Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Georg Schmidt

Deutungen des Dreißigjährigen Krieges.
Mythos, Legenden und Einsichten

Der Dreißigjährige Krieg ist ein wichtiger Teil der älteren deutschen Geschichte. Er begann mit dem Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 und endete mit der Unterzeichnung des Westfälischen Friedens am 24. Oktober 1648. An diesen Daten kommt niemand vorbei, der sich mit den Deutschen, ihrer Kultur, ihrer Nation und ihrem Staat, mit ihrem angeblichen Sonderweg oder ihren Befindlichkeiten beschäftigt. Zwischen fünf und acht Millionen Menschen verloren ihr Leben, über die Hälfte der Häuser und Gebäude waren zerstört, weite Teile Mitteleuropas verwüstet – allenthalben Gewalt, Not und Tod. Die Erinnerung an diesen Krieg ruft auch heute noch immer Schauder und Entsetzen hervor.[1]

Die Zeitgenossen deuteten den Krieg als Strafgericht Gottes.[2] Im Spätherbst 1618 stand ein riesiger Komet am Abendhimmel. Gott hatte auf seiner Tafel angekündigt,[3] die Menschen für ihre vielen Sünden zu strafen. Diese zählten eins und eins zusammen: Der Krieg in Böhmen hatte begonnen, der Klima-Umschwung der Kleinen Eiszeit führte seit 1560 wiederholt zu Hungerkrisen, und mit der Kipper- und Wipperzeit begann um 1620 eine Hyperinflation. Die Gleichzeitigkeit von Krieg, Teuerung und Krankheiten beziehungsweise Tod verwies auf die Offenbarung des Johannes: Die Reiter der Apokalypse hatten das Buch mit den sieben Siegeln verlassen; das Jüngste Gericht und das Ende der diesseitigen Welt waren kaum noch aufzuhalten.

Die Geschichtsschreibung erzählt den Dreißigjährigen Krieg als Folge sich zuspitzender Krisen,[4] als Glaubens- und Machtkampf, als Tiefpunkt, Urkatastrophe und kollektives Trauma. Stimmt das? Ist es überhaupt ein Krieg, noch dazu ein deutscher? Muss das Geschehen angesichts der fremden Armeen und der parallelen Kriege nicht als ein europäisches gedeutet werden?

Fußnoten

1.
Vgl. zum Folgenden Georg Schmidt, Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, München 2018. Dort auch weitere Belege und bibliografische Angaben.
2.
Vgl. Matthias Asche/Anton Schindling (Hrsg.), Das Strafgericht Gottes. Kriegserfahrungen und Religion im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges, Münster 2001.
3.
Vgl. Andreas Bähr, Der grausame Komet. Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreißigjährigen Krieg, Reinbek 2017.
4.
Vgl. Heinz Duchhardt, Der Weg in die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges. Die Krisendekade 1608–1618, München–Berlin 2017; Robert Rebitsch (Hrsg.), Der Beginn des Dreißigjährigen Krieges, Wien u.a. 2017.
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Autor: Georg Schmidt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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