APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Vernetzte Welten - Identitäten im Internet


27.11.2003
Statt Internet-Technologien auf die herkömmlichen Positionen zu reduzieren – "Das Internet erschafft eine gerechtere Weltordnung" oder "Neue Medien führen zu Kulturimperialismus" - wird anhand ethnologischer Fallstudien dargestellt, wie sich kulturelle Identitäten mit Hilfe des Internets verändern.

Einleitung



"Heute bin ich müde, vom Wechseln der Identitäten im Netz. In den letzten acht Stunden war ich ein Mann, eine Frau, ein Sie/Er. Ich war ein Schwarzer, ein Asiate, Mixteco, Deutscher und eine multihybride Replik. Ich war zehn Jahre alt, 20, 42, 65. Ich habe sieben gebrochene Sprachen gesprochen. Wie Du sehen kannst, brauche ich wirklich eine Pause. Ich möchte bloß ich selbst sein, einige Minuten." Der mexikanische Performance-Künstler Guillermo Gomez-Pena spricht über sein Leben im Cyberspace.










Schenkt man Visionären, aber auch Kritikern des Cyberspace Glauben, dann stehen wir an der Schwelle zu einer virtuellen Welt, in der Menschen ihre Identität hinter den neuen elektronischen Medien verschwinden lassen und die Kommunikation mit dem Rechner über den Plausch am Gartenzaun siegt. An der Bewertung dieser Entwicklung scheiden sich die Geister. Das utopische Lager sieht im Internet die Blaupause einer neuen, wissensbasierten Gesellschaft und einer transparenten und gerechteren Weltordnung, in der Menschen sich von repressiven (meist staatlichen) Mächten befreien und neue Identitäten erschaffen können. Für das dystopische Lager dagegen beschleunigt das Netz die individuelle Entfremdung. Der französische Philosoph Paul Virilio prophezeit einen fundamentalen Orientierungsverlust sowie eine "duplication of sensible reality, into reality and virtuality".[1] In dieser Vision erweitern neue Medien die Schleusen für kulturellen Imperialismus und führen entweder zur völligen Entpolitisierung durch die Kommerzialisierung ihrer Nutzer oder radikalisieren diese, indem bislang marginalisierte Nischenphänomene (Fundamentalismus, Rechtsradikalität) ein breites öffentliches Forum und neue Organisationsmöglichkeiten erhalten.

Was ist dran an der Virtualität von Individuen und Gemeinschaften? Unterscheiden sich die Online-Welten wirklich so sehr von ihren Offline-Varianten? Auf der Basis ethnographischer Fallstudien möchten wir anhand von sechs Thesen darstellen, welche kulturellen Identitäten mit Hilfe des Internets entstehen und wie diese sich politisch auswirken.



Fußnoten

1.
Paul Virilio, Speed and Information. Cyberspace Alarm, 1995. Zu finden unter www.ctheory.net/text_file.asp?pick=72.