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Vernetzte Welten - Identitäten im Internet


27.11.2003
Statt Internet-Technologien auf die herkömmlichen Positionen zu reduzieren – "Das Internet erschafft eine gerechtere Weltordnung" oder "Neue Medien führen zu Kulturimperialismus" - wird anhand ethnologischer Fallstudien dargestellt, wie sich kulturelle Identitäten mit Hilfe des Internets verändern.

Einleitung



"Heute bin ich müde, vom Wechseln der Identitäten im Netz. In den letzten acht Stunden war ich ein Mann, eine Frau, ein Sie/Er. Ich war ein Schwarzer, ein Asiate, Mixteco, Deutscher und eine multihybride Replik. Ich war zehn Jahre alt, 20, 42, 65. Ich habe sieben gebrochene Sprachen gesprochen. Wie Du sehen kannst, brauche ich wirklich eine Pause. Ich möchte bloß ich selbst sein, einige Minuten." Der mexikanische Performance-Künstler Guillermo Gomez-Pena spricht über sein Leben im Cyberspace.










Schenkt man Visionären, aber auch Kritikern des Cyberspace Glauben, dann stehen wir an der Schwelle zu einer virtuellen Welt, in der Menschen ihre Identität hinter den neuen elektronischen Medien verschwinden lassen und die Kommunikation mit dem Rechner über den Plausch am Gartenzaun siegt. An der Bewertung dieser Entwicklung scheiden sich die Geister. Das utopische Lager sieht im Internet die Blaupause einer neuen, wissensbasierten Gesellschaft und einer transparenten und gerechteren Weltordnung, in der Menschen sich von repressiven (meist staatlichen) Mächten befreien und neue Identitäten erschaffen können. Für das dystopische Lager dagegen beschleunigt das Netz die individuelle Entfremdung. Der französische Philosoph Paul Virilio prophezeit einen fundamentalen Orientierungsverlust sowie eine "duplication of sensible reality, into reality and virtuality".[1] In dieser Vision erweitern neue Medien die Schleusen für kulturellen Imperialismus und führen entweder zur völligen Entpolitisierung durch die Kommerzialisierung ihrer Nutzer oder radikalisieren diese, indem bislang marginalisierte Nischenphänomene (Fundamentalismus, Rechtsradikalität) ein breites öffentliches Forum und neue Organisationsmöglichkeiten erhalten.

Was ist dran an der Virtualität von Individuen und Gemeinschaften? Unterscheiden sich die Online-Welten wirklich so sehr von ihren Offline-Varianten? Auf der Basis ethnographischer Fallstudien möchten wir anhand von sechs Thesen darstellen, welche kulturellen Identitäten mit Hilfe des Internets entstehen und wie diese sich politisch auswirken.


Ethnologie des Cyberspace



Das Spektrum der ethnographischen Erforschung neuer Medien reicht von der Analyse computerbasierter Kommunikation wie Chat, E-Mail, Websites und Newsgroups bis zur "klassischen" ethnographischen Feldforschung. Für Letztere folgen Ethnologen ihren Informanten in Internet-Cafés, verfolgen deren Online-Chats, begleiten sie zur Arbeit, in die Schule und in Clubs. Im Idealfall gelingt ihnen ein so genannter "vertikaler Schnitt"[2] durch die untersuchte Gesellschaft, der Rückschlüsse über die Einbettung und Auswirkungen neuer Medien auf den verschiedensten Ebenen erlaubt: von den Veränderungen des Selbstverständnisses des Einzelnen über die Auswirkungen auf Familie und Betrieb bis hin zur staatlichen Informationspolitik und ihrem globalen Umfeld. Dabei wird deutlich, dass eine strenge Trennung zwischen Online- und Offline-Welten nicht gerechtfertigt ist. Online-Identitäten und -Praktiken sind immer auch eine Facette des realen sozialen Lebens. Wie andere Waren, Technologien und Konzepte betten Menschen auch neue Informationstechnologien in ihr Leben ein und nutzen sie für sehr reale Bedürfnisse und Visionen. E-Mail, Chat und Surfen verstärken so dieselben kulturellen Entwicklungstendenzen (Homogenisierung, Kreolisierung, Kulturalisierung und Transnationalisierung), die von der ethnologischen Globalisierungsforschung im Allgemeinen herausgearbeitet worden sind.[3]

These 1: Neue Medien bieten Menschen einen Raum, um kulturelle Besonderheiten zu pflegen

Entgegen dem Mythos, dass Menschen im virtuellen Raum ihre kulturelle Identität aufgeben, nutzen viele Gemeinschaften das Netz als Bühne für ihre kulturellen Besonderheiten.

Die Trinidader beispielsweise stehen im Mittelpunkt einer der bisher besten Studien zur Internetnutzung.[4] Die Hälfte der Websites, die sich in Großbritannien lebende Trinidader regelmäßig ansehen, sind demnach trinidadspezifisch. Zu den Favoriten zählen persönliche Sites von Freunden, Angebote mit trinidadischer Musik und die Online-Versionen trinidadischer Zeitschriften. Zur Karnevalszeit verfolgen Trinidader weltweit die großen Umzüge in der Hauptstadt Port of Spain, die per Webcam live übertragen werden.

Auf den trinidadspezifischen Seiten spüren die Nutzer die "Wärme" ihrer Heimat: des Klimas, des Essens und Umgangstons. Im ICQ-Chatroom[5] "De trini lime" oder im Diskussionsforum "De rumshop lime" tummeln sich Tausende von Trinidadern, von denen einige auf Trinidad und Tobago, viele andere aber in der Diaspora leben. Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer gehen explizit als Trinidader ins Netz und legen sich Namen wie Betty Trini, NewYorkTrini oder Louisthelover zu, die oft auf lokale Helden oder Witze anspielen. Im Chat dominieren kulturtypische Sprachwendungen und Metaphern. Typisch trinidadische Kommunikationsformen wie ole talk und liming (an der Straßenecke stehen und mit den Kumpels quatschen) können hier ebenso gepflegt werden wie sexuelle Flachsereien. Viele dieser Ausdrucksformen würden, so die britischen Trinidader, von Engländern als sexistisch, vulgär oder rassistisch missdeutet werden. In Trini-Chatrooms dagegen könne man ganz man selbst sein und müsse sich nicht ständig durch die fremdkulturelle Brille betrachten (wie wirkt das, was ich sage, im fremden Kontext?).

Das Internet erlaubt es, kulturtypischen Praktiken auch außerhalb der Heimat nachzugehen. So helfen z.B. diverse Online-Dienste weltweit verstreut lebenden Indern, passende Ehepartner zu finden und auf diese Weise "Standortnachteile" zu überwinden: "Dear Sir/Madam, We are glad to inform you that our daughter has been engaged. Thank you for all your help and dedication. We are also happy to inform you that we found the match at this site. We close with much appreciation and thanks once again. Take Care. With Regards and Best wishes, Dr. Deenadayalu & Mrs. Sashi."[6]

In Indien werden 91 Prozent aller Eheschließungen arrangiert.[7] Außerhalb des Subkontinents ist das Angebot in der direkten Nachbarschaft jedoch begrenzt. Dieses Manko haben auch Website-Betreiber entdeckt, sind doch momentan allein in den USA 75 Prozent aller Asian-Americans online; der Landesdurchschnitt liegt bei 59 Prozent.[8] Auf über einem Dutzend Sites können Inder in der Diaspora oder in Indien nach einem passenden Partner suchen. "Matrimonials.com" wird nach eigenen Angaben monatlich über 40 000 Mal angeklickt, und "Suitablematches.com" hat inzwischen 10 000 registrierte Mitglieder. Persönlichkeitsprofile geben Auskunft über die relevanten Details: von der Kastenzugehörigkeit über Beruf und Hobbys bis zum Herkunftsort. Die persönlichen Angaben werden mit kulturrelevanten Codes versehen: So steht "issueless divorce" für "kinderlos", und "innocently divorced" signalisiert, dass die Verfasserin jungfräulich ist.[9] Im Chatraum können Interessenten mit potenziellen Partnern erste Kontakte knüpfen. Kurze Chats sind kostenlos, bei der Weitergabe von E-Mail-Adressen werden Gebühren fällig.

These 2: Neue Medien werden für die kulturelle Erneuerung von Minderheiten herangezogen

Seit den siebziger Jahren sind weltweit eine Vielzahl kollektiver Identitäten entstanden, die sich im Kampf um Anerkennung, Rechte und finanzielle Förderung auf ihre kulturellen Besonderheiten berufen. Bei vielen dieser Gruppen handelt es sich um marginalisierte ethnische oder religiöse Minderheiten, deren Mitglieder z. T. in der Diaspora leben. Einige dieser Gemeinschaften benutzen Websites und Diskussionsforen, um sich sowohl der eigenen Gruppe gegenüber als auch der Weltgemeinschaft zu präsentieren.

Das Internet ermöglicht es den Maori oder Sami, Aspekte ihrer Identität auszuleben, deren Darstellung ihnen im öffentlichen Raum bislang verwehrt wurde. Die Ainu, die marginalisierte Urbevölkerung Japans,[10] unterhalten ebenso wie die australischen Aborigines[11] oder die Ureinwohner der USA[12] Websites mit reichhaltigen Informationen zu ihren Traditionen und mit politischen Forderungen. Diese Seiten sollen neben der anonymen, allgemeinen Öffentlichkeit auch die eigene Gemeinschaft und nachfolgende Generationen ansprechen. Programmierer haben begonnen, für die Minderheitensprachen eigene Schriftzeichen zu entwickeln. So können Fonts, Lernprogramme und Wörterbücher der Mon, Maori oder Maya kostenlos heruntergeladen und genutzt werden. Die Lernangebote im Netz führen in einigen Fällen sogar zur Revitalisierung bedrohter Sprachen. Das hawaiianische Mailbox-Projekt Leoki weckte das Interesse des Nachwuchses am beinahe ausgestorbenen Ka 'ölelo Hawai'i. Mit Hilfe von Online-Projekten und Sprachsoftware gelang es hawaiianischen Aktivisten, die Sprache nach 90 Jahren des Verbotes wieder soweit zu verbreiten, dass heute an einigen Schulen des Inselstaats Hawaiianisch als Unterrichtssprache gewählt werden kann.[13]

Auch die Aleviten, eine aus Anatolien stammende Kultur- und Glaubensgemeinschaft, ziehen das weltweite Netz zur kulturellen Erneuerung heran. Die Gemeinschaft wurde in der Türkei lange Zeit stark unterdrückt. Viele Aleviten assimilierten sich, und nach der massiven Landflucht in den vierziger Jahren und dem Exodus vieler Anatolier nach Deutschland in den sechziger und siebziger Jahren brachen die Gemeinschaften auseinander. Zahlreiche jüngere Aleviten schlossen sich dem Marxismus an, und ihre Traditionen gerieten in der Türkei und in Deutschland, wo Aleviten zwischen elf und 30 Prozent der türkischen Bevölkerung ausmachen, in Vergessenheit. Im ideologischen Vakuum nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Staaten begannen viele Aleviten, sich mit ihren kulturellen Wurzeln zu beschäftigen. In der Türkei konnten sie sich erstmals, dem Vorbild der Kurden folgend, als bedrohte Minderheit öffentlich präsentieren. Insbesondere die in der (deutschen) Diaspora lebenden Aleviten begannen 1996, im Internet auf sich aufmerksam zu machen. 1999 zählte der Ethnologe Martin Sökefeld[14] bereits 15 Websites.

Neben Websites einzelner Aleviten finden sich solche von Kulturvereinigungen, die den Anspruch haben, eine authentische Version ihrer Gemeinschaft zu präsentieren. Sites wie die in Deutschland betriebene "www.alevi-bektasi.de geben einen Überblick über die historischen Wurzeln des Alevitentums und berichten über den Kampf um kulturelle Anerkennung innerhalb der Türkei. Übergriffe auf die dortigen alevitischen Gemeinschaften werden ebenso veröffentlicht wie Biografien bedeutender religiöser Autoritäten sowie Gedichte und Artikel über traditionelle Musikinstrumente.

Inwiefern die Selbstdarstellung auf Seiten wie denen der Aleviten und anderer Minderheiten als homogene Gruppen der realen Identität und Lebensweise entspricht, ist oft fraglich. So haben viele Aleviten in der Diaspora nur wenig Kontakt zueinander, ihre individuellen Lebensstile unterscheiden sich stark. Dennoch werden sie als einheitliche und in sich kohärente Kulturgemeinschaft präsentiert. Die deutschen Websites setzen sich nicht mit der Lebenssituation der Aleviten inDeutschland auseinander; aktuelle Debatten, etwa über die Einführung von Religionsunterricht für Minderheiten in Deutschland, finden keine Erwähnung.

Viele Websites indigener und/oder unterdrückter Minderheiten sind eine willkommene Möglichkeit, sich der Welt zu präsentieren. Anders als in den meisten herkömmlichen Medien - Zeitschriften, Fernsehen oder Museumsausstellungen -, in denen Dritte Minderheiten repräsentieren, zeichnen diese im Netz oft selbst für die Inhalte verantwortlich. Dennoch stellt sich die Frage, wer hier für wen spricht. Mit kulturellem Kapital und rudimentären Programmiertechniken ausgestattet, kann jeder für sich beanspruchen, eine Gruppe zu repräsentieren, zumal die meisten traditionellen Autoritäten die Macht der neuen Medien (noch) nicht begriffen haben. Doch Interviews mit Website-Betreibern deuten darauf hin, dass zunehmend deren autoritäres WIR nicht mehr widerspruchsfrei hingenommen wird.

Vielerorts verschieben sich durch die neuen Medien auch die realen Machtverhältnisse innerhalb einer Gemeinschaft - sehr zum Ärger der herrschenden Elite. 1999 ging die Website der Vereinigung der Rupununi-Weberinnen online. Die im südamerikanischen Guyana lebenden Frauen hatten wenige Jahre zuvor ihre traditionelle Webkunst revitalisiert, konnten die handgewebten Hängematten aber schlecht verkaufen, da Handelszentren weit entfernt und Verkehrswege beschwerlich waren. Mit Hilfe einer amerikanischen Telefongesellschaft gelang es, einen E-Commerce aufzubauen. Das Geschäft florierte - das British Museum und die englische Königin dienten als Referenzen, und die Frauen konnten für ihre Hängematten Gewinne von bis zu 1000 US-Dollar pro Stück erzielen. Plötzlich waren die bislang mittellosen Frauen wohlhabender als die traditionell angesehensten männlichen Mitglieder der Gemeinschaft. In ihrer Machtstellung bedroht, versuchten Letztere, das Projekt zu kontrollieren, unter anderem mit der Begründung, es würde ihre Kultur zerstören.

These 3: Über neue Medien können strategische Allianzen zur Durchsetzung von Rechten und Anerkennung geknüpft und gestärkt werden

Über den Aspekt der Selbstdarstellung hinaus haben sich neue Medien als effektives Medium zur politischen Organisation erwiesen. Die burmesischen Karen und Mon mobilisieren eine weltweite Öffentlichkeit via Internet. Da in Burma (Myanmar) die wenigen Netzzugänge von der Militärjunta streng kontrolliert, Briefe geöffnet und Telefone abgehört werden, schmuggeln Aktivisten Berichte über Menschenrechtsverletzungen über die thailändische Grenze. Dort werden sie ins Englische übersetzt und an Presseagenturen und Netzwerke von Nichtregierungsorganisationen weltweit versandt. Da die seit 1993 vom Burma Listserver veröffentlichten Nachrichten auch von in Burma zwar verbotenen, aber dennoch empfangenen Radiosendern wie dem BBC World Service, Voice of America oder Radio Free Asia aufgegriffen werden, finden sie auch im Land selbst Gehör.[15]

Vergleichbare Strategien verfolgen auch die tibetanische Exilregierung und ihre weltweiten Sympathisanten, die Websites wie World Tibet Network News (WTN) oder Tibet Information Network (TIN) unterhalten. Über das Netz werden Kampagnen organisiert, Informationen ausgetauscht, Aktivisten koordiniert. So mailt das Londoner Büro der Exilregierung aus Tibet herausgeschleuste Neuigkeiten vorzugsweise an internationale Nachrichtenagenturen in Peking, gelten Tibet-Meldungen aus Pekinger Redaktionen doch als glaubwürdiger und erhöhen den politischen Druck auf die Volksrepublik.[16]

Ebenso wie andere Aktivistengruppen sehen viele Minderheiten im Netz auch eine Waffe im Kampf gegen internationale Unternehmen. So haben die Maya im mittelamerikanischen Belize eine Website eingerichtet, auf der sie nicht nur ihre Traditionen präsentieren, sondern auch Landansprüche anmelden.[17] Denn obwohl sie seit Generationen im tropischen Regenwald leben und diesen kultivieren, haben asiatische Holzunternehmen von der Regierung Abholzungslizenzen erworben, die ihren Lebensraum akut bedrohen. Indem sie internationale Allianzen schließen und versuchen, eine weltweite Öffentlichkeit auf ihre Situation aufmerksam zu machen, bedienen sich die Maya einer mittlerweile verbreiteten Strategie, Druck auf den eigenen Staat, internationale Organisationen wie die Weltbank und Firmen auszuüben.

Die Verlagerung politischer Auseinandersetzungen auf die elektronische Datenbahn wird von Pentagon-Strategen als neue Art der Kriegführung identifiziert, die "aus kleinen weit verteilten Gruppen besteht, die sich austauschen und ihre Kampagnen über Netzwerke durchführen" und oft ohne zentrale Kontrollmacht operieren.[18] Mittels elektronischer Vernetzung wird in diesen "sozialen Netzkriegen" der Kampf um psychologische und finanzielle Unterstützung und Medienaufmerksamkeit auf einer globalen Ebene geführt.

These 4: Das Internet verbreitet nicht automatisch demokratische Werte

Viele Menschen erwarten von den neuen Medien einen demokratischen Impuls. Bill Clinton prophezeite: "Mit dem Modem wird sich die Freiheit verbreiten. Wir wissen, wie sehr das Netz die USA verändert hat, und wir sind schon eine freie Gesellschaft. Stellen Sie sich vor, was mit China passieren wird. Ich weiß, China versucht das Netz zu kontrollieren - viel Glück. Das ist so, als wolle man Wackelpudding an die Wand nageln."

Zweifelsohne bietet das Internet breiten Zugang zu Informationen aus unterschiedlichsten Quellen und fordert das Informationsmonopol autoritärer Staaten heraus. Es präsentiert alternative Lebensformen und kann die Zivilgesellschaft gegenüber dem Staat stärken. Der katarische Satelliten-TV-Sender Al Jazeera[19] stellt seine Berichterstattung ins Internet und führte Online-Wahlen ein; eine absolute Neuigkeit in den Golfstaaten, in denen freie Meinungsäußerung tabuisiert ist.

In Indonesien wird das Internet als effektives Mittel im Kampf gegen Korruption und Vetternwirtschaft eingesetzt. Während der asiatischen Finanzkrise 1997 klagten einheimische Kritiker das Regime massiv im Internet an und organisierten sich. Jede andere Form des Widerstandes wäre zu diesem Zeitpunkt von Suharto gewaltsam unterdrückt worden. Auch heute noch liefern indonesische Websites aktuelle alternative, nicht regierungskonforme Berichterstattungen zu politischen Entwicklungen.

Auch die mittlerweile ca. 65 Millionen chinesischen Internetbenutzer können durch das Netz eine andere Perspektive auf das aktuelle Tagesgeschehen gewinnen, als ihnen die Staatsmedien präsentieren. Erwachsene verbringen 24 Prozent ihrer Online-Zeit auf ausländischen Websites, Teenager sogar 40 Prozent. In Einzelfällen werden die Staatsmedien sogar offen diskreditiert. Als in der Provinz Jiangxi eine Schule explodierte und 38 Kinder starben, beschuldigten lokale Politiker und Zeitungen einen Selbstmordattentäter. Doch auf Websites erschienen Berichte der betroffenen Eltern, die erklärten, ihre Kinder seien gezwungen worden, Feuerwerkskörper herzustellen, um das Schuleinkommen aufzubessern. Mit steigenden Zugriffszahlen sah sich Premierminister Zhu Rongji gezwungen, eine Entschuldigung auszusprechen - ein höchst seltener Vorgang - und die Untersuchung der Vorkommnisse anzuordnen. Das Netz gilt auch in Krisensituationen als wichtige Informationsquelle. Als die Regierung versuchte, die Verbreitung der Lungenkrankheit SARS zu vertuschen, stürmten Millionen von Chinesen ans Keyboard und ihre Mobiltelefone, um an die zensierten Neuigkeiten zu gelangen. Der chinesische Netztraffic stieg um 30 Prozent.

Doch autoritäre Staaten wissen sich auch vor den subversiven Einflüssen der neuen Informationsmedien zu schützen. Obwohl die chinesische Regierung die Verbreitung des Internets für die wirtschaftliche Entwicklung aktiv unterstützt, versucht sie zugleich, den Informationsaustausch massiv zu kontrollieren. Die "great firewall of China" besteht aus Filtersoftware, die unbequeme Websites über Stichworte, von "Demokratie" über "Falung Gong" bis "Pornographie", blockiert. Portale wie das chinesische Yahoo[20] und Sina[21] sind für ihre Selbstzensur bekannt. Immer öfter werden lange Haftstrafen gegen chinesische Internetbenutzer ausgesprochen, die politisch unbequeme Informationen verbreiten. Amnesty International[22] sieht in ihnen eine neue Art politischer Gefangener.

Dissidenten und Regierungen treten sich in Hackerangriffen gegenüber. Im Mai 2001 erzwang eine Gruppe muslimischer Hacker, "Cyberjihad" genannt, die Freilassung eines militanten muslimischen Anführers, indem sie die Website der indonesischen Polizei infiltrierte. Die burmesischen Machthaber wiederum haben eigene Listserver und Websites ins Netz gestellt. Regierungsmitglieder verfolgen die regen Diskussionen auf den oppositionellen Burma-Sites. Werden dort Verbrechen der Militärjunta angeprangert, kontert das State Law and Order Restoration Council mit einer eigenen Version der Geschehnisse.[23]

Vielfach neigen westliche Kommentatoren dazu, die politisch subversiven Konsequenzen des Netzes überzubewerten. In China beispielsweise steht für viele User der Unterhaltungsaspekt des Mediums weit im Vordergrund. Computerspiele, kommerzielle Websites, E-Mail und der Chat mit Freunden sind vielen wichtiger als der Zugriff auf politisch brisante Themen. Und wenn es um Politik geht, zum Beispiel nach der Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad bei einem NATO-Luftangriff oder beim Zusammenstoß des chinesischen Kampfflugzeuges mit einem amerikanischen Aufklärungsflugzeug im April 2001, dann finden in amerikanischen wie chinesischen Chatrooms selten pluralistisch-demokratische Auseinandersetzungen statt, sondern es heizen chauvinistisch aufgeladene nationalistische Parolen die Diskussionen an.

These 5: Das Internet verstärkt die Transnationalisierung

Im Zuge der Verbreitung neuer Kommunikations- und Transporttechnologien hat sich die Lebenssituation der meisten Migrantinnen und Migranten weltweit verändert. Im Gegensatz zu früheren Auswanderergenerationen können sie aktiv die Beziehungen zu ihrem Heimatland aufrechterhalten. Viele sind zweifach verankert und führen transnationale Leben.[24] Im Zuge weltweiter wirtschaftlicher Umstrukturierung und weit verbreiteten Rassismus ist es für viele sinnvoll, nicht nur auf ein Land allein zu setzen. Souverän wägen sie die Vor- und Nachteile einzelner Staaten ab, befolgen als vorteilhaft empfundene Regeln und umgehen andere.

Aber auch einige Entsenderstaaten (Türkei, Philippinen, Volksrepublik China, Mexiko) schätzen und fördern aktiv die doppelte Verankerung ihrer Bürger im Ausland. Denn sie haben erkannt, dass diese sowohl potenzielle politische Verbündete sind als auch mit ihren Rücküberweisungen und Investitionen massiv zum nationalen Wohlstand beitragen. Zur Kontaktpflege bedienen sie sich auch der neuen Medien.

Nahezu 50 Prozent der Menschen armenischer Abstammung leben außerhalb der Republik Armenien. 2002 wurde von der armenischen Regierung die zweite internationale Diaspora-Konferenz organisiert. Im Ausland lebende Bürgerinnen und Bürger wurden aufgefordert, sich bei der Computerisierung armenischer Schulen, bei Museumsbauten oder für regionale Gesundheitszentren zu engagieren. Über "www.armeniandiaspora.com bemüht sich die Regierung, ihre Bürger in der Diaspora mit Informationen zu Geschäftsnetzwerken und aktuellen Veranstaltungen auf dem Laufenden zu halten.

Indem sie doppelte Staatsbürgerschaften anbieten und ihnen eigene parlamentarische Interessenvertreter zugestehen, versuchen Staaten wie Israel oder die Dominikanische Republik, ihre im Ausland lebenden Bürger in die heimische Wirtschaft und Politik einzubinden. Die Entwicklung zum sogenannten deterritorialisierten Nationalstaat erhält durch die elektronischen Medien Auftrieb. Die südafrikanische Regierung veröffentlichte 1993 ihren ersten Verfassungsentwurf im Netz, um exilierten ANC-Mitgliedern ein Mitspracherecht (per E-Mail) einzuräumen. In anderen Ländern wird erwogen, Auslandsbürgern die elektronische Stimmabgabe bei nationalen Wahlen zu ermöglichen, so zum Beispiel in den USA oder in Großbritannien.[25]

Neue Medien können aber auch wesentlich subtilere und zufälligere Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Staaten und Diasporas haben. So empfangen alle im Ausland produzierten chinesischen Medien, in Japan ebenso wie in Ungarn, ihre Nachrichten über die Online-Ausgaben der großen Festlandszeitungen. Auf diese Art und Weise ähneln sich die jeweiligen Diasporazeitungen stark und berichten aus der gleichen Perspektive über die gleichen Vorfälle.[26] Der allen Chinesen gemeinsame Pool von "regimetreuen" Geschichten und Werten festigt wiederum das Zusammengehörigkeitgefühl von Chinesen weltweit.

Neue Medien spielen aber nicht nur in den Beziehungen zwischen Staaten und Bürgern eine Rolle, sie strukturieren auch die Beziehungen zwischen im In- und Ausland lebenden Bürgern eines Staates. Im Gegensatz zu der weit verbreiteten Ansicht, neue Kommunikationsmedien würden traditionelle soziale und familiäre Bande transzendieren und Individualisierungsprozesse beschleunigen, betonen die Ergebnisse ethnographischer Studien die Stärkung bestehender sozialer Beziehungen. In vielen Regionen, insbesondere in solchen mit einem hohen Migrantenanteil wie der Karibik, Südafrika oder Südasien, hilft das Internet, Beziehungen, die durch die geographische Entfernung akut bedroht sind, aufrechtzuerhalten und sogar wieder zu beleben. So sind die meisten Familien in Trinidad transnational; Mitglieder der Kernfamilie leben zu Studien- oder Arbeitszwecken im Ausland. Vor Ankunft des Internets war die trinidadische Familie als zentrale Institution des sozialen Lebens bedroht. Die Kommunikation zwischen Trinidadern in der Heimat und in Übersee verlief schleppend. Sie schrieben nur ungern Briefe und hielten den Kontakt nur über seltene, da teure Telefonate aufrecht. Elektronische Post wurde schnell als vergnügliche, effektive und kostengünstige Kommunikationsform aufgegriffen. Trinidader tauschen sich per E-Mail über Alltägliches aus - Mütter ermahnen ihre in London lebenden Töchter, täglich Vitamintabletten zu nehmen und sich warm genug anzuziehen - und stellen so die Intimität her, die sie von einem normalen Familienleben erwarten.

Auch in Nepal ist das Internet für viele transnationale Familien zu einem wichtigen Kommunikationsmedium avanciert. Oft sind es im Ausland lebende Verwandte, die ihren Familienmitgliedern in Nepal Computer schenken, diese bei Heimaturlauben installieren und ihnen den Umgang damit zeigen. In Internet-Cafés und Gemeinschaftzentren in Belize sieht man zahlreiche Frauen mittleren Alters, die Familienfotos einscannen und an ihre in Los Angeles oder auf den Cayman Islands lebenden Verwandten verschicken. Selbst die belizianischen Mennoniten, Nachfolger der alten deutschen Glaubenssekte, die moderne technologische Innovationen wie den Fernseher ablehnen, nutzen das Internet, um Geschäften nachzugehen, mit Glaubensbrüdern in der ganzen Welt zu kommunizieren und ihre Botschaft zu verbreiten.[27]

Für zahlreiche im Ausland lebende Menschen spielt das Netz eine wichtige Rolle bei der emotionalen Verarbeitung der Diasporaerfahrung. Im Netz haben sich eine Reihe von Foren etabliert, die sich explizit dem Leben in der Fremde widmen.[28] Artikel über die neueste Gesetzgebung zur doppelten Staatsbürgerschaft stehen neben Vignetten über Kulturschock und Tipps zur Wohnungssuche. Auf den Diskussionslisten tummeln sich insbesondere Ehepartner reisender Entsandter, die sich nicht auf eine gemeinsame Herkunft beziehen, sondern durch eine ähnliche Lebenssituation miteinander verbunden sind. In der "Bitch and Stitch community" von "www.expatsexperts.com holen sie sich emotionale Unterstützung und praktische Ratschläge. Die Frauen erzählen aus ihrem Leben: Wie sie die Männer zum Flugplatz, die Kinder in die Schule und zum Tennis chauffieren und alle zwei bis drei Jahre mühsam neue Freundschaften schließen. Sie ermutigen sich gegenseitig, ihren Hobbys nachzugehen, die eigene berufliche Laufbahn nicht aus den Augen zu verlieren und sich in den neuen Gemeinschaften sozial zu engagieren. Wie hält man die Beziehung zum ständig abwesenden Ehemann am Leben, und wie geht man mit unzuverlässigen Hausangestellten um?

These 6: Widersprüche, die aus der globalisierten Lebenssituation entstehen, können im virtuellen Raum überbrückt werden

Für Migrantinnen und Migranten ergeben sich vielfältige Konflikte und Widersprüche, die aus den verschiedenen Lebensweisen und Weltbildern in den Aufnahmeländern resultieren. Diese Diskrepanz ist besonders ausgeprägt, wenn stark religiös geprägte Einwanderer auf pluralistisch-offene Gesellschaften treffen. An unterschiedlichen, glaubensbedingten Alltagspraktiken entzünden sich viele der zeitgenössischen Konflikte multikultureller Gesellschaften. Darf eine deutsche Lehrerin ein Kopftuch tragen? Verleugnet ein chinesischer Teenager in Ungarn seine Identität, wenn er seine Freundin in der Öffentlichkeit küsst?

260 in den Niederlanden lebende Muslime beteiligten sich 1999/2000 an der Mailingliste der ersten niederländisch-muslimischen Website. Sie stammen aus Surinam, der Türkei, Holland und Marokko. In den Diskussionen, an denen die niederländische Anthropologin Lenie Brouwer über ein Jahr lang als Beobachterin teilnahm, fanden vor allem die Themen großen Anklang, die zwar für Muslime weltweit von Bedeutung sind, durch die Diaspora-Situation aber neue Brisanz erfahren.[29] So verlieren religiöse Praktiken im säkularen Umfeld ihre Selbstverständlichkeit und müssen ständig gerechtfertigt und begründet werden. Häufig stehen Muslime der zweiten Einwanderergeneration im Spannungsfeld zwischen der Kultur ihrer Eltern und der des Wohnortes. In der Mailingliste wird diskutiert, inwieweit man sich als Einwanderer an die niederländische Gesellschaft anpassen muss, ohne seine eigene kulturelle Identität aufzugeben.

Besonders Alltagsprobleme mit religiösem Hintergrund wurden rege diskutiert. Über 50 Teilnehmer kommentierten beispielsweise die Frage einer Muslimin, ob Frauen während des Ramadan Make-up tragen dürften. Im Laufe der Diskussion setzten sich die Teilnehmer mit der Rolle der Frau in der muslimischen Ehe auseinander: Trägt sie Make-up, um ihrem Mann zu gefallen, oder tut sie es für sich? Bekennende Musliminnen, die sich für Make-up aussprachen, standen anderen gegenüber, die den Koran dahingehend auslegen, dass die Frau als Mittelpunkt der Gesellschaft "rein" sein müsse und sich in der Öffentlichkeit nur ungeschminkt zeigen solle.

Diskussionen wie die Make-up-Debatte stellen insofern eine neue Entwicklung dar, als sie die Interpretationshoheit über religiöse Texte und Dogmen herausfordern, die vor der Verbreitung der modernen Massenmedien relativ fest in den Händen von religiösen Schriftgelehrten lag. Schon vor dem Internet hatten Medien wie Radio, Kassetten, Fernsehen sowie die Printmedien neue (z. T. säkulare) Interpreten zu Wort kommen lassen. Durch das Internet erfährt diese Entwicklung eine weitere Steigerung: Indem Muslime ihre Laienfragen öffentlich stellen und etablierte Interpretationen diskutieren, werden vormals unantastbare Autoritäten herausgefordert und das Positionsspektrum diversifiziert.

Gerade für bislang vielfach "stumme" Gruppen wie Frauen und Jugendliche ist das Netz attraktiv; es wird bevorzugt genutzt, um sich öffentlich einzumischen. Jugendliche umgehen ihre Eltern und lokale religiöse Autoritäten, indem sie sich mit wichtigen Lebensfragen an muslimische Websites oder Cyber-Imame wenden. Ebenso werden Kontakte zwischen den Geschlechtern, die in der Öffentlichkeit stark reglementiert sind, im Cyberspace einfacher. Muslimische Jungen und Mädchen können sich annähern und unverkrampft chatten.[30]

Die Teilnehmer der niederländisch-muslimischen Diskussionsliste tauschen sich auch über ihren Alltag aus und entlarven die Diskrepanz zwischen einer sich offiziell tolerant und multikulturell gebenden Öffentlichkeit und ihren eigenen Erfahrungen von Ausgrenzung und Rassismus. Interessanterweise - und im Gegensatz zum trinidadischen Beispiel - spielt Ethnizität in diesen Online-Diskussionen keine Rolle. Unterschiedliche intellektuelle Standpunkte wurden nie mit unterschiedlicher Herkunft begründet. Während die niederländischen Muslime im Alltag relativ streng nach Ethnizität/Herkunft getrennt leben und unterschiedliche Moscheen besuchen, lösen sich diese Grenzen im Netz auf.


Expansive Verwirklichung und expansives Potenzial



Das Internet wird von Menschen für die unterschiedlichsten Interessen genutzt und mit verschiedenen Bedeutungen versehen. Statt sie auf eine der eingangs skizzierten utopischen und dystopischen Positionen zu reduzieren, erscheint es uns sinnvoller, auf ihre Entwicklungspotenziale hinzuweisen. Miller und Slater schlagen zwei analytische Dimensionen vor - "expansive Verwirklichung" und "expansives Potenzial" -, unter denen neue Medien betrachtet werden können.

Expansive Verwirklichung bezieht sich auf die Möglichkeit, mit Hilfe neuer Kommunikationsmedien zu werden, "what one thinks one really is (even if one never was)". So verwirklichen E-Mail und Chat medial die Idealversion einer intakten Familie, deren Mitglieder im engen Kontakt miteinander stehen. Ebenso hilft die neue Technologie imaginären Gemeinschaften wie den Aleviten oder den Assyrern, sich der eigenen Gruppe und der Weltöffentlichkeit auf eine Art und Weise zu präsentieren, die durch geographische Entfernungen und politische Zwänge bislang verhindert wurde. Kulturelle Besonderheiten, wie die in Trinidad typischen verbalen sexuellen Flachsereien, die in Großbritannien leicht als sexistisch (miss)interpretiert werden würden, können im Cyberspace ausgelebt werden. Virtuelle Räume bieten Menschen ferner die Möglichkeit, multiplen Identitäten Ausdruck zu verleihen. Zum Islam konvertierte Niederländer, die im realen Leben eine große soziale Kluft zu marokkanischen und surinamesischen Muslimen erleben, können diese Kluft in virtuellen Diskussionsrunden überbrücken und sich als Teil einer globalen Religionsgemeinschaft erfahren.

Das expansive Potenzial der neuen Medien geht über den Aspekt der Selbstverwirklichung hinaus und verweist auf die Möglichkeit, neue Bezüge und Visionen - wie man selbst und die eigene Gesellschaft sein könnten - zu entwickeln. In Staaten wie Trinidad oder Südafrika sprechen Ethnologen von einer "natürlichen Affinität" zum Netz, da dieses - weitgehend unabhängig von der Anzahl der Anschlüsse - instinktiv als Medium begriffen wird, mit dem man zentrale Werte und Bedürfnisse der Gemeinschaft (nach Selbstdarstellung oder Partizipation) vorantreiben kann. Ebenso entstehen mit Hilfe des Internets Solidaritätsnetze, die ohne neue Kommunikationstechnologien nicht vorstellbar gewesen wären. Mailinglisten und Diskussionsgruppen, ob gegen die Besetzung Tibets durch China oder gegen die Militärjunta in Burma, ermöglichen die Zusammenarbeit von Aktivisten und mobilisieren eine weltweite Öffentlichkeit. Durch direkten Kontakt und gemeinsame Foren entsteht bei den Teilnehmern ein neues Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Vergleichbare neue Gemeinschaften finden sich auch auf einigen der "Expat"-Foren, auf denen sich Mitglieder "globaler Familien" ungeachtet ihrer Nationalität emotional unterstützen. Widersprüche, die im Alltag der Diaspora häufig zu Loyalitätskonflikten führen (Passe ich mich dem Gastland an? Gebe ich damit meine Kultur preis?), können im geschützten Raum von Diskussions- oder Mailinglisten thematisiert werden. Muslimische Jugendliche, die sich im Spannungsfeld zwischen pluralistischer Gastkultur und den Erwartungen ihrer Familien bewegen, haben im Netz die Chance, zu eigenen Positionen zu finden. Denn anders als die herkömmlichen Massenmedien erzeugen Internet-Technologien, insbesondere E-Mail und Chat, "Wahrheit" und "Realität" diskursiv. Sie werden nicht von Autoritäten verkündet, sondern entstehen im Dialog der verschiedenen Teilnehmer. So können ungewohnte Positionen ausgetestet, verworfen oder angenommen werden.


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Fußnoten

1.
Paul Virilio, Speed and Information. Cyberspace Alarm, 1995. Zu finden unter www.ctheory.net/text_file.asp?pick=72.
2.
Laura Nader, The vertical slice: Hierarchies and Children, in: G. Britain/R. Cohen (Hrsg.), Hierarchy and Society, Philadelphia 1980.
3.
Vgl. Joana Breidenbach/Ina Zukrigl, Tanz der Kulturen. Kulturelle Identität in einer globalisierten Welt, München 1998.
4.
Vgl. Daniel Miller/Don Slater, The Internet. An Ethnographic Approach, Oxford 2000.
5.
ICQ ("I seek you") ist ein Internet-Programm, das es dem Nutzer erlaubt, festzustellen, wer gerade im selben Chatroom online ist, um direkt mit ihm Kontakt aufzunehmen.
6.
Vgl. Success Stories, www.Indianmarriages.com.
7.
Umfrage des Wochenmagazins India Today, 1996.
8.
Vgl. www.pewinternet.org.
9.
Vgl. Reena Jana, Arranged marriages, minus the parents, in: The New York Times vom 1. 8. 2000.
10.
Vgl. www.ainu-museum.or.jp/english/english.html.
11.
Vgl. www.koori.iids.com.
12.
Vgl. www.nativeweb.com und www.pips.at/huruma.
13.
Vgl. www.olelo.hawaii.edu.
14.
Vgl. Martin Sökefeld, Alevism Online: Re-imagining a Community in Virtual Space, Ms, präsentiert beim Workshop "Virtuelle Diaspora", Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde, Heidelberg, 3.-7. 10. 1999.
15.
Vgl. Christina Fink, Burma: Constructive Engagement in Cyberspace?, in: Cultural Survival Quarterly (www.cs.org/CSQ/csqinternet.html) 1998.
16.
Vgl. Meg McLagan, Computing for Tibet: Virtual Politics in the Post-Cold War Era, in: George Marcus (Hrsg.), Connected: Engagements with Media, Chicago 1996.
17.
Vgl. www.toledomaya.org/about.html.
18.
Vgl. David Ronfeld/John Arquilla, The Zapatista Social Netwar. Study of International Studies Group Interdisciplinary Academic Center, RAND U.S. 1997.
19.
Vgl. www.allied-media.com/aljazeera/index.html.
20.
Vgl. http://chinese.yahoo.com.
21.
Vgl. www.sina.com.cn.
22.
Vgl. www.amnesty.org.
23.
Vgl. www.myanmar.com.
24.
Vgl. Linda Basch/Nina Glick Schiller/Christina Szanton Blanc, Nations Unbound, Pennsylvania 1994.
25.
Vgl. www.urbsoc.org/papers/onlinebranch.
26.
Vgl. Pál Nyiri, Expatriating is Patriotic?, The discourse on "new migrants" in the People's Republic of China and identity construction among recent migrants from the PRC, in: Journal of Ethnic and Migration Studies, 27 (2001) 4, S. 635 - 653.
27.
Vgl. www.thirdway.com/menno.
28.
Vgl. z.B. www.expatsexperts.com; www.singa poreexpats.com; www.expatexchange.com.
29.
Vgl. Lenie Brouwer, Muslims on the Internet: a place for discussion. Vortrag, gehalten auf der Konferenz "Writing Diasporas", University of Wales, Swansea, 20.-23. 9. 2000.
30.
Z.B. auf www.arabesq.com/wehn/chat.html.