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29.10.2003 | Von:
Mechthild Veil

Kinderbetreuungs-Kulturen in Europa: Schweden, Frankreich, Deutschland

Frankreich - der Blick auf Kinder

Frankreich wird zusammen mit den Ländern Skandinaviens als das EU-Mitgliedsland bezeichnet, in dem sich der Staat und die öffentliche Hand am stärksten familienpolitisch engagieren. Familienpolitik gilt als Angelegenheit des Staates (L'affaire d'Etat).[16] Diese Ansicht wird nicht nur in Politik und Wissenschaft vertreten, sondern auch von gesellschaftlichen Einstellungen getragen, was aus den jährlich durchgeführten Umfragen des Meinungsforschungsinstituts CREDOC hervorgeht und auch in jüngster Zeit (2001) von einer EU-weit durchgeführten Umfrage noch einmal bestätigt worden ist.[17] Nach dieser Untersuchung wird die Qualität öffentlicher Familienpolitik in Frankreich vor allem danach bemessen, welchen Beitrag sie zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie leistet. Gewünscht wird eine Familienpolitik, die das Alltagsleben durch Kinderbetreuung, Einrichtungen für Jugendliche usw. erleichtern hilft. In jüngster Zeit hat sich die gesellschaftliche Perspektive auf Familienpolitik geändert, weg von der traditionell verankerten geburtenfördernden Familienpolitik - einer Politik des dritten Kindes[18] - hin zu einer Politik der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Frankreich ist das Land in der EU, das die größte Vielfalt an geförderten Betreuungsmöglichkeiten und damit Wahlmöglichkeiten für Eltern anbietet.[19] Wesentlicher Akteur ist die Familienkasse.

Die Rolle der Familienkassen

Die staatlichen Familienbeihilfekassen (CNAF) und ihre Kassen auf regionaler Ebene (CAF) sind die Schaltstelle für Familienleistungen. Sie bündeln und zahlen die Leistungen, verwalten ihre Ausgaben, führen spezielle Sozialprogramme (actions sociales) durch und verfügen auf nationaler Ebene über einen eigenen Forschungsetat. Die Familienkassen sind seit 1945 als autonomer Versicherungszweig Bestandteil der Sozialversicherungen. Sie sind im 19. Jahrhundert aus freiwilligen Kompensationskassen eines katholisch orientierten Unternehmertums entstanden, das "seinen" Arbeitern einen Familienzuschlag zahlte; in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts kamen sie unter die Kontrolle einer säkularen, bevölkerungspolitisch orientierten Politik des Staates und wurden obligatorisch, 1939 im Familienrecht verankert und 1945 im Sozialversicherungsrecht.[20] Familienkassen sind "aus sozialkatholischen Ideen entstandene private Interventionsprogramme, (sie) wurden laizistisch-republikanisch überformt und als (zentral-)staatliche Interventionen institutionalisiert"[21].

Ursprünglich finanzierten sich die Familienkassen ausschließlich aus Arbeitgeberbeiträgen, mit Schaffung einer speziellen Sozialsteuer (CSG) 1991 zunehmend auch aus steuerlichen Mitteln, gegenwärtig zu 40 Prozent. Die Priorität der Sozialprogramme liegt in der Unterstützung von Kindern und kinderreichen Familien, in Freizeitprogrammen und in familienbegleitenden Maßnahmen. Die Leistungen der Familienkassen sind im Folgenden zusammengefasst.

Leistungen, die von den Familienkassen finanziert werden:

Leistungen zum Kindesunterhalt:

- Kindergeld (allocation familiale) ab dem zweiten Kind, gestaffelt nach der Kinderzahl, mit Aufstockungsbeträgen bei niedrigen Haushaltsnettoeinkommen;

- Beihilfen zum Schulbeginn (allocation de rentrée scolaire), vom 6. bis zum 16. Lebensjahr, einkommensabhängig;

- Familienergänzungsbeihilfe (complément familial) für Familien mit drei und mehr Kindern, wenn diese älter als drei und unter 21 Jahre alt sind, einkommensabhängig.

Leistungen, die an die Geburt und Erziehung von Kindern geknüpft sind:

- Kleinkindbeihilfe für Kinder unter drei Jahren (allocation pour jeune enfant, APJE);

- Beihilfe zur häuslichen Kinderbetreuung (allocation de garde de l'enfant à domicile, AGED) für Kinder unter sechs Jahren;

- Beihilfe zur Beschäftigung einer Tagesmutter (aide à la famille pour l'emploi d'une assistante maternelle agréée, AFEAMA) im Haushalt, für Kinder unter sechs Jahren;

- Erziehungsgeld (allocation parentale d'éducation, APE), eine einkommensabhängige Beihilfe für denjenigen Elternteil, der nach der Geburt des zweiten Kindes für die Kindererziehung eine Erwerbstätigkeit unter- bzw. abbricht.

Für Alleinerziehende:

- Beihilfe für Alleinerziehende (allocation de parent isolé), nach Kinderzahl gestaffeltes Grundeinkommen, maximal bis zum 3.Lebensjahr des jüngsten Kindes, in Abhängigkeit vom Haushaltseinkommen.

Wohnbeihilfen

Bei Invalidität

Zur Absicherung von Arbeitsmarktrisiken:

- eine allen bedürftigen Arbeitslosen ab dem 25. Lebensjahr zustehende Grundsicherung, verbunden mit beruflichen Eingliederungshilfen (revenu minimum d'insertion, RMI).

Die wichtigsten Leistungen sind

- das Kindergeld. Hier zeigt sich noch der natalistische Impetus, denn Kindergeld wird im Regelfall erst ab dem zweiten Kind gewährt, was einmalig in Europa ist.

- die Beihilfe zur häuslichen Kinderbetreuung (AGED) für die Betreuung im eigenen Haushalt, auch Familienkrippe genannt: Sind beide Eltern erwerbstätig, dann übernimmt die Familienkasse die Kosten der Sozialversicherungsbeiträge für die Betreuungsperson[22] - in Abhängigkeit vom Haushaltseinkommen und dem Alter der Kinder. Diese Form wird vor allem von Beschäftigten in Führungspositionen (cadres) und Freiberuflern bevorzugt, da sie am leichtesten mit ihren langen und flexiblen Arbeitszeiten eventuell auch am Wochenende zu kombinieren sind. Die Hilfen belaufen sich auf 40 Prozent der Betreuungskosten.

- die Beihilfe zur Beschäftigung einer Tagesmutter (AFEAMA) im Haushalt. Auch hier übernimmt die Familienkasse die Beitragszahlungen für die Sozialversicherungen und zahlt, je nach Haushaltseinkommen, eventuell noch eine pauschalierte Beihilfe. Die Betreuungszeiten der Tagesmütter sind reglementierter, weniger flexibel, dafür sind die Kosten geringer.

- das Erziehungsgeld (APE), das anders als die beiden vorgenannten Betreuungshilfen den (vorübergehenden) Berufsausstieg oder die Arbeitszeitreduzierung von Eltern - sprich Frauen - fördert. Über 90 Prozent des Erziehungsgeldes geht an Frauen, vor allem an arbeitslose Frauen und an Frauen mit geringem Einkommen (das Erziehungsgeld beträgt monatlich knapp 470 EUR [2000] und wird max. drei Jahre gewährt). Diese Regelung trägt, anders als die früheren, geschlechtsspezifische Züge, sie verdrängt Frauen vom Arbeitsmarkt und verleiht der Vereinbarkeit von Mutterschaft und Erwerbstätigkeit eine für Frankreich neue Perspektive.[23] Wie immer dies zu bewerten ist, das Mitte der achtziger Jahre eingeführte Erziehungsgeld hat zur Diversifizierung der Angebote in der Kleinkindbetreuung beigetragen und die Wahlfreiheit der Eltern vergrößert.[24]

Öffentliche Einrichtungen: Krippen und Vorschulen

Öffentliche Kinderbetreuungseinrichtungen sind Krippen für die unter Dreijährigen, auf die kein Rechtsanspruch besteht, und Vorschulen (écoles maternelles) für die Drei- bis Sechsjährigen, in Ausnahmefällen auch schon für Zweijährige, auf die Eltern einen Rechtsanspruch haben. Beide Einrichtungen sind ganztägig geöffnet.

Die Kosten für die Krippen sind je nach Kommune unterschiedlich, sie belaufen sich auf monatlich 300 bis 350 Euro. Die Vorschulen sind kostenlos, da sie, obgleich ihr Besuch freiwillig ist, Bestandteil des nationalen Schulsystems sind. Frankreich weist Spitzenwerte in der Betreuungsdichte von Vorschülern auf, sowohl im europäischen Vergleich als auch im Vergleich mit Schweden und Deutschland. Die französischen Vorschulen sind zu einer sozialen Norm geworden.[25] Die große gesellschaftliche Wertschätzung dieser Einrichtungen zeigt sich unter anderem in der beruflichen Qualifikation der Erzieherinnen. Sie sind ausgebildete Grundschullehrerinnen mit den Schwerpunkten "Vorschulpädagogik, Kinderpflege und Hygiene". Die Lehrerinnen unterstehen dem Bildungsministerium. Aufgabe und Zielsetzung der "maternelles" besteht vor allem in der Vermittlung von kulturellen Techniken (Sprachentwicklung) und Kommunikation sowie der Förderung der individuellen Kreativität. Kinder sollen auf das Lernen in der "großen Schule" vorbereitet werden, und zwar weniger durch kodifizierte Lerninhalte als durch die Heranführung an Lernmethoden und -haltungen. Die gesellschaftlichen Erwartungen, die heute an die maternelles gestellt werden, sind Herstellung von Chancengleichheit, indem z.B. familiale Defizite mit der vorschulischen Erziehung kompensiert werden sollen. Mit diesem gesellschaftlichen Anspruch gegenüber Kindern im Vorschulalter nimmt Frankreich in Europa eine Vorreiterrolle ein.

Während der Besuch von Krippen in Konkurrenz zu den geförderten privaten Einrichtungen steht, hat sich die école maternelle als allgemeine Betreuungsform kulturell durchgesetzt.

Vaterurlaub

Seit dem 1. Januar 2002 haben Väter Anspruch auf einen Vaterurlaub von vierzehn Arbeitstagen mit einem Vaterurlaubsgeld, das dem Mutterschaftsgeld entspricht, maximal 62,88 Euro pro Tag. Der Arbeitgeber kann auch das volle Gehalt weiter zahlen, was im öffentlichen Dienst häufig geschieht. Die Inanspruchnahme dieser Freistellungsregelung ist höher als erwartet und bedeutet eine kulturelle Wende in dem Konzept Vaterschaft, worauf Jeanne Fagnani und Marie-Thérèse Letablier hingewiesen haben.[26]

Legitimität staatlicher Intervention in der Kinderbetreuung

Die starke Rolle des Staates in Angelegenheiten der Kinderbetreuung (und des Schulwesens) gilt als "normal" und wird nicht hinterfragt. Französische Eltern bestätigen in Umfragen[27] diese Haltung eher, als dass sie "zu viel Staat" befürchten: "Nur vom Staat können wir Verbesserungen erwarten", heißt es in den Interviews oder "Die Verantwortung des Staates ist normal, weil Kinder die Staatsbürger von morgen sind"; "Für kollektive Kinderbetreuung zahle ich Steuern. Das ist Bestandteil einer sozialen Demokratie". Der Staat soll den allgemeinen, den gesellschaftlichen Willen verkörpern, deshalb werden Betriebskindergärten eher abgelehnt. "Der Unternehmer ist nicht Papa oder Mama." Es besteht ein gewisses Misstrauen, dass Unternehmen die soziale Kontrolle über Familie und Privatleben erlangen könnten. Der Arbeitgeberverband (MEDEF) teilt diese Haltung.[28] Die befragten Eltern nennen den Staat als den wichtigsten Akteur in der Familienpolitik. Sie fordern von ihm mehr Krippenplätze, längere Öffnungszeiten der Krippen und eine flexiblere Anpassung der Betreuungsdauer an die Arbeitszeiten der Eltern, die nicht mehr "Standard" sind.

Eltern und insbesondere Alleinerziehende kritisieren die Zugangsbeschränkungen der Krippen. Weil es nicht genügend Plätze gibt, werden Kinder berufstätiger Eltern bevorzugt aufgenommen, für die anderen schließt sich der Circulus vitiosus: Arbeitslosigkeit - kein Krippenplatz - weiterhin arbeitslos.

Mehr Geld in die Familie oder mehr Betreuungsstrukturen?

Bei der Frage, in welche Richtung kindbezogene Familienpolitik künftig gehen soll - ob mehr Geld in die Infrastruktur oder in Transferleistungen gesteckt werden soll -, haben sich die Franzosen für das Erstere entschieden. In einer im Januar 2000 vom Forschungsinstitut CREDOC durchgeführten Umfrage zur Einstellung der Franzosen zur Familienpolitik und zu den Leistungen der Familienkassen wurde danach gefragt, welche Familienleistungen vorrangig erhöht werden sollten. Es sollte auch die Frage beantwortet werden, ob Familienleistungen (für Kinder) hauptsächlich in Form von Geldbeträgen oder als kollektive oder private Dienstleistungen gewünscht seien. Von den Befragten plädierten 66 Prozent für einen Ausbau der Dienstleistungen und 33 Prozent für eine Erhöhung der Geldleistungen. Diese Präferenz für Dienstleistungen fand sich erstaunlicherweise in allen sozialen Schichten.[29] Eine Umfrage in Deutschland von McKinsey, kommt im Mai 2002 zu ähnlichen Ergebnissen: 71 Prozent der befragten Frauen, die aus familiären Gründen ihre berufliche Tätigkeit eingeschränkt oder aufgegeben haben, sprachen sich für bessere Betreuungsmöglichkeiten aus, um wieder oder in stärkerem Umfang erwerbstätig sein zu können. Das Beispiel Frankreich zeigt, dass dies möglich und unter dem Aspekt der Sozialisation und der kulturellen Förderung von Kindern auch vorteilhaft ist.[30]


Fußnoten

16.
Vgl. F. de Singly/F. Schultheis, Affaires de famille, affaires d'Etat, Nancy 1991.
17.
Vgl. Marie-Thérèse Letablier/Sophie Pennec/Olivier Büttner, Opinions, attitudes et aspirations des familles vis-à-vis de la politique familiale en France, Rapport de recherche No 9, Janvier 2003. Online abgerufen im Juni 2003 über: www.cee-recherche.frDie Untersuchung basiert in Frankreich auf 42 qualitativen Interviews mit Familien, die nach den Kriterien Alter, soziale Zugehörigkeit und Familienstand ausgesucht wurden, und zwar nach einem einheitlichen Befragungsmuster in acht EU-Mitgliedsländern und drei Kandidatenländern, durchgeführt von dem Netzwerk der EU-Kommission Iprosec mit dem Ziel, die Erwartungen, die Familien gegenüber "ihrer" öffentlichen Familienpolitik hegen, vergleichen zu können.
18.
Vgl. Sandra Ehmann, Familienpolitik in Frankreich und Deutschland - ein Vergleich, Frankfurt/M. 1999.
19.
Vgl. Jane Jenson/Mariette Sineau, Kleinkindbetreuung und das Recht von Müttern auf Erwerbstätigkeit. Neues Denken im krisengeschüttelten Europa, in: Feministische Studien, (2001) 1, S. 21 - 34; J. Fagnani/M.-T. Letablier (Anm. 3).
20.
Vgl. zur Entstehung der Familienkassen u.a. S. Ehmann (Anm. 18); Mechthild Veil, Alterssicherung von Frauen in Deutschland und Frankreich. Reformperspektiven und Reformblockaden, Berlin 2002.
21.
Andrea Becker, Mutterschaft im Wohlfahrtsstaat. Familienbezogene Sozialpolitik und die Erwerbsintegration von Frauen in Deutschland und Frankreich, Berlin 2000, S. 194.
22.
In Frankreich werden nur die Kosten von registrierten Tagesmüttern und Betreuungspersonen übernommen, die sozialversichert sind.
23.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Silke Reuter in dieser Ausgabe.
24.
Vgl. Silke Reuter, Frankreichs Wohlfahrtsstaatsregime im Wandel? Erwerbsintegration von Französinnen und familienpolitische Reformen der 90er Jahre, ZeS-Arbeitspapier 13/2002, Zentrum für Sozialpolitik, Universität Bremen.
25.
Zu den écoles maternelles siehe auch Mechthild Veil, Ganztagsschule mit Tradition: Frankreich, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 41/2002, S. 29 - 37.
26.
Vgl. J. Fagnani/M.-T. Letablier (Anm. 3).
27.
Vgl. M.-T. Letablier/S. Pennec/O. Büttner (Anm. 17).
28.
Diese ablehnende Haltung steht in Widerspruch zum monetären Beitrag, den die Arbeitgeber an die Familienkassen leisten.
29.
Vgl. Patricia Croutte/Georges Hatchuel, Les attentes des Français en matière de soutien aux familles, in: Recherches et Prévisions, (2001) 63, S. 105f.
30.
Vgl. Mechthild Veil, Zwischen Betreuungskultur und Beschäftigungspolitik. Familienpolitik in Frankreich, in: Blätter zur Wohlfahrtspflege, (2003) 3, S. 104 - 107.