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Vollständig personalisierte Verhältniswahl

Reformüberlegungen auf der Grundlage eines Leistungsvergleichs der Wahlsysteme Deutschlands und Finnlands

22.12.2003

Bilanz des deutschen Wahlsystems



Konzentration: Fördert das Wahlsystem stabile Regierungsmehrheiten?

Die Weimarer Republik stützte sich auf ein reines Verhältniswahlsystem ohne Sperrklausel, in dem 60 000 Wählerstimmen ein Reichstagsmandat erbrachten.[7] Das sich daraus ergebende Vielparteiensystem, das zudem durch tief gehende ideologische Brüche und eine systemfeindliche Haltung der linken und rechten Extremparteien gekennzeichnet war, erschwerte die Bildung stabiler Regierungsmehrheiten stark, ein wichtiges Moment für die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten.[8] Angesichts dessen war die Verfassungsdiskussion in den Jahren 1948/49 durch das Motiv der Bildung und Erhaltung starker, demokratisch legitimierter Regierungen geprägt: Das Wahlsystem der Bundesrepublik sollte auf keinen Fall mehr in die Parteienzersplitterung führen, sondern die Bildung stabiler Regierungsmehrheiten fördern.

Im Sinne dieser Intention spielten in der Verfassungsdiskussion der Jahre 1947 bis 1949 zwei Konzepte eine zentrale Rolle: das vor allem von der CDU/CSU vertretene Konzept der Mehrheitswahl in Einerwahlkreisen und das der Stimmenverrechnungshürde.[9] Im letztlich zustande gekommenen Wahlsystem fanden diese beiden Elemente eine unterschiedliche Verortung: Während Mehrheitswahlstrukturen angesichts des Widerstands der kleineren Parteien und der Haltung der SPD lediglich teilpersonalisierende Bedeutung haben sollten, richtet sich das Sperrhürdenkonzept der Stimmenverrechnung auf die Mehrheitsbildung zwischen den Parteien. Bereits in der ersten Bundestagswahl im Jahr 1949 bestand eine Sperrhürde von fünf Prozent pro Bundesland, die allerdings annähernd keine Konzentrationswirkung ausübte. So waren im ersten Bundestag zwölf Parteien vertreten, von denen acht weniger als fünf Prozent der Stimmen im Bundesgebiet erreichten.[10] Mit der 1953 eingeführten Erhöhung der Hürde zu einer Fünf-Prozent-Hürde der Stimmenverrechnung im gesamten Bundesgebiet stellte sich aber die angestrebte Konzentrationswirkung ein: Nach der Wahl von 1961 waren nur mehr drei Parteien im Bundestag vertreten, und bis heute erlangten nie mehr als fünf Parteien gleichzeitig Bundestagsmandate.

Auch der Sinn der Konzentrationsfunktion, die Förderung stabiler Regierungsmehrheiten, kann in der Bundesrepublik Deutschland als weitgehend realisiert gelten. Obwohl auf Bundesebene nur in einer Legislaturperiode, von 1957 bis 1961, eine absolute Regierungsmehrheit zustande kam (CDU/CSU), bestanden durchweg klare Regierungsmehrheiten. Dementsprechend wechselten die Bundesregierungen nur selten: Im Verlauf von 53 Jahren hat es nur fünf verschiedene Regierungskonstellationen mit insgesamt sieben Kanzlern gegeben.[11] Die durchschnittliche Regierungszeit der deutschen Bundesregierungen von 1949 bis 2002 ist mit 2,8 Jahren beachtlich lang.[12] Diese große Stabilität dürfte zwar durch die lange anhaltende wirtschaftliche Prosperität, die Herausbildung eines Parteiensystems mit koalitionsflexiblen Parteien und andere günstige Rahmenbedingungen, so die Marginalität rechts- und linksextremistischer Gruppierungen in der Bundesrepublik Deutschland, gefördert worden sein.[13] Sie wurde aber allem Anschein nach durch institutionelle Bedingungen, vor allem die Fünf-Prozent-Sperrklausel, unmittelbar bedingt. Damit hat das deutsche Wahlsystem seine Konzentrationsfunktion gut erfüllt.

Repräsentation: Wird die Bevölkerung im deutschen Wahlsystem proportional repräsentiert?

Die proportionale Repräsentation von Wählerstimmen wird anhand von deren Zählwertgleichheit und Erfolgswertgleichheit diskutiert. Zählwertgleichheit bedeutet, dass bei der Ermittlung des Wahlergebnisses jede Stimme gleich viel zählt. Erfolgswertgleichheit bedeutet dagegen, dass die Stimme jedes Wählers bei der Umrechnung des Wahlergebnisses in Parlamentssitze in gleicher Weise berücksichtigt wird.

Anders als etwa im Preußischen Dreiklassenwahlrecht ist die Zählwertgleichheit bei der Stimmenzählung in entwickelten Demokratien, so auch der Bundesrepublik Deutschland, selbstverständlich. Der in den letzten Jahren öffentlich diskutierte Vorschlag, Stimmen von Wählern mit Kindern höher zu gewichten als Stimmen von Wählern ohne Kinder (Familienwahlrecht), erscheint wegen der fundamentalen Bedeutung der Zählwertgleichheit auf absehbare Zeit als nicht mehrheitsfähig.[14] Auch die oft als Zählwert bezeichneten formellen Erfolgschancen der Wählerstimmen sind durch die vergleichbaren Bevölkerungsgrößen der Wahlkreise und die gleichförmige Struktur von Einerwahlkreisen der Direktwahl grundsätzlich gleich.[15] Die Größe besonders bevölkerungsstarker und besonders bevölkerungsschwacher Wahlkreise kann allerdings bis zu 15 Prozent nach oben oder unten im Vergleich zur durchschnittlichen Bevölkerungsgröße abweichen; Wahlkreise müssen erst bei einer Abweichung von 25 Prozent neu zugeschnitten werden.[16] Damit ergibt sich eine Zählwert-Varianz, die im internationalen Vergleich allerdings als geringfügig betrachtet wird.[17]

Auch für die Erfolgswertgleichheit der Wählerstimmen bestehen im Verhältniswahlsystem, in dem die Abgeordnetenzahlen der Bundestagsparteien ermittelt werden, zunächst gute Voraussetzungen. Hierzu tragen vor allem die Stimmensummierung der Parteien auf Bundesebene und die darauf bezogene Verteilung der Parteiensitze nach der Berechnungsmethode nach Hare/Niemeyer bei. Da es in Deutschland keine Wahlkreise mit unterschiedlicher Abgeordnetenzahl gibt, entfallen typische Erfolgswertungleichheiten der Stimmenverrechnung zwischen solchen Wahlkreisen.[18]

Das deutsche Wahlsystem weist dennoch keineswegs durchgehend gleiche Erfolgswerte der Wählerstimmen auf. Eine offensichtliche Erfolgswertungleichheit ergibt sich aus der bereits behandelten Fünf-Prozent-Hürde der Stimmenverrechnung. Durch diese verfallen die Stimmen für Parteien, die keinen Stimmenanteil von fünf Prozent erreichen oder mindestens drei Direktmandate im Bundesgebiet erreichen. Zudem entziehen Wähler kleinen Parteien, die sie als Risikoparteien unter dem Gesichtspunkt der Fünf-Prozent-Hürde betrachten, leicht ihre Stimme. Diese unmittelbare und mittelbare Schlechterstellung von kleinen Parteien, die heute verbreitet auch als innovationshemmend diagnostiziert wird, bildet im deutschen Wahlsystem umgekehrt, wie dargestellt, die entscheidende Durchsetzungsform der Parteienkonzentration. Den Nachteilen der Fünf-Prozent-Hürde sind also ihre Vorteile unter dem Gesichtspunkt der Regierungsstabilität gegenüberzustellen, ein wichtiger Gesichtspunkt für die wiederholte Feststellung des Bundesverfassungsgerichts, dass die Fünf-Prozent-Hürde verfassungskonform ist.[19]

Problematischere Ungleichheiten werden in der neueren Wahlsystemdiskussion in der Grundmandatsklausel, dem deutlich zunehmenden Zustandekommen von Überhangmandaten ohne Ausgleichs- mandate und der Problematik der Listenverbindungen gesehen.[20] Grundmandate sind nach § 6 Absatz 6, Satz 1 Bundeswahlgesetz (mindestens drei) Direktwahlmandate, die einer Partei, welche die Fünf-Prozent-Hürde nicht erreicht, dennoch den Einzug in den Bundestag sichern. Eine Partei, die diese Regelung zum Einzug in den Bundestag nutzen kann, wird gegenüber anderen Parteien mit gleicher oder sogar höherer Zweitstimmenzahl klar besser gestellt. So reichten der PDS bei der Bundestagswahl 1994 insgesamt 258 695 Erststimmen in ihren vier direkt gewonnenen Wahlkreisen, um im deutschen Bundestag mit 30 Sitzen vertreten zu sein. Wäre sie auf die Überwindung der Fünf-Prozent-Klausel angewiesen gewesen, so hätte sie nahezu die zehnfache Menge an gültigen Zweitstimmen erreichen müssen. Der Erfolgswert einer PDS-Wählerstimme war demnach bezüglich der Überwindung der Sperrhürde etwa zehnfach so hoch wie der Erfolgswert einer FDP-Wählerstimme. Dieses Verhältnis kann sich, Hans-Jörg Bücking zufolge, bei der geltenden Rechtslage ohne weiteres auf einen 33fachen Wert steigern, ein offensichtlich gravierender Ungleichheitstatbestand.[21] Angesichts dessen hat das Bundesverfassungsgericht bezüglich der Wirkung der Grundmandatsklausel festgestellt, dass damit eine neue Ungleichheit zwischen den von der Abmilderung begünstigten und den hiervon ausgeschlossenen Parteien geschaffen wird.[22] Die problematische Klausel ist von dem Gericht bisher aber nicht als verfassungswidrig erklärt worden, ein Sachverhalt, der bei Verfassungsjuristen auf Kritik stößt.[23]

Überhangmandate ergeben sich zum einen durch einen Überhang der Zahl der Einerwahlkreismandate über die Zahl der durch Listenwahl erreichten Sitzezahl einer Partei in einem Bundesland (direkter Überhangeffekt), zum anderen durch besondere Konstellationen bei der Zuteilung der nationalen Sitze auf die Landeslisten (indirekter Überhangeffekt). Sie können, wie im Fall der SPD bei der Bundestagswahl 1998, zu einer erheblichen Erfolgswertungleichheit der Wählerstimmen führen.[24]

Zusammengefasst ergeben sich in einem auf hohe Proportionalität ausgerichteten Wahlsystem nur leichte Abweichungen vom Grundsatz der Zählwertgleichheit, aber erhebliche Unterschiede des Erfolgswerts von Wählerstimmen. Diese Ungleichheiten, die durch die Fünf-Prozent-Hürde, die Grundmandatsklausel, das Entstehen von Überhangmandaten ohne Ausgleich und die Problematik der Listenverbindungen entstehen, sind bisher vom Bundesverfassungsgericht durchweg als hinnehmbar beurteilt worden. Während die Fünf-Prozent-Klausel auch in der Fachdiskussion als verfassungsrechtlich weitgehend unproblematisch betrachtet wird, treffen die anderen Erfolgswertungleichheiten in der Fachdiskussion auf teilweise scharfe Kritik.

Repräsentation von Gesellschaftsgruppen

Anders als die rechtlichen Probleme der Stimmenrepräsentation spielt die Frage, wieweit es im deutschen Wahlsystem zur Repräsentation sozialer Gruppen kommt, bisher in der Wahlsystemdiskussionen kaum eine Rolle.[25] Vorliegende Daten zeigen allerdings, dass das deutsche Wahlsystem - als Teil des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland - unter diesem Gesichtspunkt leistungsschwach ist. So sind nur 32,8 Prozent der 2002 gewählten deutschen Bundestagsabgeordneten Frauen. Noch krasser ist die mangelnde soziale Proportion unter dem Gesichtspunkt staatsnaher und staatsferner Berufe. So gehörten 1998 bis 2002 45,7 Prozent der Mitglieder des Bundestages dem öffentlichen Dienst an. Zusätzlich machten Angestellte von Parteien und Fraktionen, also Berufspolitiker, 12,7 Prozent aus, so dass zusammen 58,5 Prozent der Bundestagsabgeordneten entweder unmittelbar oder mittelbar vom Staat finanziert wurden.[26] Das politische System und hierbei das aktuelle Wahlsystem Deutschlands hat offensichtlich einen ausgeprägten Hang zugunsten von Angehörigen des öffentlichen Dienstes und der politischen Klasse.[27]

Partizipation: Worüber kann der Wähler im deutschen Wahlsystem entscheiden?

Der guten Bilanz des deutschen Wahlsystems nach dem Kriterium der Parteienkonzentration und der gemischten Bilanz nach dem Repräsentationskriterium steht eine überwiegend negative Bilanz nach dem Partizipationskriterium gegenüber.

Der Wähler in Deutschland kann grundsätzlich nur über Kandidatenvorschläge entscheiden, die ihm von den Parteien vorgegeben sind. Dies gilt für die von den Parteien festgelegten Wahlkreiskandidaten, vor allem aber für die starren Kandidatenlisten der Parteien, die nur in der vorgegebenen Zusammensetzung und Reihenfolge gewählt werden können. Diese Beschränktheit der Wählerpartizipation verstärkt sich mit Bezug auf große Parteien: Bundestagskandidaten der CDU/CSU und SPD, die auf so genannten sicheren Listenplätzen platziert sind, ziehen nämlich unabhängig vom jeweiligen Wahlergebnis in den Bundestag ein. Insofern haben die Bundestagswahlen keinen kompetitiven Charakter, sondern legitimieren lediglich anderweitig getroffene Entscheidungen, ein ansonsten typisches Charakteristikum unfreier Quasiwahlen, wie sie beispielsweise in der DDR üblich waren. Besonders prekär wird diese Entmündigung des Wählers gegenüber der Parteienmacht im Fall erfolgloser Direktwahlkandidaten, die trotz einer Wahlniederlage im Wahlkreis über einen sicheren Listenplatz ins Parlament gelangen.[28]

Diese Beschränkungen des Wahlrechts werden dadurch besonders prekär, dass die grundgesetzlich geforderte innerparteiliche Demokratie in Bundestagsparteien häufig pro forma erfüllt ist, in der Praxis aber durch oligarchische Willensbildungsprozesse ersetzt wird.[29] Nutznießer dieser Oligarchisierung der politischen Personalauswahl sind nicht öffentlich agierende Machtnetzwerke; Verlierer sind die Wähler, denen die Ausübung eines grundlegenden Beteiligungsrechts entzogen ist.

Das Partizipationsdunkel des deutschen Wahlsystems wird nur wenig durch das so genannte Stimmensplitting aufgehellt. Die Wähler geben dabei ihre Erst- oder Zweitstimme einer anderen Partei als der Partei ihrer ersten Wahl. Tun sie dies gezielt im Rahmen einer strategischen Stimmenverteilung, insbesondere um dem um die Überwindung der Fünf-Prozent-Hürde kämpfenden kleinen Koalitionspartner der hauptsächlich favorisierten Regierungspartei und damit das eigene Regierungsbündnis zu unterstützen, so bildet dies eine spezifische strategische Partizipationsvariante.[30] Das seit den achtziger Jahren in zunehmendem Maße genutzte Stimmensplitting ist allerdings ein Faktor der dargestellten Erfolgswertungleichheiten, insbesondere durch das vermehrte Auftreten von Überhangmandaten, und kann in Grenzfällen durch negative Stimmenwertung sogar die eigene Landespartei benachteiligen.

Einfachheit: Ist das deutsche Wahlsystem verständlich und transparent?

Das in Deutschland geltende Wahlsystem ist vor allem durch die unterschiedlichen, miteinander verzahnten Beziehungen zwischen listenbezogener Verhältniswahl und personenbezogener Mehrheitswahl kompliziert aufgebaut und für die Wählerinnen und Wähler selbst in seiner Grundstruktur nur schwer verständlich. So muss den Wählern vor jedem Wahlgang die zweifache Stimmabgabe neu ins Gedächtnis gerufen und erklärt werden, warum die Zweitstimme als entscheidend betrachtet wird.[31] Die genaueren, sich wechselseitig modifizierenden Beziehungen zwischen der Mehrheitswahl in Einerwahlkreisen und der Listenwahl, beispielsweise die Entstehung von Überhangmandaten, sind für den Laien völlig undurchschaubar. Wahlergebnisse müssen dementsprechend von den Wählern ungeprüft hingenommen oder von Experten mühsam erklärt werden. Selbst unter Fachleuten gelten allerdings verschiedene Wechselbeziehungen im deutschen Wahlsystem, insbesondere bei der Entstehung von Überhangmandaten, bis heute als nicht voll erforscht. Das deutsche Wahlsystem stellt sich damit in der Zusammenschau als kompliziert, wenig transparent und schwer verständlich dar.

Legitimität: Wird das deutsche Wahlsystem akzeptiert?

Daten zur Wahlbeteiligung werden in der Öffentlichkeit häufig als Indikator der herrschenden Einstellung zum Wahlsystem betrachtet. Wegen der zahlreichen unterschiedlichen Einflussfaktoren auf die Wahlbeteiligung ist allerdings unklar, wieweit sich in diesen Daten Einstellungsveränderungen zum Wahlsystem ausdrücken. Vertretbar erscheint es immerhin, bei hoher freiwilliger Wahlbeteiligung eine breite Ablehnung des politischen Systems und dabei des Wahlsystems als nicht gegeben zu betrachten. Genau eine solche Situation bestand in der Bundesrepublik Deutschland in den Wahlen bis 1983 mit Wahlbeteiligungsquoten um neunzig Prozent. Seitdem ist die Wahlbeteiligung zwar um ca. zehn Prozent gefallen (von 1983: 89,1 Prozent über 1990: 77,8 Prozent auf 2002: 79,1 Prozent). Noch immer spricht der Beteiligungsgrad an den Bundestagswahlen aber eher für eine stille Akzeptanz des politischen Systems und damit auch des Wahlsystems der Bundesrepublik. Eine bewusste Identifikation der Bevölkerung mit dem aktuellen deutschen Wahlsystem lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Zu einer öffentlichen Diskussion über dieses Wahlsystem ist es seit den achtziger Jahren nicht gekommen. Auch liegen keine Ergebnisse von Meinungsbefragungen zur Beurteilung des deutschen Wahlsystems vor.

Werden Expertenmeinungen als Legitimitätskriterium des deutschen Wahlsystems herangezogen, so ergibt sich ein dagegen ein uneinheitliches Bild: Im Mainstream der politikwissenschaftlichen Wahlsystemforschung und der durch sie bestimmten Politischen Bildung wird die herkömmliche Personalisierte Verhältniswahl geradezu als Modellfall einer sinnvollen Kombination von Wahlsystemelementen propagiert.[32] Demgegenüber herrscht in der aktuellen öffentlich- und verfassungsrechtlichen Diskussion eine kritische Haltung zum deutschen Wahlsystem vor, insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Gleichheit der Wahl.[33]

Zusammenfassend ergibt sich für das aktuelle deutsche Wahlsystem eine uneinheitliche, überwiegend negative Bewertung: Das Wahlsystem erfüllt zwar die Anforderungen der Parteienkonzentration gut, ist aber nur eingeschränkt repräsentativ. Partizipationschancen, Verständlichkeit und Transparenz fehlen weitgehend. Während das System bei dem Durchschnittsbürger nicht in Frage gestellt wird, ist es unter Experten der Wahlsystemanalyse, insbesondere Verfassungsjuristen, umstritten.



Fußnoten

7.
Dementsprechend hing die Zahl der Reichstagssitze von der Wahlbeteiligung ab und schwankte zwischen 459 und 647. Überschüssige Wählerstimmen für eine Partei mit über 60 000 Stimmen wurden sorgfältig verrechnet, so dass die Stimmen- und Mandatsanteile nahezu völlig übereinstimmten. Vgl. Heino Kaack, Zwischen Verhältniswahl und Mehrheitswahl, Opladen 1967, S. 16 - 18.
8.
Vgl. Ferdinand A. Hermens, Demokratie oder Anarchie? Untersuchung über die Verhältniswahl, Köln - Opladen 1968, S. 161 - 239.
9.
Hans Meyer zufolge fügten die Ministerpräsidenten der Länder die vom Parlamentarischen Rat nicht für grundgesetzkonform gehaltene Sperrklausel in das Gesetz ein und verkündeten das geänderte Gesetz auf Anordnung der Militärgouverneure (H. Meyer, Wahlsystem und Verfassungsordnung. Bedeutung und Grenzen wahlsystematischer Gestaltung nach dem Grundgesetz, Frankfurt/M. 1973, S. 257).
10.
Vgl. H. Kaack (Anm. 8), S. 20 - 24.
11.
Vgl. Wolfgang Hartenstein, Fünf Jahrzehnte Wahlen in der Bundesrepublik: Stabilität und Wandel, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 21/2002, S. 39 - 46.
12.
Eigene aktualisierte Berechnung nach Peter Schindler, Datenhandbuch zur Geschichte des Deutschen Bundestages 1949 bis 1999, Bd. 1, Baden-Baden 2000, S. 1019 - 1024.
13.
In diesem Sinne mit besonderem Bezug auf den Konzentrationsprozess der Parteien in den fünfziger Jahren vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Informationen zur politischen Bildung 207: Parteiendemokratie, Bonn 1990, S. 19f.
14.
Vgl. Volker Koop, Für ein Familienwahlrecht gibt es keine Mehrheit. Es bleibt dabei: "One man - one vote", in: Das Parlament, Nr. 21 vom 24. 5. 2002.
15.
Vgl. §3 (1) 2 BWG.
16.
Vgl. ebd., 3 (1) 3.
17.
D. Nohlen (Anm. 7), S. 79, stellt beispielsweise in Brasilien im Jahr 1986 Extreme der Bevölkerungszahl pro Mandat zwischen 4663 und 499 800 fest.
18.
Generell gilt: Je höher die Abgeordnetenzahl eines Wahlkreises, desto proportionaler können die Wählerstimmen in Mandate verrechnet werden. Bei ungleichen Wahlkreisgrößen ergeben sich damit ungleiche Erfolgswerte der Stimmen in unterschiedlichen Wahlkreisen.
19.
Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 23. Januar 1957 (BVerfGE 6,84), ferner: BVerfGE 89 - 95.
20.
Vgl. Michael Wild, Die Gleichheit der Wahl. Dogmengeschichtliche und systematische Darstellung, Berlin 2003.
21.
Vgl. Hans-Jörg Bücking, Der Streit um die Grundmandatsklausel und Überhangmandate, in: Eckhard Jesse, Konrad Löw (Hrsg.), Wahlen in Deutschland, Berlin 1998, S. 141 - 216.
22.
Vgl. BVerfGE NJW 1997 S. 1568 ff., 1569.
23.
Vgl. H-J. Bücking (Anm. 22), S. 179.
24.
Anmerkung der Redaktion: Zu den Überhangmandaten siehe den Beitrag von Joachim Behnke in dieser Ausgabe.
25.
Beispielsweise definiert D. Nohlen (Anm. 7), S. 157, Repräsentation auch im Sinne der Vertretung aller relevanten gesellschaftlichen Gruppen, einschließlich von Minderheiten und Frauen, in den gewählten Vertretungsorganen. Die angemessene Repräsentation operationalisiert er dann aber ausschließlich anhand des Grades der Proportionalität von Stimmen und Mandaten.
26.
Eigene Berechnung nach: Internet-Angebot des Deutschen Bundestages, 1. 8. 2003 (www.bundestag.de).
27.
Die vom Deutschen Bundestag im Internet gelieferten Daten zur 15. Legislaturperiode weichen in der Strukturierung stark von den Daten zur 14. Legislaturperiode ab.
28.
Zur Kritik vgl. Martin Fehndrich, Verbesserungen für das Bundeswahlgesetz, http://www.wahlrecht.de/ueberhang/besseres.htm (21. 6. 2003); Hans-Herbert von Arnim, Wahl ohne Auswahl. Die Parteien und nicht das Volk bestimmen die Abgeordneten, in: Die Welt vom 21. 6. 2002; ders., Das System. Die Machenschaften der Macht, München 2001.
29.
Vgl. Christian Simmert, Die Lobby regiert das Land, Berlin 2002; Carsten Fontaine, Wahlsystem und Oligarchisierung in Deutschland, Dissertation Universität der Bundeswehr, Hamburg 2001.
30.
In stark positiver Konnotation: Hans-Dieter Klingemann/Bernhard Wessels, Political Consequences of Germany's Mixed-Member System: Personalization at the Grass-Roots?, WZB FS III 99 - 205, Berlin 1999; kritischer Harald Schoen, Stimmensplitting bei Bundestagswahlen: Eine Form taktischer Wahlentscheidung, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 2 (1998), S. 223 - 244.
31.
Auf die Frage Welche Stimme entscheidet in erster Linie über die Stärke der einzelnen Parteien im Deutschen Bundestag? antworteten in einer Internet-Umfrage im Jahr 2002: 46,7 % Die Zweitstimme, 42,1 % die Erststimme und 11,2 % Weiß nicht. Quelle: 37. KW 2002 Speedfacts, (www.freenet. de/freenet/kontrovers/aktuell/umfrage_wahl/wahlsystem.gif).
32.
Charakteristisch hierfür: D. Nohlen (Anm. 7); Wolfgang Rudzio, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 2000; H-D. Klingemann/B. Wessels (Anm. 31).
33.
Siehe dazu u.a. H.-H. v. Arnim (Anm. 29); M. Wild (Anm. 21); H-J. Bücking (Anm. 22).