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29.10.2003 | Von:
Mechthild Veil

Kinderbetreuungs-Kulturen in Europa: Schweden, Frankreich, Deutschland

Deutschland im Vergleich zu Schweden und Frankreich

Traditionell weist Deutschland in dem Drei-Länder-Vergleich die geringste Betreuungsdichte auf - das gilt vor allem für Kinder unter drei Jahren (vgl. Abbildung 1: s. PDF-Version). Die Situation für die Drei- bisSechsjährigen hat sich durch den am 27. Juli 1992 im Kinder- und Jugendhilfe Gesetz (KJHG) verankerten Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz verbessert. Die Betreuungsdichte liegt nun mit 78 Prozent nur knapp unter der in Schweden mit 80 Prozent (vgl. Abbildung 1: s. PDF-Version). Zu berücksichtigen ist aber, dass die Einrichtungen in Schweden ganztägig geöffnet sind, was in Deutschland eher die Ausnahme ist. Auch ist die Betreuungssituation in Ost- und Westdeutschland immer nochdurch zwei Kulturen geprägt: In Westdeutschland überwiegt bei Kindern im Krippenalter die Betreuung durch die Familie, nur 3,6 Prozent der Kinder besuchen Krippen, und 1,6 Pro-zent werden von Tagesmüttern versorgt, während in Ostdeutschland 14,4 Prozent der Kinder in öffentliche Einrichtungen gegeben werden, für 5 Prozent stehen Tagesmütter zur Verfügung. Im Kindergartenalter liegen die Unterschiede wiederum in den Öffnungszeiten: In Westdeutschland überwiegen mit 83,5 Prozent Halbtagsangebote und in Ostdeutschland die Ganztagseinrichtungen mit 70,6 Prozent.[31] Karin Gottschall und Karen Hagemann[32] haben die für die Existenz von Halbtagsschule in Deutschland historischen Gründe aufgezeigt und auf die Trennung von Bildung und Erziehung hingewiesen, auf die Vorrangstellung der Familie bei der Kindererziehung und auch auf die Kulturhoheit der Bundesländer. Die DDR hatte dieser bürgerlichen Tradition ein sozialistisches Frauenbild entgegengestellt: das der erwerbstätigen Mutter. Der Staat hatte die notwendigen Rahmenbedingungen dafür geschaffen, an denen auch gegenwärtig noch überwiegend festgehalten wird, so dass durchaus von zwei Betreuungskulturen in Deutschland gesprochen werden kann.

Die Kinderbetreuungspolitik in Westdeutschland befindet sich in einer Aufholbewegung. Das wird zwar inzwischen als Problem wahrgenommen,[33] stößt in der politischen Umsetzung aber auf finanzielle und mentale Hemmschwellen.

Betriebliche Einrichtungen

Fehlende staatlich organisierte Kinderbetreuung wird in Deutschland relativ großzügig durch betriebliches Engagement ausgeglichen. Betriebskindergärten gibt es im Rahmen der Betriebswohlfahrtspflege bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts; in ihnen wurden damals z.B. im Ruhrgebiet 30 Prozent der Kinder im Kindergartenalter betreut. Heute engagieren sich Unternehmen in der Kinderbetreuung, weil sie qualifizierte Mitarbeiterinnen halten wollen und die für die angestrebte stärkere Flexibilisierung der Arbeitszeiten Rahmenbedingungen fehlen. Betriebliche Kinderbetreuung rechnet sich, zumal die Unternehmen die Aufwendungen steuerlich absetzen können. Viele Großbetriebe haben in ihren Betriebsvereinbarungen auch Regelungen zur Chancengleichheit und Familienförderung. Die Angebote sind flexibel, aber restriktiv, sie reichen von Belegplätzen der Betriebe in öffentlichen Tageseinrichtungen, in denen sie "Plätze kaufen", über Kooperationen mit anderen Trägern, Bezahlung von längeren Öffnungszeiten, Mittagessen in der Betriebskantine, Ferienbetreuung, Babysitter-Vermittlungsdienste bis hin zu Betriebskita. Betriebliche Einrichtungen, die in Schweden nicht notwendig sind und denen in Frankreich mit Misstrauen begegnet wird, sind in Deutschland zu einem zweiten Standbein in der Kinderbetreuung geworden.

Elternurlaubsregelungen

Das in allen Ländern der EU garantierte Recht auf Elternurlaub soll dazu dienen, einem Elternteil oder beiden die Betreuung ihrer Kinder in den ersten Lebensjahren zu ermöglichen, ohne dass das Beschäftigungsverhältnis aufgelöst werden muss. Die Tabelle zeigt die Regelungen in Schweden, Frankreich und Deutschland.

In Deutschland wird relativ großzügig ein dreijähriger Elternurlaub gewährt, doppelt so lang wie in Schweden, mit niedrigen Transferleistungen (die allerdings höher als in Frankreich sind) und ohne einen exklusiven Vaterurlaub. Das Erziehungsgeld (in Deutschland Elterngeld genannt) liegt in Schweden höher und hat eine andere Qualität. Es ist zum größten Teil als Lohnersatz (in Höhe von 80 Prozent des anrechenbaren Einkommens) ausgelegt und bietet deshalb für Väter, die auch in Schweden durchschnittlich mehr verdienen als Mütter, einen Anreiz, den Elternurlaub zu nehmen. Dort sind es über 36 Prozent der Väter, in Deutschland nur 5 Prozent. Anreize für Väter, den Erziehungsurlaub zu nehmen, einen beruflichen Ausstieg, sind mit der deutschen Regelung äußerst gering und für Frauen aufgrund des niedrigen, nicht jährlich angepassten Pauschalbetrags eigentlich eine Zumutung.

Der Trend in Europa geht hin zu einer zunehmenden Flexibilisierung der Freistellungsregelungen, zu einer Aufteilung des Erziehungsurlaubs zwischen den Eltern, wie sie das deutsche Elternteilzeitgesetz vorsieht, und zur Gewährung eines Vaterurlaubs. Weil die formale Geschlechtergleichheit des neuen Elternteilzeitgesetzes in Deutschland nicht eingebettet ist in eine Gleichstellungspolitik, die auch die Rahmenbedingungen zur Kinderbetreuung schafft, besteht die Gefahr, dass der symbolische Charakter stärker ins Gewicht fällt als ein Umsteuern hin zur Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf.

Abbildung 3 (s. PDF-Version) zeigt eine Fehlsteuerung bundesdeutscher Familienpolitik: eine Konzentration auf monetäre Leistungen - auf Kosten der Dienstleistungen für Kinder. Von den drei untersuch-tenLändern ist in Deutschland der Anteil der Dienstleistungen am geringsten: Hier gibt es die wenigsten Einrichtungen zur Kinderbetreuung und geringe öffentliche Hilfen.

Anders als in Schweden und Frankreich ist Familienpolitik in Deutschland ausgesprochen transferlastig. Im europäischen Vergleich leistet sich die deutsche Gesellschaft mit 2,73 Prozent des Bruttoinlandsprodukts eine relativ großzügige Familienpolitik, deren größter Teil jedoch in monetäre Familienleistungen geht. In Deutschland stagnieren die Ausgaben für Kindergärten, während monetäre Leistungen (Kindergeld) ansteigen.

Diese Struktur der öffentlichen Ausgaben für Familien sagt viel über die Betreuungskultur eines Landes aus. Werden die finanziellen Ressourcen hauptsächlich für Transferleistungen verwendet, wozu auch das in der Tabelle ausgewiesene hohe Kindergeld und das immer wieder in die Diskussionen gebrachte Familiengehalt in Deutschland gehören,[34] dann zumeist auf Kosten der Betreuungsstrukturen und der Dienstleistungen.[35]

Die Schweden "sind besessen von der Idee der Gleichstellung der Geschlechter". Frankreich steht in Europa für die größte Variationsbreite an staatlich geförderten privaten und öffentlichen Betreuungsmöglichkeiten. Deutschland bietet kein kohärentes Bild, die Gesellschaft ist kulturell gespalten. Im Osten ist das Bild der erwerbstätigen Mutter noch prägend, die auf öffentliche Einrichtungen angewiesen ist, in Westen befinden sich die Leitbilder im Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Familienbetreuung und dem Ruf nach staatlichen Hilfen.

Kinderbetreuung in Deutschland

Nur vier Prozent der Kleinsten besuchen in Westdeutschland eine Krippe, in Ostdeutschland sind es 14 Prozent. Nur drei Prozent der westdeutschen Schulkinder gehen in einen Hort, im Osten Deutschlands sind es gut fünfmal so viel (16 Prozent). Damit liegt die Versorgung mit Plätzen in Kindertageseinrichtungen in Westdeutschland weit unter dem europäischen Durchschnitt, in Ostdeutschland liegt sie darüber. Problematisch ist das schlechte Angebot besonders für Frauen mit Kindern, die arbeiten. Glücklich schätzen kann sich, wer auf Verwandte und Freunde zurückgreifen kann. Immerhin wird ein Drittel der Kinder im Vorschulalter sowohl in West- wie in Ostdeutschland regelmäßig durch Verwandte, hauptsächlich Großmütter, beaufsichtigt. - Ganztagsplätze sind in Westdeutschland besonders rar (im Kindergarten 17 Prozent und im Hort fünf Prozent) und werden vor allem von Akademikerinnen für ihre Kinder in Anspruch genommen. Dabei wird in der Diskussion um Konsequenzen aus der internationalen Schulleistungsstudie PISA, wo Deutschland schlecht abgeschnitten hat, gefordert, dass gerade Kinder aus benachteiligten Elternhäusern im Vorschulalter gefördert werden müssen. Kindergärten haben hier eine entscheidende Aufgabe.


Fußnoten

31.
Vgl. DIW -Wochenbericht 2002, Nr. 31, S. 519.
32.
Vgl. Karin Gottschall/Karen Hagemann, Die Halbtagsschule in Deutschland: Ein Sonderfall in Europa?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 41/2002, S. 12 - 22.
33.
In seiner Regierungserklärung zur Familienpolitik am 18. April 2002 sagte Bundeskanzler Schröder: "Ich denke, in der Familienpolitik gibt es im Augenblick nichts Wichtigeres, als den Ausbau der Kinderbetreuung zu forcieren." Das Parlament, Nr. 17, 26. April 2002, S. 13.
34.
Vgl. kritisch zum Familiengehalt Brigitte Stolz-Willig, Neubewertung der Familienarbeit - Erziehungsgehalt als Perspektive?, in: dies./Mechthild Veil (Hrsg.), Es rettet uns kein höh'res Wesen, Berlin 1999.
35.
In Deutschland werden insgesamt 150 Milliarden Euro im Jahr für Familienpolitik ausgegeben, davon 7,4 Milliarden Euro für Kindergärten und Kinderkrippen, den größten Anteil haben steuerliche Maßnahmen. Vgl. Deutsche Bundesbank, Monatsbericht 4/2002.