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Von der Konfrontation zum Dialog

Zum Wandel des Verhältnisses zwischen beiden deutschen Staaten in den sechziger und siebziger Jahren


29.10.2003
Ende der 60er Jahre kam Bewegung in die verhärteten deutsch-deutschen (Nicht-)Beziehungen. Ohne das gesamteuropäische Entspannungsklima hätte die Annäherung jedoch kaum eine Chance gehabt.

Einleitung



Die Forderung nach Anerkennung des Status quo in Europa war in den sechziger Jahren eine zentrale außenpolitische Forderung der Staaten des Warschauer Vertrages. Dies galt in besonderem Maße für die DDR, die als zweiter deutscher Staat ausschließlich zu den Ländern des eigenen Bündnisses, zu den kommunistischen Staaten in Asien und darüber hinaus zu Jugoslawien und Kuba diplomatische Beziehungen unterhielt. Der Forderung nach voller diplomatischer Anerkennung und "souveräner Gleichheit" ordneten Sowjetunion und DDR andere Ziele ihrer Außenpolitik unter.




Peter Bender, der schon in den sechziger Jahren "Zehn Gründe für die Anerkennung der DDR" benannt hatte[1], formulierte die Forderung nach Gleichbehandlung jüngst in einem brillanten politisch-historischen Essay über die Rolle der Weltmacht Amerika so: "Anerkennung ist ein Schlüsselwort. Die sowjetische Amerika-Politik spiegelte die amerikanische Sowjet-Politik, die Verweigerung voller Gleichheit rief ein beständiges Streben nach Gleichheit hervor. Die Sowjetunion hatte 1955 Amerikas deutsches Kind, die Bundesrepublik, anerkannt, Amerika und der gesamte Westen aber erkannten die DDR nicht an und stellten damit die gesamte sowjetische Nachkriegsordnung im Ostteil Europas in Frage."[2] Dieses gestörte Verhältnis der Supermächte in einer zentralen Frage ihrer Europapolitik hatte nachhaltige Auswirkungen auf die Entwicklung von Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten.

Das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und der DDR hat in den vier Jahrzehnten deutscher Zweistaatlichkeit die inneren wie äußeren Existenzbedingungen und die politischen Aktivitäten beider Staaten wesentlich beeinflusst. Die Tatsache, dass im Gefolge des Zweiten Weltkrieges, bedingt durch den Willen der vier Mächte, auf deutschem Boden zwei Staaten mit unterschiedlicher gesellschaftlicher Ordnung sowie diametral gegenüberstehender Blockeinbindung entstanden waren, war ein Spiegelbild der Ost-West-Konfrontation in einem bipolaren Europa. Konfrontative Politik und Kalter Krieg beiderseits von Elbe und Werra zwangen vor allem die DDR in eine nahezu totale politische Abhängigkeit von der Führungsmacht Sowjetunion. Dies galt in besonderem Maße für ihre Deutschlandpolitik, in der eigenständige Schritte fast unmöglich waren. Aber auch die Bundesrepublik konnte ihre Außen- und Deutschlandpolitik lange Zeit nicht ohne Zustimmung der Westmächte, später in Abstimmung mit ihnen, frei entwickeln.

Dennoch gab es auch in den fünfziger Jahren Kontakte und Beziehungen zwischen der DDR und der Bundesrepublik im nichtstaatlichen Bereich, so in Kultur und Wissenschaft, im Sport durch die zwischen 1956 und 1964 vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) erzwungenen ge-meinsamen deutschen Olympiamannschaften, zwischen den Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie vor allem auf dem Gebiet des innerdeutschen Handels. Überdies und vor allem pflegten die Menschen in beiden deutschen Staaten in der Zeit der deutschen Zweistaatlichkeit intensive familiäre und freundschaftliche Kontakte, die auch durch den Mauerbau 1961 nicht abgebrochen werden konnten.

Vor dem Hintergrund eines veränderten politischen Klimas zwischen den Supermächten entwickelten sich Ende der sechziger Jahre, eingebettet in die Maximalforderungen signalisierende Hallstein- bzw. Ulbricht-Doktrin, Gesprächskontakte zwischen Politikern aus beiden deutschen Staaten, die durchaus auch von deutsch-deutschen Interessen geleitet waren.[3]



Fußnoten

1.
Vgl. Peter Bender, Zehn Gründe für die Anerkennung der DDR, Berlin 1968.
2.
Ders., Weltmacht Amerika. Das Neue Rom, Stuttgart 2003, S. 177.
3.
Zu dieser Thematik sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Forschungsergebnisse vorgelegt worden. Vgl etwa die Forschungsberichte von Manuela Glaab, Helmut Müller-Enbergs und Detlef Nakath/Gerd-Rüdiger Stephan in: Rainer Eppelmann/Bernd Faulenbach/Ulrich Mählert (Hrsg.), Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn-München-Wien-Zürich 2003, S. 338ff.