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Vollständig personalisierte Verhältniswahl

Reformüberlegungen auf der Grundlage eines Leistungsvergleichs der Wahlsysteme Deutschlands und Finnlands

22.12.2003

Leistungsanforderungen an Wahlsysteme



An Wahlsysteme werden, dem Wahlsystemforscher Dieter Nohlen zufolge, vor allem fünf Leistungsanforderungen gerichtet:[6]

  • Repräsentation: Alle relevanten gesellschaftlichen Gruppen sollen in den gewählten Vertretungsorganen vertreten sein. Die abgegebenen Wählerstimmen sollen sich proportional in Abgeordnetenmandaten niederschlagen.

  • Konzentration: Die Zahl der Parlamentsparteien soll reduziert und die Bildung stabiler parlamentarischer Mehrheiten gefördert werden.

  • Partizipation: Die Wähler sollen große Beteiligungschancen haben, insbesondere neben der Parteienwahl auch eine personelle Wahl treffen können.

  • Einfachheit: Die Wähler sollen die Funktionsweise des Wahlsystems verstehen. Der Wahlvorgang soll transparent sein.

  • Legitimität: Das Wahlsystem und seine Ergebnisse sollen allgemein akzeptiert sein.

    Jede dieser Anforderungen ist zwar für sich in bestmöglicher Weise realisierbar; dementsprechend lässt sich der Realisierungsgrad einzelner Anforderungen in unterschiedlichen Wahlsystemen miteinander vergleichen. Allerdings können in keinem Wahlsystem alle Anforderungen gleichzeitig voll erfüllt werden. Zwischen der Repräsentationsfunktion und der Konzentrationsfunktion von Wahlsystemen besteht nämlich ein Trade-off: Entweder werden Wählerstimmen proportional repräsentiert oder aber mit dem Ziel der Parteienkonzentration disproportional in Mandate umgerechnet. Ähnliches gilt für das Verhältnis zwischen Repräsentations-, Konzentrations- und Partizipationsanforderungen einerseits und der Einfachheit bzw. Nachvollziehbarkeit andererseits: Je ausdifferenzierter und detaillierter Wählerkompetenzen geregelt sind, umso komplexer wird üblicherweise ein Wahlsystem. Daher richtet sich die systematische Wahlsystemanalyse nicht nur auf den Realisierungsgrad einzelner Wahlsystemanforderungen, sondern auch auf deren Konstellation. Entsprechend gehe ich bei der Bilanzierung des deutschen Wahlsystems vor.



    Fußnoten

    6.
    Vgl. Dieter Nohlen, Wahlrecht und Parteiensystem, Opladen 2000, S. 157 - 159.