erfahrungen - sich nicht oder kaum um die Reaktion der Medien scheren.

Im Falle des Berliner 1. Mai waren und sind es insbesondere die Gewerkschaften, die durch Massenhaftigkeit das breite Publikum beeindrucken wollen. Die im langen Zeitverlauf abnehmende Beteiligung[7] an den gewerkschaftlichen Mai-Kundgebungen (vgl. die Abbildung) veranlasste allerdings die Organisatoren dazu, die Veranstaltungen zu verändern. So öffneten sie sich zunehmend für die Beteiligung nichtgewerkschaftlicher Akteure und suchten zudem das Geschehen attraktiver zu gestalten.

Die Fixierung auf die schiere Größe der Kundgebung zeigte sich nicht zuletzt daran, dass die gewerkschaftlichen Organisatoren in der Vergangenheit mehrfach Journalisten kritisierten, weil diese - nach Auffassung der Gewerkschaften - zu niedrige Teilnehmerzahlen angegeben hatten. Ein weiteres Indiz für die Bedeutung von Teilnehmerzahlen ist, dass am 1. Mai 2002 eine Organisatorin des DGB die Zahl der Kundgebungsteilnehmer zunächst auf 10 000 beziffert und kurz danach auf 25 000 erhöht hatte, ohne dass sich, einhelligen Aussagen mehrerer Beobachter unserer Forschungsgruppe zufolge, die Größenordnung der Kundgebung erkennbar verändert hätte.

Der gewerkschaftliche Protestzug und die sich anschließende Kundgebung vermitteln das Bild einer in sich schwach differenzierten Kerngruppe, an die sich diverse nichtgewerkschaftliche Gruppen anlagern. Dazu gehören kommunistische Splitterparteien, linke Ausländergruppen, PDS und Bündnis 90/Die Grünen, aber auch parteipolitisch neutrale Organisationen. Von über 60 verschiedenen Gruppen wurden Flugblätter und Schriften verteilt. Insgesamt vermittelt die gewerkschaftliche Veranstaltung den Eindruck einer großen Vielfalt, der auch durch eine Fülle von Zeichen verstärkt wird. Bei den diversen politischen Gruppen finden sich einerseits standardisierte Fahnen und Plakate, andererseits aber auch individuell angefertigte, teilweise handgemalte Spruchbänder, Schilder und dergleichen. Stärker als jede andere Farbe tritt das Rot der Fahnen und Transparente in Erscheinung, wobei sich eine enge Korrespondenz zwischen der Verwendung dieser Farbe und der Radikalität der Gruppe zeigt. Gleichwohl entsteht eher das Bild einer "bunten" als einer "roten" Veranstaltung. Zu diesem Eindruck tragen auch zahlreiche Luftballons, die aufgeblasene "Blaue Hand" einer politischen Künstlergruppe (Art at Work) und eine ausländische Tanzgruppe in farbenfroher Tracht bei.

Auffällig ist die Offenheit des gesamten Arrangements. Weder der Demonstrationszug noch der Platz der Kundgebung sind nach gewerkschaftlichen und nichtgewerkschaftlichen Gruppen aufgeteilt. Neugierige oder Sympathisanten können sich an jeder Stelle des Demonstrationszuges (mit Ausnahme der Spitze) einreihen. Am Kundgebungsplatz ist der Unterschied zwischen Zuschauern und Demonstranten völlig verwischt. Auch wenn hochgradig ideologisierte Gruppen in diesem lockeren Rahmen auftreten und beispielsweise durch Informationsstände ihren Raum beanspruchen, auch wenn die politischen Reden und Aussagen der Gewerkschaftsvertreter formal im Zentrum stehen, so vermittelt das Ganze doch keineswegs den Eindruck einer rein politischen Veranstaltung. Aufgelockert wird das Geschehen nicht zuletzt durch das breite Angebot an Speisen und Getränken, die Offerten zum Kauf von Luftballons und T-Shirts, die bereitgestellten Spielmöglichkeiten für Kinder sowie die Unterhaltungselemente auf und vor der Bühne. Diese Elemente sollen der Veranstaltung ihren ernsten und biederen Charakter nehmen und stattdessen das Flair eines Volksfestes erzeugen. Nichts liegt zudem den Gewerkschaften ferner, als durch Sachbeschädigungen oder gar Angriffe auf Personen hervorzutreten. Gleiches gilt für die Veranstaltung der PDS, die, im Unterschied zur Kundgebung der Gewerkschaften, jedoch alle Buntheit und Lockerheit vermissen ließ. Hier wurde vielmehr jener demonstrative Ernst an den Tag gelegt, der die gewerkschaftlichen Veranstaltungen in früheren Phasen ausgezeichnet hatte.

Auch die Organisatoren der "revolutionären" Mai-Demonstrationen sind um möglichst große Teilnehmerzahlen bemüht, wollen sie damit doch verdeutlichen, dass Linksradikalität nicht eine Sache winziger Minderheiten ist. Allerdings suchen sie weniger die breite Masse als vielmehr ihre spezifische Klientel anzusprechen. Das bevorzugte Mittel dazu sind Plakate und Szenezeitschriften. Besonders ausgeprägt ist zudem das Bemühen, die alltagsweltliche Verbundenheit mit der Kiez-Bevölkerung zu verdeutlichen. Der Linksradikalismus soll namentlich den sozial Benachteiligten und Ausgegrenzten eine Stimme verleihen. Entsprechend berichten Linksradikale in ihren Organen voller Stolz über einzelne Sympathiebekundungen von Anwohnern, über Aggressionen von "Normalbürgern" gegen Ordnungskräfte oder über Plünderungen, an denen sich die "kleinen Leute" beteiligt hätten.

Mit Verbalradikalismus und einzelnen Sympathiebekundungen lässt sich allerdings schwerlich die Aufmerksamkeit der Medien gewinnen. Auch aus diesem Grund, und nicht nur als Zeichen revolutionärer Gesinnung, setzen die Linksradikalen auf das Mittel der Konfrontation, der Unkalkulierbarkeit und der Drohung. Werden ihre politischen Kritikpunkte und Forderungen von den etablierten Medien ignoriert oder wird über sie mit unverhohlener Distanz berichtet, so sichert immerhin die Störung der "öffentlichen Ordnung" eine beachtliche Medienresonanz. Damit wird die Störung als solche zur politischen Botschaft, signalisiert sie doch Entschlossenheit, Unbeugsamkeit und Renitenz. Verzerrende Medienberichte und vernichtende Kommentare bestätigen das Weltbild der Linksradikalen, wonach zwischen ihnen und allen jenen, die sich mit dem "System" arrangiert haben, eine unüberwindbare Kluft bestehe. Diese Kluft markieren sie ihrerseits durch die Radikalität in Wort und Tat, aber auch durch Habitus, Kleidung und optische Signale. Am deutlichsten geschieht dies in der Manifestation des "Schwarzen Blocks", in dem sich die militanten "Straßenkämpfer" zusammenfinden und von den übrigen Demonstrationsteilnehmern separieren. Das Gegenstück dazu ist die Phalanx hochgerüsteter Polizeikräfte. Mit dem erwartbaren Zusammenprall beider Seiten ist der Höhepunkt des Spektakels erreicht. Nicht nur die professionellen Kameraleute bekommen "ihre" Bilder. Auffällig ist auch, wie viele Foto- und Videokameras auf Seiten der Demonstranten im Einsatz sind. Neben dem Motiv einiger Demonstranten, mögliche Polizeiübergriffe zu dokumentierten, dürfte auch Sensationslust im Spiele sein.

Die drei Demonstrationszüge des "revolutionären" 1. Mai, deren formale Differenz durch ihre verschiedenen Startzeiten markiert wird, weisen ein je spezifisches, wenngleich nicht sehr kompaktes ideologisches und optisches Profil auf. Während sich die 13-Uhr-Demonstration in ihrer linksorthodoxen Symbolik noch am ehesten als ideologisch geschlossen darstellt, wirken die 16-Uhr- und die 18-Uhr-Demonstration durchmischter. Für manche Teilnehmer sind diese Demonstrationen jedoch nur das Vorspiel für den Abend, für die Stunden der "Straßenkämpfer" und des vermeintlichen Ausnahmezustandes, dessen Ursprungsmythos in dem unerwarteten "Kiezaufstand" vom 1. Mai 1987 gesehen wird.

Bei aller Verschiedenheit der drei Züge - die Symbolik von Radikalität und teilweise auch Provokation, wie immer sie im Einzelnen ausgedrückt wird, ist das übergreifende Kennzeichen der "revolutionären" Mai-Demonstrationen. Analog zu den gewerkschaftlichen Veranstaltungen sind auch hier die Grenzen zwischen den beteiligten Gruppen und den Sympathisanten relativ offen. Obgleich die Demonstrationszüge, anders als im Falle der Gewerkschaften, belebte Wohnquartiere mit teilweise engen Häuserschluchten durchqueren und damit eine physische Nähe zu Anwohnern und Passanten herstellen, bleiben diese doch eher am Rande des Geschehens. Der Gestus der Radikalität und des in Szene gesetzten "abweichenden Verhaltens", die Massierung von sub- und gegenkulturellen Symbolen, nicht zuletzt die unübersehbare Polizeipräsenz schaffen zumindest phasen- und streckenweise, und vor allem mit fortschreitender Stunde, einen sozialen Raum, der durch Differenz, Spannung und teilweise auch aggressive Symbolik markiert ist. Damit entstehen soziale Anziehungs- und Abstoßungskräfte, die das Terrain wie ein Magnetfeld strukturieren. Angezogen werden einerseits erfahrungshungrige Jugendliche, darunter auch viele türkischer Abstammung, von denen sich ein Teil ohne wirklich politische Motive unter die Demonstranten mischt und den Krawall erhofft; abgestoßen werden andererseits die "ordentlichen" Bürgerinnen und Bürger, die sich von den Vorgängen bedroht oder angewidert fühlen und darin durch eine Vielzahl von Presseberichten bestärkt werden.

Die Anhänger der NPD sind ebenfalls auf optische Grenzziehung bedacht. Dem dient die Einheitlichkeit bestimmter äußerer Merkmale - Glatze oder Kurzhaarschnitt, Jacken, Stiefel - sowie das Auftreten in einem geschlossenen Block. Die Grenze zwischen innen und außen ist damit scharf markiert. Umschlossen wurde der Demonstrationszug am 1. Mai 2002 von starken neutralen Kräften (der Polizei). Weiter außen befanden sich die Gegendemonstranten, die nur in begrenzter Zahl von derPolizei zugelassen wurden. Die Kontrollen im Vorfeld der Veranstaltung, der geschlossene und massive Polizeikordon um den Demonstrationsblock der Rechten, die ständige Anwesenheit von Gegendemonstranten mit ihren demütigenden Rufen ("Nazischweine, Schüsse in die Beine" oder "Dumm, und kahl, und asozial", "Nazis verpisst euch, keiner vermisst euch"), die scharfen Reaktionen auf Seiten der Rechten ("Wir haben Euch was mitgebracht: HASS, HASS, HASS!"; "Schlagt den Roten die Schädeldecke ein"), schließlich das fast leere Umfeld der angrenzenden Straßen und Plätze in der näheren Umgebung lassen das Geschehen fast als surreal erscheinen.

Im Unterschied zu den übrigen Demonstrationen existieren bei der Veranstaltung der NPD keine Zonen des Übergangs, in denen sich Neugierige und Demonstranten mischen, Nachzügler einreihen oder Demonstranten vorübergehend oder vorzeitig abwandern könnten. Geschlossenheit entspringt in diesem Fall nicht nur expressivem Bekennertum, sondern auch dem konkreten Schutzbedürfnis der rechtsradikalen Demonstranten. Angesichts der linken Gegendemonstranten könnten sie es kaum riskieren, einzeln oder in Kleingruppen aufzutreten. Anders als bei den übrigen Demonstrationen sammeln sich die Rechtsradikalen an öffentlich nicht genannten Plätzen am Stadtrand, um dann unter dem Geleit der Polizei mit U-Bahn bzw. S-Bahn als "geschlossene Gesellschaft" zum Ort der Kundgebung zu gelangen. Die NPD-Demonstration nimmt damit den Charakter einer "wandernden Insel" an, wie es Chronisten und Interpreten des Geschehens genannt haben.[8] Die rechtsradikalen Demonstranten selbst unterstreichen den Eindruck ihrer sozialen Isolierung durch einen teilweise trotzigen Habitus und den zur Schau getragenen Stolz, einer Art politischer Elite anzugehören. Auf diese Weise wird von außen wie von innen das Bild einer politischen Sekte erzeugt, obgleich die Redner, in augenfälliger Diskrepanz zu diesem Eindruck, versichern, dass sie "immer mehr die Herzen der Jugend erobern". Auffällig ist zudem das Bemühen, sich als Teil des "Volkes" zu präsentieren und die Bewohner des Stadtteils Hohenschönhausen anzusprechen. Sogar der schon damals eher Distanz denn Nähe erzeugende Slogan der Studentenbewegung ist von den Rechten zu hören: "Bürger lasst das Glotzen sein, auf die Straße, reiht Euch ein."

Wie die militanten Linksradikalen liefern auch die NPD-Demonstranten den Medien eingängige und in diesem Sinne ideale Bilder: der markante Block der Rechtsradikalen mit den bekannten Insignien, der ihn umgebende Kordon von Polizisten und schließlich die außerhalb davon sich gruppierenden Gegendemonstranten, welche die Rechtsradikalen verhöhnen und von diesen wiederum mit Spott und Beschimpfungen bedacht werden. Eine weitere Facette der NPD-Demonstration ist das sichtliche Bemühen, einerseits Entschlossenheit und Kampfbereitschaft zu bekunden, andererseits aber ein "ordentliches" öffentliches Erscheinungsbild abzugeben. Dies betrifft Kleidung und Haarschnitt, schließt aber auch eine durch Ordner gewährleistete Verhaltenskontrolle seitens der Veranstalter ein: Weder tätliche Auseinandersetzungen noch Alkoholgenuss werden gebilligt. Damit setzen sich die Rechtsradikalen gezielt von den linken Gegendemonstranten ab, deren Aussehen und Habitus stärker durch Missachtung von Konventionen bestimmt ist und gewiss nicht den Eindruck von "Ordentlichkeit" erzeugen will.

Die innengerichtete Inszenierung

Neben den nach außen adressierten Botschaften richten sich andere Signale der Protestierenden an die Protestierenden selbst. Die Mai-Veranstaltungen sind ritualisierte Beschwörungen von Gemeinschaften. Sie ermöglichen identitätsverbürgende Grenzziehungen. Die damit symbolisierten Gemeinschaften kommen zusammen, um sich ihrer selbst zu vergewissern und mit ihrer Binnenkommunikation für sich Sinn zu stiften. Dabei handelt es sich im strikten, d.h. ethnologischen Sinne des Wortes um Rituale. Als solche sind sie zumindest für die Beteiligten keineswegs stupide Wiederholungen. Vielmehr besitzen sie einen sozial und psychologisch bedeutsamen Wiedererkennungswert. Zudem wird das vertraute Grundmuster des Ereignisses Jahr für Jahr mit zeit- und situationsspezifischen Elementen angereichert. Nicht zuletzt besitzen die Demonstrationsrituale auch einen "transformativen" Charakter, indem sie auf die Beteiligten und möglicherweise auch den weiteren sozialen Kontext zurückwirken.

Eine weitere Funktion dieser expressiven Selbstdarstellung ist die über Symbole hergestellte Markierung von Subgruppen, die primär für die Binnenkommunikation von Bedeutung ist. Dies gilt in besonderem Maße für die drei Protestmärsche der Linksradikalen, mit denen ideologisch konkurrierende Fraktionen ihre Identität behaupten wollen und deshalb offensichtlich auf die Möglichkeit eines geschlossenen Auftretens verzichten. Aber auch im Protestzug der Rechtsradikalen sind Subgruppen auszumachen, die durch subtile Symbole oder mittels mitgeführter Schilder ihre Identität - etwa als freie Kameradschaften im Unterschied zu Gliederungen der NPD - deutlich machen wollen. Selbst die Untergliederungen des DGB verzichten nicht darauf, sich als einzelne Fachgewerkschaften oder deren Ortsverbände mittels Fahnen, Mützen, Transparenten usw. auszuweisen. Hierbei wird aufmerksam registriert, wer die größten Bataillone zu mobilisieren vermag.

In unterschiedlicher Intensität und Nuancierung wird damit gerade am 1. Mai die Inszenierung von Gemeinschaften bedeutsam. Das wichtigste Werkzeug hierfür sind Symbole verschiedenster Art. Sie reichen von einem unscheinbaren Detail, etwa der Farbe eines Schnürsenkels oder einem kleinen Button, über auffällige Kleidungsstücke bis hin zur Präsentation eines kollektiven Massenkörpers. Einige dieser Symbole, zum Beispiel Hammer und Sichel auf dem überdimensionalen Transparent einer türkischen kommunistischen Partei, sind fürBeobachter unmittelbar erschließbar. Andere dagegen besitzen nur für die Eingeweihten eine erkennbare Bedeutung. In der Subtilität mancher Symbole erweist sich erst, wer zum Kreis der Insider gehört und wer nicht. Beispielsweise öffnete ein rechtsradikaler Demonstrant am 1. Mai 2002 seine Jacke gerade so weit, dass sein darunter getragenes T-Shirt mit dem Aufdruck der Kleidermarke CONSDAPLE die mittlere Buchstabenfolge NSDAP - die Abkürzung für Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei - sichtbar machte. Ein weiterer Aspekt des Symbolgebrauchs ist der Kampf um Symbole, erkennbar etwa daran, dass Enteignungen und Umdeutungen angestammter Symbolverwendungen vorgenommen werden. Hierzu zählen das mit einem Portrait von Che Guevara verzierte T-Shirt eines jungen NPD-Ordners, aber auch die Tatsache, dass der 1. Mai als traditioneller Tag der Linken spätestens seit 1933 von rechten Gruppen als ein "Feiertag der nationalen Arbeit" beansprucht wird.[9] Immerhin, so ein Sprecher der NPD, hätten es nicht die Linken, sondern die Nationalsozialisten geschafft, den 1. Mai zum offiziellen Feiertag zu erheben.


Fußnoten

4.
Vgl. Joachim Friedrich Staab, Nachrichtenwert-Theorie. Formale Struktur und empirischer Gehalt, München-Freiburg 1990. Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Thomas Meyer in diesem Heft.
5.
Einer journalistischen Faustregel zufolge besitzt der Vorgang "Mann beißt Hund" einen höheren Nachrichtenwert als der weitaus häufigere Vorgang "Hund beißt Mann".
6.
Die Berücksichtigung dieser Faktoren steht im Rahmen einer Strategie der Anpassung an die Mechanismen und Erwartungen der Massenmedien. Daneben stehen Protestbewegungen jedoch andere Strategien wie die offensive Kritik an den Medien oder die Nutzung bewegungseigener Medien zur Verfügung. Vgl. dazu Dieter Rucht, Medienstrategien sozialer Bewegungen, in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, 16 (2003) 1, S. 7 - 13.
7.
Um die Wende zu den sechziger Jahren erreichten die gewerkschaftlichen Kundgebungen in Westberlin Spitzenwerte mit rund 700 000 Teilnehmern. Bei diesen Kundgebungen stand allerdings nicht so sehr der Konflikt zwischen Arbeit und Kapital, sondern vielmehr die Abgrenzung zu den kommunistischen Regimen im Osten im Mittelpunkt. Entsprechend wurden diese Veranstaltungen, denen organisierte Aufmärsche am 1. Mai in Ostberlin gegenüberstanden, als "Freiheitskundgebungen" verstanden.
8.
Vgl. Jesus Casquete/Ingo Grastorf, "Die Schlacht um die Straße": Die 1. Mai-Demonstration der NPD in der "Reichshauptstadt", in: D. Rucht, Berlin (Anm. 2), S. 101 - 141.
9.
In jenem Jahr fanden sich auf dem Tempelhofer Feld in Berlin Zeitungsberichten zufolge 1,5 Millionen Menschen unter Hakenkreuzfahnen zusammen.