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10.11.2003 | Von:
Wolfgang Schroeder

Der neue Arbeitsmarkt und der Wandel der Gewerkschaften

Die Gewerkschaften sind angehalten, ihre Politik auf den fundamentalen Wandel des Arbeitsmarktes einzustellen. Anderenfalls werden sie nicht aus der Rolle des Sündenbocks herauskommen und weiterhin moralisch haftbar gemacht.

Einleitung

Mit der Krise des deutschen Modells der Arbeitsbeziehungen wird keine andere Institution so eng in Verbindung gebracht wie die Gewerkschaften. Während diese bis in die achtziger Jahren vor allem als Reformakteure galten, wird ihnen seit Beginn der neunziger Jahre vor allem die Rolle einer Vetokraft zugeschrieben. Doch wo stehen die deutschen Gewerkschaften heute wirklich? Welche Handlungsmuster und Wandlungstendenzen charakterisieren sie? Wie reagieren sie auf den Wandel des Arbeitsmarktes? Beim Versuch, Antworten auf diese Fragen zu geben, sollen wesentliche Ebenen, die für die Funktionsfähigkeit und Weiterentwicklung des deutschen Gewerkschaftsmodells maßgeblich sind, zusammen gedacht werden: erstens die Auswirkungen des neuen Arbeitsmarktes; zweitens die so genannte "Gegnerkrise", also die zurückgehende Gestaltungskraft der Arbeitgeberverbände, und drittens die Schwierigkeiten mit dem politischen System. Ich vertrete die These, dass sich das deutsche Modell in einem nachhaltigen Veränderungsprozess befindet, wobei wichtige Facetten dieses Prozesses am Beispiel der Gewerkschaften studiert werden können.




Die Notwendigkeit der Reform des deutschen Modells der Arbeitsbeziehungen ergibt sich daraus, dass auf vielen Feldern nicht mehr die Ergebnisse erreicht werden, um die vorhandenen wirtschaftlichen und sozialen Probleme erfolgreich zu bearbeiten. In kaum einem anderen Land wird so viel Geld für Arbeitsmarktpolitik ausgegeben, und gleichzeitig ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen fast nirgendwo so hoch wie in Deutschland. Das deutsche Wirtschaftswachstum liegt seit einigen Jahren unter dem EU-Durchschnitt. Brisant ist diese Schwäche auch deshalb, weil es in Deutschland eines weit höheren Anstiegs des Wirtschaftswachstums bedarf, um Beschäftigungszuwachs zu realisieren. Die Prognosen gehen von etwa zwei Prozent aus. Dagegen lässt sich dieses Ziel in anderen Volkswirtschaften schon mit einem Wachstum von etwa 0,5 Prozent erreichen. Zu den Schwächen des deutschen Modells gehört auch, dass es nicht gelingt, eine Politik zu favorisieren, die ihre Akzente auf die Zukunftsvorsorge setzt (Kinder, Bildung, Forschung). Stattdessen dominiert eine nachsorgende Ausgabenpolitik (Rente, Arbeitslosigkeit, Zinsen). Auch wenn in Deutschland der Dienstleistungssektor stark an Bedeutung gewonnen hat, wird die Institutionenordnung der deutschen Arbeitsbeziehungen weiterhin durch den verarbeitenden Sektor geprägt. Deutschland hat die "mächtigste" Industrielandschaft Europas, ohne jedoch eine vergleichbare Dynamik in den wissensbasierten Wirtschaftsfeldern aufweisen zu können.

Diese Defizite und Herausforderungen können von den Gewerkschaften weder alleine bewältigt werden, noch verfügen diese über hinreichende authentische Mittel, um einen nachhaltigen eigenen Beitrag zur Lösung der oben angesprochenen Probleme zu leisten. Die deutschen Gewerkschaften sind primär Mitgliederorganisationen, die ihre Aufgabe zunächst einmal darin sehen, die Position der Beschäftigten zu stärken. Anders als die Gewerkschaften in vielen anderen Ländern haben sie sich jedoch meist auch - mit Blick auf gesamtgesellschaftliche Anliegen - einbinden lassen: Die Kooperation reicht von der Lohn- bis in die Sozial- und Jugendpolitik. Da die Gewerkschaften bei ihren Anstrengungen, die sozialen Verhältnisse zu gestalten, in den letzten Jahren an ihre Leistungsgrenzen gelangt sind, die insbesondere auf den forcierten Umbau der Betriebe, neue Marktverhältnisse und eine veränderte politische Regulationspolitik zurückzuführen sind, haben sie sich selbst eine Neuorientierung verordnet. Es geht bei den dabei entstehenden Konflikten zur Neujustierung der deutschen Gewerkschaftspolitik um nichts weniger als um das zukünftige Gesicht des deutschen Kapitalismus in Europa. Dessen Strukturen werden maßgeblich davon geprägt sein, ob und wie es den Gewerkschaften gelingt, den Wandel des Arbeitsmarktes mit zu gestalten.[1] Für die Gewerkschaften wird es dabei auch von eminenter Bedeutung sein, ob es ihnen gelingt, aus der ihnen zugewiesenen Rolle des "Sündenbocks" herauszukommen und wieder als zukunftsorientierter Reformakteur in Erscheinung zu treten.


Fußnoten

1.
Vgl. Wolfgang Schroeder/Bernhard Wessels (Hrsg.), Die Gewerkschaften in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 2003.