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Think Tanks in Deutschland - Berater der Politik?

15.12.2003

Die Think-Tank-Landschaft in Deutschland



Zwischen 80 und 130 Think Tanks existieren in Deutschland,[8] je nachdem, ob man praxisbezogene Universitätsinstitute dazurechnet. Weltweit sprechen Schätzungen von ca. 3 000, davon 50 Prozent in Nordamerika und 600 in Europa.[9] Mehr als 50 Prozent der Institute wurden in den vergangenen 25 Jahren gegründet, die ältesten Institute datieren indes aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.[10]

Das Spektrum der deutschen Institute beginnt bei ca. zwei Dutzend staatlich finanzierten großen akademischen Denkfabriken mit Jahresetats von 5bis 15 Millionen Euro. Zu diesen "Forschungsriesen" zählen neben anderen

- die sieben großen Wirtschaftsforschungsinstitute:[11] Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (Berlin), Institut für Weltwirtschaft (Kiel), IFO-Institut (München), Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (Essen), HWWA-Institut (Hamburg), Institut für Wirtschaftsforschung (Halle), Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (Mannheim);

- die großen außen-, friedens- und sicherheitspolitischen Denkfabriken: Stiftung Wissenschaft und Politik - Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit (Berlin), Deutsches Überseeinstitut (Hamburg), Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (Frankfurt), Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (an der Universität Hamburg), ferner europa- und entwicklungspolitische Forschungszentren wie Zentrum für europäische Integrationsforschung und Zentrum für Entwicklungsforschung (an der Universität Bonn) sowie

- Einrichtungen der praxisorientierten Sozial-, Umwelt- und Technikforschung: z.B. Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung (Köln), Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (Berlin), Einrichtungen des Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen wie Wuppertal-Institut oder Institut für Arbeit und Technik (Gelsenkirchen), Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (Karlsruhe) oder Akademie für Technikabfolgenabschätzung Baden-Württemberg (Stuttgart).

- Hinzu kommen privat oder mischfinanzierte Organisationen wie die Bertelsmann-Stiftung, das Centrum für Angewandte Politikforschung an der Universität München, das Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (Berlin), das von der Deutschen Post AG ins Leben gerufene Institut zur Zukunft der Arbeit (Bonn) sowie eine Reihe von Stiftungen und Akademien, häufig sind dies Unternehmensstiftungen wie z.B. die Alfred-Herrhausen-Gesellschaft der Deutschen Bank oder die Aventis-Stiftung, bei denen Think-Tank-Arbeit einen Teil des Geschäfts ausmacht. In der Fachterminologie werden diese Einrichtungen, insbesondere die staatlich geförderten, als akademische Think Tanks bezeichnet, da bei ihnen die wissenschaftliche Analyse und die Anerkennung in Fachkreisen eine herausragende Rolle spielt.

Mit diesem klassischen Typus des Think Tank ist die heutige Institutslandschaft aber nur unvollständig erfasst. Nicht nur in den angelsächsischen Staaten, sondern zunehmend auch in Deutschland gibt es eine Reihe von häufig kleineren Instituten, die ihre Aufgabe nicht primär in der wissenschaftlichen Analyse, sondern verstärkt in der politischen Anwaltschaft für bestimmte Themen, sachpolitische Lösungsansätze oder für die von ihnen vertretenen wissenschaftlich-weltanschaulichen Paradigmen (soziale Marktwirtschaft, Nachhaltigkeit usw.) sehen. Von den klassischen akademischen Denkfabriken unterscheiden sich die advokatischen Think Tanks meist durch thematische Spezialisierung und durch eine kleinere Zahl fest angestellter Forscher. Stattdessen unterhalten sie Netzwerke externer Experten. Sie betreiben in der Regel keine Grundlagenforschung, sondern agieren als Wissens- und Ideenmakler. Zur bunten Gruppe der advokatischen Think Tanks gehören in Deutschland zunächst Einrichtungen, die fest an Interessenvertretungen wie Verbände oder Parteien gebunden sind. Zu nennen sind hier die Forschungsakademien der parteinahen politischen Stiftungen (Friedrich-Ebert-Stiftung, Konrad-Adenauer-Stiftung, Hanns-Seidel-Stiftung, Friedrich-Naumann-Stiftung, Heinrich-Böll-Stiftung, Rosa-Luxemburg-Stiftung) oder verbandsnahe Einrichtungen wie das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft bzw. das gewerkschaftsnahe Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Diese Einrichtungen gehören zu den größten ihres Typus und lassen sich in ihrer Struktur nicht immer leicht von akademischen Think Tanks unterscheiden.

Eine zweite, stetig wachsende Gruppe der advokatischen Think Tanks wie das Öko-Institut (Freiburg), die Stiftung Marktwirtschaft und Politik in Berlin (ehemals: Frankfurter Institut), das Institut für Wirtschaft und Gesellschaft (Bonn) oder das Oswald-Nell-Breuning-Institut an der Jesuitenhochschule St. Georgen in Frankfurt am Main forscht innerhalb bestimmter Leitbilder wie Nachhaltigkeit, Marktwirtschaft oder soziale Gerechtigkeit, ohne dabei organisatorisch und finanziell direkt an Parteien oder Verbände gebunden zu sein. Auch eine kleine Zahl sicherheits- und entwicklungspolitischer Spezialinstitute wie das Institut für Strategische Analysen (Bonn), das Berliner Institut für Transatlantische Sicherheit oder die Stiftung Institut für Entwicklung und Frieden (Bonn) gehören zur Gruppe der advokatischen Denkfabriken.

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass die Aspekte der Kommunikation und Vermarktung von Themen, Produkten und Forschern nicht nur den advokatischen Think Tanks sehr wichtig sind, sondern auch bei einigen akademischen Think Tanks, insbesondere den nicht mit staatlicher Grundfinanzierung ausgestatteten, immer mehr an Bedeutung gewinnen. Dagegen steht die ideologische Profilierung selbst der meisten advokatischen Institute in Deutschland hinter der thematischen Profilbildung zurück und wird weniger offensiv betrieben als von Think Tanks dieses Typus in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien. In der deutschen politischen Kultur wird der Anschein überparteilicher Wissenschaftlichkeit und rein thematischer Kompetenz offenbar mehr geschätzt als ein klar erkennbares ideologisches Profil, mit dem häufig mangelnde wissenschaftliche Seriösität assoziiert wird. Hinter der Fassade sind viele advokatische Think Tanks und eine nicht geringe Zahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an akademischen Think Tanks nicht weniger auf ein klares Forschungsparadigma und/oder auf eine bestimmte Weltanschauung festgelegt, innerhalb deren Rahmen Themen und Empfehlungen angesiedelt sind, als ihre amerikanischen und britischen Kollegen. Es kommt hinzu, dass ein Teil der Medien Pointierung, Parteinahme und ideologische Profilbildung durchaus schätzen. Die wenigen Institutsleiter, die dies offen tun - wie Meinhard Miegel vom Institut für Wirtschaft und Gesellschaft, Bonn, oder der Amerikaner Jeffrey Gedmin vom Aspen-Institut Berlin -, sind in den Medien entsprechend präsent.

Der Typus der akademischen Denkfabrik ist in Deutschland nach wie vor tonangebend, befindet sich aber seit einem Jahrzehnt in einem Wandlungsprozess. Verantwortlich dafür ist nicht allein der Wettbewerb der advokatischen Institute in ausgewählten Themenfeldern, sondern auch der Veränderungsdruck durch Evaluationen: In den neunziger Jahren haben der Wissenschaftsrat,[12] der Bundesrechnungshof[13] sowie private Unternehmensberatungen und Rechnungsprüfer die Arbeit der staatlich finanzierten akademischen Think Tanks im Auftrag der öffentlichen Geldgeber evaluiert. Die meisten der von den Evaluierungskommissionen unterbreiteten Vorschläge wurden mittlerweile von den betroffenen Instituten und ihren Aufsichtsgremien umgesetzt, etwa die Zusammenlegung wichtiger vom Bund geförderter außen- und sicherheitspolitischer Forschungsinstitute und deren Verlegung als Stiftung Wissenschaft und Politik - Deutsches Institut für internationale Politik und Sicherheit nach Berlin. Trotz Haushaltskürzungen bei Bund und Ländern scheinen nur sehr wenige Institute in ihrer Existenz bedroht zu sein,[14] viele betroffene Institute vermochten, die Kürzung der Grundfinanzierung durch eine erhöhte Einwerbung von Projektmitteln zu kompensieren. Der Hauptstadtumzug hat insbesondere zur Ansiedelung aussen- und sicherheitspolitischer Think Tanks in Berlin geführt. Gleichwohl ist Berlin nicht das einzige Zentrum der politikberatenden akademischen Think Tanks in Deutschland: Länder(ko)finanzierte Institute, international und auf Europa ausgerichtete Institute sowie private Stiftungen verblieben in ihren jeweiligen Standorten außerhalb Berlins. Zu beobachten ist jedoch eine Verlagerung zahlreicher politikberatender und kommunikativer Aktivitäten nach Berlin.



Fußnoten

8.
Ausführlich dazu vgl. Martin Thunert, Think Tanks als Ressourcen der Politikberatung. Bundesdeutsche Rahmenbedingungen und Perspektiven, in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, 12 (1999) 3, S. 10 - 19.
9.
Die Zahlen variieren sehr stark, je nachdem, wie viele praxisorientierte universitäre Forschungsinstitute man dazurechnet oder nicht.
10.
Einen Gesamtüberblick geben James McGann/R. Kent Weaver, Think Tanks and Civil Societies, New Brunswick, N. J. 2000.
11.
Die sechs erstgenannten Institute erstellen zweimal jährlich ein Gemeinschaftsgutachten zur Konjunkturentwicklung in Deutschland.
12.
Vgl. Wissenschaftsrat, Stellungnahme zu den Wirtschaftsforschungsinstituten der Blauen Liste in den alten Ländern - Allgemeine Gesichtspunkte, Berlin, 23.1. 1998.
13.
Vgl. Bundesrechnungshof, Die Präsidentin des Bundesrechnungshofes als Bundesbeauftragte für die Wirtschaftlichkeit in der Verwaltung, Gutachten über die Koordinierung und Rationalisierung der Aktivitäten im Bereich Ostforschung, im August 1996, II1 - 3027/94
14.
So z.B. die Akademie für Technikfolgenabschätzung Baden-Württemberg, deren Schließung in der bisherigen Form nach 2004 ansteht.