30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

29.10.2003 | Von:
Corinna Onnen-Isemann

Familienpolitik und Fertilitätsunterschiede in Europa

Frankreich und Deutschland

Fazit

Kindererziehung und -betreuung werden in den beiden Vergleichsländern unterschiedlich gesehen: in Frankreich als staatliche Aufgabe und in der alten Bundesrepublik ebenso wie im vereinten Deutschland als eine individuell zu lösende Aufgabe vornehmlich der Mütter; die DDR räumte der Familienpolitik erst gegen Ende ihres Bestehens einen eigenen Stellenwert ein.

Familienarbeit und Erwerbstätigkeit - so lautet meine These für Deutschland - lassen sich nur mit äußerstem Kraftaufwand und unter erheblichem Verzicht der Frauen vereinbaren. Deshalb wollen Frauen entweder keine Familie gründen, oder sie können im anderen Fall nur eingeschränkt erwerbstätig sein. Dies birgt hohe Opportunitätskosten für Frauen, weshalb insbesondere Hochqualifizierte ganz auf eine Familiengründung verzichten.

Würde der Staat Kinder als "Staatssache" betrachten und entsprechende Maßnahmen ergreifen, so hätten wir vielleicht französische Verhältnisse: eine stabile Kinderlosenquote bei ca. 15 Prozent und ansonsten eine Zwei-Kinder-Familie. Oder man betrachtet das Ganze aus einer anderen Perspektive. So zeigt die Values-of-children-Forschung, weshalb Paare wenig Kinder bekommen: Wenn sie mit Kindern ein Minimum an psychologisch-emotionalem Nutzen und ein Maximum von Opportunitätskosten verknüpfen, ist wenig Nachwuchs zu erwarten - dieses Modell finden wir in Industriegesellschaften. Wenn nutzenorientierte Erwartungen befriedigt werden sollen, dürfte die Kinderzahl hoch liegen - dieses Modell entspricht demjenigen von Agrarländern.

Für Frankreich als Industrieland müsste also im Prinzip gelten, dass wenig Kinder geboren werden. Da die staatliche Politik aber seit Jahrzehnten eingreift, lässt sich für viele Paare die gewünschte Kinderzahl realisieren. In Deutschland sinkt sie dagegen immer weiter. Hier war die politische Bereitschaft, die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Familientätigkeit zu fördern, in der Nachkriegszeit nicht im gleichen Maße vorhanden wie in Frankreich. Zudem sind familienpolitische Reformen nur schwer umsetzbar - stattdessen hält sich ein traditionelles Mutterbild, das europaweit seinesgleichen sucht.

Europas Babys

Zwei Kinder bekommt jede Irin durchschnittlich in ihrem Leben - damit sind die Iren fruchtbarer als alle anderen Europäer. Dennoch reicht die Zahl der Neugeborenen nicht aus, die Zahl der Iren auf dem gleichen Stand zu halten. Dazu müsste jede Frau rechnerisch 2,1 Kinder auf die Welt bringen. Europas Gesellschaften altern zunehmend, weil immer weniger Kinder geboren werden: Auf je 100 Europäerinnen kommen derzeit durchschnittlich 147 Kinder. Auch Deutschland hat Nachwuchssorgen: Lediglich 129 Kinder werden hierzulande je 100 Frauen gezählt. Im Jahr 2000 waren es noch 136, vor zwanzig Jahren (1980) gar 160 Neugeborene. Noch weniger Kinder als die Deutschen bekommen die Frauen aus Griechenland, Österreich, Spanien und Italien.