APUZ Dossier Bild

10.11.2003 | Von:
Ute Klammer
Reiner Hoffmann

Unvermindert wichtig: Gewerkschaften vor alten und neuen Aufgaben

Die Gewerkschaften stehen vor der schwierigen Aufgabe, den Spagat zwischen Individualisierung und Globalisierung in ihrer praktischen Alltagsarbeit zu bewältigen. Dazu gehört auch eine stärkere Europäisierung gewerkschaftlicher Interessenvertretung.

Einleitung

Die Gewerkschaften sind Kinder der Industriegesellschaft und wichtige Säulen der europäischen Wohlfahrtsstaaten. Die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen, die Sicherung der Realeinkommen, die Verkürzung und Gestaltung der Arbeitszeiten, aber auch die Gestaltung der sozialen Sicherungssysteme sind Beispiele für ihr erfolgreiches Wirken seit mehr als 100 Jahren. Die Erfolge der Vergangenheit sind allerdings zugleich Teil ihrer Probleme der Gegenwart. Ein deutlich höheres Bildungsniveau und relativer materieller Wohlstand haben zur Ausdifferenzierung der Interessenlagen und Pluralisierung der Lebensstile beigetragen. Andererseits hat die seit den siebziger Jahren anhaltende Massenarbeitslosigkeit die Zahl der Menschen, die von Armut bedroht sind, deutlich erhöht, und trotz der gewerkschaftlichen Erfolge wird der soziale Zusammenhalt (Kohäsion) in den europäischen Gesellschaften immer fragiler. Eine auf Einheit basierende solidarische Interessenvertretungspolitik wird unter den Bedingungen des sozioökonomischen Wandels daher immer schwieriger. Solidarität und sozialer Zusammenhalt sind immer weniger auf der Basis von Einheit, sondern, wenn überhaupt, nur unter Anerkennung von Vielfalt und Differenz zu verwirklichen. Dies erfordert von den Gewerkschaften eine tief greifende Um- und Neuorientierung. Entgegen der Auffassung populistischer Gewerkschaftskritiker werden diese in der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts keineswegs überflüssig, im Gegenteil: Sie sind notwendiger denn je!





Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit einigen Aspekten zur Situation der Gewerkschaften, beleuchtet neuere Entwicklungen sowie die von den Gewerkschaften verfolgten Reformstrategien. Dabei wird deutlich, dass sie nicht als Blockierer oder ewig Gestrige abgestempelt werden können. Allerdings - und darauf legen wir unser Augenmerk - gilt für sie die Notwendigkeit, sich stärker als bisher der Vielfalt der Erwerbs- und Lebensformen anzunehmen und offensiv eigene sozial- und arbeitsmarktpolitische Reformkonzepte zu vertreten.





Dies ist kein einfaches Unterfangen. Interne Kontroversen über alte und neue Aufgaben sind unumgänglich, wenngleich sie tunlichst nicht zu öffentlichen Debakeln führen sollten, wie jüngst in der IG-Metall. Gewerkschaften müssen den Spagat zwischen Individualisierung und Globalisierung programmatisch und in ihrer praktischen Alltagsarbeit bewältigen; dazu gehört auch eine stärkere Europäisierung gewerkschaftlicher Interessenvertretung.