Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Peter H. Wilson

Gründe und Verlauf einer europäischen Tragödie

Der Dreißigjährige Krieg war ein blutiges und langwieriges Ringen um die religiöse und staatliche Ordnung innerhalb des Heiligen Römischen Reiches. Dieses Reich war seinerzeit das größte und bevölkerungsreichste in Europa. Es umfasste nicht nur das heutige Deutschland und Österreich, sondern auch Tschechien, Norditalien, Süddänemark, Ostfrankreich und Westpolen. Weitere neun größere und kleinere europäische Staaten waren an dem Krieg entweder direkt beteiligt oder stellten einer oder mehreren Kriegsparteien finanzielle Mittel oder Soldaten zur Verfügung. Dass der Krieg ein historisches Ereignis von bleibender Bedeutung war, ist unter Wissenschaftlern unumstritten. Bei der Frage, was ihn verursachte, warum er sich so in die Länge zog und wie sein Vermächtnis für spätere Generationen zu deuten ist, gehen die Meinungen jedoch stark auseinander.

Zum Teil sind diese Meinungsverschiedenheiten bedingt durch lückenhafte wissenschaftliche Belege. Das Heilige Römische Reich hinterließ kein Nationalarchiv; man muss sich seine Geschichte aus verschiedenartigen und lückenhaften Quellen zusammenstückeln, die oft missverständlich oder widersprüchlich sind. Darüber hinaus war es äußerst unübersichtlich gegliedert, sogar für seine eigenen Einwohner. Anders als die Erbmonarchien von England, Frankreich oder Spanien wurde das Heilige Römische Reich als "gemischte Monarchie" regiert. Dabei teilte sich der Kaiser, gewählt von einer elitären Gruppe aus sieben Kurfürsten, die Macht mit etwa 60 Prinzen, 140 Grafen und Äbten sowie rund 60 Reichsstädten. Als habsburgischer Kaiser behielt er nicht zuletzt deswegen die Oberhand, weil es keine ernsthafte Alternative zum Hause Habsburg gab, dessen Erbfürstentümer ein Drittel des Reiches sowie im Osten einen erheblichen Teil von Ungarn umfassten. Als einzige Herrscherfamilie, die imstande war, das Reich gegen die Osmanen zu verteidigen, war das Haus Habsburg seit 1438 immer wieder zur Regentschaft bestimmt worden. Doch konnte es den Rest des Reiches nur im Verbund mit den Kurfürsten, Prinzen und Reichsstädten regieren, die gemeinsam die sogenannten Reichsstände bildeten. Die allgemeine Schlussfolgerung lautet, mutmaßliche staatsrechtliche Schwachstellen des Reiches seien für den Krieg verantwortlich und dieses sei nach dem Krieg kaum mehr als ein hohles Gebilde gewesen. Wie nachfolgend deutlich werden wird, stellt die moderne Forschung diese üblichen Schlussfolgerungen infrage.

Der zweite, wesentlichere Grund für die auseinandergehenden Interpretationen liegt im natürlichen Bedürfnis, die komplexen und verwickelten Zusammenhänge zu vereinfachen. Historiker heben für gewöhnlich strukturelle Faktoren hervor und stellen den Krieg als eine Folge größerer grundlegender Entwicklungen dar: entweder als eine "allgemeine Krise" – hervorgerufen durch den Wandel von feudaler zu kapitalistischer Wirtschaft oder durch die klimatischen Veränderungen der Kleinen Eiszeit – oder als Veränderungen in der politischen Ordnung, die "staatenbildende Kriege" auslösten.[1] Andere, weniger strukturelle Interpretationen ordnen den Dreißigjährigen Krieg in einen länger währenden Kampf zwischen den französischen Königen und dem Haus Habsburg um die Vorherrschaft in Europa ein. Dieser Ansatz bagatellisiert indes die Bedeutung der Ereignisse im Heiligen Römischen Reich ebenso wie die Unterschiede zwischen dem dort von 1618 bis 1648 währenden Krieg und dem parallel verlaufenden Achtzigjährigen Krieg der Niederlande gegen die spanische Herrschaft (1568–1648) sowie den zwischenzeitlichen heißen und kalten Kriegen zwischen Frankreich und Spanien seit den 1580er Jahren, die 1630 zu einer größeren, bis 1659 währenden Auseinandersetzung eskalierten.[2] Eine weitere geläufige Variante dieses Ansatzes besteht darin, zu argumentieren, der Dreißigjährige Krieg habe zwar mit dem Ständeaufstand in Böhmen 1618 begonnen, dann aber hätten die ursprünglichen Kriegsteilnehmer rasch die Kontrolle über die Ereignisse verloren und ihre Streitigkeiten seien in einen allgemeinen europäischen Krieg übergegangen.[3]

Die am weitesten verbreitete strukturelle Interpretation besagt, es habe sich um den letzten und größten Religionskrieg in einem ganzen Zeitalter von Religionskriegen gehandelt, das 1517 mit der Reformation begonnen habe. Konfessionell motivierter Hass habe demnach einen "Kommunikationsabbruch" verursacht, der wichtige Verhandlungen verhindert und direkt zu Gewalt geführt habe.[4] Andere Wissenschaftler weisen auf ein allgemeineres Gefühl der Angst hin und auf einen chiliastischen Glauben an einen unmittelbar bevorstehenden apokalyptischen Kampf zwischen Gut und Böse und eine darauf folgende tausendjährige Epoche des Friedens und der christlichen Einheit.[5] Zweifellos wurde in diesem Zusammenhang das Erscheinen eines auffälligen Kometen 1618 als Zeichen nahenden göttlichen Zorns gedeutet.[6]

Fußnoten

1.
Vgl. Geoffrey Parker, Global Crisis: War, Climate Change and Catastrophe in the Seventeenth Century, New Haven 2013; Johannes Burkhardt, Der Krieg der Kriege. Eine neue Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, Stuttgart 2018. Weitere Diskussion und Kritik in Peter H. Wilson, The Causes of the Thirty Years War 1618–48, in: English Historical Review 123/2008, S. 554–586.
2.
Vgl. Geoffrey Parker (Hrsg.), Der Dreißigjährige Krieg, Berlin 1987.
3.
Vgl. Christoph Kampmann, Europa und das Reich im Dreißigjährigen Krieg. Geschichte eines europäischen Konflikts, Stuttgart 2008.
4.
Vgl. Axel Gotthard, Der deutsche Konfessionskrieg seit 1619, in: Historisches Jahrbuch 122/2002, S. 141–171; ders., Der Dreißigjährige Krieg. Eine Einführung, Köln 2016.
5.
Vgl. Heinz Duchhardt, Der Weg in die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges. Die Krisendekade 1608–1618, München 2017.
6.
Vgl. Andreas Bähr, Der grausame Komet. Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreißigjährigen Krieg, Reinbek 2017.
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Autor: Peter H. Wilson für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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