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5.11.2003 | Von:
Michael Minkenberg

Die Christliche Rechte und die amerikanische Politik von der ersten bis zur zweiten Bush-Administration

Das Netzwerk der Christlichen Rechten im Übergang zum neuen Millenium

Die Christliche Rechte kann als eine politische und soziale Bewegung verstanden werden, die entscheidend zur Politisierung und Mobilisierung des amerikanischen protestantischen Fundamentalismus ab Mitte der siebziger Jahre beigetragen hat. Fundamentalismus bedeutet hier eine ausgeprägte religiöse Orthodoxie, die sich auf die Unfehlbarkeit des biblischen Wortes und eine selektive Adaption religiöser Traditionen gründet und in einer diesseitigen Haltung dezidiert gegen bestimmte Ausprägungen der Moderne wie Liberalismus und Säkularismus Stellung bezieht.[5] Die politische Mobilisierung und Organisation des protestantischen Fundamentalismus durch die Christliche Rechte kann daher als moderne antimodernistische Reaktion zur Bewahrung der fundamentalistischen Lebenswelt in einer sich rapide ändernden Umwelt aufgefasst werden.[6] Die politische Programmatik der Christlichen Rechten wurde von Theodore Lowi treffend als Mischung aus Bibel und Edmund Burke, in der sich etatistische und populistische Elemente verbinden, charakterisiert.[7] Die Forderung nach einer starken staatlichen Rolle zur Aufrechterhaltung traditioneller religiös-moralischer und sozialer Werte und Institutionen (family values, law and order) geht einher mit Antiparlamentarismus, scharfer Kritik am politischen establishment und Forderungen nach Dezentralisierung. Der Hauptgegner der Christlichen Rechten befindet sich unter all den Kräften, die tatsächlich oder vermeintlich Liberalismus, die Etablierung alternativer Lebensstile und Säkularisierung vorantreiben.[8]

Die organisatorischen und strategischen Wandlungen und daraus hervorgehenden neuen politischen Impulse der Christlichen Rechten in den neunziger Jahren sind inzwischen vielfach dokumentiert und analysiert.[9] Im Anschluss an die Präsidentschaftskampagne Pat Robertsons 1988 und die Gründung der von ihm geleiteten Christian Coalition 1989 ergaben sich grundlegende Verschiebungen im organisatorischen Spektrum und in der politischen Strategie. Die Tabelle fasst die wichtigsten Organisationen zusammen und bietet einen Überblick über die multiplen Mitgliedschaften wichtiger religiöser Führer der Bewegung.

Die äußerst wirkungsvolle strategische Erneuerung der Christlichen Rechten in den neunziger Jahren bestand in zwei zentralen Elementen der Übernahme von Strategien der Bürgerrechtsbewegung und anderer neuer sozialer Bewegungen. Zum einen erfolgte die Forcierung der Kulturkampfrhetorik, wobei allerdings religiöse Reizworte vermieden und ein Vokabular von Grundrechten eingesetzt wurde (z.B. in der Abtreibungsdebatte die Betonung des Rechts auf Leben Ungeborener). Zum anderen setzte der Direktor der Christian Coalition, Ralph Reed, die Rückkehr zu einer grass roots-Strategie durch, die sich (zunächst) von Washington ab- und der lokalen und Einzelstaatenpolitik und hier vor allem der Republikanischen Partei zuwandte.[10] Als Ergebnis dieses Strategiewechsels ist festzuhalten, dass die Christliche Rechte in der Clinton-Ära immer mehr Ortsverbände und Einzelstaatenorganisationen der Partei unterwanderte. Mitte der neunziger Jahre dominierte sie 18 Einzelstaatenorganisationen, gegen Ende des Jahrzehnts waren es ca. 30.[11] Dazu kommt eine wachsende Präsenz auf nationaler Ebene vor allem im Kontext von Kongress- und Präsidentschaftswahlen.[12] Auf den republikanischen Nominierungskonvent in Houston 1992 stellte die Christliche Rechte etwa 300 der 2 000 Delegierten, und unter maßgeblichem Einfluss von Führungsfiguren wie Jerry Falwell, Pat Robertson, Phyllis Schlafly und Pat Buchanan stand der Konvent ganz im Zeichen von family values und der Verkündigung von Rednern wie Buchanan und Robertson, dass im Lande ein religiöser Krieg um die Seele Amerikas herrsche. Vier Jahre später spielte die Christliche Rechte in den Republikanischen Vorwahlen eine noch größere Rolle und trug wesentlich dazu bei, dass Robert Dole als Kandidat nominiert wurde. Auf dem Konvent in San Diego waren nunmehr bereits 500 der 2 000 Delegierten Mitglieder der Christlichen Rechten. Inzwischen hatte seit den Kongresswahlen von 1994 eine im historischen Maßstab äußerst konservative Republikanische Partei die Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses inne. Sie begann unter Leitung ihres Mehrheitsführers im Abgeordnetenhaus, Newt Gingrich, eine radikale Oppositionspolitik gegen die Clinton-Administration, an der auch führende Vertreter der Christlichen Rechten mitwirkten und die im letztlich gescheiterten Versuch einer Amtsenthebung des Präsidenten mündete.[13]

Die daraus resultierende Ernüchterung und Enttäuschung unter führenden Aktivisten der Christlichen Rechten fiel zusammen mit einer neuerlichen Reorganisation ihres Netzwerkes. Diese drückte sich unter anderem in personellen Veränderungen an der Spitze von Christian Coalition aus. Bereits im September 1997 verließ Ralph Reed die Organisation und wechselte in die kommerzielle Politikberatung. Sein Nachfolger, Randy Tate, konnte im Gegensatz zu Reed bereits auf eigene parlamentarische Erfahrungen als republikanischer Abgeordneter (1995 - 1997) zurückblicken und war ein enger Parteifreund Newt Gingrichs. Damit entschied sich die Führung von Christian Coalition bewusst für eine weitere Professionalisierung ihrer Führung und eine besonders enge Beziehung der Organisation zum politischen Establishment auf Capitol Hill.[14] Dieser neue Professionalisierungsschub an der Spitze von Christian Coalition wurde im Dezember 2001 fortgesetzt, als Pat Robertson Roberta Combs antrug, die Präsidentschaft von Christian Coalition zu übernehmen. Im Gegensatz zu Robertson bekleidete Combs vor ihrer Arbeit für Christian Coalition keine kirchliche Position, sondern war stets in der Politik ihres Heimatstaates South Carolina aktiv. Seit Gründung der Christian Coalition leitete sie deren Büro in Charleston; erst 1999 wechselte sie auf Wunsch Robertsons in das nationale Büro der Organisation in Chesapeake, Virginia.[15]

Nach eigenen Angaben hat Christian Coalition heute fast zwei Millionen Mitglieder[16] und kann immer noch beanspruchen, die größte Organisation der Christlichen Rechten zu sein. Allerdings hat sie einiges von ihrer politischen Durchschlagskraft aus der Hochzeit Mitte der neunziger Jahre eingebüßt. So fiel Christian Coalition im alljährlichen ranking einflussreicher Lobbygruppen in Washington DC durch das Wirtschaftsmagazin "Fortune" von einem siebten Platz in den Jahren 1997 und 1998 auf den 35. Platz im Jahre 1999. Dagegen rückte das National Right to Life Committee, eine single issue-Organisation der Christlichen Rechten, die sich dem Kampf gegen die Abtreibung verschrieben hat, vom zehnten Platz (1997) auf den achten Platz (1999) vor.[17]

Hinter dieser Gewichtsverschiebung liegt eine organisatorische Verschiebung im Gefüge der Christlichen Rechten. Ein Netzwerk verschiedener Gruppen, darunter James Dobsons Focus on the Family, Gary Bauers Family Research Council (seit 2000 unter der Leitung von Kenneth Connor) sowie Bauers eigenes political action committee, Campaign for Working Families, hat sich inzwischen als Hauptrivale von Christian Coalition etabliert. Die Vernetzung dieser Gruppen drückt sich u.a. darin aus, dass Bauer und Dobson den Aufsichtsräten der jeweils anderen Organisation angehören, obwohl sie öffentlich Unabhängigkeit voneinander demonstrieren. Family Research Council verfügte über ein Budget von 14 Millionen US-Dollar (1997) und 455 000 Mitglieder (1998), die Mitgliedschaft von Campaign for Working Families geht ebenfalls in die Hunderttausende und übersteigt somit diejenige der United Auto Workers oder der National Education Association.[18] James Dobson verlagerte 1991 den Hauptsitz von Focus on the Family nach Colorado Springs, was einen spürbaren Aufschwung der Aktivitäten der Christlichen Rechten in Colorado nach sich zog, da die etwa 1 300 Angestellten in der lokalen und einzelstaatlichen Politik und den konservativen Kirchen dieses Bundesstaates äußerst aktiv sind. Als Ergebnis sind u.a. verschiedene erfolgreiche Volksabstimmungen in den Themenbereichen Homosexualität und Abtreibung und eine Vertiefung des "kulturellen Grabens" zwischen protestantischen Fundamentalisten und anderen Gruppen (Katholiken, Schwarze, Hochschulabsolventen) zu nennen.[19] Von Colorado Springs aus erreichen Dobsons Radioprogramme mehrere Millionen Zuhörer in den gesamten USA.

Zu den weiteren einflussreichen Gruppen am Ende des letzten Jahrzehnts gehören schließlich auch die in der Frühzeit der Christlichen Rechten entstandene Concerned Women for America unter der langjährigen Führung von Beverly LaHaye (jetzt Carmen Pate), welche ebenfalls ihr eigenes Radioprogramm betreibt, und die Traditional Values Coalition unter der Führung zuerst von Lou, dann von seiner Tochte Andrea Sheldon.[20] Concerned Women for America ist in etwa 1 200 "Gebets- und Aktionsgruppen" organisiert, während die andere Organisation angibt, Mitglieder aus 43 000 kirchlichen Kongregationen zu haben.[21]

Eine Analyse des gegenwärtigen Zustands und Einflusses der Christlichen Rechten muss der föderalen Struktur der USA besonders Rechnung tragen. Eine Studie von 13 Bundesstaaten, in denen die Bewegung über eine besonders ausgeprägte Organisationsbasis verfügt und eine sehr aktive Rolle mit allerdings unterschiedlichem Erfolg spielt, unterstreicht, dass der Professionalisierungsschub auf nationaler Ebene in den einzelnen Staaten weitgehend mit vollzogen und dass die weiter oben aufgezeigten Grenzen der Mobilisierung und Einflussnahme in vielen Fällen bereits erreicht sind.[22] Vor allem in den Südstaaten, in denen die Christliche Rechte über die meisten Ressourcen verfügt, zeigen sich gewisse Abnutzungserscheinungen. Zwar war sie überaus erfolgreich in der Durchdringung der republikanischen Einzelstaatenorganisationen, so dass sie inzwischen als fester Bestandteil der republikanischen Parteiorganisationen in vielen Staaten gelten kann. Aber mit diesem organisatorischen Erfolg und dem Zugang zu den Entscheidungsträgern in Parlamenten und Administrationen ging der Verlust der Eigenständigkeit und des ursprünglichen ideologisch-programmatischen Profils verloren. In diesem Sinne ist die Aussage Roberta Combs' bei ihrer Amtsübernahme in der Christian Coalition zu verstehen, dass sie der Organisation eine neue Richtung geben, sie wieder stärker an ihren spirituellen Auftrag heranführen sowie ein "outreach" zu neuen Gruppen versuchen wolle.[23]


Fußnoten

5.
Vgl. Nancy Ammerman, North American Protestant Fundamentalism, in: Martin Marty/Scott Appleby (Hrsg.), The Fundamentalism Project. Band 1, Chicago-London 1991, S. 1 - 65; Michael Minkenberg, Neokonservatismus und Neue Rechte in den USA, Baden-Baden 1990. Die Unterscheidungen zwischen Fundamentalismus und Evangelikalismus sind in der Literatur alles andere als einheitlich. Hier sollen die Begriffe weitgehend synonym verwendet werden. Zur Abgrenzung, vgl. N. Ammerman, ebd., S. 4.
6.
Vgl. José Casanova, Public Religions in the Modern World, Chicago 1994, S. 137 - 157.
7.
Vgl. Theodore Lowi, American Impasse. The Ideological Dimension at Era's End, in: Michael Minkenberg/Herbert Dittgen (Hrsg.), The American Impasse. U.S. Domestic and Foreign Policy after the Cold War, Pittsburgh 1996, S. 6.
8.
Vgl. Michael Minkenberg, Die neue radikale Rechte im Vergleich. USA, Frankreich, Deutschland, Opladen-Wiesbaden 1998, S. 146 - 148.
9.
Vgl. z.B. Manfred Brocker, Die Christliche Rechte in den USA, in: Michael Minkenberg/Ulrich Willems (Hrsg.), Politik und Religion, PVS-Sonderheft 33/2002, Wiesbaden 2003, S. 256 - 278; Matthew Moen, The Transformation of the Christian Right, Tuscaloosa 1992. Im Folgenden vgl. M. Minkenberg (Anm. 8), Kap. 7.
10.
Vgl. M. Minkenberg (Anm. 8), S. 258f.
11.
Vgl. John Persinos, Has the Christian Right Taken Over the Republican Party?, in: Campaigns and Elections vom 15.9. 1994, S. 21 - 29; Morris Fiorina, damals Harvard University, persönliche Kommunikation im Februar 1997.
12.
Vgl. M. Minkenberg (Anm. 8), S. 341 - 347.
13.
Vgl. hierzu die detaillierten Aufzeichnungen eines ehemaligen Insiders in: David Brock, Blinded by the Right. The Conscience of an Ex-Conservative, New York 2002, insbes. Kap. 11 - 13.
14.
Vgl. (http://www.cnn.com/ALLPOLITICS/1997/06/10/tate) vom 30. 9. 2003.
15.
Vgl. (http://www.charleston.net/stories/082303/hip_23 combs.shtml) vom 30. 9. 2003.
16.
Vgl. die website der Organisation auf (http://www.cc.org) vom 30. 9. 2003.
17.
Vgl. Ruth Murray Brown, For a Christian America. A History of the Religious Right, Amherst, NY 2002, S. 277f.
18.
Vgl. ebd., S. 178f.
19.
Vgl. Robert Zwier, The Christian Right and the Cultural Divide in Colorado, in: John C. Green/Mark J. Rozell/ Clyde Wilcox (Hrsg.), The Christian Right in American Politics. Marching to the Millenium, Washington, D. C. 2003, S. 187 - 207.
20.
Vgl. R. M. Brown (Anm. 17), S. 273.
21.
Vgl. John Green, The Christian Right at the Millenium, Washington, D. C. 2000, S. 24.
22.
Vgl. J. C. Green/M. J. Rozell/C. Wilcox (Anm. 19). Die 13 Bundesstaaten sind im einzelnen: California, Colorado, Iowa, Florida, Kansas, Maine, Michigan, Minnesota, Oregon, South Carolina, Texas, Virgina und Washington.
23.
Vgl. (http://www.charleston.net/stories/082303/hip_23 combs.shtml) vom 30. 9. 2003.