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29.10.2003 | Von:
Mechthild Veil

Kinderbetreuungs-Kulturen in Europa: Schweden, Frankreich, Deutschland

Schweden - die Leidenschaft zur Gleichstellung

Kinderbetreuungskultur in Schweden ist im Kontext eines Wohlfahrtsmodells zu sehen, das auf Vollbeschäftigung und Integration aller Bürgerinnen und Bürger in den Arbeitsmarkt beruht.[6] Darauf ist die schwedische Familienpolitik seit den siebziger Jahren ausgerichtet. Ihr Ziel ist die Unterstützung berufstätiger Eltern, wofür der Staat die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen und sich dabei - ganz anders als in Deutschland - am Leitbild berufstätiger Eltern orientiert hat. In Schweden erfahren erwerbstätige Eltern deshalb viel und nicht erwerbstätige Eltern weniger Unterstützung. Eine Politik, die alle Bürger als Erwerbsarbeitsbürger sieht, unterstützt eher die Vorstellung der Frau als Erwerbstätige denn als Mutter: "Hausfrauen gelten als überholt und müssen sich die Frage gefallen lassen, womit sie sich eigentlich den ganzen Tag lang beschäftigen."[7] Frauen aus den Parteien hatten sich in den siebziger Jahren dafür eingesetzt, dass Kinderbetreuungseinrichtungen in Vollzeit angeboten werden.[8]

Die staatliche Verantwortung für Fürsorge und Betreuung (care) hat quasi zu einem Monopol des Staates in der Kinderbetreuung geführt, private Einrichtungen sind äußerst selten und betriebliche Angebote kaum vorhanden. Der kulturelle Aspekt der Kinderbetreuung in Schweden liegt darin, dass es für erwerbstätige Eltern staatlich geförderte öffentliche Einrichtungen gibt, die eine bessere Vereinbarung von Elternschaft, Beruf und Studium ermöglichen. Der Staat garantiert das Recht der Kinder, versorgt zu werden, und das Recht der Eltern auf berufliche Freistellung.[9]

Das Recht der Kinder, versorgt zu werden

Die gegenwärtige "Betreuungslandschaft" sieht folgendermaßen aus:

Es gibt Kindertagesstätten für Kinder bis zum sechsten Lebensjahr, deren Eltern erwerbstätig sind. Die Kinder können dort ganztägig oder nur bis Mittag bleiben.

Das Personal besteht zu über 50 Prozent aus ausgebildeten Erzieherinnen und Erziehern oder Freizeitpädagogen und in geringerem Umfang aus Kinderpflegern. Eltern zahlen eine Gebühr, die abhängig ist von der Betreuungsdauer der Kinder, dem Einkommen der Eltern und der Anzahl ihrer Kinder. Die Höhe der Gebühren variiert zwischen den Kommunen.[10] Alternativ besteht, vor allem auf dem Lande, die Möglichkeit einer kommunalen Tagespflege (Tagesmutter) für Kinder erwerbstätiger Eltern, die stärker an die Arbeitszeiten der Eltern angepasst ist. Zehn Prozent der Kinder in diesem Alter werden so betreut.

Ab dem sechsten Lebensjahr gehen die Kinder in eine Vorschule (förskolor), die, obgleich nicht obligatorisch, von gut achtzig Prozent der Kinder in diesem Alter besucht wird (vgl. Abbildung 1: s. PDF-Version). DieVorschulen sind das ganze Jahr hindurch geöffnet. Kinder nichterwerbstätiger Eltern können offene Vorschulen besuchen. Diese sind gebührenpflichtig und werden vor allem in so genannten sozialen Brennpunkten in Zusammenarbeit mit Sozialarbeitern angeboten. Daneben gibt es für schulpflichtige Kinder nachmittags und in den Ferien Freizeiteinrichtungen. Die Programmgestaltung ist den Arbeitszeiten der Eltern angepasst. Auch Freizeiteinrichtungen sind gebührenpflichtig. Seit den neunziger Jahren verzeichnen sie die größten Zuwachsraten.[11] Verbände mit Freizeitangeboten für Jugendliche, die in Deutschland weit verbreitet sind, spielen in Schweden quasi keine Rolle.

Pädagogische Orientierungen

Die stark institutionalisierte Kleinkindbetreuung und -erziehung (ECEC, Early childhood education and care policy),[12] die ein wesentlicher Bestandteil des Wohlfahrtsstaates geworden ist, zeichnet sich durch hohe Qualität ihrer pädagogischen Arbeit aus. Das Konzept Kindheit beruht auf demokratischen Werten und auf dem Respekt vor den Rechten der Kinder. Das Verhältnis der Erzieher/innen zu den Kindern basiert nicht auf einem hierarchischen Erziehungsverhältnis, sondern ist durch eine Kultur der Verhandlungen geprägt; statt die Kinder zu beherrschen, werden sie zur Teilnahme am gesellschaftlichen Geschehen aufgefordert. Lebhafter Ausdruck für diese Vertragskultur ist die Einrichtung einer Kinder-Ombudsstelle 1993, die dafür Sorge trägt, dass Kinder ihre Rechte vertreten können.

1996 ist die Zuständigkeit der Kleinkindbetreuung vom Gesundheits- und Sozialministerium auf das Bildungs- und Forschungsministerium übergegangen, mit dem Ziel, die pädagogischen und schulischen Aspekte der Einrichtung zu stärken.

Die Vorschulklassen für Sechsjährige werden seither als eine separate Schulform geführt. Seit 1998 hat das Nationale Erziehungswesen ein Curriculum für Vorschüler erstellt, das noch einmal den pädagogischen und schulischen Aspekt betont. Die Vorschule gilt als der erste Schritt zum lebenslangen Lernen. Der Staat legt die Ziele fest, die Kommunen sind für die Durchführung verantwortlich.[13] Die Vorschulen verstehen sich als sozialer und kultureller Treffpunkt, dort werden die Kinder betreut, verpflegt und unterrichtet. Die grundlegenden Werte, die durch spielerisches Lernen vermittelt werden sollen, sind Demokratie, Solidarität und Verantwortung. Bei der Durchsicht des Curriculums fällt auf, wieviel Wert staatlicherseits darauf gelegt wird, dass soziale Demokratie zur Alltagspraxis wird. Der "Lehrplan" hebt hervor, dass sich die Herausbildung kindlicher Identität den Veränderungen der schwedischen Gesellschaft anpassen müsse, die durch Migrationsbewegungen kulturell und ethnisch vielfältiger geworden sei. Auch weist das Curriculum auf ökologisches Lernen hin, auf einen pfleglichen Umgang mit der Natur.

Die Probleme einer stark institutionalisierten Betreuungskultur resultieren in Schweden aus der fortschrittlichen geschlechterpolitischen Gleichstellung. Die Betreuungsangebote richten sich zu einseitig an Kinder erwerbstätiger Eltern, diese erhalten finanzielle Unterstützung und einen Rechtsanspruch z.B. auf einen Vorschulplatz. Erst seit 2002 haben auch Kinder von Arbeitslosen, Nichterwerbstätigen und von Eltern im Elternurlaub Anspruch auf eine zumindest dreistündige öffentliche Betreuung am Tage. Von den Ausschlussmechanismen betroffen waren vor allem Migrantenkinder. Ein weiteres Problem sind die steigenden Beiträge für die Vorschulen, die stark zwischen den Kommunen schwanken. Dies stößt bei Eltern zunehmend auf Akzeptanzprobleme. Eltern mit geringem Einkommen suchen daher nach anderen, privaten Lösungen. Die Kombination der Abhängigkeit der Beiträge vom Einkommen und von der täglichen Betreuungsdauer hat zudem unerwünschte Nebenwirkungen zur Folge: So scheuen sich etwa gering verdienende Arbeitslose, eine Arbeit aufzunehmen oder von Teilzeit- in Vollzeitarbeit zu wechseln, weil jede Gehaltserhöhung den Beitragssatz für die Einrichtungen erhöht. Viele Eltern, vor allem Frauen, sind seit längerem dazu übergegangen, aus Kostengründen die Betreuungsdauer der Kinder in den Einrichtungen einzuschränken, indem sie in Teilzeit arbeiten, allerdings in "langer" Teilzeit von durchschnittlich über 30 Stunden täglich.

Das Recht der Eltern auf berufliche Freistellung

Das zweite Standbein schwedischer Betreuungskultur ist die in Europa als vorbildlich geltende Elternurlaubsregelung in Form einer Elternversicherung, die in den siebziger Jahren als eine Strategie zur Gleichstellung der Geschlechter eingeführt worden ist. Sie löste den Mutterschaftsurlaub ab und betont die Rolle der Eltern. Spezifische Anreizstrukturen haben es ermöglicht, dass sich die Quote der Väter, die Elternurlaub nehmen, von 2,8 Prozent (1974) auf 36,2 Prozent (1999) erhöht hat; allerdings nutzen Väter nur gut 11 Prozent der zur Verfügung stehenden Zeit.[14] Der Elternurlaub beträgt 18 Monate, davon sind zwei nur den Vätern vorbehalten - nach dem Motto "use it or lose it".

Der Elternurlaub für Väter wird ergänzt durch einen Vaterschaftsurlaub (daddy days) von zehn Arbeitstagen nach der Geburt des Kindes, der von fast 80 Prozent der Väter in Anspruch genommen wird.[15]

Das umfassende und großzügige Angebot von Betreuungseinrichtungen in Schweden korreliert mit einer kontinuierlichen Erwerbsbeteiligung von Frauen, die auf gesellschaftliche Zustimmung stößt. Eine Umfrage von 1996 zeigte, dass in Schweden die Zustimmung von Männern und Frauen zur Erwerbsarbeit von Müttern in den EU-Mitgliedsstaaten am höchsten ist.


Fußnoten

6.
Vgl. zum Weiteren auch Ingrid Jönsson, Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben in Schweden, in: WSI Mitteilungen, (2002) 3, S. 176 - 183.
7.
Ebd., S. 179.
8.
Vgl. ebd., S. 177.
9.
Vgl. T. P. Boje/M. Strandh (Anm. 1).
10.
Vgl. Ministerium für Gesundheit und Soziale Angelegenheiten (Hrsg.), Die Schwedische Familienpolitik. Kurzdarstellung, Nr. 2, Stockholm 2000. Online abgerufen im Juli 2003 unter: www.social.regeringen.se
11.
Vgl. Swedish Institute (Hrsg.), Childcare in Sweden. Fact sheet, 2001. Online abgerufen im Juli 2003 unter: www. sweden.se
12.
Vgl. Ministry of Education and Science, Early childhood education and care policy in Sweden, Stockholm 2000. Online abgerufen im Juli 2003 unter: www1.oecd.org/els/pdfs/EDSFLLDOA017.pdf
13.
Vgl. Ministry of Education and Science in Sweden and National Agency for Education (Hrsg.), Curriculum for the pre-school, Lpfö 98, Stockholm 2001. Online abgerufen im Juli 2003 unter: www.skolverket.se
14.
Vgl. I. Jönsson (Anm. 6), S. 180; vgl. auch Wiebke Kolbe, Elternschaft im Wohlfahrtsstaat. Schweden und die Bundesrepublik im Vergleich 1945 - 2000, Frankfurt/M. 2002.
15.
Vgl. in I. Jönsson (Anm. 6)., S. 129.