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10.11.2003 | Von:
Lothar Funk

Der neue Strukturwandel: Herausforderung und Chance für die Gewerkschaften

Der internationale Vergleich zeigt, dass sich die Erosion des gewerkschaftlichen Organisationsgrads aufhalten lässt. Ein innovativer Mix aus mehr Dienstleistungsorientierung für die Mitglieder und weniger Konfrontationskurs in der Politik könnte eine Umkehrung bewirken.

Ausgangslage

Gewerkschaften sind organisierte Zusammenschlüsse von hauptsächlich abhängigen Erwerbspersonen mit dem Zweck, wirtschaftliche, soziale und politische Interessen ihrer Mitglieder in den Arbeitsbeziehungen und im politischen System zur Geltung zu bringen bzw. durchzusetzen.[1] Dabei ist die Mitgliedschaft in der Regel freiwillig. Hieraus ergeben sich spezifische Aufgabenbereiche von Arbeitnehmerverbänden:[2]




- Gegenüber den Mitgliedern sind Gewerkschaften zunächst einmal ein privater Dienstleister bzw. ein Selbsthilfeverband. Sie stellen exklusiv ihren Mitgliedern ein Servicepaket privater Güter - z.B. juristische Beratung und Vertretung - zur Verfügung, so genannte selektive Anreize. Hierzu sind auch immaterielle Leistungen zu rechnen, wie der soziale Statusgewinn und das Ansehen in der Bezugsgruppe, das mit der Mitgliedschaft verbunden ist.

- In den Arbeitsbeziehungen schaffen sie in Form von mit der Arbeitgeberseite ausgehandelten Tarifverträgen ein weiteres Gut, das jedoch in der Regel auch Nichtmitgliedern zugute kommt, ohne dass sie einen (Mitglieds-) Beitrag zur Erstellung geleistet haben. Soweit dies wie in Deutschland üblich ist, bieten Tarifverträge allein wenig Anreize, einer Arbeitnehmerorganisation beizutreten (Kollektivgutproblematik).

- Im politischen System treten Gewerkschaften häufig als Interessenverbände auf und stellen dem Staat etwa als Sozialpartner ihre Implementationshilfe im Tausch gegen Steuerungs- und Regulierungsteilhabe zur Verfügung.[3] Hierbei treten ebenfalls Kollektivgutprobleme auf.

Das deutsche Modell der Tarifverhandlungen beruht auf vergleichsweise stark organisierten Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften. Es galt bis Ende der achtziger Jahre angesichts seiner friedensstiftenden und produktivitätssteigernden Wirkungen in der internationalen Diskussion als Erfolgsmodell, und das organisatorische Fundament der kollektiven Akteure blieb bis zur deutschen Wiedervereinigung sehr stabil.[4] Seitdemhat sich jedoch der Organisationsgrad der Arbeitgeber- und insbesondere der Arbeitnehmerverbände vermindert, und es erschallt immer mehr der Ruf nach beschäftigungsfördernden Reformen der Tarifverhandlungen. Letzteres kann angesichts derschlechten wirtschaftlichen Kennzahlen Deutschlands nicht verwundern. Insbesondere die dauerhaft hohe und seit den siebziger Jahren in mehreren Schüben sprunghaft gestiegene Arbeitslosigkeit und die Wachstumsschwäche des letzten Jahrzehnts in Deutschland zeugen davon, dass an den deutschen Rahmenbedingungen etwas nicht stimmt. Offensichtlich gelingt es den für die Lohnsetzung und Arbeitsbedingungen hauptverantwortlichen Tarifparteien seit Jahrzehnten nicht, auf den Pfad der Vollbeschäftigung zurückzukehren, was auch die Wachstumschancen Deutschlands schmälert. Während sich die Arbeitgeberverbände bereits seit langem für flexibilitätssteigernde, beschäftigungsfördernde Reformen der Tarif-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik einsetzen, die nach Ansicht der Mehrzahl der Experten in die richtige Richtung weisen, sind vor allem die Gewerkschaften in den letzten Jahren unter Druck geraten.[5] Sie stehen Reformvorschlägen - auch von ökonomischen Sachverständigengremien - nicht selten ablehnend gegenüber und haben jüngst auch gegen die beschäftigungs- und sozialpolitischen Pläne der sozialdemokratisch geführten Regierung opponiert, obwohl viele Expertinnen und Experten hierin zumindest einen Schritt in die richtige Richtung sehen.[6] Angesichts ihres kontinuierlichen Mitgliederverlustes seit der Wiedervereinigung scheinen die deutschen Gewerkschaften für die Herausforderungen des "neuen" Strukturwandels nicht gut gewappnet zu sein. Dieser ist durch die im driten Kapitel im Einzelnen vorgestellten Megatrends gekennzeichnet und krempelt seit den achtziger Jahren die Arbeitswelt gehörig um.[7] Die Globalisierung, die Tertiarisierung und die Digitalisierung der Arbeitswelt, die Individualisierung von Lebensstilen, verbunden mit einer neuen Vielfalt an Beschäftigungsformen, sowie die Alterung der Gesellschaft und der Belegschaften scheinen das Fundament gewerkschaftlichen Handelns erodieren zu lassen. Kontrovers wird die Frage diskutiert, ob die Gewerkschaften das Problem eines anhaltenden Mitgliederschwunds und einer damit einhergehenden verzerrten Mitgliederstruktur wegen mangelnder Anpassungsfähigkeit bzw. -willigkeit selbst zu verantworten haben, oder ob diese Lage in erster Linie eine unvermeidbare Folge des aktuellen Strukturwandels ist. Ein Blick über die Grenzen soll hierüber im vierten Kapitel ein Urteil erlauben. Abschließend werden einige Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt, wie die Gewerkschaften die fortdauernden Erosionstendenzen bremsen könnten. Zunächst werden jedoch wichtige Organisationsprinzipien der deutschen Gewerkschaften und Arbeitsbeziehungen vorgestellt.


Fußnoten

1.
Vgl. Klaus Armingeon, Gewerkschaften, in: Dieter Nohlen (Hrsg.), Kleines Lexikon Politik, München 2001, S. 173 - 177, hier S. 173.
2.
Vgl. hierzu Stefan Zimmer, Verbände in der Globalisierung. Endogene und exogene Faktoren der Strukturprobleme intermediärer Instanzen, Neubiberg 1999, S. 28 - 30. Nach Klaus Zimmermann, Flexibler, offener, bescheidener, in: Financial Times Deutschland vom 15. 7. 2003, S. 30, haben Gewerkschaften traditionell sogar einen "allseits akzeptierten Anspruch auf allgemeine politische Vertretung ihrer Mitglieder".
3.
Vgl. Lothar Funk, Aktuelle Aspekte der Sozialpartnerschaft: Positionen, in: Sozialer Fortschritt, 52 (2003) 8, S. 196 - 198.
4.
Vgl. Stefan Zimmer, Jenseits von Arbeit und Kapital? Unternehmerverbände und Gewerkschaften im Zeitalter der Globalisierung, Opladen 2002, S. 64.
5.
Vgl. Werner Sesselmeier, Sozioökonomischer Wandel als Herausforderung für die Gewerkschaften, in: ifo Schnelldienst, 54 (2001) 5, S. 9 - 12, hier S. 9.
6.
Vgl. Hans-Peter Müller, Die Gewerkschaften verlieren ihre Partei, in: Handelsblatt vom 22. 5. 2003, S. 7.
7.
Vgl. Lothar Funk, New Economy und die Politik des Modernen Dritten Weges, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 16 - 17/2001, S. 24 - 31, hier S. 27, und Hans-Peter Klös, Deutschland im Widerspruch: der gespaltene Arbeitsmarkt, in: Institut der deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.), Fördern und Fordern. Ordnungspolitische Bausteine für mehr Beschäftigung, Köln, S. 63 - 106, hier S. 74ff.