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Think Tanks in Deutschland - Berater der Politik?

15.12.2003

Möglichkeiten verbesserter Wirkung von Think Tanks



Think Tanks in Deutschland müssen sich darauf einrichten - und haben dies zum Teil bereits getan-, dass ihre Abnehmer und Geldgeber anspruchsvoller werden. Es werden von ihnen nicht nur Informationen erwartet, sondern zunehmend auch Ratschläge und Empfehlungen dahingehend, welcher Standpunkt eingenommen werden sollte bzw. welcher Lösungsansatz eines bestimmten Problems anderen vorzuziehen ist. Strategische Beratung ersetzt rein informative, faktenbezogene Beratung. Die Scheu der großen Institute vor Pointierung und Parteinahme ist die Chance der kleineren advokatischen Institute.

Die Konkurrenz der Think Tanks untereinander wird zunehmen, da die Finanzierungsressourcen begrenzt sind und sich die Tätigkeit transnational wirkender Institute verstärken wird - insbesondere auf europäischer Ebene. Wenn Entwicklungen in der anglo-amerikanischen Welt auch für Deutschland Relevanz besitzen, dann hat im Wettbewerb um Gehör der unternehmerisch geführte Think Tank mit starkem Marketing die Nase vorn, der mit wissenschaftlichem Anspruch auftritt und Glaubwürdigkeit erzeugt, aber gleichzeitig Aufsehen erregende Ideen (the big idea) produziert, sich dezidiert an praktischer Politik- und Öffentlichkeitsberatung orientiert, bestimmte Fragestellungen von strategischer Bedeutung auswählt und seine Ergebnisse und Empfehlungen maßgeschneidert an unterschiedliche Zielgruppen kommuniziert. Es scheint, als gerieten weniger öffentlichkeits- und medienorientierte, sondern primär akademisch orientierte Think Tanks ins Hintertreffen - mit Ausnahme derjenigen Einrichtungen, die primär vertrauliche Beratung anbieten.[27] Noch haben längst nicht alle deutschen Think Tanks das nötige Sensorium für die z. T. sehr individuellen Bedürfnisse ihrer sehr unterschiedlichen Abnehmer entwickelt.

Neben der ernsthaften Umsetzung der von allen Seiten geforderten Durchlässigkeit der abgeschotteten Bereiche politisch-administratives System, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien hinkt Deutschland bei den Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Politikberatung der internationalen Entwicklung hinterher. In den beratungsrelevanten Disziplinen der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften ist Arbeitsteilung zwischen Grundlagenforschung einerseits, die an Universitäten und an externen Akademien betrieben wird, und politikbezogener Beratungsforschung, für die in den USA primär die Schools of Public Policy zuständig sind, andererseits noch nicht institutionalisiert.

Think Tanks bedürfen eines besseren Sensoriums für die zeitliche Dimension der Politikgestaltung. Da sie in der Regel an einer Veränderung des Status quo interessiert sind, ist es notwendig abzuschätzen, wann sich im Kalender des politischen Geschäftes Gelegenheitsfenster für Veränderungen öffnen und zu welchen Zeitpunkten dies weniger wahrscheinlich ist.

Häufig lässt sich der Zeitpunkt dafür nicht präzise vorherbestimmen, da sich Großereignisse (z.B. ein Terroranschlag, eine Naturkatastrophe usw.), von denen Politikwechsel oftmals ausgelöst werden, nicht voraussagen lassen. Es ist unbestritten, dass die Gunst der Umstände für den Einfluss externer Beratungsideen entscheidend sein kann. Ein Beispiel aus der Weltpolitik der USA mag dies illustrieren: Ohne die Zäsur des 11. September 2001 wären die aus neokonservativen Think Tanks stammenden außenpolitischen Berater der Bush-Administration, die seit Anfang der neunziger Jahre für die gewaltsame Beseitigung Saddam Husseins und eine Neuordnung des Nahen Ostens eintraten, im Weißen Haus höchstwahrscheinlich ohne Gehör geblieben. Als das politikfeldverändernde Ereignis eintrat, waren die Herren aus den neokonservativen Denkerstuben mit ihren Vorschlägen am richtigen Ort zur Stelle - und hatten wenig Konkurrenz. "Denken auf Vorrat" ist folglich eine Grundregel für Think Tanks. Sie müssen der Tagesordnung der Politik vorauseilen, ohne ihr entrückt zu sein. Gleichzeitig ist die Politik westlicher Demokratien von zeitlich in regelmäßigen Abständen wiederkehrenden Ereignissen und Abläufen wie Wahlen, Legislaturperioden, Gipfeltreffen, Parteitagen usw. bestimmt. Die Chance, dass wissenschaftlich gestützte Empfehlungen zur Lösung von Sachfragen Gehör finden, ist umso größer, je besser die Lösungsvorschläge mit dem Kalender der Politik und mit dem Strom der Ereignisse verknüpft werden.[28] So muss eine Regierung, die lange im Amt ist und Verschleißerscheinungen zeigt, anders beraten werden als eine neue Regierung. Politikberatung ist umso erfolgreicher, je zeit- und situationsgerechter sie erfolgt. Diese Koordinationsleistung der drei Ströme Problemlage, Lösungsidee und Politikkalender ergibt sich in der Regel nicht von selbst, sondern muss von "politischen Unternehmern" erbracht werden. Die Politikberatungslandschaft der USA erscheint vielen deutschen Beobachtern deshalb so attraktiv, weil sich viele der dortigen Beratungseinrichtungen als aktiv handelnde politische Unternehmer oder Beratungsunternehmer verstehen und nicht in der Rolle des passiven Informationsdienstleisters verharren, der erst nach Aufforderung aktiv wird. Um die zeitliche Dimension der Beratungschancen nutzen zu können und Denken auf Vorrat zu betreiben, dürfen die Denkfabriken weniger Auftragsforschung einwerben, sondern müssen ihre eigene Agenda kontrollieren können.

Glaubwürdigkeit durch wissenschaftliche Seriosität, Politiknähe durch ein Gespür für Themen, Zeitpunkt und Menschen sowie mediale Präsentation des Instituts und seiner Ideen heißen - nicht nur in den USA - die Grundregeln für erfolgreiche Politikberatung durch Think Tanks.

Typen von Think Tanks in Deutschland (Auswahl):

Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Berlin

Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), Berlin

Centrum für angewandte Politikforschung (CAP), München

Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), Frankfurt

Institut für Strategische Analysen (ISA), Bonn

Council on Public Policy (CPP), Bayreuth

Bertelsmann Stiftung, Gütersloh

Deutsches Überseeinstitut (DÜI), Hamburg

Hamburgisches Weltwirtschaftsarchiv, Hamburg

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin

Institut für Wirtschaftsordnung (IFO), München

Institut für Arbeit und Technologie (IAT), Gelsenkirchen

Institut für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG), Bonn



Fußnoten

27.
Um den Vorteil, den wirtschaftsnahe und konservative Think Tanks in diesem Marktsegment in den USA bisher genossen, nicht unbeantwortet zu lassen, gründeten ehemalige Mitarbeiter der Clinton-Administration um den ehemaligen Clinton-Stabschef John Podesta im September mit großem finanziellen und personellen Aufwand den advokatischen Think Tank Center of American Progress in Washington, D. C.
28.
Meine Überlegungen folgen hier den Ausführungen John Kingdons zur Verkopplung der drei Strömungen (problem stream, policy stream und political stream) durch politische Unternehmer (policy entrepreneurs). Vgl. John Kingdon, Agendas, Alternatives and Public Policies, New York 19952.