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29.10.2003 | Von:
Bernd Lindner

Zwischen Integration und Distanzierung

Jugendgenerationen in der DDR in den sechziger und siebziger Jahren

Die DDR hat drei prägende Jugendgenerationen hervorgebracht: die Aufbaugeneration, die Integrierte und die Distanzierte Generation. Lediglich die erste konnte politisch innovativ wirken.

Einleitung

Unabhängig davon, wie viele Generationsgestalten für die 40 Jahre alte Bundesrepublik ausgemacht werden (ihre Zahl schwankt in der einschlägigen Literatur zwischen acht[1] und vier[2]) und wie man diese definiert, eine Generation steht in allen Analysen übereinstimmend als originäre Hervorbringung des Westens fest: die "68er".




Eine vergleichbar markante Generationseinheit[3] hat die DDR nicht hervorgebracht, gleichwohl es die Geschichte ihrer generationellen Prägung noch zu schreiben gilt. Erste Ansätze dazu sind seit dem Ende der DDR aus unterschiedlichen Perspektiven heraus geleistet worden.[4] Ein geschlossenes Modell fehlt jedoch noch. Es soll hier - bezogen auf die Jugendgenerationen der DDR - angeboten und für den Zeitraum der sechziger und siebziger Jahre speziell untersetzt werden.

In der DDR war die Jugend eine zentrale Größe gesellschaftlicher Planung. Die SED hat von Beginn ihrer Machtübernahme an auf die Jugend als Träger des Aufbaus einer neuen Gesellschaft gesetzt. Doch was ihr anfangs noch weitgehend gelang, geriet ab Mitte der siebziger Jahre immer mehr zum Desaster. Die Jugend war die erste Altersgruppe, welche die SED für sich vereinnahmen konnte, und sie war zugleich die erste, die ihr aus dem Ruder lief.


Fußnoten

1.
Vgl. Wilfried Ferchhoff, Jugend an der Wende des 20.Jahrhunderts. Lebensformen und Lebensstile, Opladen 1993, S. 68f.
2.
Vgl. Heinz Bude, Das Altern einer Generation. Die Jahrgänge 1938 - 1948, Frankfurt/M. 1995, S. 47ff.; ders., Von Machern und Halbstarken. Die Bundesrepublik und ihre Generationen, in: Die Zeit, Nr. 21 vom 20.5.1999, S. 14.
3.
Vgl. Karl Mannheim, Das Problem der Generationen (1928), in: ders., Wissenssoziologie. Auswahl aus dem Werk, eingeleitet und hrsg. von Kurt H. Wolf, Darmstadt 1964, S. 509 - 565.
4.
U.a. von Dieter Geulen, Typische Sozialisationsverläufe in der DDR. Einige qualitative Befunde über vier Generationen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), B 26 - 27/1993, S. 37 - 44; ders., Politische Sozialisation in der DDR, Opladen 1998; Hartmut Zwahr, Umbruch durch Ausbruch und Aufbruch: Die DDR auf dem Höhepunkt der Staatskrise 1989. Mit Exkursen zu Ausreise und Flucht sowie einer ostdeutschen Generationenübersicht, in: Hartmut Kaelble u.a., Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994; Dorothee Wierling, Opposition und Generation in Nachkriegsdeutschland, in: Christoph Kleßmann u.a. (Hrsg.), Deutsche Vergangenheiten - eine gemeinsame Herausforderung, Berlin 1999; Albrecht Göschel, Kontrast und Parallele - kulturelle und politische Identitätsbildung ostdeutscher Generationen, Stuttgart-Berlin-Köln 1999; Wolfgang Engler, Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin 1999; ders., Die Ostdeutschen als Avantgarde, Berlin 2002. Eine vergleichende Wertung dieser Ansätze findet sich bei Bernd Lindner, "Bau auf, Freie Deutsche Jugend" - und was dann? Kriterien für ein Modell der Jugendgenerationen der DDR, in: Jürgen Reulecke (Hrsg.), Generationalität und Lebensgeschichte im 20.Jahrhundert, München 2003 (i.E.).