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Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Frauke Adrians

"Das sich einem Stein solt erbarmet haben". Der Dreißigjährige Krieg im Erleben der Zivilbevölkerung

Alles durchdringende Angst

Happe schrieb sein "Chronicon Thuringiae" nicht bloß als Beobachter und Betroffener; sein Mitleiden erklärt sich auch aus seiner Rolle als Verwalter. Von Amts wegen wäre es seine Aufgabe gewesen, Schaden von "dem armen Volcke" abzuwenden und es vor den Übergriffen marodierender Truppen zu schützen, aber das konnte er im Krieg nicht. "Noth und Elende", Gewalt und die mutwillige Zerstörung aller Strukturen des Zusammenlebens erschütterten die Menschen tief.

Gewalt gegen die Zivilbevölkerung. (© picture-alliance/akg)
In einer durch und durch religiös geprägten Gesellschaft, in der nahezu jeder seinen Platz und "Stand" hatte und in der es einst eine gewisse Rechtssicherheit und öffentliche Ordnung gegeben hatte, bedeutete der Krieg einen Bruch mit allem, was man für sicher und unumstößlich gehalten hatte. "Die Angst durchdrang alles", bilanziert die Historikerin Sigrun Haude die Zeitzeugenberichte aus jenen Jahren.[16] Die Auswirkungen des Krieges auf die Psyche der Menschen lassen sich auch in Andreas Gryphius’ Sonett "Tränen des Vaterlandes" von 1636 erahnen, das mit den Versen endet: "Doch schweig ich noch von dem/was ärger als der Tod/Was grimmer denn die Pest/und Glut und Hungersnot/Daß auch der Seelen Schatz/so vielen abgezwungen."[17] Gleiches gilt auch für die Worte des Verfassers der Stausebacher Ortschronik, des hessischen Bauern Caspar Preis: "Es war Jamer, Angst, Noth und Hertzenleyd mit den armen Leuthen, wir waren so gar geängstiget und verzaget, das uns auch ein rauschendes Blat verjaget."[18]

Krieg bedeutete Verrohung. Die Landbevölkerung fürchtete die "Crabaten", als die in etlichen Quellen alle möglichen Truppen aus Ost- und Südosteuropa bezeichnet wurden, deren Sprachen man nicht verstand und die als ähnlich wild und grausam galten wie die nichtchristlichen "Türcken und Tartarn" – doch die "teutschen Reuter" betrugen sich kaum besser. Munter-beiläufig notierte der Söldner Peter Hagendorf nach einem Überfall auf Landshut: "Hier sind wir 8 Tage stillgelegen, haben die Stadt ausgeplündert. Hier habe ich als meine Beute ein hübsches Mädelein bekommen und 12 Taler an Geld, Kleider und Weißzeug genug. Wie wir sind aufgebrochen, habe ich sie wieder nach Landshut geschickt."[19]
Raubende Soldateska. (© picture-alliance/akg)
Vergewaltigungen und Verschleppungen junger Frauen und Mädchen gehörten für viele Soldaten zum alltäglichen Beutemachen. Entführungen, um Lösegeld zu erpressen, und Folterungen, damit die Bauern die Verstecke von Lebensmittelvorräten und anderem Wertvollen verrieten, waren an der Tagesordnung. Die wohl berüchtigtste Martermethode war das gewaltsame Eintrichtern von Wasser oder Jauche, der sogenannte Schwedentrunk.

Vonseiten der Armeeführungen gab es zwar auch Bemühungen, Exzesse zu unterbinden, und sei es nur aus der Erkenntnis heraus, dass es unklug war, einen Landstrich völlig zu verwüsten, in den man vielleicht eines Tages zurückkehren musste. Doch "Dienstreglements, Artikelbriefe sowie die Praktiken der Kriegsgerichtsbarkeit",[20] die dem dienen sollten, griffen allenfalls da, wo die Söldner von ihren Auftraggebern auskömmlich bezahlt wurden. Vor allem nachts setzten sich berittene Trupps vom Heerlager ab, um in der Umgebung zu rauben und zu plündern. Es waren die Marodeure und Räuberbanden, die der Zivilbevölkerung mehr zusetzten als die – zumindest halbwegs disziplinierten – Hauptarmeen.

Fußnoten

16.
Sigrun Haude, The Experience of War, in: Olaf Asbach/Peter Schröder (Hrsg.), The Ashgate Research Companion on the Thirty Years’ War, Abingdon-on-Thames 2014, S. 273 (eigene Übersetzung).
17.
Andreas Gryphius, Tränen des Vaterlandes, 1636, http://gutenberg.spiegel.de/buch/gedichte-9714/8«.
18.
Zit. nach Gotthard (Anm. 4), S. 207.
19.
Zit. nach Peter Burschel, Himmelreich und Hölle. Ein Söldner, sein Tagebuch und die Ordnungen des Krieges, in: Benigna von Krusenstjern/Hans Medick (Hrsg.), Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe, Göttingen 1999, S. 190.
20.
Arndt (Anm. 8), S. 192.
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