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10.11.2003 | Von:
Lothar Funk

Der neue Strukturwandel: Herausforderung und Chance für die Gewerkschaften

Kernelemente der kollektiven deutschen Arbeitsbeziehungen

Die in Deutschland häufig nach dem Industrieverbandsprinzip organisierten Arbeitnehmerverbände schließen alle Arbeitnehmer gleich welchen Berufs zu einer Gewerkschaft nach dem Grundsatz zusammen, dass in einem Betrieb in einer Branche jeweils nur eine Gewerkschaft für alle Beschäftigten zuständig ist. Verhandlungen finden entweder mit entsprechend organisierten Arbeitgeberverbänden als regionale oder nationale Branchentarifvertragsverhandlungen oder mit einzelnen Unternehmen durch Firmentarifvertragsabschlüsse statt.

Charakteristisch ist ein im internationalen Vergleich relativ hohes Ausmaß an überbetrieblichen Tarifverhandlungen. Die Aushandlung von Löhnen und eines Großteil der Arbeitsbedingungen erfolgt auf Basis der grundgesetzlich geschützten Tarifautonomie, welche die staatliche Einflussnahme stark beschränkt.

Ein weiteres wesentliches Organisationsmerkmal der deutschen Arbeitnehmerverbände ist das Prinzip der Einheitsgewerkschaft, das sich gegen die Spaltung von Gewerkschaften entlang religiöser und politischer Linien richtet, wie sie für Deutschland bis zum Ende der Weimarer Republik kennzeichnend waren. Die Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) im Jahr 1949 stellte allerdings die Gewerkschaftseinheit nicht vollständig her. Dennoch konnte sich der DGB - trotz seiner belegten Nähe zur SPD[8] - in Deutschland "dadurch eine nahezu politische Monopolstellung verschaffen, weil er bereit war, beide Volksparteien politisch in seiner Organisation zu integrieren"[9]. Darüber hinaus hat wohl auch die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts die Dominanz der DGB-Gewerkschaften gefördert.[10]

Das Industrieverbandsprinzip und die Organisationsform der Einheitsgewerkschaft gelten als wichtige Bestimmungsgründe für den vergleichsweise hohen Betriebsfrieden in Deutschland, da etwa einzelne Berufsgruppen mit einer Schlüsselstellung im Unternehmen nicht den gesamten Betriebsablauf unterbrechen oder beträchtlich stören können und Konflikte aus den Betrieben herausgelagert werden. Ferner liegen die gesamtwirtschaftlichen Verhandlungskosten im Allgemeinen niedriger als bei anderen Organisationsformen.[11]

Hinzu kommt schließlich eine Ausgestaltung der deutschen Betriebsverfassung, die den Gewerkschaften über Betriebsräte und Mitbestimmung eine Rückkoppelung zu den Beschäftigten auf betrieblicher Ebene erlaubt. Man spricht vom dualen System kollektiver Interessenvertretung, das aus Gewerkschaftssicht folgende Arbeitsteilung vorsieht: Während die Arbeitnehmerorganisationen als Tarifvertragsparteien die Verkaufsbedingungen für die Nutzung des Produktionsfaktors Arbeit aushandeln, regeln die Arbeitnehmervertreter in Aufsichts- und Betriebsräten dessen Anwendungsbedingungen. Auch auf betrieblicher Ebene ist der DGB trotz eines Einflussverlustes in den letzten Jahren noch immer dominierend.[12] Im Folgenden werden diese größte deutsche gewerkschaftliche Dachorganisation sowie ihre selbstständigen und für die Tarifpolitik zuständigen Mitgliedsgewerkschaften im Vordergrund stehen.


Fußnoten

8.
Vgl. Manfred C. Hettlage, DGB in der Sackgasse: Macht und Machtmissbrauch einer Richtungsgewerkschaft, München 2003.
9.
Anke Hassel, Die Lage der deutschen Gewerkschaften, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 54 (2002) 5, S. 294 - 298, hier S. 294.
10.
"Die Rechtsprechung des Arbeitsgerichts stellte hohe Anforderungen an die Tariffähigkeit von Gewerkschaften und verschaffte den DGB-Gewerkschaften ein leicht zu verteidigendes Vertretungsmonopol in der Tarifpolitik. Die Gewerkschaften im DGB brauchten weder Splitterorganisationen noch kleinere Gewerkschaftsorganisationen wirklich zu fürchten." Zitiert nach Anke Hassel, Organisation: Struktur und Entwicklung, in: Wolfgang Schroeder/Bernhard Wessels (Hrsg.), Gewerkschaften in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland - Ein Handbuch, Wiesbaden 2003 S. 102-121, hier S. 119.
11.
Vgl. Bernhard Külp, Verteilung. Theorie und Politik, Stuttgart-Jena 19943, S. 291f.
12.
Vgl. St. Zimmer (Anm. 4), S. 116f.: Traditionell wurde das Monopol der (DGB-) Gewerkschaften als tariflicher Verhandlungspartner der Arbeitgeber durch die Dominanz in den Betriebsräten untermauert. Aufgrund der Personalunion zahlreicher Betriebsratsvertreter und Tarifverhandlungsführer verschränken die Gewerkschaften die beiden Säulen außer- und innerbetrieblicher Interessenvertretung erfolgreich miteinander. Tarifgestaltung und Mitbestimmung waren als komplementäre Funktionsbereiche fest in den Händen des DGB und seiner Mitglieder."