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10.11.2003 | Von:
Hagen Lesch

Der Arbeitskampf als Instrument tarifpolitischer Konfliktbewältigung

Ein internationaler Arbeitskampfvergleich weist Deutschland als ein Land mit relativ wenigen Arbeitskonflikten aus. Ob solche Konflikte auch in Zukunft seltener werden, ist vor dem Hintergrund des anhaltenden sozialpolitischen Reformdrucks und gewerkschaftlicher Organisations-probleme unklar.

Arbeitskämpfe im internationalen Vergleich

Internationale Arbeitskampfvergleiche stützen sich im Wesentlichen auf die Arbeitskampfstatistik des International Labor Office (ILO), die wiederum auf statistischen Berichten der nationalen Arbeitsämter basiert.[1] Die ILO-Statistik informiert über die Zahl der Streiks und Aussperrungen, über die Zahl der daran beteiligten Arbeitnehmer und der dadurch ausgefallenen Arbeitstage. Mit Hilfe dieser Angaben lassen sich verschiedene Arbeitskampfindikatoren berechnen. Der gebräuchlichste Indikator ist das Arbeitskampfvolumen, das die durch Streiks und Aussperrungen verlorenen Arbeitstage erfasst und diese auf 1 000 Beschäftigte normiert. Weniger Beachtung finden die beiden Indikatoren Streikbeteiligung und Streikentschlossenheit. Während die Erstere die an den Arbeitskämpfen beteiligten Arbeitnehmer zur Zahl der Arbeitskämpfe in Beziehung setzt, dokumentiert die Streikentschlossenheit, wie lange sich ein Arbeitnehmer an einem Ausstand beteiligt.




Bei Querschnittsvergleichen, wie sie auch im Folgenden vorgenommen werden, ist zu berücksichtigen, dass die statistische Erfassung von Arbeitskämpfen von Land zu Land differieren kann. In Deutschland oder Großbritannien werden ausschließlich Arbeitskämpfe erfasst, die mindestens einen Tag dauerten und an denen mindestens zehn Arbeitnehmer beteiligt waren oder durch die mehr als 100 Arbeitstage verloren gingen. In den USA liegt die Schwelle bei 1 000 verlorenen Arbeitstagen, in Kanada hingegen nur bei zehn Tagen, und in Belgien oder den Niederlanden gibt es gar keine Schwelle. In der Mehrzahl der Länder beziehen sich die Streikdaten auf die Gesamtwirtschaft, in Belgien, Frankreich oder Portugal ist der öffentliche Sektor ganz oder teilweise ausgeklammert.[2]

Auch wenn die unterschiedlichen Abschneidegrenzen nur Bagatellstreiks ausklammern und sich die unterschiedliche Erfassung von Sektoren teilweise bereinigen lässt, sollte die folgende statistische Bestandsaufnahme nur als grobes Maß für die Streikanfälligkeit der untersuchten Länder verstanden werden. Abbildung 1 informiert über das Arbeitskampfvolumen ausgewählter OECD-Ländern im jährlichen Durchschnitt der Jahre von 1970 bis 2001. An der Spitze des Vergleichs steht Island, wo im jährlichen Periodendurchschnitt auf 1 000 Beschäftigte normiert 885 Arbeitstage durch Streiks und Aussperrungen verloren gegangen sind. Dahinter folgen die Mittelmeeranrainer Italien (720 Tage), Griechenland (578 Tage) und Spanien (559 Tage). Im Mittelfeld dominieren dieangelsächsischen Volkswirtschaften, während die Gruppe mit den geringsten Arbeitsausfällen neben den vier kontinentaleuropäischen Ländern Deutschland, Niederlande, Österreich und die Schweiz noch Japan einschließt. Mit durchschnittlich einem bzw. fünf Tagen (je 1 000 Beschäftigte) wird in der Schweiz und in Österreich am wenigsten gestreikt. Deutschland schneidet mit 28 Ausfalltagen vergleichsweise gut ab.

Unabhängig davon, ob in einem Land häufiger oder weniger häufig gestreikt wurde, ist in den meisten der 22 betrachteten OECD-Länder ein kontinuierlicher Rückgang der Arbeitskampfaktivitäten zu beobachten. Abbildung 2 zeigt die Entwicklung des Arbeitskampfvolumens im gewichteten Durchschnitt aller Länder. Während das durchschnittliche Arbeitskampfvolumen in den siebziger Jahren heftig schwankte, ist seit 1980 ein andauernder Rückgang zu beobachten, der Ende der achtziger Jahre etwas ins Stocken geriet, sich in den neunziger Jahren aber doch fortsetzte. Am aktuellen Rand weicht das Jahr 2000 mit 85 Ausfalltagen vom allgemeinen Trend ab. Zu den Ländern mit dem stärksten Rückgang der Streikaktivitäten gehören Japan, Großbritannien, die USA und Italien. Dort gingen die Streikaktivitäten in den neunziger gegenüber den siebziger Jahren um mindestens 90 Prozent zurück. Auch hierzulande ließen die Streikaktivitäten nach. Fielen zwischen 1971 und 1980 noch durchschnittlich 52 Arbeitstage pro Jahr aus, waren es in den beiden folgenden Jahrzehnten 28 beziehungsweise 11 Tage.[3]

Bei den Indikatoren Streikbeteiligung und Streikentschlossenheit ist keine eindeutige Tendenz erkennbar. Im Durchschnitt der betrachteten Länder lag die Streikbeteiligung in der Teilperiode 1971/80 pro Arbeitskampf bei 1 110 Arbeitnehmern, in den beiden folgenden Dekaden waren es 1 129 und 1 122 Arbeitnehmer. Die Streikentschlossenheit ging zwar in einer Reihe von Ländern zurück, folgte im Durchschnitt aber ebenfalls keinem eindeutigen Trend. Ein solcher Rückgang lässt sich nur zwischen 1970 und 1982 sowie Anfang der neunziger Jahre beobachten. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre hat die Streikdauer aber wieder zugenommen. Als Befund kann man dennoch festhalten, dass sich mit dem Rückgang des Arbeitskampfvolumens in den meisten Ländern auch die Streikdauer verkürzt hat, die Zahl der Streikenden aber annähernd konstant geblieben ist.


Fußnoten

1.
Vgl. International Labor Organisation, Statistical Yearbook (2001), Genf 2002.
2.
Vgl. dies., Sources and Methods, Vol. 7: Strikes and Lockouts, Genf 1993.
3.
Vgl. Hagen Lesch, Streik und Arbeitskampfregeln im internationalen Vergleich, in: iw-trends, 29 (2002) 2, S. 5 - 17.