APUZ Dossier Bild

10.11.2003 | Von:
Lothar Funk

Der neue Strukturwandel: Herausforderung und Chance für die Gewerkschaften

Lernen vom Ausland

Gewerkschaften anderer Industrieländer stehen grundsätzlich vor ähnlichen Herausforderungen, da die Megatrends nicht an den nationalen Grenzen Halt machen. Aus Sicht des britischen Wirtschaftsmagazins Economist existieren angesichts der Wucht des Strukturwandels nur zwei Alternativen für die Gewerkschaften: "Adapt or die" - Passt euch an oder sterbt aus, lautet die Prognose für die Arbeitnehmerverbände.[20] Es wäre verfehlt anzunehmen, dass die erste Option nicht existieren würde. Der internationale Vergleich zeigt, dass andere Länder trotz eines vergleichbaren Strukturwandels teilweise sogar ihren Organisationsgrad zwischen 1990 und 2000 erhöhen konnten (vgl. Tabelle 2: PDF-Version). Zwar liegt im ungewogenen Ländervergleich der 15 Mitglieder der Europäischen Union der gewerkschaftliche Organisationsgrad derzeit mit knapp 44 Prozent niedriger als 1980 mit 51 Prozent, allerdings leicht höher als 1990 mit rund 43 Prozent.[21]

Die Megatrends erschweren demnach zwar die gewerkschaftliche Mitgliederarbeit, wie der vorherige Abschnitt gezeigt hat, sie machen Rekrutierungserfolge aber keineswegs unmöglich. Obwohl die Heterogenität der Beschäftigten gestiegen ist, waren die Gewerkschaften manch anderer Länder dennoch in der Lage, ihren Organisationsgrad zu vergrößern, weil sie Frauen, Angestellte und Teilzeitarbeitnehmer als Mitglieder gewinnen konnten.[22] Wichtige Gründe hierfür sind:

1. die Mitwirkung von Gewerkschaften in nationalen Sozial- und Beschäftigungspakten, in denen es gelang, durch beschäftigungsfördernde Flexibilisierungen des Tarifrechts und der Tarif- und Lohnpolitik das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Damit einher ging auch ein Anstieg des Organisationsgrades der Gewerkschaften (z.B. in Dänemark, Finnland, Norwegen und Spanien) oder eine Erhöhung des absoluten Mitgliederbestandes der Gewerkschaften trotz einer Abnahme des Organisationsgrades (Irland, hier war das Beschäftigungswachstum höher als die Steigerung der Mitgliedszahlen der Gewerkschaften).

2. der Ausbau institutioneller Verankerungen der Gewerkschaften im Betrieb und in der Arbeitslosenversicherung. In den nordischen Ländern sind - anders als in Deutschland - die Gewerkschaftsrepräsentanten die direkten Vertreter der Arbeitnehmerinteressen auf Betriebsebene und schließen auch Tarifverträge mit den Arbeitgebern ab, so dass über direkte Kontakte zwischen Gewerkschaftsvertretern und Belegschaften die Anreize zum Gewerkschaftseintritt steigen. In Belgien und Dänemark beteiligen sich die Gewerkschaften beispielsweise an der Verwaltung von Fonds, aus denen das staatlich subventionierte Arbeitslosengeld ausgezahlt wird, wobei den Gewerkschaften diese kollektive Schutzfunktion in der Bevölkerung tendenziell positiv zugeschrieben wird.

3. Zudem stellen viele Gewerkschaften ihren Mitgliedern außer Rechtsberatung weitere spezielle Dienstleistungen bzw. selektive Anreize zur Verfügung, indem sie, wie etwa in den USA, den Gewerkschaftlern exklusiv Finanzdienstleistungen anbieten oder günstige Kreditkarten an sie ausgeben, um so die Gewerkschaftsbindung aufrechtzuerhalten oder zu schaffen.

Die Entwicklung der neunziger Jahre, in denen der Organisationsgrad der Gewerkschaften im ungewichteten EU-Durchschnitt nahezu gleich geblieben ist, deutet darauf hin, dass eine vom Strukturwandel ausgehende veränderte Zusammensetzung der Erwerbtätigen in Richtung von traditionell schlechter organisierbaren Beschäftigten einem konstanten oder sogar zunehmenden Organisationsgrad nicht im Wege stehen muss. Vielmehr spricht viel für die These eines Mitglieds im IG Metallvorstand von 2001: "Nicht der Strukturwandel in der Arbeitswelt ist die Ursache für Mitgliederverluste der Gewerkschaften, sondern eher ihre mangelnde Fähigkeit, diesen Strukturwandel rasch genug zu erkennen und in neue Konzepte umzusetzen (...)."[23] Was können die deutschen Gewerkschaften also tun?


Fußnoten

20.
Vgl. o.V., Adapt or die, in: The Economist vom 7. Juni 2003, S. 13.
21.
Vgl. Lothar Funk, Gewerkschaften international: Weniger Mitglieder, weniger Einfluss?, in: Unternehmen und Gesellschaft, (2003) 3, S. 17 - 20, hier S. 19.
22.
Vgl. Bernhard Ebbinghaus, Vom Norden organisieren lernen, in: Die Mitbestimmung , 46 (2000) 6, S. 39 - 41.
23.
Ulrich Klotz, Informationsökonomie und die Zukunft der Gewerkschaften, in: Jürgen Fuchs/Christian Stolorz, Produktionsfaktor Intelligenz, Wiesbaden 2001, S. 289 - 306, hier S. 295.