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29.10.2003 | Von:
Corinna Onnen-Isemann

Familienpolitik und Fertilitätsunterschiede in Europa

Frankreich und Deutschland

Erklärungen für die Geburtenhäufigkeiten

Deutsche Studien zeigen, dass der steigenden Bildung, Qualifikation und Erwerbsorientierung von Frauen, ihrer größeren materiellen Unabhängigkeit und ihrem wachsenden Selbstbewusstsein[13] die kindorientierte Heirat und ein traditionelles Mutterbild entgegenstehen; in Verbindung mit fehlenden Infrastruktureinrichtungen und anderen ungünstigen Rahmenbedingungen halten diese Faktoren Frauen eher von der Gründung einer Familie ab als sie zu fördern.

Anders sieht die Situation in Frankreich aus: Auf der Basis nationaler Arbeitskräfteerhebungen zeigen z.B. Cathérine Marry, Annick Kieffer, Hildegard Brauns und Susanne Steinmann, dass die Französinnen stärker von günstigen Ausbildungs- und Arbeitsmarktbedingungen profitieren als die deutschen Frauen.[14]

Dieser Befund gilt gerade auch für die Mütter. DieAutorinnen begründen dies mit strukturellen Besonderheiten des deutschen Bildungssystems und dessen Verknüpfung mit dem Beschäftigungssystem; so werden Französinnen durch das Bildungssystem deutlich früher und stärker gefördert als deutsche Schülerinnen, weshalb sie stärker nach qualifizierten Ausbildungsplätzen streben.[15]

Frankreich verfügt über eine stärkere Tradition von weiblicher Erwerbstätigkeit - auch unter Müttern. Die Zahl erwerbstätiger Frauen ist in den vergangenen Jahren noch gestiegen. Während 30 Prozent der Französinnen der Geburtskohorten 1919 - 1929 ihr gesamtes Berufsleben erwerbstätig waren, sind es bei den Geburtskohorten 1945 - 1949 schon 45 Prozent. In Deutschland betrug die Zahl der erwerbstätigen Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts lediglich 20 Prozent. Auch bei den "Unterbrecherinnen" gibt es Unterschiede: In Frankreich beschränkt sich ihre Zahl laut einer Umfrage von 1989 auf eine relative Konstante von ca. 20 Prozent, in Deutschland unterbrachen 1990 ca. 60 Prozent der 22- bis 60-jährigen Mütter ihre Berufstätigkeit.[16] Die starke Unterstützung durch die Familien- und Arbeitsmarktpolitik ermöglicht es Müttern in Frankreich eher, einer (qualifizierten) Berufstätigkeit nachzugehen: Kinderkrippen, -horte und -gärten gehören zum "Standardrepertoire" der Gemeinden und werden von den Eltern auch in Anspruch genommen.

In Frankreich ist die Kinderbetreuung im Gegensatz zu Deutschland traditionell Sache des Staates; dies soll in der folgenden Gegenüberstellung der Familienpolitiken seit dem Zweiten Weltkrieg näher betrachtet werden.


Fußnoten

13.
Vgl. z.B. Franz Xaver Kaufmann, Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaftliche und politische Bedingungen. München 1995.
14.
Catherine Marry/Annick Kieffer/Hildegard Brauns/Susanne Steinmann, France - Allemagne: Inégales avancées des femmes. Evolutions comparées de l'éducation et de l'activité des femmes des 1971 à 1991, in: Mannheimer Zentrum für europäische Sozialforschung (Hrsg.), Arbeitsbereich I/ Arbeitspapier Nr. 26. Mannheim 1989.
15.
Vgl. C. Villeneuve-Gokalp (Anm. 5), S. 38.
16.
Vgl. C. Marry u.a. (Anm. 14), S. 4f.