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29.10.2003 | Von:
Corinna Onnen-Isemann

Familienpolitik und Fertilitätsunterschiede in Europa

Frankreich und Deutschland

In Ländern wie Finnland und Frankreich, in denen die Integration von Frauen in das Erwerbssystem gelungen ist, ist auch die Geburtenrate höher als etwa in Deutschland. Eine stärker familienentlastende Politik könnte Abhilfe schaffen.

Einleitung

Reproduktive Verhaltensmuster sind in ganz Europa im Wandel. Seit Ende des 19. Jahrhunderts gehen die Geburtenzahlen zurück, und der Trend setzt sich seitdem fort; nicht nur in Deutschland wird von einem "dramatischen" Geburtenrückgang gesprochen, auch in den anderen europäischen Länder ist das Geburtenniveau keineswegs kongruent zur Reproduktionsrate. Dennoch wird diese nirgendwo sonst in Europa derart stark unterschritten wie in Deutschland.[1]




Zuverlässige Zahlen über tatsächlich kinderlose Frauen lassen sich daher nur anhand der Geburtsjahrgänge bis ca. 1960 finden, da bei diesen die fertile Phase als abgeschlossen angenommen werden kann. Angaben für jüngere Jahrgänge können nur geschätzt werden.[2]

Die Entwicklung in Europa

Grob vereinfacht lässt sich sagen, dass der Wandel im reproduktiven Verhalten Mitte der sechziger Jahre in Nord- und Westeuropa einsetzte und zunächst Südeuropa und schließlich Zentral- und Osteuropa erfasste. Als ein Grund für diese Entwicklung kann die steigende Anwendung von Kontrazeptiva gesehen werden, die eine zuverlässige Planung der Geburten ermöglichte, den Abstand zwischen den Geburten steuerte und somit indirekt die Abnahme der Familiengröße begünstigte. Ein weiterer Auslöser für das veränderte reproduktive Verhalten ist in der höheren Bildung von Frauen und - damit verbunden - in ihrer zunehmenden Erwerbstätigkeit zu sehen.

Die Entwicklung wird verschärft durch den - im Folgenden skizzierten - europaweit feststellbaren demographischen Wandel:

  • Vielfältige Lebensformen haben sich herausgebildet, die Bedeutung nichtehelicher Lebensformen und die Bereitschaft zur Ehescheidung sind gestiegen.
  • Weniger Frauen heiraten, und die Eheschließung erfolgt in einem späteren Lebensalter (in Europa im Alter zwischen 25 und 30 Jahren).
  • Es gibt keinen zwingenden Zusammenhang mehr zwischen der Eheschließung und der Familiengründung, Elternschaft wird hinausgezögert oder Paare verzichten bewusst auf Kinder.
  • Diese Faktoren haben dazu geführt, dass im europäischen Durchschnitt das Fertilitätsniveau unter die Reproduktionsrate gesunken ist. Die Kinderzahl liegt mit 1,7 Kindern je Frau unter der Reproduktionsziffer von 2,1 Kindern je Frau. Hier gibt es jedoch zwischen den einzelnen europäischen Staaten erhebliche Unterschiede: Eine Frau in Österreich, Italien oder Deutschland wird durchschnittlich weniger als 1,7 Kinder zur Welt bringen, eine Frau in Norwegen, Schweden oder Frankreich dagegen knapp über 2. Das ist aber noch nicht die höchste Zahl - in Irland bekommt eine Frau im Schnitt 2,4 Kinder (vgl. Abbildung 1: s. PDF-Version).

    Kinderlosigkeit in Frankreich und Deutschland

    In Frankreich und Deutschland sind ca. 25 Prozent der um 1900/1905 geborenen Frauen kinderlos geblieben. Grund dafür war der 'Männermangel' als Folge der beiden Weltkriege. Bei den um 1935 geborenen Frauen lag die Kinderlosigkeit in beiden Ländern mit ca. zehn Prozent relativ niedrig. Dabei handelte es sich um Frauen, die Anfang der sechziger Jahre geheiratet hatte und von denen nur wenige kinderlos blieben (vgl. Abbildung 2: s. PDF-Version).[3]

    Die Entwicklung in Frankreich und Deutschland klafft weit auseinander: Während die Kinderlosigkeit bei den um 1960 geborenen Frauen in Frankreich auf ca. 14 Prozent stieg, wuchs sie in Westdeutschland allmählich auf gut 25 Prozent, mit steigender Tendenz. Als Hauptursache wird immer wieder die Zunahme der Ehelosigkeit angeführt - allein 15 Prozent der 40-jährigen deutschen Ehefrauen sind kinderlos.

    Die kinderlose Ehe wurde in der familiensoziologischen Forschung der Bundesrepublik bislang als Familienform wahrgenommen, die entweder bewusst geplant oder durch gesamtgesellschaftliche Veränderungen ausgelöst bzw. bedingt ist.[4] Ebenso verhält es sich in Frankreich.[5] Einige Autoren machen den Modernisierungsprozess und die damit verbundenen rationalen Entscheidungsmöglichkeiten in allen Bereichen für den Anstieg der Kinderlosigkeit verantwortlich.[6] Sie beziehen dabei den sozialhistorischen Wandel von der unfreiwilligen zur geplanten kinderlosen Ehe mit ein und ziehen den Schluss, dass die bewusst gewählte Kinderlosigkeit als neuartiges gesellschaftliches Phänomen immer mehr zunehme. Für diese Entwicklung sei ein Bündel von weiteren Veränderungen ideeller und materieller Art verantwortlich, insbesondere habe die Neue Frauenbewegung mit ihrem veränderten Frauenbild zu dieser neuen Lebensform beigetragen.[7] Letztlich - aber keineswegs allein - hat die Verbreitung von Empfängnisverhütungsmitteln und ihr höherer Grad an Zuverlässigkeit die Entscheidungsmöglichkeit für oder gegen Kinder vergrößert, und dies gilt nicht nur für Deutschland und Frankreich, sondern für alle europäischen Staaten.[8]

    Mehrere Untersuchungen zeigen, dass Ehepaare sowohl in der Bundesrepublik Deutschland als auch in Frankreich - jedenfalls am Anfang ihrer Ehe - sehr selten eine lebenslange Kinderlosigkeit wählen, den Kinderwunsch aber aus verschiedenen Gründen zunächst hinausschieben.[9] Berufliche Erwägungen, vor allem im Hinblick auf die Ehefrau, spielen hierbei eine Rolle. Die Verzögerung der Elternschaft in Deutschland erklärt sich vor allem aus dem hohen Berufsengagement der Frauen bei gleichzeitigem Festhalten an der traditionellen Mutterrolle, mit der Folge, dass eine Erwerbstätigkeit als Mutter von den Frauen abgelehnt wurde. Sich widersprechende Wertorientierungen bedingten also häufig Entscheidungskonflikte und damit einen Aufschub des Kinderwunsches.[10] In Frankreich existiert ein derart traditionelles Konzept der Mutterrolle nicht; jedoch scheinen hier die Mehrfachbelastungen, die sich aus der selbstverständlichen Zuordnung der Frauen zur Kindererziehung und Hausarbeit bei gleichzeitiger Erwerbsorientierung ergeben, immer schwieriger zu bewältigen zu sein.[11] Die zunächst gewählte befristete Kinderlosigkeit führte dann aber durch unvorhergesehene Ereignisse, wie z.B. durch Unfall, Krankheit, oder schließlich aufgrund des Alters zu einer unfreiwilligen, medizinisch bedingten Kinderlosigkeit.

    Empirische Studien belegen, dass die bewusst geplante lebenslange kinderlose Ehe selten gewählt wird.[12] Viel häufiger verbergen sich hinter kinderlosen Ehepaaren ungewollt kinderlose Männer und Frauen.

    Es lässt sich festhalten, dass in beiden Ländern derselbe Trend gilt: Französische Frauen bekommen ihre Kinder später. Aber im Gegensatz zu Deutschen bekommen viele von ihnen zumindest das erste Kind unehelich. Die durchschnittliche Kinderzahl beträgt 1,1 bei den unverheirateten Französinnen im Alter zwischen 30 und 34 Jahren und 1,9 bei den verheirateten; der Prozentsatz der Französinnen, die im Alter von über 30 Jahren Mutter werden, beträgt nunmehr 20 Prozent; in Deutschland sind dies bereits 26 Prozent der Frauen (in Ostdeutschland sind es erst 12 Prozent, in Westdeutschland schon 30 Prozent).

    Dieser Übergang zeigt auch den generellen Trend des verzögerten Übergangs zum Erwachsenwerden. Die Abnahme der Fertilität geht in Frankreich ebenso wie in Deutschland mit dem Rückgang von Mehrkinderfamilien einher. Dennoch gibt es - wie Abbildung 3 zeigt - in Frankreich deutlich mehr Drei-Kinder-Familien als bei uns. Während in Deutschland eine Polarisierung zwischen einer kinderlosen Ehe und der Zwei-Kinder-Familie eingesetzt hat, ist das Zwei-Kinder-Modell in Frankreich die Norm.

    Erklärungen für die Geburtenhäufigkeiten

    Deutsche Studien zeigen, dass der steigenden Bildung, Qualifikation und Erwerbsorientierung von Frauen, ihrer größeren materiellen Unabhängigkeit und ihrem wachsenden Selbstbewusstsein[13] die kindorientierte Heirat und ein traditionelles Mutterbild entgegenstehen; in Verbindung mit fehlenden Infrastruktureinrichtungen und anderen ungünstigen Rahmenbedingungen halten diese Faktoren Frauen eher von der Gründung einer Familie ab als sie zu fördern.

    Anders sieht die Situation in Frankreich aus: Auf der Basis nationaler Arbeitskräfteerhebungen zeigen z.B. Cathérine Marry, Annick Kieffer, Hildegard Brauns und Susanne Steinmann, dass die Französinnen stärker von günstigen Ausbildungs- und Arbeitsmarktbedingungen profitieren als die deutschen Frauen.[14]

    Dieser Befund gilt gerade auch für die Mütter. DieAutorinnen begründen dies mit strukturellen Besonderheiten des deutschen Bildungssystems und dessen Verknüpfung mit dem Beschäftigungssystem; so werden Französinnen durch das Bildungssystem deutlich früher und stärker gefördert als deutsche Schülerinnen, weshalb sie stärker nach qualifizierten Ausbildungsplätzen streben.[15]

    Frankreich verfügt über eine stärkere Tradition von weiblicher Erwerbstätigkeit - auch unter Müttern. Die Zahl erwerbstätiger Frauen ist in den vergangenen Jahren noch gestiegen. Während 30 Prozent der Französinnen der Geburtskohorten 1919 - 1929 ihr gesamtes Berufsleben erwerbstätig waren, sind es bei den Geburtskohorten 1945 - 1949 schon 45 Prozent. In Deutschland betrug die Zahl der erwerbstätigen Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts lediglich 20 Prozent. Auch bei den "Unterbrecherinnen" gibt es Unterschiede: In Frankreich beschränkt sich ihre Zahl laut einer Umfrage von 1989 auf eine relative Konstante von ca. 20 Prozent, in Deutschland unterbrachen 1990 ca. 60 Prozent der 22- bis 60-jährigen Mütter ihre Berufstätigkeit.[16] Die starke Unterstützung durch die Familien- und Arbeitsmarktpolitik ermöglicht es Müttern in Frankreich eher, einer (qualifizierten) Berufstätigkeit nachzugehen: Kinderkrippen, -horte und -gärten gehören zum "Standardrepertoire" der Gemeinden und werden von den Eltern auch in Anspruch genommen.

    In Frankreich ist die Kinderbetreuung im Gegensatz zu Deutschland traditionell Sache des Staates; dies soll in der folgenden Gegenüberstellung der Familienpolitiken seit dem Zweiten Weltkrieg näher betrachtet werden.

    Vergleich der Familienpolitiken in Frankreich und Deutschland

    Frankreich

    Die französische Sozialpolitik zeichnet sich durch eine sehr arbeitnehmerfreundliche Familienpolitik aus und steht mit diesem Konzept europaweit an erster Stelle.[17] Es geht davon aus, dass die Entscheidung über die Form der institutionellen Erziehung der Kleinkinder prinzipiell bei den Eltern liegt. De facto zeigt sich aber, dass die Beschäftigungspolitik eine starke Einflussgröße darstellt. Die französische Familienpolitik hat - ebenso wie die deutsche - mehrere Wellen durchlaufen: Bis Ende der siebziger Jahre wurde der Rückzug der Mütter vom Arbeitsmarkt forciert in der Hoffnung, dadurch die Geburtenzahlen zu erhöhen. Diese Politik hatte einen langen Vorlauf: Bereits mit dem "Code de la famille" aus dem Jahr 1939 begann Frankreich mit einer pro-natalistischen Familienpolitik. Damals wurde das Kindergeld massiv angehoben und löste einen regelrechten Geburtenboom aus, der bis in die siebziger Jahre anhielt.[18] Schon 1914 waren bei der Einkommenssteuer Kinderfreibeträge eingeführt worden; diese wurden mit der Reform der Einkommensbesteuerung 1945 durch ein Familiensplittingsystem ersetzt, das sich dynamisch der Anzahl der Kinder in der Familie anpasst. Als in diesem Zeitraum die Zahl der Drittgeborenen zurückging, wurden Familien mit drei und mehr Kindern gezielt finanziell gefördert (z.B. durch zeitlich nicht befristete Familienzulagen, eine drastische Erhöhung der Geburtsbeihilfen oder die Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs von 16 auf 26 Wochen bei der Geburt des dritten Kindes).

    Seit den achtziger Jahren wurden sowohl die Familienbesteuerung als auch weitere familienpolitische Maßnahmen (z.B. Geburtenhilfe, Familienbeihilfe) umfassend reformiert, so dass sich das Familieneinkommen deutlich erhöhte. Zudem rückte - aufgrund der wachsenden Zahl von auf den Arbeitsmarkt drängenden Müttern - die Kleinkinderbetreuung ins staatliche Interesse. Seit dieser Zeit unternahm und unternimmt die Familienpolitik verstärkte Anstrengungen zur Schaffung von Arbeitsplätzen in haushalts- und personenbezogenen Dienstleistungsbetrieben. Die Folge ist jedoch, dass noch mehr Mütter eine Erwerbstätigkeit anstreben.

    Die professionelle Entwicklungsförderung und Sozialisation von Kleinkindern in Krippen wird in der französischen Familienpolitik seit den achtziger Jahren besonders hoch bewertet: Mit Besorgnis wurde eine sinkende familiale Betreuungsqualität antizipiert, wenn beide Eltern berufstätig sind. Der Staat investierte sowohl in den quantitativen Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen als auch in die Qualifikation des Personals.

    Politische Einflussnahme zeigte sich nicht nur durch die institutionelle Förderung, sondern vor allem auch durch familienpolitische Unterstützungsleistungen - ein Schwerpunkt innerhalb der Sozialpolitik, der seit Anfang der neunziger Jahre immer wichtiger zu werden scheint. In einem ersten Schritt wurden die Familien finanziell entlastet, indem der Staat die Sozialversicherungsbeiträge und Teile des Lohns für Tagesmütter und Haushaltshilfen übernahm. Ab 1987 erhielten Familien mit Kindern unter sechs Jahren im Rahmen der Reform der Familienpolitik zusätzliche Beihilfen; zugleich wurde die Professionalisierung von Tagesmüttern gefördert.

    Familien bekommen - neben allgemeinen steuerlichen Entlastungen - auch eine finanzielle Beihilfe, wenn Haushaltshilfen beschäftigt werden.[19] Zudem werden Vollzeitarbeitsplätze im Bereich der Kinderbetreuung und -pflege zunehmend staatlich subventioniert. Eine privat organisierte Kinderbetreuung, wie sie z.B. auch durch die Einführung von Vaterurlaub unterstützt wird, forciert jedoch die soziale Ungleichheit zwischen einkommensstarken und -schwachen Familien: Berufstätige Eltern mit höheren Einkommen organisieren die Kinderbetreuung privat, Eltern mit geringeren Einkommen greifen auf öffentliche Kinderbetreuungsangebote zurück.

    DDR und Bundesrepublik Deutschland

    Die Familienpolitik in den beiden deutschen Teilstaaten gestaltete sich unterschiedlich.[20] Während die DDR nach dem Zweiten Weltkrieg der Arbeitsmarktpolitik Vorrang gab und umfangreiche frauenpolitische Maßnahmen auf den Weg brachte (z.B. die Aufhebung aller gesetzlichen Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Geschlechter entgegenstanden), fand eine Familienpolitik bis weit in die fünfziger Jahre hinein noch keine Berücksichtigung. Aufgrund des anhaltenden Arbeitskräftemangels waren in den sechziger Jahren jedoch verstärkt Maßnahmen nötig, um Mütter in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Diese Politik wurde durch ökonomische Zwänge unterstützt, denn Preissteigerungen für Lebensmittel machten ein zweites Einkommen für Familien unverzichtbar. Die Gleichbesteuerung beider Erwerbseinkommen bedeutete zugleich die Abschaffung des historisch entstandenen Familienlohns, der die weibliche Erwerbsbeteiligung über Familienzulagen gerade verhindern sollte, und befreite damit die Frau aus der finanziellen Abhängigkeit des Ehepartners. Erst 1965 wird die Familie selbst zum Gegenstand staatlichen Interesses und politischer Interventionen: Die völlige Gleichberechtigung der Geschlechter auch innerhalb der Familie wird im Familiengesetzbuch (FGB) der DDR festgeschrieben.

    Die Anerkennung der Familie als eine Instanz, der wesentliche Sozialisationsfunktionen zugeschrieben wurden, bedeutete aber auch das Festhalten an der Familie als "kleinster Zelle der Gesellschaft". Ehe und Familie wurden weiterhin als elementarste und alternativlose Form der "sozialistischen Lebensweise" anerkannt, unter den besonderen Schutz des Staates gestellt und durch diesen besonders gefördert. Der starke Geburtenrückgang seit Mitte der sechziger Jahre sorgte dann in den siebziger Jahren für eine Abkehr von der Frauenpolitik und eine Fokussierung auf familienpolitische Belange: Frauen- und Familienpolitik wurden zu einer Einheit erklärt und sozialpolitische Maßnahmen für Familien eingeführt, z.B. eine sukzessive Erhöhung der Transferzahlungen, die an die Gründung einer Familie bzw. die Geburt von Kindern gekoppelt sind; zinslose Kredite für junge Ehepaare (1972), deren Rückzahlungshöhe sich mit der Geburt von Kindern reduzierte; Beihilfen für jedes Kind; 18 Wochen Schwangerschafts- und Wochenurlaub.

    Es folgten 1976 weitere sozialpolitische Maßnahmen, die alle das Ziel hatten, Mütter ins Erwerbsleben zu integrieren. Seit Beginn der achtziger Jahre wurde das Leitbild der Familie mit drei Kindern propagiert, indem man sozialpolitische Maßnahmen für Ein- und Zwei-Kind-Familien ausweitete. In den letzten Jahren der DDR kann die Familienpolitik als Bevölkerungspolitik bewertet werden.

    Im Gegensatz zu dieser Politik hatte und hat die Familie sowohl in der alten Bundesrepublik als auch im vereinten Deutschland einen hohen Stellenwert. In der Nachkriegszeit bis Anfang der sechziger Jahre galt sie als Ort der Ruhe und als 'Platz der Frauen, die Frage nach der Vereinbarkeit von Mutterschaft und Erwerbstätigkeit stellte sich defacto kaum. Erklärtes familienpolitisches Ziel war es, die Familie als Institution zu stärken und die Frau als Mutter wieder ausschließlich für die Erziehung der nachwachsenden Generation zu gewinnen. Damit wurden die Voraussetzungen fürdie (erneute) Trennung von Berufs- und Familienarbeit geschaffen. Selbst die durch das Wirtschaftwachstum der fünfziger und sechziger Jahre ausgelöste Arbeitskräfteknappheit löste keine ernsthaften politischen Anstrengungen hinsichtlich der rechtlichen Gleichstellung der Frauen aus. Die Ehefrau war gleichzeitig Mutter und Hausfrau, erwerbstätige Mütter blieben die Ausnahme. Bis Ende der sechziger Jahre wurden Ehe und Familie als naturgegeben betrachtet. Hieran änderte sich erst mit der sozialliberalen Koalition (1969 - 1982) etwas, als der Forderung nach Qualifizierung und Beschäftigung von Frauen nachgegeben wurde. In dieser Legislaturperiode wurde familiären Leistungsbehinderungen mit Hilfe von Kleinkinderpädagogik und Ganztagsschulen gezielt entgegengewirkt. Das traditionelle patriarchalisch orientierte Leitbild von Ehe und Familie sollte dadurch aufgeweicht werden. Einen Rückschlag erhielten die Reformbestrebungen durch den Zweiten Familienbericht (1974), der erhebliche "Sozialisationsstörungen" in der Familie feststellte und Erziehungsmängel bei Kindern auf die "bedauerliche Zunahme der Erwerbstätigkeit verheirateter Frauen" zurückführte. Diesem Funktionsverlust der Familie versuchte die Politik mit der Aufwertung der Hausarbeit zu begegnen. Im Dritten Familienbericht (1979) war von "Konfliktsituationen von Müttern" die Rede, die z.B. durch die gesellschaftliche Anerkennung der Erziehungsleistungen, durch ein Erziehungsgeld für alle Mütter und die Anrechnung so genannter Babyjahre auf die Rente umgangen werden sollten. Das Resultat dieser Bestrebungen war der Versuch, die Familienhausfrau aufzuwerten; die Einführung des Erziehungsgeldes sollte hier z.B. unterstützend wirken.

    Erst die Eherechtsreform im Jahr 1976 beendete die einseitige Verpflichtung der Frau zur Haushaltsführung und hob formal das Leitbild der Hausfrauenehe auf. Die innerfamiliale Arbeitsteilung wurde zur Privatangelegenheit der Eheleute, der Familienbegriff weiter gefasst, und Ein-ElternFamilien wurden als eigenständige und funktionierende Familienformen anerkannt und besonders unterstützt.

    In den darauf folgenden Jahren schrieb das "Konzept der neuen Mütterlichkeit" erneut Arbeitsteilung und Geschlechterrollen fest. Im neuen Beschäftigungsförderungsgesetz der christlich-liberalen Koalition (1985) wurde nicht mehr von der "Gleichberechtigung der Partner" gesprochen, sondern von der "Gleichwertigkeit der Arbeit". Die Familie wurde als Institution gesehen; es war kein Platz mehr für individuelle Bedürfnisse, die aus unterschiedlichen Lebenslagen resultierten. Zu nennen ist hier z.B. das Erziehungsurlaubs- und Bundeserziehungsgeldgesetz (1986), welches quasi Erziehungsleistungen "bezahlt": Für Mütter und Väter besteht während des ursprünglich zwölf Monate (mittlerweile 36 Monate) währenden Erziehungsurlaubs ein grundsätzlicher Kündigungsschutz, und sie haben Anspruch auf eine beitragsfreie Krankenversicherung.

    Fazit

    Kindererziehung und -betreuung werden in den beiden Vergleichsländern unterschiedlich gesehen: in Frankreich als staatliche Aufgabe und in der alten Bundesrepublik ebenso wie im vereinten Deutschland als eine individuell zu lösende Aufgabe vornehmlich der Mütter; die DDR räumte der Familienpolitik erst gegen Ende ihres Bestehens einen eigenen Stellenwert ein.

    Familienarbeit und Erwerbstätigkeit - so lautet meine These für Deutschland - lassen sich nur mit äußerstem Kraftaufwand und unter erheblichem Verzicht der Frauen vereinbaren. Deshalb wollen Frauen entweder keine Familie gründen, oder sie können im anderen Fall nur eingeschränkt erwerbstätig sein. Dies birgt hohe Opportunitätskosten für Frauen, weshalb insbesondere Hochqualifizierte ganz auf eine Familiengründung verzichten.

    Würde der Staat Kinder als "Staatssache" betrachten und entsprechende Maßnahmen ergreifen, so hätten wir vielleicht französische Verhältnisse: eine stabile Kinderlosenquote bei ca. 15 Prozent und ansonsten eine Zwei-Kinder-Familie. Oder man betrachtet das Ganze aus einer anderen Perspektive. So zeigt die Values-of-children-Forschung, weshalb Paare wenig Kinder bekommen: Wenn sie mit Kindern ein Minimum an psychologisch-emotionalem Nutzen und ein Maximum von Opportunitätskosten verknüpfen, ist wenig Nachwuchs zu erwarten - dieses Modell finden wir in Industriegesellschaften. Wenn nutzenorientierte Erwartungen befriedigt werden sollen, dürfte die Kinderzahl hoch liegen - dieses Modell entspricht demjenigen von Agrarländern.

    Für Frankreich als Industrieland müsste also im Prinzip gelten, dass wenig Kinder geboren werden. Da die staatliche Politik aber seit Jahrzehnten eingreift, lässt sich für viele Paare die gewünschte Kinderzahl realisieren. In Deutschland sinkt sie dagegen immer weiter. Hier war die politische Bereitschaft, die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Familientätigkeit zu fördern, in der Nachkriegszeit nicht im gleichen Maße vorhanden wie in Frankreich. Zudem sind familienpolitische Reformen nur schwer umsetzbar - stattdessen hält sich ein traditionelles Mutterbild, das europaweit seinesgleichen sucht.

    Europas Babys

    Zwei Kinder bekommt jede Irin durchschnittlich in ihrem Leben - damit sind die Iren fruchtbarer als alle anderen Europäer. Dennoch reicht die Zahl der Neugeborenen nicht aus, die Zahl der Iren auf dem gleichen Stand zu halten. Dazu müsste jede Frau rechnerisch 2,1 Kinder auf die Welt bringen. Europas Gesellschaften altern zunehmend, weil immer weniger Kinder geboren werden: Auf je 100 Europäerinnen kommen derzeit durchschnittlich 147 Kinder. Auch Deutschland hat Nachwuchssorgen: Lediglich 129 Kinder werden hierzulande je 100 Frauen gezählt. Im Jahr 2000 waren es noch 136, vor zwanzig Jahren (1980) gar 160 Neugeborene. Noch weniger Kinder als die Deutschen bekommen die Frauen aus Griechenland, Österreich, Spanien und Italien.

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    Fußnoten

    1.
    Vgl. zum Beispiel Francois Höpflinger, Neue Kinderlosigkeit. Demographische Trends und gesellschaftliche Spekulationen, in: Günter Buttler/Hans-Joachim Hoffmann-Nowottny/Gerhard Schmitt-Rink (Hrsg.), Acta demographica, Heidelberg 1991, S. 81 - 100.
    2.
    Vgl. Manfred Stauber, Psychosomatik der ungewollten Kinderlosigkeit, Berlin 1993 3 , S. 22.
    3.
    Vgl. Karl Schwarz, Kinderzahl der im vergangenen Jahrhundert geborenen Frauen in Frankreich und Deutschland, in: BiB-Mitteilungen, 4 (2001), 13 - 17, hier S. 16.
    4.
    Vgl. zum Beispiel Harald Rost/Norbert F. Schneider, Gewollt kinderlose Ehen, in: Hans Peter Buba/Norbert F. Schneider (Hrsg.), Familie - Zwischen gesellschaftlicher Prägung und individuellem Design, Opladen 1996, S. 245 - 259
    5.
    Vgl. Cathérine Villeneuve-Gokalp, La démographie aux prises avec les nouveaux comportements familiaux, in: Didier Le Gall/Claude Martin (Hrsg.), Familles et politiques sociales. Dix questions sur le lien familial contemporain, Paris 1996, S. 31 - 69.
    6.
    Vgl. zum Beispiel Rosemarie Nave-Herz, Kinderlose Ehen - eine empirische Studie über die Lebenssituation kinderloser Ehepaare und die Gründe für ihre Kinderlosigkeit, Weinheim-München 1988.
    7.
    Vgl. dies., Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland (Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung), Hannover 1997 5 .
    8.
    Vgl. Willy Bosveld, The ageing of fertility in Europe. A comparative demographic-analytic study, Amsterdam 1996, S. 209ff.
    9.
    Vgl. W. Toman, Faktoren der Bevölkerungsentwicklung, Erlangen 1977; Katharina Pohl, Wende oder Einstellungswandel? Heiratsabsichten und Kinderwunsch 18- bis 28-jähriger deutscher Frauen 1978 bis 1983, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 11 (1985), S. 89 - 110; R. Nave-Herz (Anm. 6), C. Villeneuve-Gokalp (Anm. 5).
    10.
    Vgl. Roland Habich/Regina Berger-Schmitt, Familienbildung und Kinderwunsch in Deutschland. Familie, Wohlstand, Beruf, Selbstverwirklichung: Einstellungsmuster und -profile zur Konkurrenz von Lebensbereichen (BIB Materialien zur Bevölkerungswissenschaft Nr. 82f.), Wiesbaden 1998.
    11.
    Didier Le Gall/Claude Martin, Mutation de la famille, mutation du lien familial, in: dies. (Anm. 5), S. 13 - 27, hier S. 16.
    12.
    Vgl. R. Nave-Herz (Anm. 6), S. 43ff.
    13.
    Vgl. z.B. Franz Xaver Kaufmann, Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaftliche und politische Bedingungen. München 1995.
    14.
    Catherine Marry/Annick Kieffer/Hildegard Brauns/Susanne Steinmann, France - Allemagne: Inégales avancées des femmes. Evolutions comparées de l'éducation et de l'activité des femmes des 1971 à 1991, in: Mannheimer Zentrum für europäische Sozialforschung (Hrsg.), Arbeitsbereich I/ Arbeitspapier Nr. 26. Mannheim 1989.
    15.
    Vgl. C. Villeneuve-Gokalp (Anm. 5), S. 38.
    16.
    Vgl. C. Marry u.a. (Anm. 14), S. 4f.
    17.
    Vgl. Sandra Ehmann, Familienpolitik in Frankreich und Deutschland - ein Vergleich, Frankfurt/M.-Berlin 1999; Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Übersicht über die gesetzlichen Maßnahmen in den EU-Ländern bei Erziehung von Kleinkindern, Stuttgart-Berlin-Köln 1998.
    18.
    Vgl. S. Ehmann (Anm. 17), S. 41f.
    19.
    Vgl. Marie-Thérèse Letablier, Kinderbetreuungspolitik in Frankreich und ihre Rechtfertigung, in: WSI-Mitteilungen, (2002) 3, S. 169 - 175.
    20.
    Vgl. Katrin Schäfgen, Die Verdoppelung der Ungleichheit, Opladen 2000.